Wenn Performance zur Brauchtumsschau wird

„Balkan Erotic Epic“ – in Berlin wurde Marina Abramovićs faszinierende Ausstellung aus dem vergangenen Sommer im Gropius Bau nun auf der Bühne fortgesetzt. Die Künstlerin selbst tritt nicht auf, sondern hat das Stück konzipiert und inszeniert. Aber statt des erwarteten Lebendigwerdens einiger Installationen und ihrer Erweiterung durch Tanz, Gesang und theatrale Aktionen zu einem performativen Gesamtkunstwerk erlebten wir etwas ganz anderes. Wir mussten einem dreistündigen balkanischen Heimatabend ohne Pause beiwohnen – mit einem penetrant unterhaltsamen Programm.

Zunächst konnten unsere Erwartungen von den sechs „Regenfrauen“ im Folklore-Look durchaus eingelöst werden. Ihr Video lief bereits in der Ausstellung und zeigte nun im Bühnenhintergrund großformatige Detailaufnahmen. Mit eigenartigem Singsang, wilden Tänzen und oft entblößten Unterkörpern forderten sie live die Regengötter heraus, um den Regen zu beenden. „Raaaah!“, schrien sie abwechselnd, streckten ihre nackten Becken vor oder machten sogar Kopfstände, um mit ihren Vulven die himmlischen Herrscher zu bedrohen. Immer wieder bildeten sie dynamisch-erotische Formationen, mal eine allein im Kreis, mal in Paaren oder alle zusammen.

Keine Zurschaustellung nackter Körper

Diese erotischen Szenen waren keine voyeuristische Zurschaustellung nackter Körper, sondern ein lustvoll-provokantes Spiel der Frauen mit ihrer eigenen Körperlichkeit. Zu spüren war hier – wie in Florentina Holzingers Arbeiten – ein rein weiblicher Kosmos. Doch diese fantastische Darbietung wurde durch den profanen Stopp des Regens und die nun aufscheinende Sonne beendet. Plötzlich reine Postkartenromantik, die der einzigen wirklich überzeugenden Performance dieses Abends ihre Wirkung nahm.

Das passierte auch bei der „Schwarzen Hochzeit“, in der eine rot gekleidete Frau symbolisch mit einem jung verstorbenen, unverheirateten Mann vermählt wurde – ein altes ostserbisches Ritual. Dazu tanzten einige Paare durchaus zeitgenössisch ihre vermeintliche Trauer heraus. Dann schluchzten und jammerten sie ununterbrochen, später wälzten sie sich weinend auf dem Boden. Schließlich wurde der nackte Leichnam angezogen und singend von allen mit großer Gebärde weggetragen. Diese Tanzbilder endeten ebenfalls in Rührseligkeit und gekünstelter Überhöhung.

Ähnlich misslang die szenische Umsetzung des eigentlich faszinierenden Friedhofsvideos aus der Ausstellung, das nun wieder auf einer Leinwand zu sehen war. Davor schleppten im Mondschein nackte junge Menschen Skelette zwischen den Gräbern oder tanzten mit ihnen, manche rieben sich an Grabsteinen, Frauen massierten leidend ihre eigenen Brüste. Viele Aktionen fanden auf dem Boden statt, aber davon war ab der zehnten Reihe kaum noch etwas zu sehen. Diese von balkanischen Trauerritualen inspirierten Darbietungen zogen sich endlos hin, die Gesänge wurden immer weihevoller und dramatischer, bis alles in lautstarkem Pathos endete.

Viele der Szenen beobachtete eine militärisch gekleidete und streng frisierte Frau. Sie tauchte häufig auf, auch am Rande des Friedhofs, und verkörperte Abramovićs überaus rigide Partisanenmutter. Mit ihr erlebten wir den vermeintlichen Höhepunkt der Brauchtumsschau in einer serbischen Kafana. Die Stimmung stieg, die Kapelle spielte Partisanenlieder, die von Besuchern neben uns im Saal kräftig mitgesungen wurden. Drei Frauen lösten sich nacheinander aus dem Kneipenpublikum und trampelten auf einem Sarg herum. Dann trank die Mutter einen Schnaps. Ihr zunächst zurückhaltender Tanz mündete in einen wilden, wenn auch nicht vollständigen Striptease. Ihr Theaterspiel hatte wirklich etwas Berührendes, allerdings wurde die gesamte Kafana-Szene unglaublich in die Länge gezogen.

Abramović fordert im Programmheft, Dauer und Wiederholung auszuhalten, bis der Geist leer ist und wir uns auf die Gegenwart konzentrieren können. Doch statt Dauer und Wiederholung als „Essenz der Performance“ erfahrbar zu machen, bietet sie häufig nur langweiligen theatralischen Klamauk. Die einstige Pionierin der Körper- und Aktionskunst nimmt uns mit vielen historischen Anekdoten auf ihre Reise durch die Folklore des Balkans – aber es gelingt ihr nur sehr selten, diese manchmal läppische, manchmal interessante Revue künstlerisch zu transformieren. Von der Kraft und Radikalität ihrer früheren Arbeiten ist in dieser Inszenierung kaum noch etwas zu spüren.

Fotos: Marco Anelli / Berliner Festspiele

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