Zur Herbstausstellung in der Kunststation Kleinsassen/Rhön

Am Wochenende begann in der Kunststation die neue Schau dreier Kunstschaffender ohne ein gemeinsames Thema. Es sind eigentlich drei verschiedene Ausstellungen in einer, die dennoch hervorragend miteinander verbunden und überzeugend kuratiert sind.

„Dominium terrae“ („Unterwerfung der Erde“): Dieser, von Robert Kunec selbstgewählte biblische Titel seiner Installation, könnte allerdings das Herbstprogramm überschreiben, meint Kuratorin Dr. Elisabeth Heil in der Vernissage.

Mitten in der größten Halle der Kunststation hat Bildhauer Kunec zwei nackte Lehmfiguren platziert: Ein derber männlicher Neandertaler begegnet einem afrikanisch aussehenden weiblichen Homo Sapiens. An der Stirnseite der Halle befindet sich ein aufrecht gestelltes Doppelbett, das wie ein Flügelaltar oder ein kultisches Triptychon wirkt. Der Grundriss der Halle scheint eine Wohnung zu sein, in den verschiedenen, nur mit einigen Lehmziegeln angedeuteten Räumen, befinden sich mehr oder weniger rätselhafte Objekte: Eine angedeutete Feuerstelle. Gestapelte Wasserflaschen. Ein mit Stroh verkleideter Fernseher.

Obwohl sich die Bedeutung dieses recht kargen Arrangements nicht ohne weiteres erschließt, wird man stark emotional berührt und empfindet Gefühle, die man hinterfragen und zulassen sollte. Man fühlt sich wie in einer religiösen oder weltlichen Kultstätte, wie in einem Kirchenschiff oder im Lichthof eines Museums. Aber nichts gleite hier ins Banale oder Kitschige ab, sagt die Kuratorin, Künstler und Besucher könnten sich durchaus über Zeichen aus christlicher Tradition verständigen. Diese Installation gerate „nicht zu einem kirchlichen Glaubensmanifest“, stattdessen würden existentielle Fragen aufgeworfen.

Egal durch welchen der zwei Eingänge man diesen Ort erreicht, man muss an großstädtisch anmutenden Bildern vorbei, bis man sozusagen nach Hause kommt. Weiterlesen

Kunst und Spiel in Kleinsassen

Zum 40. Geburtstag lädt die Kunststation Kleinsassen mit ihrer Ausstellung „KunstSpieleKunst“ das Publikum zum Mitmachen ein. Während das Spielen mit Kunstwerken gewöhnlich streng tabuisiert ist, wird es hier in den nächsten Monaten ausdrücklich erwünscht sein.

Bereits vor dem Kunsthaus empfängt die Besucherinnen und Besucher die Skulptur „Promenade der Elementarteile“, in der etwa eine gelbe eiserne Sonne oder ein blaues Eisenherz vom Wind bewegt werden. Sind die Böen aus der Rhön zu schwach um die Figuren zu drehen, kann das Publikum die Elemente selbst in Bewegung setzen.

Zunächst fallen beim folgenden Streifzug durch die Ausstellung natürlich als erstes solch spektakuläre Mitspielobjekte auf: Das Fahrrad, mit dem seine Benutzer eine riesige Maske wachsen lassen können oder eine mächtige Klangskulptur, die ständig von Leuten mit einer Vielzahl von Schlagwerkzeugen beklopft und erkundet wird. Zu einem sanften Klangteppich vom Band im Hintergrund entstehen so häufig ungeplante musikalische Performances.

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Das sensationellste Kunstwerk ist zweifellos der gigantische atmende Zylinderballon „transForm“ in der großen Halle: Mal hängt die silbrige Hülle halbschlaff von der Decke, dann bläst sie sich parallel zum Dachbalken wieder auf: Es wechseln Prallheit und Erschlaffung, Fülle und Leere, Kraft und Schwäche: „So werden auch emotionale Situationen allegorisiert“, sagt Künstler Ambech über seine Arbeit. Weiterlesen

Kunststation Kleinsassen: „Das Auto als Designaufgabe“

Im Rahmen der Herbstausstellung in der Kunststation „Im Rausch der Geschwindigkeit“, beschäftigt sich die kleine Salonschau mit dem Thema: „Das Auto als Designaufgabe.“

Zwei Sitzmöbel dominieren den Salon – als Prinzessinnentraum ein weißer kuscheliger Liegesessel und ein strengerer exotischer Thronsessel. Etwas irritierend wirken zunächst die danebenliegenden Autoteile: Das Wohnzimmer als Auto oder umgekehrt das Auto als Wohnzimmer?

Gerne posieren die beiden Schöpfer dieser Werke, Designerin Uta Krieger sowie Architekt und Konstrukteur Dieter Weidt, für ein Foto und erzählen von ihrer Arbeit. Krieger wuchs in Fulda auf, arbeitete im medizinischen Bereich, doch dann, ab Mitte zwanzig, wollte sie nur noch weg von hier. Auf allerlei Umwegen kam sie nach Hildesheim und studierte dort unter anderem Farbdesign. Schon als Kind fragte sie sich, wie wohl die Farben des Regenbogens entstehen. Später in ihrer medizinischen und kunstpädagogischen Arbeit erfuhr sie, welchen Einfluss Farben auf Menschen haben. In ihrem Studium erforschte sie diese Wirkungen und fand heraus, wie sie in Design und Architektur genutzt werden können; nicht nur diese Erkenntnisse wendet sie jetzt in ihrer beruflichen Praxis an.

In einem gemeinsamen Projekt an der Hildesheimer Uni arbeitete sie mit Weidt zusammen. Beide merkten, dass sie unterschiedlich im Denken waren, doch das befruchtete ihre Zusammenarbeit und eröffnete die Möglichkeit, Designaufgaben aus verschiedenen Perspektiven zu sehen: „Reibung und Diskussion sind gut für den Arbeitsprozess und das fertige Produkt“, meint Krieger und lacht.

Die beiden verbindet seitdem eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung. Krieger beschäftigt sich gegenwärtig mit vielfältigen Projekten, arbeitet in Köln aber immer noch mit Weidt zusammen. Neben unterschiedlichen Fragestellungen zur Produkt- und Möbelentwicklung interessiert sich das Designerduo auch für Automobile. Eine Idee, die sie nun in der Kunststation vorstellen, ist die Verwandlung alter Autositze in die oben beschriebenen Edelsessel. Das sind „DEARobjekts, absolute Liebhaberstücke“, sagt Weidt, „die wir als Prototypen entwickelt haben.“ So wie bei den Autositzen lösen sie Produkte aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und überschreiten damit (scheinbare) Grenzen. Ihre Objekte verstehen sie als eine spannende Symbiose aus scheinbar Gegensätzlichem mit völlig neuer Identität. Weiterlesen

Die Kunststation Kleinsassen im „Rausch der Geschwindigkeit“

„Im Rausch der Geschwindigkeit“ – in der Kunststation begann die Herbst-Schau mit mehreren Ausstellungen, die alle um das Auto kreisen.

„Ein aufheulendes Auto ist schöner als die Nike von Samothrake“, verkündeten vor einem Jahrhundert futuristische Künstler und riefen die Religion der Geschwindigkeit aus. Es dauerte dann noch etliche Jahrzehnte, bis Wolf Vostell in den 1960er-Jahren – als „subversive Entlarvung des Tanzes ums goldene Kalb“ – Cadillacs im öffentlichen Raum als Sarkophage einbetonierte.

Aufregend und überraschend sind die Fahrzeuge Stefan Rohrers. Der Titel seiner Schau „Fast and Furious“, also schnell und wütend, ist sein Arbeitsprogramm: Einerseits sehen die verformten Motorroller so aus, als habe sie ein wütender bärenstarker Besitzer langgezogen und in die Lüfte geschleudert. Doch man kann ihre eigenartige Form auch so sehen, als seien Lenkrad und Vorderreifen bereits schneller als das zurückgebliebene Fahrgestell: Vielleicht ein sarkastisches Statement zum Futurismus? Oder die schnellen Maschinen entwinden sich ihrem Besitzer, schwingen sich auf und beginnen ein fröhliches Eigenleben…

Der Künstler schnitt die Roller jeweils auseinander, verlängerte sie mit Blechen und schraubte sie neu zusammen. Nach der schrillen hochglänzenden Lackierung entstanden so autonome neue Fahrzeuge. Die ebenso auf diese Weise von Rohrer umgestalteten Autos passten leider nicht durch die Tür der großen Kleinsassener Halle.

Die umfangreiche Fotoschau „Drive Drove Driven“ mit Arbeiten diverser Kunstschaffender umfasst in etwa die anfangs skizzierte Spannweite von affirmativer Autowerbung bis zur letzten Ruhestätte für Kraftfahrzeuge. Man kann hier unmöglich alle Arbeiten der 23 Beteiligten beschreiben, sondern lediglich beispielhaft einige nennen: Etwa die schwebenden Edelkarossen Beni Bischoffs auf Fotografien und in einem Video mit sanfter elektronischer Musik. Oder die aufgetürmten Schrottautos von James Hendrickson, die als Ensemble wie die geheimnisvolle prähistorische Kultstätte Stonehenge wirkt. Berührend sind auch Christian Rothmanns melancholische Fotografien von irgendwo abgestellten und vergessenen Fahrzeugen.

In der Ausstellung „weg und hin“ scheinen die Collagearbeiten direkt aus der Zeit Vostells zu stammen, der ja auch die Decollage erfand. Weiterlesen

Salonschau „reloaded“ von Roswitha Berger-Gentsch in der Kunststation Kleinsassen

Ergänzend zur aktuellen Ausstellung „Myths – Upcycled“ (wir berichteten) begann in der Kunststation Kleinsassen die Salon-Schau „reloaded“, in der ebenfalls die künstlerische Verwendung von wertlosen oder recycelten Materialien gezeigt wird.

„Ich leiste aktive Wiedergeburtshilfe“, sagt die Modedesignerin und Grafikerin Roswitha Berger-Gentsch, die sich mit ihren Arbeiten nun ganz der freien Kunst widmet. Aus Kartons mit geringer Lebensdauer großer Discounter fertigt sie durch Schnitte, eingewebte Strukturen und Mosaike sehr eigenartige Collagen. Noch überraschender sind ihre großen Vasen, Füllhörner und freien Artefakte aus teilweise farbiger Wellpappe. Monika Ebertowski, die Leiterin der Station, kannte die Werke bisher nur von Fotos und gestand in der Vernissage, „völlig verzaubert“ zu sein.

Die ursprüngliche Bedeutung des pappigen Materials ist gerade noch erkennbar und dennoch verwandelt oder „reloaded“ Berger-Gentsch es in neue Objekte. „Metamorphose“ heißen ihre Bildobjekte mit geometrischen Figuren oder Streublümchen, die sie aus den Kartons gewinnt. In einer langen, aneinandergefügten Reihe von Chriskindl-Glühwein-Pappen hat sie goldene Streifen eingewebt, die in der Mitte die Krippenszene erkennen lassen – die sich jedoch nach außen immer stärker verflüchtigt: So wie das Weihnachtsfest ja auch seine ursprüngliche Bedeutung verliert. Die Objekte der Künstlerin sind kritisch, aber dennoch steht deren ästhetische Anmutung im Vordergrund.

Im unterhaltsamen Salongespräch mit der Künstlerin bei der Eröffnung kreierte die Kuratorin Dr. Elisabeth Heil kleine Ratespiele, in denen besonders die anwesenden Kinder gut abschnitten: Das Emblem der Coca-Cola-Kartons ist überhaupt nicht mehr lesbar und nur zu erraten aufgrund der typischen Cola-Schrift und ihrer roten Farbe. Salami und Bierwurst in der Collage „Spitzenqualität“ sind kaum noch erkennbar und erreichen eine starke, eigene bildhafte Bedeutung.

Die dreidimensionalen Artefakte der Künstlerin sind als Gefäße nicht nutzbar, also keine kunsthandwerklichen Blumenvasen oder Bonbongefäße. Berger-Gentsch fertigt sie aus Pappringen, die auf komplizierte Art und Weise aus Wellkartons geschnitten und dann montiert werden. „Jeder Schnitt mit dem Cutter muss absolut sitzen“, erzählt sie, „dabei bin ich hochkonzentriert und kann kein Radio hören…“ Weiterlesen