Klagelieder voller Sehnsucht

Sara Nowotny (44) kennt man vielleicht als Mediengestalterin, als Sängerin ist sie jedoch weitaus prominenter. Jahrelang coverte sie Blues- und Soulmusik mit der Band „Good News“ und tourte in Osthessen.

Wir treffen sie im neuem Tonstudio von TAPP, in dem sie mit ihrer Band „BLACK owl“ sechs Stücke aufnimmt. Live präsentierte die Gruppe ihre Songs bereits bei „Rock am Hinkelhof“ im Juli. Ganz in schwarz steht die Sängerin vor dem Mikro, konzentriert sich, schließt die Augen. Die Gitarre beginnt düster, das Schlagzeug setzt ein. Sara wird ganz Stimme und intoniert mit großer Präsenz: „My unfulfilled desires / Pile up high to the sky“ (meine unerfüllten Wünsche / türmen sich bis zum Himmel). Ihre Stimme hat ein dunkles Timbre, der Gesang ist klarer und reifer als früher.

Dieser neue Titel „Goodbye Lullaby“ ist ein Klagelied voller Sehnsucht, auch die weiteren, meist elegischen Songs trägt sie ungekünstelt und eindringlich vor. Selbst wenn man englische Texte nicht gleich völlig versteht, erzeugen die Moll-Klänge und Saras Stimme Gänsehaut… Man fühlt, das wovon sie singt, hat sie wirklich erlebt. 

Trostlos sind ihre Texte nicht, denn man spürt die Power ihrer Kämpfe mit den Unbilden des Lebens: Die Sängerin musste – oder wollte – einige heftige Brüche in der Musik verarbeiten. Man kann nicht alle Erlebnisse ausbreiten, aber einige sind schon bemerkenswert: Sara lernte als Kind zahlreiche Instrumente, später begann sie in Bands zu singen. Mit 21 Jahren bekam sie durch zwei Musiker aus Schlüchtern diverse erfolgreiche Kontakte: Eine Plattenfirma bot ihr einen Vertrag an, für eine TV-Serie sang sie den Titelsong, ihre Coverversion eines Hits von Yazoo kam in die UK-Dance-Charts. 

Für dieses Stück forderten ihre Unterstützer, sie solle sich vier Jahre jünger ausgeben und Performance-Tanz im engen Negligé zum Vollplayback des Songs machen. Das lehnte sie ab: „Da verpflichteten sie ohne mein Wissen eine junge Sängerin, die bei TV-Auftritten zu meiner Stimme die Lippen bewegte.“ Doch zum endgültigen Bruch kam es, weil der damalige Produzent darauf bestand, finanziell und entscheidungsmäßig in den IHR angebotenen Plattenvertrag eingebunden zu werden. „Also ab da war ich raus aus der Musik!“

Sie begann eine Ausbildung als Mediengestalterin, in der sie alle Elemente des Web- und Print-Designs lernte. Direkt nach der Ausbildung machte sie sich selbständig. Acht Jahre später erkrankte sie schwer, konnte zwei Jahre lang nicht mehr arbeiten, holte jedoch das Abitur nach – und begann ein Jurastudium:

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Zwischen Nonsens und Selbstreflexion

Poetry-Slam mit Lars Ruppel im KulturWerk:
Die Aneinanderreihung von Schriftzeichen / man nennt sie Wörter, die etwas bezeichnen / sie flatterten, flogen, piekten oder bohrten / sich fürchterlich geschwind durch unsere Ohren… 

Oder um es nun im Zeitungsdeutsch auszudrücken: Die poetischen Wortkaskaden, die am KulturWerk-Abend auf das Publikum herabprasselten, ließen sich kaum mitschreiben. Diesem Poetry-Slam-Sturzbach ging ein Workshop von Lars Ruppel mit 16 Schülern und Schülerinnen im Hutten-Gymnasium voraus. Bereits am Nachmittag motivierte er die Jugendlichen den inneren Deutschlehrer zu ignorieren und frei von gewohnten Sprachzwängen, einfach drauflos zu dichten. Um „neue Welten zu erschaffen“ bot er ihnen außergewöhnliche Spiele mit Wörtern an. 

Der Poet ermunterte sie, etwa tief im Wortschatzkästchen, unbekannte Synonyme zu suchen: Was kann man denn für Hund oder zum Fliegen sagen (siehe oben die von ihm inspirierte Einleitung des Verfassers dieser Zeilen). Oder das Sprachspiel, schnell sagt nacheinander jeder ein Wort zu einer Geschichte, in einem vorher festgelegten Genre. Heraus kamen absurde, surreale, deutschfehlerhafte und wenig logische Erzählungen. Aber genau mit diesem Spiel schuf er auch abends im Publikum eine entspannte und kreative Atmosphäre. Darin trauten sich sieben Jugendliche mit ihren Texten auf die Bühne und slammten ausdrucksstark über ihr Leben. 

Daraus wollen wir hier klitzekleine Auszüge zitieren. Kathi spielte mit Zahlen und dem Älterwerden: „Mit dreißig dann der erste Schock / Wo ist die Zeit geblieben?“ Pia erkannte, „tausch doch dein Gewissen ein / schuldig will hier keiner sein!“ Kilian fragte, „wer bin ich / ich bin ein lebender Mensch / bin ein liebender Mensch.“ Tim träumte, „ich bin gar nicht hier / zumindest wünsch ich es mir.“ Frida war richtig sauer, „nicht allein durch die nächtlichen Straßen gehen zu können / doch ich liebe das Leben.“ Michelle „sieht in die Zukunft und wird nicht schlau draus“, glaubt aber optimistisch, „dass ich alles schaffen kann.“

Philipp dachte darüber nach, „was soll ich werden? Was ist das Richtige für mich.“ Eine hervorragende Abi-Rede freute sich Moderator Ruppel, der die Themen der jungen Leute jedes Mal aufnahm und kommentierte. Blitzschnell trug er zwischen ihren Auftritten Assoziationen dazu bei, erzählte witzige oder makabre Erinnerungen an die eigene Jugend („Meine Mutter weinte als ich Dichter werden wollte“) und deklamierte seine Gedichte. 

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Hip-Hop trifft zeitgenössischen Tanz

Im ausverkauften Schlosstheater in Fulda präsentierte das siebenköpfige französische Ensemble „Dyptik“ zeitgenössischen Tanz mit Breakdance-Einlagen.

Im Saal ist es dunkel. Ein sirrender Ton steigt an. Das Licht wird langsam heller, beleuchtet eine androgyne Gestalt an einem riesigen Tisch auf der Bühne. Aus der Dunkelheit am Rand lösen sich Tanzende mit drehenden, hockenden, bizarren Bewegungen. Die Töne werden komplexer und bedrohlicher, die einsame Figur am Tisch zittert, zuckt, malt Kreise in die Luft. Behutsam nähern sich die Anderen dem Tisch. Okkupieren ihn, werden aggressiver. Die Solistin verschwindet an den Rand der Rampe. Einzelne lösen sich aus der Gruppe oder werden ausgegrenzt. Kehren wieder zurück. Paare locken einander, nähern sich an, verlieren sich wieder. Der Tisch wird an den Rand geschafft, die Stimmung der Musik und damit auch der Tanzenden changiert zwischen Drama und Entspannung.

Kräftiger und intensiver wird der durch die Musik vorgegebene Tanzrhythmus. Chorische Bewegungen des Ensembles wechseln mit individuellen Ausdrucksformen. „Dyptik“ zeigt Elemente des zeitgenössischen Tanzes mit seinen typischen eigenartigen Bewegungen und akrobatischen Einsprengseln. Unaufhörlich werden die Tanzenden durch die laute Musik, den intensive Rhythmus vorangetrieben. Spürbar ergreifen ihre unbändige Energie und Bewegungslust auch das Publikum.

Manchmal geht eine Tänzerin oder ein Tänzer zu Boden, dreht und windet und überschlägt sich dort im Breakdance. Kehrt zurück in die Formation. Diese artistischen Einlagen entstehen flüssig aus den übrigen Abläufen und Situationen, sie wirken nicht wie künstliche Schaueinlagen. Mal kommt es auch zu „battles“, zu Kämpfen, wie man sie aus der ursprünglichen Hip-Hop-Bewegung kennt: Wer kann die schnellsten, geschicktesten, kunstvollsten Bodenfiguren? Wer gewinnt? Hier bricht gelegentlich auch das Rohe, das Ungeschliffene dieser Kultur hervor: Ein Tänzer zeigt plötzlich sehr lange seine Niederlagen, seine Verzweiflung, seine Hoffnungen in einem endlosen Breakdance am Boden. Das ist keine Schauspielerei, sondern tänzerisch ausgedrückter Kampf und Widerstand gegen das Schicksal. 

Ein großer Tänzer steht träumend auf der Bühne, eine kleine Tänzerin tanzt und reibt sich an ihm, rennt gegen ihn an, windet sich um ihn herum, verschwindet. Der Träumer zittert mit dem Kopf, dann mit seinen Gliedmaßen, schließlich wie irre mit dem ganzen Körper.

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Dornröschen in Kassel

Im Kasseler Staatstheater setzt die Tanzsparte den Diskurs mit Tschaikowskys klassischen Balletten fort. Nach „Schwanensee“ im letzten Jahr, zeigen zwei Gastchoreografinnen zeitgenössische Varianten von „Dornröschen.“

Auf der schneeweißen Bühne schlängelt sich eine schwarzglänzende Gestalt aus einem silbrigen Behältnis. Sie windet, verschlängelt, verbiegt sich. Stakst mit bizarren Bewegungen zu Industrial-Klängen umher. Zuletzt wird sie durch eine riesige, weiß gewandete Figur mit Baby, von der Rampe gezerrt. Mehr und mehr strahlendweiße Tanzende erscheinen und vollführen irrsinnige akrobatische Bewegungen. Sie wirken wie Gummimenschen mit starren Puppenaugen.

In „100 years 100 hearts“ entstehen eigenartige Traumbilder, die man so noch nicht im Tanztheater gesehen hat. Sie alleine sind den Besuch des Doppeltanzabends wert! Mit weiteren Szenarien führt uns die Choreografin Liliane Barros durch unwirkliche Welten. Sie bezieht sich auf Symbole des einst wilden Märchens, das im Laufe seiner Verbreitung stark gekürzt und gezähmt wurde. Ungezügelte, ja böse Unterströmungen der Erzählung werden freigelegt. Doch es gibt auch sanfte Bilder: die Zwillinge die sich in verbindenden Schnüren hin- und herwiegen, menschliche Skulpturen in verhüllenden Tüchern. „Ich bleibe in meiner Kreation abstrakt, visuell, atmosphärisch, intuitiv, archaisch – um den Raum für Assoziationen zu öffnen“, so die Choreografin.

Raum für eigene Interpretationen enthält auch „Dawn and Day“, die zweite Dornröschen-Adaption von Sita Ostheimer. Sie hat jahrzehntelang für den Choreografen Hofesh Shechter gearbeitet, was man ihrem Stück überdeutlich anmerkt. Im Halbdunkeln, ab und zu bei grellem Licht wird unaufhörlich kraftvoll-dynamisch zu rhythmischer Musik getanzt – wie man es von Shechter kennt. Immer und immer und immer wieder auf dem gleichen Level entstehen Tanzbilder, Begegnungen, chorische Bewegungen. Oft sind sie im Dämmerlicht nur schwer zu erkennen. Ostheimer will so die Schichten des Märchens, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden, gleichsam archäologisch wieder ausgraben. 

Weitere Aufführungen am 19. November sowie am 16., 20. 23. und 26. Dezember

Fotos aus „100 years 100 hearts“ von  © Sylwester Pawliczek

„Ach du Scheiße“

Ein deutsches Amalgam aus Thriller, Black Comedy und Horror
„Ach Du Scheiße!“ Diesen schmuddeligen Filmtitel muss man wörtlich nehmen, denn das cineastische Kammerdrama in Echtzeit findet in einem umgefallenen Dixiklo statt. 

Voller Schmerz erwacht ein Mann in dem transportablen Klohäuschen. Auf seinem Arm krabbelt ein Marienkäfer. An der Wand hängt das Poster einer nackten Frau. Als er sich bewegen will, schreit er vor Schmerzen: Mit einem, durch seine linke Hand getriebenen Stahlstab, steckt er fest in seiner Zelle. „Ach Du Scheiße“, entfährt es ihm, als er seine hoffnungslose Situation erkennt.

Von draußen, aus dem Off, plärrt die Lautsprecherstimme des – wie wir später erfahren – zukünftigen und korrupten Bürgermeisters, der von der gleich erfolgenden „Sprengung der alten Villa“ erzählt. Irgendwie wird dem Mann und uns Zuschauern klar, dass dann auch das Klo in die Luft fliegt. Die Stimme aus dem Off zählt die Zeit herunter, „noch zwanzig Minuten“, „noch fünfzehn Minuten“ – und begründet unaufhörlich die ökonomische Notwendigkeit, dieses Gebäude zu beseitigen. Verzweifelt gelingt es dem Gefangenen die Tür aufzustoßen. Sein Handy fällt dabei in die Kacke, mühselig pult er es heraus und schafft es sogar die Polizei anzurufen. Doch die hält ihn für einen Irren als er seine Lage schildert und tut erst einmal – nichts.

Mittlerweile wissen wir, dass der Gefangene Frank (Thomas Niehaus) heißt und der Architekt eines Großprojektes ist, der gegen die Sprengung kämpfte. Durch einen Spalt kann er draußen eine gefesselte und geknebelte Frau erkennen, die kritische Beamtin vom Bauamt. Irgendwann taucht auch sein Widersacher, der zukünftige Bürgermeister auf, ermordet einen schwarzen Sprengmeister und nimmt dem Gefangenen die Illusion, sich selbst befreien zu können. Der Architekt halluziniert seine Freundin herbei, mit der er verliebt in der Kacke liegt…

Die Grundidee des Films, die Handlung nur im Dixiklo spielen zu lassen und fast alle Informationen lediglich durch die Lautsprecherstimme zu bekommen, ist großartig. Aber nach einer dreiviertel Stunde wird es einfach langweilig, auch wenn der Streifen mittlerweile zum Splatterfilm mutiert: das Blut spitzt kräftiger, Körperteile wie der Kopf des Sprengmeisters fliegen durch die Luft. Man schaut sich den Film nur noch deshalb bis zum Ende an um Herauszufinden, wie der Regisseur den Genre-Mix zu Ende bringen will.

Aber wie er das macht, das wird hier natürlich nicht verraten…

Foto:
© Daniel Dornhoefer Neopol-Film

Info:
„Ach Du Scheiße!“, Deutschland 2022, 90 Minuten, FSK 16 Jahre
Regie Lukas Ringer mit Thomas Niehaus, Gedeon Burkhard, Olga von Luckwald und anderen

Siegheilkirchen

„Willkommen in Siegheilkirchen!“ Der Name des imaginären Ortes in Österreich verweist auf Nazireste und Spießertum in den Anfängen der 1960er-Jahre. Der Film basiert auf animierten aber gerade noch wie echt wirken Figuren, des 2016 gestorbenen Karikaturisten Manfred Deix. Auch für Menschen geeignet, die keine Animationsfilme mögen…

Rotzbub, der pubertierende Wirtshaussohn, zeichnet nackte Frauen, die zwei seiner geschäftstüchtigen Klassenkameraden als Wichsvorlagen verkaufen. Auf einem Bild fährt die nackte Nachbarin ihre riesigen Brüste im vorderen Fahrradkorb herum. Aus der üppigen nackten Bürgermeisterin wird eine hügelig-erotische Landschaft. 

Zur Frage in der Schule – „was will ich als Erwachsener werden?“ – fällt dem Jungen nicht viel ein. Statt den geforderten Aufsatz zu schreiben, zeichnet er ein Daumenkino, in dem sich die Nachbarin mit Rubensfigur entkleidet. Künstler will der Zwölfjährige werden, das könnte er, meint auch der lüsterne Kunstmaler aus der Großstadt. Er soll die verblassten Nazisprüche am Rathaus übermalen, treibt es mit den ledigen voluminösen Frauen im Ort und nutzt den Bub als Helfer zum Farbeanrühren.

Drumherum treiben die Altnazis ihr Unwesen, der Friseur will endlich selbst einmal Führer werden. Der Dorfpolizist ist ständig besoffen, die Bürgermeisterin korrupt, der Pfarrer ein brutaler Despot. Als sich eine Romafamilie in der Nähe von Siegheilkirchen niederlässt, planen die Rechtsradikalen ein Attentat: „Weg mit dem Ungeziefer.“ Rotzbub verliebt sich in die Tochter eines Romaweibs, die jedoch seinen Avancen zurückweist: „Du Dorftrottel!“ Mutter und Tochter sind für Zigeunerinnen, wie man sie damals beschimpfte, erstaunlich emanzipiert. Im wirklichen Leben hätten sie diese Rechte in ihrer Sippe bestimmt nicht gehabt. Rotzbub versucht gemeinsam mit einem Freund der Romas und einem kiffenden Hippie, der in Siegheilkirchen eine neue Kneipe eröffnet, den Überfall auf das Lager der Roma zu verhindern…

Spießertum, Doppelmoral, Gewalttätigkeit, Rassismus und Sex sind die Zutaten, die bereits Deix in seiner grotesken Bildergeschichte „Rotzbub“ zusammen mixte. Allenfalls Liebe und Aufrichtigkeit ermöglichen in seiner coming-of-age-Erzählung hoffnungsvolle Auswege. Bis zu seinem Tod arbeitete der Zeichner an dem Streifen mit, später konnte Markus H. Rosenmüller als Regisseur gewonnen werden, der bereits in seinem Film „Wer früher stirbt ist länger tot“ einen ähnlichen Jungen cineastisch begleitete.

Der Film bringt die gesellschaftliche Situation vor der weltweiten 68er-Revolte derb, unanständig und provozierend auf den Punkt. Es gibt viel zum Lachen – das einem manchmal allerdings im Hals steckenbleibt. Deix und seine Filmemacher wussten, aber auch wir wissen, dass sich die Verhältnisse dann doch noch radikal wandelten. Darüberhinaus ist „Willkommen in Siegheilkirchen!“ eine hinreißende Hommage an den Karikaturisten, die autobiografische Elemente enthält.

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Berlinale 2022

Gestern Abend begannen die Filmfestspiele in Berlin mit „Peter von Kant“, einer kühnen Interpretation des Fassbinder-Streifens „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ durch den Regisseur François Ozon. Der rote Teppich ist vor dem Berlinale-Palast ausgerollt und die Hauptstadt hängt voller stilisierter Bärenplakate: Die 72. Berlinale findet tatsächlich statt, wenn auch mit strengen Hygienekonzepten, 50% weniger Plätzen und einem etwas eingeschränkten Programm. Dennoch überschlugen sich hämische Kommentare in manchen Medien und Netzwerken, die Filmbranche wolle doch nur sich selber ohne Rücksicht auf Verluste feiern – aber das Gegenteil ist der Fall! Manche filmwirtschaftliche und andere Industrial Events finden eher online statt, das größte Publikumsfestival der Welt wollte jedoch die Kinofans nicht enttäuschen und zeigt 256 Filme dem öffentlichen Publikum.

Der Wettbewerb wurde um einige Tage gekürzt, die Bärenverleihung findet bereits am Mittwoch statt, dafür muss man als Journalist einige Male vier Streifen am Tag ansehen. Doch für das Publikum werden dadurch mehr Aufführungen wiederholt. Während bei den beiden anderen großen Filmfestivals in Venedig und Cannes die Stars, Cineasten und Prominenten meist unter sich bleiben, kamen in Berlin in den letzten Jahren jeweils weit über 300.000 normale Besucher und Besucherinnen in die Festival-Lichtspielhäuser. Mit dem Anspruch „Berlinale Goes on Kiez“ werden, wie in den letzten Jahren, kleinere Programmkinos in den Stadtteilen Aufführungen wiederholen. 

Das Publikum kann nun alle Filmschaffenden in diesem Jahr wieder auf dem roten Teppich, im Festspielpalast und anderen Orten live erleben. Nach der vorletzten Berlinale 2020 begann wenige Tage später der erste deutsche Lockdown mit seinen einschneidenden Konsequenzen für alle Kulturbereiche. Im letzten Jahr war das Festival zweigeteilt, wir Journalisten durften im Frühjahr sämtliche Beiträge aller Sektionen im heimischen Fernsehen oder auf dem Computer gucken, im Sommer konnte man die populärsten Streifen in Berliner Open-Air-Kinos sehen. Dort gab es dann eher fröhliche Biergartenstimmung als intensive Kinoerlebnisse.

Wie immer wird viel über den Wettbewerb mit seinen 18 Werke diskutiert: Ist es ausreichend, dass „nur“ sieben Filmemacherinnen dabei sind? Warum gibt es lediglich zwei deutsche Beiträge und nur einen aus Hollywood? Nun ja, der Anteil von weiblichen Filmschaffenden auf dem Festival war schon immer beträchtlich höher als bei vergleichbaren Events. Die Berlinale ist kein Heimatfest, es gab bisher auch viele Festspiele ohne teutonische Streifen im Wettbewerb.

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Gemalte Kunst auf Ansichtskarten…

Im Rahmen der drei Winterausstellungen der Kunststation zeigt Roland Stratmann seine Schau „WeltLäufig“. Zwei Arbeiten des Künstlers, die sich wie viele seiner Werke mit Reisen beschäftigen, gehören scheinbar zusammen.

Auf einem Bild schauen offensichtlich schwarze Jugendliche auf langen Stelzen den Betrachter von oben herab grimmig oder herausfordernd an. Unter ihnen verkünden zwei Schriftzüge: „I have never Seen such a Thing before / they don’t even have normal sidewalks.“ „So etwas habe ich noch nie gesehen, die haben nicht mal normale Bürgersteige.“ Den Hintergrund, gleichsam die Leinwand des riesigen Tableaus mit mehr als zwei mal drei Metern, bilden die in diversen Sprachen beschriebenen Rückseiten von 400 Ansichtskarten aus aller Welt. Von einer dieser einst verschickten Karten stammt die arrogante Nachricht über die fehlenden Bürgersteige. Roland Stratmann hat bei aller Komplexität seiner Objekte auch viel grotesken Humor, denn seine Konfrontation des Touristenspruchs mit der Tuschzeichnung der Kids auf Stelzen könnte meinen: wozu brauchen die denn Bürgersteige?

Auf dem Boden davor sind viele Seiten eines alten Diercke-Atlas auf einer Platte von zwei mal drei Metern ausgebreitet, darauf verteilen sich elf verschiedene Drahtfiguren. Sie beschreiten als Urlauber die Länder oder eroberten sie früher kolonialistisch und warfen ihre Schatten. Als Betrachter sieht und bringt man beide Werke zusammen, obwohl sie aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers stammen.

Ohne dass man etwas über dieses Arrangement weiß, fasziniert es durch seine reine Anmutung. Darüberhinaus fordern beide Tableaus zur eigenen Bewegung heraus: Um das Bodenbild „WeltAtlas“ muss man herumgehen und sich bücken, an das Wandbild „I have never seen“ muss man näher herangehen, um die Postkarten erkennen oder lesen zu können. Das Bild besteht – wie die meisten Werke des Künstlers – aus verschiedenen Schichten: den handgeschriebenen Karten, einem daraus meist destillierten Spruch und den dominierenden Tuschzeichnungen (wir berichteten). In diesem „Dreischicht-Verfahren“ (Trescher) entstehen leicht reliefartige Objekte.

Die aus Datenkabeln gefertigten und dadurch symbolisch miteinander vernetzten Figuren nehmen Länder ein, hinterlassen Ökologische Fußabdrücke, werfen düstere Schatten auf Teile der Welt. Aber sind es ihre realen Silhouetten, vielleicht sind es nur die schattigen Klischees der Wesen, exotische Fantasien, die sie von den betretenen Ländern haben? Ähnliches gilt für das Stelzenlaufen der Kids, das einst in einer afrikanischen Kultur Teil eines Initiationsritus war –  heute aber bewusst als „Folklore“ für Touristen inszeniert wird. Zeigen die Gesichter der Kids postkoloniale Empörung oder sind es Fratzen für sich fürchten wollende Reisende?

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Action Painting mit Kunststoff

„Farblust – grenzenlos“ nennt Stefanie Brehm die Werke in ihrer Schau, die sie im Rahmen dreier Winterausstellungen in der Kunststation präsentiert. Ihre keramischen Objekte sind bereits ein Grenzgang zwischen Kunsthandwerk und freier Kunst, doch mit ihren expressiven farbenprächtigen Gemälden in riesigen Formaten, löst sie sich auch noch völlig von Bildträgern.

Denn die blau-grün-gelben oder blau-weißen Farben scheinen direkt an die Wände gegossen, geschüttet und gespritzt worden zu sein. Die gläsern wirkenden Arrangements vermitteln beim Betrachter Gefühle reiner Dynamik und greller Wildheit. Sie symbolisieren nichts, stellen nichts dar, sondern spiegeln allenfalls den inneren Zustand der Künstlerin im Gestaltungsprozess wider. Als „deutungsoffen“ bezeichnet Brehm deshalb selbst ihre Arbeiten.

Es sind jedoch keine flachen Glasreliefs die man sieht, sondern Objekte aus dem künstlichen Stoff Polyurethan. Im flüssigen Zustand lässt sich das eingefärbte Material durch Action Painting – also Aktionsmalerei – auf Flächen auftragen ohne sich mit ihnen zu verbinden. Dadurch entstehen diese fragilen Gebilde, welche die Künstlerin dann aufwendig direkt an den Wänden befestigt. 

Die Polystücke seien eine „fluide Spielerei“ aus Spannung und Gleichgewicht, kommentiert Professor Johannes Kirschenmann ihre Arbeitsweise mit dem Werkstoff aus Plastik. Das Verfahren ist einerseits die Fortsetzung ihrer ursprünglichen Ölmalerei, die sie einst in der Münchener Akademie erkundete. Andererseits verweist die glasartige Wirkung des Kunststoffes auch auf die Verwandtschaft mit ihren glasierten Stücken in der Kleinsassener Ausstellung. 

Immer noch kann uns in diesen tristen, durch Klimawandel und Corona geprägten Zeiten, die „grenzenlose Farblust“ Brehms anstecken und unsere Stimmung farbenfreudig einfärben. 

Info:
„Farblust- grenzenlos“ und die übrigen Ausstellungen sind bis zum 27. Februar zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr.
www.kunststation-kleinsassen.de

Warme Farben gegen das Grau und die Kälte

Zum Beginn der Winterausstellung ist die Kunststation in der Rhön nicht romantisch eingeschneit, ihre Umgebung ist grau in grau, nass und kalt. Wie gut tut es, in die Schau „Farblust – grenzenlos“ von Stefanie Brehm einzutauchen, zwischen ihren fröhlichen vielfarbigen Objekten aus Keramik oder Kunststoff gute Laune zu bekommen. 

Die Künstlerin hatte einst Keramikerin, also Töpferin gelernt, was man ihren kleineren, wunderbar glasierten Arbeiten in der Ausstellung auch ansieht. Es sind aber keine Gefäße zum Gebrauch obwohl sie wie Dosen wirken, sondern winzige Skulpturen oder wie die Töpfer sagen: Zierstücke. Jedoch mit ihren lebensgroßen, aus Ton montierten, oben geschlossenen und polychrom glasierten Zylindern verlässt Brehm das Kunsthandwerk und kreiert autonome Skulpturen. Man kann um sie herumgehen ohne dass die Farbe aufhört: Das Farblust ist tatsächlich grenzenlos. Die Säulen „wollen umtanzt werden, angeregt von Verve und Beschwingtheit des Farbauftrags“, meint Kuratorin Dr. Elisabeth Heil. Ist bei den keramischen Arbeiten noch ein, im weitesten Sinn getöpferter Bildträger vorhanden, so löst sich die Künstlerin mit ihren Werken aus Kunststoff (Polyuretan), den sie in flüssigem Zustand gestaltet, scheinbar völlig von Trägern. Die ausgehärteten, ebenfalls kräftig eingefärbten Objekte, montiert sie direkt an den Wänden.

Roland Stratmann überrascht das Publikum in seiner Ausstellung „WeltLäufig“ zunächst mit einem riesigen, aus Klamotten gestalteten Nashorn, das sich selbst auf einem Abbild zu betrachten scheint. Diese Installation ist Teil eines komplexen ästhetischen Projektes, das der Künstler mit Jugendlichen verwirklichte. Die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, auch in fremden Kulturen, ist für ihn ebenso eine Notwendigkeit wie die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. 

Sein Nashornbild, dem Rhinozeros Albrecht Dürers nachempfunden, ist typisch für viele weitere Arbeiten seiner Schau, in denen er Ansichtskarten als Bildträger nutzt. Diese postalischen Grüße mit Landschafts, Stadt- oder Kunstmotiven, versehen mit persönlichen Zeilen, wurden früher massenhaft verschickt. Der Künstler sucht und sammelt diese Karten, die er thematisch sortiert und zusammenstellt. Er befestigt die beschriebenen Seiten aneinander und nutzt sie als Untergrund, auf den er Zitate aus den Reisetexten schreibt und sie mit irritierenden Bildern versieht. Auf sein mit Zeichentusche gestaltetes Nashorn schreibt er: „Viele Grüße an alle die nach mir fragen.“ Denn das von Dürer auf einem Holzschnitt dargestellte Tier versank mit dem Transportschiff, er musste es im Jahr 1515 aus Erzählungen gestalten. Stratmanns vieldeutige Arbeiten transformieren seine Fundstücke in eigenständige Kunstwerke, die uns auf Reisen in seine eigenartigen Bildwelten mitnehmen.

Reisen dürfen auch Kunstschaffende aus dem Görlitzer oder Fuldaer Raum auf der Via Regia in die jeweilige Partnerstadt, wenn sie für ein monatliches Arbeits-Stipendium vorgeschlagen werden.

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