Woody Allens Biografie: „Ganz nebenbei“

Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ beginnt so, wie er manchmal im „Stadtneurotiker“ aus dem Film tritt, sich direkt an das Publikum wendet und munter draufloswitzelt: Schnodderig, assoziativ und bildhaft wie im Kino lässt er uns an seinem Leben teilnehmen. Seine Eltern „passten zusammen wie Hannah Arendt und ein Gangsterboss“, schreibt er. „Sie waren uneins über alles außer Hitler und meine Schulzeugnisse. Aber trotz aller Wortgemetzel blieben sie siebzig Jahre verheiratet – um den anderen zu ärgern vermute ich.“

In seiner „Autobiografie eines misanthropischen, ungebildeten Gangster-Fans, eines kulturlosen Eigenbrötlers“ erzählt er, wie seine ältere Cousine Rita ihn bereits mit fünf Jahren ins Kino schleppte und er alles sah, was Hollywood hervorbrachte: „Man kauft eine Karte, tritt ein, und plötzlich sind Sonne und Hitze verschwunden, man befindet sich in einer Parallelwelt.“ Später changieren viele seiner Filme ebenfalls zwischen Traum und Realität („den Klauen meiner Erzfeindin der Wirklichkeit“). Weitere Träume weckte auch ein Ausflug mit dem Vater rüber nach Manhattan. Oft schwänzte er danach die Schule, um seinen „antisemitischen Lehrerinnen“ zu entkommen. Er trieb sich am Broadway herum, sah „Champagner-Komödien“ im Kino oder erlebte Zauberer und Comedians: „Zurück in Brooklyn, träumte ich von einem Leben in der Stadt jenseits des Flusses.“

Diese Fantasie erfüllte er sich, als er mit dem Schreiben von Gags und Witzen für bekannte Komiker im Laufe der Zeit richtig viel Geld verdiente. Wir lesen von seinen folgenden, zunächst nicht so berauschenden Bühnenauftritten, dann wie sein erstes Drehbuch für „Was gibt’s Neues, Pussy“ vermasselt wurde. Später verfolgen wir seine aufregende Entwicklung zum erfolgreichen Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler, die keineswegs immer gradlinig verlief und von ihm mit zahlreichen Abschweifungen erzählt wird: Komisch, selbstkritisch und fast immer sehr unterhaltsam. Weiterlesen

Woody Allen: Der angebliche Skandal…

Woody Allen und Mia Farrow waren lange ein Paar, bis der Filmemacher 1992 eine Affäre mit Soon-Yi (22), der erwachsenen Adoptivtochter Farrows begann. Nach der dadurch provozierten Trennung, beschuldigte ihn seine Lebensgefährtin, die gemeinsame Adoptivtochter Dylan (7) sexuell missbraucht zu haben. Der von ihr angestrebte Prozess wurde eingestellt, weil diverse Gutachter, eine Kinderklinik, das Jugendamt und die Polizei die Verdächtigungen für unbegründet hielten.

Der skeptische Staatsanwalt beendete dennoch das Verfahren, um die kleine Dylan nicht öffentlich befragen zu müssen. Ein Familiengericht stellte Allens elterliche Eignung infrage und sprach Farrow das Sorgerecht für alle acht Kinder zu.

Soon-Yi und Allen heirateten bald: „Ich möchte einmal für jemanden wichtig sein“, sagte das einstige koreanische Findelkind bei der Hochzeit. Seitdem lebt das Paar zusammen, sie adoptierten zwei Kinder und bekamen zwei eigene. 24 Jahre später, 2014, griff Dylan selbst den Adoptivvater öffentlich an. Ihr Bruder Ronan, der später half Harvey Weinstein zur Strecke zu bringen, unterstützte sie. Ihr anderer Bruder Moses wies dagegen die Anschuldigungen der Schwester detailliert zurück.

Im Schatten von MeToo begann dann abermals eine Debatte um Allens angeblichen Missbrauch, obwohl ihn kein Gericht dafür verurteilt hatte. Der Amazon-Konzern wollte nun den von ihm produzierten Film „A Rainy Day in New York“ weder veröffentlichen noch an den Regisseur herausgeben. Mutig klagte der Filmemacher erfolgreich gegen das Unternehmen. Der US-amerikanische Hachette-Verlag weigerte sich, seine Memoiren zu drucken.

Was immer zwischen dem Adoptivvater und Dylan passierte, wird wohl niemals geklärt werden. In der Autobiografie macht der Autor aber seine Leser quasi zu Geschworenen und fordert sie zur Parteinahme heraus. Der öffentliche Schutz des von Allen sehr geliebten Kindes Dylan war jedoch damals sicher berechtigt. Unverständlich bleibt, dass das vermeintliche Opfer nie eine Klage gegen ihn anstrengte. Eine juristisch korrekte „Verdachtsberichterstattung“ gegen Allen, mit dem Recht zur Gegenrede, gab es nicht. Natürlich muss für ihn die auch in den USA bestehende „Unschuldsvermutung“ gelten. Selbst ernannte Ermittler, Ankläger, Richter und Vollstrecker in einem stellen ihn jedoch weiterhin unverdrossen an den Pranger. Weiterlesen

Woody Allen:A Rainy Day in New York

Woody Allens Film „A Rainy Day in New York“, der im letzten Herbst in die Kinos kam, erschien vor einiger Zeit auf DVD und als Download. Kürzlich wurde auch Allens Autobiografie unter dem Titel „Ganz nebenbei“ veröffentlicht.

Beinahe das ganze Leben lang wohnte er in seinem geliebten New York, etliche seiner Filme spielen in dieser Metropole, die er bewunderte und verklärte. In seinem 50. Film, fasst der Regisseur diese Liebe noch einmal in wunderbar ausgeleuchtete, elegische Bilder: Gatsby (Timothée Chalamet) reist vom Provinz-College, in das ihn seine leistungsorientierte Mutter verbannte, nach Manhattan zurück. Weil seine Freundin Ashleigh (Elle Fanning) dort einen berühmten Filmemacher für die College-Zeitung interviewen kann, will Gatsby ihr seine Heimatstadt zeigen.

Doch schnell wird die staunende Ashleigh vom Regisseur, seinem Drehbuchschreiber und später von einem schmierigen Star vereinnahmt. Die alten weißen Männer sind bezaubert von dem sehr blonden und – scheinbar – naiven Country Girl aus Arizona. Gatsby begegnet unterdessen ehemaligen Mitschülern, die gerade einen Film drehen. Dabei trifft er auf Chan (Selena Gomez), die kleine Schwester einer früheren Liebe, die ein New Yorker Biest geworden. Mit ihr liefert er sich bissige Dialoge wie in einer alten Screwball-Komödie. Da Ashleigh verschwunden bleibt, geht er mit einer Prostituierten zur Soiree seiner ungeliebten Mutter – und macht eine erstaunliche Entdeckung…

Gatsby ist ein altmodischer Junge, der lieber riskant aber erfolgreich Poker spielt und Songs von Cole Porter darbietet, als ordentlich zu studieren: Der Träumer könnte ein Enkel Woody Allens sein, der geht auch gerne im Regen spazieren und sehnt sich nach dem Manhattan der 1940er-Jahre. Regisseur Allen spielt mit Klischees, Ashleigh beispielsweise wirkt derartig persifliert als blondes Dummchen, dass sie dadurch die aufgeblasenen Filmgockel letztlich entlarvt.

„A Rainy Day in New York“ ist wie eine Screwball-Komödie aus den 1940er-Jahren und zugleich ein melancholischer Liebesfilm. Das verträumte Ende jedoch bringt uns, ganz ohne Nostalgie, in eine romantische Gegenwart zurück.

„A Rainy Day in New York“ USA 2016 (Drehzeit), 2019 (veröffentlicht). 95 Minuten
Regie: Woody Allen mit Timothée Chalamet, Selena Gomez, Elle Fanning u.a.

Zur Biografie
Kommentar Hexenjagd auf Woody Allen

„Saudi Runaway“ und „Die Kandidatin“ – Frauen in Saudi-Arabien

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Doch die Aufnahmen waren alle echt und wurden von Muna selbst oder von nicht in ihr Projekt eingeweihten Verwandten aufgenommen: Mit geheimer Unterstützung einer saudischen Selbsthilfegruppe in Europa dokumentierte sie nicht nur ihre unterdrücktes Leben in dem muslimischen Land, sondern auch die Planung und Durchführung ihrer listigen Flucht in der Hochzeitsnacht. Ein für sie lebensgefährliches Unterfangen! Erst auf der Berlinale 2020 zeigte sich Muna zum ersten Mal mit der Regisseurin in der Öffentlichkeit bei der Vorstellung des Streifens, der hoffentlich bald in die Kinos kommt.

In die Kinos kommt in der nächsten Woche dagegen ein Spielfilm, der sich ebenfalls mit dem Thema der Unterdrückung saudischer Frauen beschäftigt: „Die perfekte Kandidatin“. Weiterlesen

Zur Literaturverfilmung „Die Deutschstunde“

Ein halbes Jahr nach dem Kinostart kommen – wie zum Schutz der Kinos gesetzlich festgelegt – auch erst die DVD und der Download des Films „Deutschstunde“ in den Handel. Der Film orientiert sich am gleichnamigen Bestseller von Sigfried Lenz aus dem Jahr 1968.

Das langsam erzählte Filmdrama beginnt mit den Erinnerungen Siggis (Tom Gronau) im Jugendarrest, nachdem er sich – scheinbar – weigert, den Schulaufsatz „Die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. Zum Maßregeln wird er in eine Zelle gesperrt, dort schreibt er ein Heft nach dem anderen mit Erinnerungen an den Maler Max Nansen (Tobias Moretti) und seinen autoritären Vater Jens Jepsen (Ulrich Noethen) voll, der immer nur seine Pflicht erfüllte: In dem abgelegenen Landstrich am Meer setzt der Polizist ein Berufsverbot gegen den „entarteten Künstler“ durch, obwohl der ihm einst das Leben rettete. Siggi wird hin- und hergerissen, den Maler im Auftrag seines Vaters zu bespitzeln und ihn gleichzeitig zu schützen, denn er will von beiden geliebt werden.

Als Siggis Vater aus der Haft der englischen Besatzungstruppe entlassen wird, macht er genau da weiter, wo er am Ende der Naziherrschaft aufhören musste: Er verbrennt Gemälde seines früheren Malerfreundes Nansen. „Man muss seine Pflicht erfüllen, auch wenn sich die Zeiten ändern“, brüllt er und schlägt brutal seinen groß gewordenen Sohn Siggi nieder, der sich ihm in den Weg stellt. Der klaut daraufhin Gemälde Nansens um sie zu verstecken und landet im Heim.

Die spannenden Erzählungen Siggis werden im Film zu dramatischen Rückblenden. Im Unterschied zum Roman ist das cineastische Werk stark gekürzt und verdichtet, bewahrt aber dennoch den Geist der Vorlage. Während der Vater im Buch emotional zu schwanken scheint, setzt er sich im Film vehementer gegen die eigene Familie und den Künstler durch. Auch weitere Figuren, wie Siggis Schwester oder die Mutter, werden vom Regisseur Christian Schwochow anders gewichtet. Der verfilmte vor Jahren bereits Uwe Tellkamps „Der Turm“ und stellte – zur Freude des überzeugten Autors – bereits literarische Gestalten verändert dar.

Zum Kinostart bemängelten Kritiker, der Spielfilm sei unpolitisch und erkläre nicht den Faschismus. Auch der Maler, hinter dem sich angeblich Emil Nolde verberge, sei verklärt und nicht als Anhänger der Nazis angeprangert worden. Weiterlesen

Frühjahrsausstellung Kunststation Kleinsassen (Rhön)

Am Wochenende eröffnete die Kunststation Kleinsassen ihre Frühjahrsausstellung . Die Musikerinnen des Trios „Acht Ohren“ kreierten dazu mit Saxophon, Cello und Percussion aus „globalen Fundstücken“ frühlingshafte Klänge.

Volker März entführt das Publikum in einen absonderlichen Irrgarten: „Die heilige Haut ab … und ein Affe hält die Welt an!“ Bereits am Eingang empfängt sein lebensgroßes Ebenbild mit einem auf der Brust liegenden Affen das Publikum. Danach wird man von einer Flut aus kräftig bemalten Tonfiguren, großen Bildern und Fotos, Holzskulpturen, Videos, Klangcollagen, Wandzeitungen und Installationen geradezu überwältigt.

Am besten betrachtet man zuerst die kleinen Wesen, die sich auf einem riesigen Brett im ersten Saal tummeln. „Was siehst Du?“, fragt der Künstler auf einem Flugblatt zu diesen „Rückenwärmern“. Jedoch muss man seinen Dialog – zunächst – gar nicht lesen, um das Arrangement zu verstehen, die aufgereihten „Kleinstmenschen“ sind ausdrucksstark genug.

Was man wissen muss, ist die Bedeutung der Affen: Viele Figuren haben affenartige Gesichter – aber das ist nicht als Herabwürdigung gemeint. März bezieht sich auf Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“, in der ein gefangener Affe aus lauter Verzweiflung zum Menschen wird.

Die uns ähnlichen Primaten haben, so der Künstler, (fast) die gleichen Gene wie wir. Doch sie sind die besseren Menschen, weil sie nicht durch die Zivilisation verdorben sind und sich ihre spielerische Unschuld bewahren. März ist ein  kritischer moderner Romantiker und nicht  „verrückt“, wie eine empörte Besucherin meinte. Er offenbart sich mit vielen komischen oder sarkastischen Arbeiten als humanistischer Philosoph. Mithilfe diverser künstlerischer Mittel spielt er mit der Realität und stellt Gewissheiten infrage.

Für den Besuch seiner Ausstellung braucht man Zeit. Viel Zeit! Der Gesamtkunstwerker ließ drei Sofas aufstellen, in denen man immer wieder Platz nehmen und gelassen Teil der Schau werden kann. Daneben liegen Bücher zum Lesen, in denen er skurrile Fantasiegeschichten seiner Figuren erzählt.

Der arme Maler Conrad Sevens hat es schwer, im Nachbarsaal mit seinen „Ersehnten Landschaften“ gegen dieses surreale Pandämonium anzukommen. Denkt man! Weiterlesen

Kehraus bei der 70. Berlinale

Der Goldene Bär für den Film „Es gibt kein Böses“, der als letzter im Wettbewerb gezeigt wurde, war aufgrund seiner cineastischen Qualität keine Überraschung. Ansonsten gingen – wie immer – ein paar Silberbären an Filmschaffende, die zuvor im „Bärenorakel“ der Profi-Kritiker mächtig gefeiert wurden, andere Entscheidungen waren dagegen umstritten.

In der Pressekonferenz zum Festivalbeginn erzählten alle Mitglieder der Internationalen Jury von beeindruckenden Filmerlebnissen in Kindheit und Jugend. Sie sprachen über „Bambi“, „E.T.“ oder Charlie Chaplin und waren sich einig, Filme sollten „von Herzen mit Leidenschaft“ gemacht werden. An diesen Ansprüchen können sich ihre Entscheidungen messen lassen.

Für den Gewinner des Hauptpreises, den iranischen Regisseur Mohammed Rasoulof, gelten diese Jury-Wünsche allemal. Er bekam keine Ausreisegenehmigung und durfte, wie bereits andere iranische Regisseure vor ihm, nicht am Festival teilnehmen. Allerdings erhielt der Streifen den Goldenen Bären nicht als politische Demonstration. Sein Film ist wahrlich „von Herzen mit Leidenschaft“ erarbeitet, sowie gemessen an anderen Beiträgen des Wettbewerbs ein cineastisches und thematisches Meisterwerk.

In vier Episoden zeigt „Es gibt kein Böses“ wie Menschen schuldig werden und damit umgehen müssen. Vordergründig geht es um die Todesstrafe „überall in der Welt“, betonte einer der Produzenten. Aber wie bei vielen iranischen Kunstschaffenden ist diese Verallgemeinerung ein Kniff, um noch stärkeren Drangsalierungen im Land zu entgehen: Kritik an Maßnahmen der Mullahs wird nicht direkt geäußert, sondern weltweit angeprangert.

Sicherlich sind die mit Silberbären ausgezeichneten Darsteller im Vergleich die besten Akteure. Oft stehen sie aber auch, gleichsam als „pars pro toto“, für großartige Werke. So der italienische Schauspieler Elio Germano für die spannend und einfühlsam erzählte Lebensgeschichte des Outsider-Künstlers Ligabue („Hidden Away“). Oder die, derzeit mächtig durchstartende Paula Beer als magische Undine in einer entzauberten Welt im gleichnamigen deutschen Beitrag „Undine“. Beide Werke sind „von Herzen und mit Leidenschaft“ gemacht – und wie viele andere im und außerhalb des Wettbewerbs dennoch politisch, wenn man das Politische so erweitert, wie die Berlinale. Häufig aufgegriffene Themen wie Abtreibung, Gender oder Migration waren und sind ja allemal politisch. Doch der künstlerische Leiter Carlo Chatrian fasste das Politische noch weiter: „„Für mich ist Kino dann politisch, wenn ein Film sein Publikum dazu auffordert, die eigene Sichtweise zu ändern.“ Weiterlesen

Känguru-Chroniken kein Blödelfilm

Ein lebensgroßes Känguru namens Känguru klingelt einige Male an Marc-Uwes Wohnungstür, um alle Zutaten zum Backen eines Pfannkuchens auszuleihen und zieht schließlich ungefragt bei ihm ein. So wie der Kult gewordene Episodenroman „Die Känguru-Chroniken“, beginnt auch der Film, der am 5. März in den Kinos anläuft.

Die millionenfach verkauften Chroniken sind keine Blödelsammlung, sondern politisch-surreale Begebenheiten und Weltbetrachtungen, die vom Regisseur Dani Levy („Alles auf Zucker“) großartig cineastisch umgesetzt werden. Allerdings macht er aus dem Allerlei von Figuren, Orten und Ereignissen eine durchgehend groteske Geschichte. Allem Anschein nach spielt sie in der Wendezeit in Berlin-Kreuzberg. Aber bitte kein Gejammer – das Drehbuch entwickelte der  Regisseur gemeinsam mit dem Autor der Chroniken Marc-Uwe Kling.

Das noch von Eingeborenen bewohnte, aber auch multikulturelle und hausbesetzte Kreuzberg, wird vom rechtspopulistischen Immobilienhai Dwigs (Henry Hübchen mit Föhnfrisur) und seiner skrupellosen Frau Jeanette (Bettina Lamprecht mit reichlich Schwangerbauch) plattgemacht. Beide finanzieren eine Nazi-Partei, deren Prügelbande die letzten Bewohner eines Altbaus, darunter Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) und sein Beuteltier, drangsalieren. Dabei wird schon mal ein typisch Berliner Nacht-Einkaufsladen („Späti“) verwüstet oder aus Versehen Dwigs Porsche zu Schrott gehauen.

Das soziale Leben der Bewohner spielt sich meist in der Kneipe von Herta (Carmen-Maja Antoni) und einem türkischen „Späti“ ab. Wie selbstverständlich bewegt sich, ungezügelt und intellektuell zugleich, das Känguru zwischen ihnen. Mal spielt es das Haustier, mal einen findigen Rechtsanwalt, manchmal gibt es seinem Mitbewohner sogar Tipps, wie der die alleinerziehende Mari (Rosalie Thomass) becircen könnte. Nebenbei: Seine Eltern schenkten dem schüchternen Marc-Uwe zehn Psychoanalyse-Stunden, die er bei einem schrägen Wiener Psychiater absitzt. Aus machtgeiler Bosheit will Dwigs eines der letzten alten Häuser abreißen und darauf einen riesigen Turm bauen. Ohne allzu viel zu verraten kann man sagen, dass ihm das nicht gelingen wird, weil Mari fantastische digitale Kenntnisse besitzt.

Die filmische Umsetzung der Chroniken ist kein linksradikaler Politklamauk und schon gar keine, Burleske zum schenkelklopfenden Ablachen. Es ist eine liebevolle aber reichlich übertriebene Erzählung von denen da oben und den Menschen dort unten. Weiterlesen

Generation: Filme für Kids auf der Berlinale

Bereits vor über 40 Jahren gründete die Berlinale ihre Sektion „Generation“ mit Filmen für Schulkinder und Jugendliche. Solch eine Reihe gebe es weder in Venedig noch in Cannes, erklärte Mariette Rissenbeek, Co-Leiterin des Festivals, in einem taz-Interview. Dieser Bereich sei absolut wichtig, weil sie „junge Zuschauer anspricht und viele Filme mit viel Publikum bietet.“

„Yalda“, der iranische Spielfilm, ist sicher der heftigste dieser Sektion, der die Brüche zwischen gruseliger Tradition und moderner Medienwelt aufreißt: In einer Reality-TV-Show kämpft die junge, zum Tode verurteilte Maryam weinend um ihr Leben. Vor laufender Kamera muss sie das Publikum um Vergebung sowie Blutgeld für ihre Tat bitten.

Mit dem Übergang zum Erwachsenenalter in diversen Kulturen setzten sich etliche Coming-of-Age-Filme auseinander. In „Kokon“, dem gefeierten Eröffnungsfilm der Reihe, hat Nina ihre erste Menstruation und verliebt sich in eine Außenseiterin. Von ihrer Schwester Jule wird sie angeblafft: „Hör auf mit der Bitch zu chillen!“ Die Welt dieser Mädchenclique im Berliner Brennpunkt Kotti ist genauso exotisch, wie die von Amy im Pariser Barbès: In „Mignonnes“ wird die Elfjährige aus dem Senegal zwischen afrikanischer Tradition und modernem französischen Leben zerrissen: Die Mutter bereitet das Ehebett für die zweite Hochzeit des eigenen Mannes, während die Tochter die erste Regel bekommt und mit sexualisierten Tänzen in ihrer Clique um Anerkennung kämpft.

Weitere Filme für größere Kinder fragen, wie geht man mit einer Pubertierenden um, die eine riesige Maschine liebt? Wie verhält sich eine zur Waise gewordene Jugendliche in der kriminellen Stieffamilie? Kann ein Nomadenjunge in der mongolischen Steppe den Kampf seines gestorbenen Vaters fortführen? Die Youngsters in diesen spannenden Streifen mit (meist) offenen Lösungen sind auf der Suche. Sie leben im Übergang und ringen um eigene Identität und Anerkennung ihrer Peer Group. Oft auch humorvoll thematisieren die Filme Straffälligwerden oder andere Brüche gesellschaftlicher Normen. Cineastisch gehört „Generation“ mit zum Besten, was die Berlinale zu bieten hat und wird auch gerne von Erwachsenen besucht. Die Ränder zu anderen Bereichen wie „Panorama“ sind fließend.

Früher war die Sektion zunächst filmästhetisch, später pädagogisch überfrachtet, mittlerweile lehrt sie Kinder und Jugendliche beides: Filme zu sehen und im Kino zu genießen, sich aber auch mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie selbst oder Teens in anderen Kulturen haben.

Von der Berlinale werden Besuche ganzer Schulklassen pädagogisch unterstützt. Nach der Kontaktaufnahme können Lehrer in den Pressevorführungen Streifen vorab sehen, die ihnen individuell empfohlen werden. Ein Pädagoge war vom angebotenen „Mignonnes“ so begeistert, dass er mit seiner 7. Klasse kommen will und zur Reflexion ein gemeinsames Video plant. Diesen Film fand auch eine Lehrerin „cool“, die eine Schauspiel-AG leitet und sich dem Thema theatralisch annähern möchte: „Ich will vorher gar nicht so viel interpretieren“, meinte sie, „die Jugendlichen haben immer ganz eigene Sichtweisen auf Filme.“ Weiterlesen

Streiflichter zur Geschichte der Berlinale

Trotz mancher Krisen nahm die Berlinale eine schlüssige Entwicklung, die durch zwei Konstanten geprägt wurde: Sie ist ein Publikumsfestival und verwirklicht politische Ansprüche, die sich allerdings von den Vorstellungen ihrer Gründer und späterer Einflussnehmer lösten. Das Festival entwickelte immer die Kraft, sich selbst erhalten, wandeln und erneuern zu können.

Natürlich wurde 1951 die Erschaffung der Festspiele nicht aus cineastischen Gründen von den USA forciert. Im Kalten Krieg sollte das immer noch vom Krieg zerstörte West-Berlin ein politisches Schaufenster, gleichsam die Leinwand der freien Welt inmitten der DDR werden. Zuvor hatten fast ein Jahr lang sowjetische Truppen 1948/49 Westberlin belagert, die übrigen Alliierten versorgten die zwei Millionen Einwohner aus der Luft: „Apokalypse Now“. Wie ein Blockbuster im Kino.

Die Berlinale war also von Beginn an ein politisches Festival, das den Westberlinern auch Glamour und etwas Hollywood brachte: Von Gina Lollobrigida bis Meryl Streep, den Rolling Stones bis Ed Sheeran, Gary Cooper bis George Clooney kamen viele Weltstars auf den roten Teppich oder saßen in den Jurys.

Zum Ende der 1950er-Jahre verhalf das Festival französischen Filmemachern der „Nouvelle Vague“ um Claude Chabrol und François Truffaut, aber auch anderen europäischen Regisseuren zum Durchbruch. Ingmar Bergmann erhielt hier seinen einzigen bedeutenden Preis. Das „New Hollywood“ feierte in Berlin ebenso Erfolge wie der „Neue Deutsche Film“ Werner Herzogs oder Rainer Werner Fassbinders. Nach einer Krise wurde das „Forum“ vor 50 Jahren mit seinen experimentellen und kritischen Filmen in die Berlinale integriert.

In dem Jahrzehnt bevor Dieter Kosslick 2001 Festivalleiter wurde, waren die Besucherzahlen zurückgegangen, vielen Kritikern war das Programm zu seicht und zu amerikanisch geworden. Der neue Chef und sein Team führten weitere Sektionen ein und luden asiatische, afrikanische und südamerikanische Filmschaffende ein. Initiativen wie der schwule „Teddy Award“ oder Indigene Filme konnten assimiliert werden. „Ein über die Jahre mit Hollywood-Kitsch und Til-Schweiger-Komödien betäubtes Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus“, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG.

Zwei wichtige, sehr große komplementäre Bereiche wurden auch in Kosslicks Ära entwickelt: Der Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander, etwa im „World Cinema Fund“ oder die Begegnung von jungen und erfahrenen Kinoleuten in „Talents“. Zum anderen die Kontakte auf dem European Film Market mit zahlreichen Möglichkeiten zur kommerziellen Filmentwicklung und zum Vertrieb. Weiterlesen