„My Secret Garden“ – Kata Graál in der Kunststation

Vor einiger Zeit begannen in der Kleinsassener Kunststation die drei diesjährigen großen Herbstausstellungen. Unter dem selbst gewählten Titel „My Secret Garden“ bespielt die ungarische Künstlerin Kata Gaál in ihrer Schau einen Saal mit großformatigen Material- und Collagebildern. 

Manchmal steht ihre Welt buchstäblich auf dem Kopf. Dunkle heruntergekommene Industriekomplexe. Graue unwirtliche Stadtlandschaften. Düstere Mauern mit Graffiti. Gegen diese urbane Tristesse setzt die Künstlerin kräftige, unwirkliche Farben – und sich selbst. Denn die häufig auftauchende blonde Frau auf vielen Werken könnte sie selbst sein. Doch die etwa Vierzigjährige kreiert keine narzisstischen Selbstdarstellungen, sondern ihre einsamen oder lebhaften Aktionen vermitteln Bewegung – am Abgrund gegen den Verfall. 

Unverdrossen arbeitet Gaál hier an ihrer eigenen Welt, in „meinem geheimen Garten“, den sie auf den Objekten immer wieder der rauen Realität abtrotzt. „Der Welt kann man nicht entfliehen, aber im Rückzugsort des ‚Secret Garden‘ kann man mit Distanz klarer sehen, nachsinnen und individuelle Lösungen finden“, so Kuratorin Dr. Elisabeth Heil bei der Eröffnung.

Gaáls fast dreidimensionalen Bilder bestehen aus übereinander und nebeneinander geschichteten Stoffstücken, Textilien, gerissenen Papieren, Fotoresten und Zeichnungen auf Sperrholz. Ihre collagierten Welten muten durchaus realistisch an, doch gebrochen wird dieser Realismus oft durch gestalterische Details: Körperteile fallen aus dem Rahmen. Oder Kleider der dargestellten Frauen sind mit zahlreichen Stecknadeln gespickt. Dadurch entstehen eigenartige Linien in den Objekten und deren – mögliche! – ästhetische Gefälligkeit wird „durchstochen“.

Mit ihren gesellschaftskritischen Themen bewegt sich Gaál auf riskantem künstlerischem Terrain. Denn ihre Aussagen könnten allzu vordergründig und eindeutig werden. Ihre Bilder jedoch zeigen Spannung und Zerrissenheit, schaffen Irritationen, werfen Fragen auf – geben aber keine Antworten.

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Ein Rundgang durch die Ausstellung „Die Welt ist schön?!“

In der Kunststation Kleinsassen / Rhön ist derzeit die Ausstellung „Die Welt ist schön?!“ zu sehen. 52 Kunstschaffende widmeten sich dieser Frage mit unterschiedlichen Reaktionen und diversen künstlerischen Techniken. 

Bereits der Aufgang zu den Galerieräumen überrascht durch viele gelbe, unregelmäßig angeordnete Klebestreifen. Es ist eine Komposition, die im Dunkeln mit Schwarzlicht leuchtet, doch auch tagsüber irritiert sie die Wahrnehmung der Besucher und stimmt sie auf die Schau ein – siehe Foto oben. Denn etliche der ausgestellten Beiträge sind nicht eindeutig, sie provozieren eigene Assoziationen und entführen in neue Wirklichkeiten.

Beim Rundgang durch die Ausstellung ist die Wirkung einiger großformatiger Bilder überraschend. Größe ist zwar kein Wert an sich, doch manchmal treten einem die Werke quasi auf Augenhöhe gegenüber oder laden zum Eintauchen ein. Etwa in die riesige Ölmalerei „Sickernde Sonnenstrahlen“, in eine Landschaft, die durch das Licht eher abstrakt wirkt.

Spektakuläre, raumgreifende Installationen bilden Schwerpunkte in den Sälen – etwa das papierene Objekt „An manchen Tagen“. Düstere Wolken hängen in der Luft. Ein Stein scheint zu fallen. Durch den Raum treibt ein Wesen. Alles aus Papier mit schwarzem Graphit – man braucht Zeit, um in das Environment einzutauchen. Allmählich lässt sich nachempfinden, wie es der Künstlerin „an manchen Tagen“ geht… auch in einer schönen Welt. Am anderen Ende der Halle die eigenwillige Anordnung zweier größerer Linolschnitte mit uneindeutigen Darstellungen, die sich nur assoziativ erschließen. 

Wer länger verweilt oder wiederkehrt – kann fast übersehene, filigrane Arbeiten entdecken und berührt werden. Dazu gehören kleine, fotografisch und filmisch festgehaltene „Stillleben mit Seifenblasen“ oder „Perlen des Wassers“: Fläschchen mit Miniatur-Videos, in denen kurze Träume aufscheinen. Auch die Serie „Nester“ verzaubert – mit Objekten wie „Luxuriöses Nest“ oder „Kitschiges Nest“. Am Ende das harte, makabre „Asylnest“ aus Stacheldraht.

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Ein Rundgang durch die Gasometer – Buntes im Kessel

In zwei „Kesseln Buntes“ und einem Teil der Galerie zeigt der Kunstverein Fulda „Präsenz“ (Ausstellungstitel) im Museum Modern Art in Hünfeld/Ost-Hessen. 25 Kunstschaffende wurden in das alte Gaswerk eingeladen, die bei den Aufgaben des Vereins besonders engagiert waren. 

Eine Plane mit der Frau, die mit der Stirnlampe nach Kunst sucht, markiert den Eingang zwischen den Kesseln. Bereits im ersten Tank begegnet man einem gigantischen Wal im blaugefärbten Ozean, gemalt mit Ölpastell und Acryl auf Leinwand. Darunter – quasi auf dem Meeresgrund – lagern skurrile Wesen, rote oder oxidierte Stahlskulpturen, die mit den verrosteten Wänden korrespondieren. Sowohl deren Patina, als auch das Blau des Meeres setzt sich in den links angrenzenden dunklen Gemälden fort. 

Deren mythologische Motive – etwa „Die Göttin“ oder „Eruption“ – regen die Fantasien an. Dazwischen ein Mobile aus Kupferplatten, die sich in die Anmutung der Figuren und Rostwände einklingen. Es steht für Gleichgewicht und Leichtigkeit, mildert die etwas dunkle Wirkung der Ecke. Rechts von der „Begegnung mit dem Wal“ zwei Bilder wie Bullaugen. Man schaut hinaus aufs Wasser. Weitere ozeanische Blicke folgen bis zu dem Mann, der in seinem Werk eine Wand wasserblau streicht. Nun weiß er: „Beinahe am Meer zu sein“. Begrenzt wird das Wasser zu den folgenden Landschaften mit drei weißen Stelen.

Auffällig ist die hervorragende und ungewöhnliche Kuratierung – viele Beiträge beziehen sich aufeinander und den umgebenden Raum. In den Kesseln bricht diese Ausstellung konsequent das White-Cube-Konzept. Sie hebt die Kunstwerke nicht aus dem Alltag, lässt sie nicht autonom erscheinen oder für sich sprechen.

Noch stärker, geradezu als körperlich erfahrbares Eintauchen (Immersion) ist das im zweiten Behälter spürbar: Das Environment wird zum Erlebnisraum jenseits des White Cube. Von der Decke hängen zahlreiche „Himmel / Hirngespinster“, kleine textile und metallische Dinge, die den Blick auf eine sinnliche Serie von sechs großen schwarzweißen Akten oder kühne Objekte aus Bauschutt mit Gips („Mutter und Kind“) beeinflussen.

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„En Masse“ im Staatstheater Darmstadt

In der diesjährigen Gastspielreihe zum Ende der Spielzeit verwandelte sich das Staatstheater Darmstadt zur Bühne für zeitgenössische Zirkuskunst. Zwei australische Compagnien und einige regionale Initiativen wollten den hohen Anspruch realisieren: „Die Grenzen zwischen Tanz, Theater, Musik und Akrobatik neu (!) definieren.“ Wir besuchten die Choreografien „En Masse“ des Ensembles „Circa“, das mit seinen Mitteln Schuberts „Winterreise“ und Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ präsentierte. Zwei Werke, an denen sich seit Jahrzehnten die Tanzszene misst.

Neun Gestalten liegen vor dem geschlossenen Bühnenvorhang. Schuberts Wanderer aus der „Winterreise“ stimmt ein unverständliches Lied an – aber nicht das gewohnte „Fremd bin ich eingezogen…“ Langsam kriechen und schlängeln sich die Liegenden hinter den Vorhang, nur eine Tänzerin umgarnt, bedrängt, umschlingt den Tenor.

Knarzen. Geknatter. Dröhnen – eine Kakophonie elektronischer Klänge. Der Vorhang hebt sich, die Figuren sind in ein durchsichtiges Plastikzelt eingeschlossen. Wieder erklingt ein akustisch nicht zu verstehendes Lied aus Schuberts „Winterreise“. Im Zelt winden sich Menschen ineinander und übereinander. Rotten sich zusammen. Stemmen einander waghalsig hoch. Recken sich nach oben. Paare umklammern sich. Vielleicht ist es die Gesellschaft, von der sich der Wanderer abkehrt – oder seine eigenen Erinnerungen?

Nach einem weiteren elektronischen Einschub ertönen erneut Schubert-Klänge. Auf der nun leeren Bühne läuft ein Einzelner über zusammen gerottete Körper. Dann ringen viele plötzlich athletisch miteinander. Drei Figuren stehen halsbrecherisch aufeinander. Mühsam halten sie das Gleichgewicht. Eine tappt auf Spitzen mit grotesken Bewegungen durchs Bild. Dann hören wir den „Leiermann“, das Schlusslied. Doch die Musik wechselt weiter zwischen den Schubertklängen und elektronischen Tönen. Zum eigentlichen Anfangslied „Fremd bin ich eingezogen…“  kämpfen Paare wild und ungezähmt miteinander. Doch das Ende lässt immer noch auf sich warten. 

Mal erleben wir in den 12 Szenen Akrobatik pur, dann wieder bewegende Bilder einsamer Menschen. Annäherungen von Paaren. Ausgrenzungen oder Integration durch die Gemeinschaft. Die Compagnie zeigt eine zerrupfte Version der „Winterreise“.

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Die Choreografie „Let’s talk about Trance“ in Tanz_Kassel

„Let’s talk about Trance“ heißt die Kreation der Choreografin Andrea Peña, entstanden mit Teilen des Ensembles Kassel_Tanz. Also gut, sprechen wir über Trance.

Im Kellertheater des Fridericianums herrscht eine Atmosphäre wie im Fitness-Studio. Bereits beim Eintreten des Publikums in den kleinen Saal führt das Ensemble auf der Bühne rhythmisch angedeutete Kniebeugen aus. Alle hecheln im Takt: „Hah! – Hah! – Hah!“ „Das Licht erlischt. Als es wieder hell wird, setzt laute, vorantreibende Minimal-Musik ein. Stoisch führt die Compagnie ihre gymnastischen Übungen fort.“

Nach langer, langer Zeit beginnen leichte kollektive Variationen der Bewegungen, die Akteure gleiten, schweben, winden sich, zucken… Unaufhörlich impulsieren die Klänge die nun eher Tanzenden – irgendwann sogar zu freieren Körperaktionen im Raum. Trotz der andauernden Wiederholungen entfalten sich Musik und Tanz in kleinen, behutsamen Schritten. In dem intimen Raum ist die Nähe zu den Tänzerinnen und Tänzern sehr dicht, man kann sie spüren, riechen, mit ihnen verschmelzen. 

Wie die zwölf Tanzenden gleiten auch wir Außenstehenden allmählich in einen tranceartigen Zustand: Zeit wird bedeutungslos. Schwerelosigkeit stellt sich ein. Musik und Bilder ziehen uns mit. Man atmet im Rhythmus der sanften aber unerbittlich vorantreibenden Musik: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen… Gibt es noch ein drinnen oder draußen? Längst sind wir nicht nur visuell beteiligt. Eine Tänzerin steigt aus, setzt sich im Gang auf den Boden neben mich. Wiegt sich im Takt. Erhebt sich ein Stück. Ich bin verwirrt – ist sie aus ihrer Formation entwichen oder nur eine mutige Zuschauerin? Dann verschwindet sie wieder auf die Bühne – und ich kehre zurück in meinen Flow-Zustand.

In weiteren Teilen der Aufführung lösen sich die kollektiven Aktionen nach und nach auf, manchmal entstehen Soli. Akrobatische Begegnungen im Raum, eigenartige Pas de deux entspinnen sich. Unvermindert treiben die Minimal-Klänge an – mittlerweile halbnackte, schwitzende, klebende Leiber verschränken sich zu Zweier- und Dreierfiguren. Anfassen. Schmusen. Abstoßen. Auch zwischen den Männern und Frauen – im Sinne von „aufbrechenden Geschlechternormen“, wie die Choreografin meinte. Plötzlich: Gefühle. Handlungsfetzen. Zuvor war alles Bewegung pur. 

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„Maybe Wildness“ – Tanz im Mousonturm

Im Frankfurter Mousonturm präsentieren 35 Student*innen – in wechselnden Besetzungen – sechs Tanzstücke, die von ihren Lehrenden choreografiert wurden. Ein Ensemble sitzt zu Beginn eines Stückes im Kreis. In der Mitte tanzen und posieren einzelne Gestalten, versuchen sich im „Kontakthof“ vorteilhaft darzustellen. Bei Wechseln tragen sie Battles aus oder tanzen stürmisch miteinander, bevor die bewusst narzisstischen Soli weitergehen. 

Wenige Tage vor dieser Veranstaltung „Maybe Wildness“ erlebte ich in Berlin den „Kontakthof“ von Pina-Bausch, mit den alt gewordenen Tänzer*innen der Originalversion von 1978. Neun von ihnen agierten noch mit über 70 Jahren auf der Bühne – in denselben Rollen wie damals. Auch im Alter geht es weiter und weiter: Was tun Menschen noch immer, um geliebt zu werden, um anderen zu gefallen? Wie sehr müssen sie um Nähe und Distanz kämpfen?

Im Mousonturm geht es wirklich weiter, die jungen Tanzenden sind in den Zwanzigern, quasi Enkel von Pina Bausch. Sie beweisen, dass der Tanz lebt, es geht weiter und weiter – „ob sanft, unbekannt, anders oder wild“, wie es in der Ankündigung heißt. Darin wird auch verkündet, die „choreografischen Werke seien den Wanderungen, Abweichungen und dem Puls der nächsten Generation von Tanzkünstler*innen gewidmet“. Ein hoher Anspruch. Doch die Studierenden der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst konnten ihn durchaus einlösen.

Das Programm beginnt mit einer kleinen Etüde aus „The Second Detail“ von William Forsythe, also einem Klassiker aus der Erneuerung des Balletts in den frühen 1990er-Jahren. Zwei, drei Ballettfiguren werden zitiert, dann drehen, gleiten, flattern die Tanzenden mit immer bizarreren Bewegungen in sämtliche Richtungen auf der Bühne. Frieren flüchtig ein. Formieren sich neu. Tanzen weiter. So zeigen sie eine kleine Hommage an die Zeiten des Umbruchs.

Im Stück „Becoming“ kracht, knarzt, raucht es. Im Lichtkegel kämpft ein Paar ohne Berührung. Kontaktimprovisationen ohne Kontakt. Es wird heller, fünf Personen kommen dazu, lassen eine andere Gestalt in Zeitlupe über die Bühne tapsen. Wird ihr geholfen oder quält man sie? Dann finden alle zusammen, es entstehen Gruppenkämpfe ohne direkte Berührung.

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Staatsballett Berlin: „Winterreise“

Noch bevor die Musik beginnt, stakst ein Wanderer mit weiten, grotesken Bewegungen über die Bühne. Der zusammengeknäulte Schwarm schwarzer Gestalten erwacht langsam, synchron. Am Rand steht starr eine Frau, die mit verbundenen Augen einen Raben hält. Dann erklingt das bewegende Lied: „Fremd bin ich eingezogen / Fremd zieh‘ ich wieder aus.“ 

Mit diesen klagenden Worten des Dichters Wilhelm Müller beginnen die Gesänge der „Winterreise“. Bereits darin verdichtet sich das gesamte Thema von Verlassenheit und sozialer Kälte. Die neue Aufführung im Berliner Staatsballett ist jedoch die zeitgenössische Interpretation dieser romantischen Verse. Es sind nicht die wohlklingenden Sologesänge des Wanderers zu Franz Schuberts Klavierklängen zu hören, obwohl er in seiner Zeit heftig umstritten war. Stattdessen erleben wir die krasse Version des Komponisten Hans Zender aus dem Jahr 1993, komponiert für Tenor und kleines Orchester. Dazu tanzt das Berliner Staatsballett Assoziationen zu den 24 Gedichten Müllers.

Zenders „komponierte Interpretation“ greift auf das gesamte Spektrum neoromantischer und moderner Klänge zurück – bis zur Neuen Musik, ergänzt um alltägliche und exotische Geräusche. Tenor Matthew Newlin beherrscht die von Zender geforderten sanften oder kräftigen Gesänge ebenso wie Sprechgesang und groteske Stimmspiele. Das alles sollte man wissen – denn natürlich wirken auch die Choreografien zu den 24 Gedichten sehr zeitgemäß. Sie changieren zwischen modernem Ballett und aktuellem Tanztheater. Choreograf Christian Spuck wollte die Dichtungen nicht tänzerisch illustrieren, sondern vielmehr das Innere des einsamen und traurigen Wanderers in der rauen Natur zeigen. Er hat großes Interesse an verrätselten und abstrakten Tanzbildern.

Man weiß nicht genau was dem Protagonisten der „Winterreise“ widerfahren ist – offenbar hat die Geliebte ihn verlassen müssen. Nun streift er ziellos durch die kalte Welt, in jener verträumten Haltung, mit der die Romantiker das Wandern als Selbstzweck verklärten. Bereits in den ersten Szenen wird das deutlich, die nun durchgehend zu eigenen Assoziationen herausfordern. 
Freie, häufig rätselhafte Bilder ziehen sich durch alle Szenen, bis das Werk eineinhalb Stunden später mit dem gesamten, fast nackt wirkenden Ensemble endet.

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Berliner Theatertreffen 2025: „Kontakthof Echoes of ‘78“ von Meryl Tankard

Fünf Tänzerinnen, vier Tänzer sind übriggeblieben und begegnen sich in der Choreografie „Kontakthof Echoes of ‘78“ nach Pina Bausch von Meryl Tankard. Alt sind sie geworden, denn vor 46 Jahren gehörten sie zur Erstbesetzung dieses legendären Stücks. Doch nach wie vor sind sie einsam, flirten oder zanken sich – untereinander oder mit imaginären Gegenübern. Sie bieten sich an, zeigen ihre Körperteile, demonstrieren, was sie so können, begutachten die anderen, nähern sich an und quälen einander. 

Ihr „Kontakthof“ ist kein Raum für käufliche Liebe im engeren Sinne, sondern der Sehnsuchtsort dieser Menschen: Sie wollen wahrgenommen, berührt, geliebt werden und machen sich dafür zur käuflichen Ware. Zugleich präsentieren sie sich dem Publikum als Professionelle, als Auftretende, die gefallen müssen. Auf einer zweiten Ebene werden so auch die Zwänge des Tanztheaters zum Thema gemacht.

Dieses frühe Stück gehört zu den meist gespielten Arbeiten des Wuppertaler Tanztheaters. Bereits damals fragte sich Pina Bausch, wie das wohl wäre, es eines Tages mit ihren älter gewordenen Mitwirkenden zu inszenieren. 22 Jahre nach der Uraufführung erarbeitete sie eine Version mit Amateuren von über 65 Jahren. Kurz vor ihrem Tod entstand auch der „Kontakthof mit Jugendlichen“, der von einigen Mitarbeiterinnen ebenfalls mit Laien verwirklicht wurde. Diese Inszenierungen mit verschiedenen Generationen zeigen, dass Tanztheater nicht elitär ist, sondern alle Körper, alle Lebensalter und alle Erfahrungen einschließen kann. 

Viele Choreografien von Pina Bausch enden so wie sie begonnen haben. Man verlässt das Theater und denkt: Es hört nicht auf – das, was Menschen unternehmen, um geliebt zu werden. Wenn man das Stück Jahre später erneut sieht, hat man das Gefühl, es habe auch in der Abwesenheit nicht aufgehört. Tanzende wurden zwar ausgetauscht, andere haben die Rollen übernommen – aber das Spiel geht weiter, wie das Leben selbst.

„Echoes“ wurde im letzten Winter in Wuppertal uraufgeführt und ist nun zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen worden.

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Berliner Theatertreffen 2025: „Sancta“ von Florentina Holzinger

Während abends nach der Papstwahl im Vatikan weißer Qualm aufsteigt, tummeln sich vor der Berliner Volksbühne auf Rollschuhen fahrende oder Selfies machende Nonnen. Sie sind die Chorsängerinnen und Tänzerinnen des Stücks „Sancta“ von Florentina Holzinger, das zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen wurde und gleich beginnen wird.

Als der Vorhang aufgeht, zeigen sich etliche Zuschauende im Saal noch schnell den römischen Rauch auf ihren Smartphones. Auf der jetzt offenen Bühne liebt sich – explizit wie es neuerdings heißt – leidenschaftlich ein nacktes Frauenpaar. Ein Riesenroboter schwenkt eine große Kirchenkerze. Zwei Ordensschwestern singen „Mir ist als klängen bodenlose Tiefen.“ Wie Krebse kriechen einige entblößte Akteurinnen auf der Bühne herum, kraxeln schließlich die Bühnenrückwand hoch, die ein Bild aus der Sixtinischen Kapelle darstellt. Aber das wird erst später im Stück deutlich, wenn die Wand zerschlagen wird, um „die Kirche zu erneuern.“

Das Orchester im Bühnengraben spielt die Melodien aus Paul Hindemiths Einakter-Oper „Sancta Susanna“, und das Libretto wird vom Nonnenchor oder einigen Solistinnen gesungen. Darin geht es um die junge Ordensfrau Susanna, die in Verzückung gerät, erotische Begierde verspürt und sich gegen die strenge klösterliche Ordnung auflehnte. Das 1921 uraufgeführte Stück war gerade aufgrund der Vermischung religiöser und sexueller Motive damals extrem skandalös – und ist die Vorlage für Holzingers aktuelles Gesamtkunstwerk. Auch 100 Jahre später demonstrierten in Stuttgart und anderswo fundamentalreligiöse Fanatiker gegen die angeblich blasphemischen und frevelhaften Provokationen der Choreografin. 

Ein riesiges rotleuchtendes Kreuz kracht auf die Bühne. Darauf kopuliert jetzt das nackte Paar. Susanna reißt sich die Kleider vom Leib. „Ich darf Euch nun die Schwestern meines Ordens vorstellen“, verkündet sie. Bevor sie sich völlig entkleiden, agieren etliche Tänzerinnen mit Reststücken ihrer Nonnenroben. Die Hindemithklänge gehen in Rockmusik über. Ohrenbetäubendes Geschrei. Irrsinnige E-Gitarrenriffs einer Rollschuhfahrerin. Andere rasen mit ihren Rollerblades in der Half Pipe auf der Bühne. Eine riesige Glocke senkt sich herab, eine Tänzerin wird zum Klöppel und läutet die Ektase ein.

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Sarkastisch und engagiert

3.000 Leute feierten am Sonntagnachmittag den Comedian Dieter Nuhr in der ausverkauften Esperantohalle. Die große Überraschung – der Spaßmacher ist nicht nur bissig und sarkastisch, sondern auch positiv und engagiert. Man spürt, er ist kein Zyniker, wie seine linken oder rechten Kritiker oft behaupten, doch konsequent legt er seine Finger in viele offene gesellschaftliche Wunden. 

Sofort legt der Satiriker mit Donald Trump los, der aktuell in einem Bild als Papst posiert. „Dass der sich damit zufriedengibt, nur Stellvertreter Gottes zu sein“, meint er nachdenklich. „Aber ich respektiere ihn…als Kollegen. Putin lacht sich tot über ihn.“ Immer wieder will der Kabarettist mit dem Programm beginnen, aber ständig fällt ihm Neues ein: „Trumps ökonomischer Sachverstand ist so minimal, da könnte man sogar den Habeck als Berater schicken.“ 

Das ist bereits alles, was er zur Ampel-Koalition sagt, die ihm bisher so viel thematischen Zündstoff bot, stattdessen kommentiert er scharfzüngig die derzeitige politische Entwicklung. Fort sei nun „die fleischgewordene Aktentasche mit dem Charisma eines gefrorenen Fischstäbchens“, meint er über Scholz. März, der kommende Kanzler, wackle wie eine Figur der Augsburger Puppenkiste, Söder handle mit der Anmut eines Hütchenspielers, und Esken habe die Ausstrahlung einer Karteileiche. Gegen diese Leute könnte die AfD auch Schimpansen aufstellen, die würden – nicht nur im Osten – gewählt werden.

In einem bunten Reigen der Komik springt er vom medizinischen Notstand oder dem inflationären Gebrauch des Schimpfwortes „Nazi“ schließlich zur Sommerzeit. Wut sei ja der Urzustand der Deutschen: Eine Stunde habe man ihnen geklaut werde allerorten gejammert oder die innere Uhr funktioniere nicht mehr. „Aber bei einer Uhr im Bauch muss man zum Arzt“, weiß er. Grundsätzlich sieht er das Missverständnis, die Regierung habe die Aufgabe, allen Unzufriedenen die erwartete Heilung und Erlösung zu bringen. Viele Leute haben zu hohe Erwartungen an die Politiker, die angeblich für ihre Lebensunlust verantwortlich seien: „Die wollen gar keinen Kanzler, sondern einen Pfleger!“ 

Nuhr möchte nicht immer nur das Negative und Unschöne berichten. Eigentlich wolle er Frohsinn verbreiten: „So wie das Orchester auf der untergehenden Titanic. „

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