Wo Bilder und Bronzeskulpturen sich begegnen


In diesem Jahr feiert die Galerie Liebau ihr dreißigjähriges Bestehen. Bereits im Frühjahr zeigte das Kunsthaus die Ausstellung „Schätze der Galerie“ mit Arbeiten aus den drei Jahrzehnten. Vor kurzem begann die „Jubiläumsausstellung“ mit vier hochrangigen Künstlern.

Betritt man die Galerieräume, wird man sofort von einem riesigen Bild des hyperrealistischen Malers Yongtak Choi im Zentrum angezogen. Nahezu lebensgroß sieht man den Oberkörper einer grellbunt bekleideten Frau im Wasser liegen. Sie schaut entspannt in die Welt. Man weiß nicht: Ist sie unter Wasser oder liegt sie am Ufer? Über ihr schwirrt ein Vogel, doch neben ihr schwimmt ein Fisch. Unwillkürlich wird man an J.E. Millais‘ „Ophelia“ erinnert, doch dieses Bild „About the wind“ mutet an wie ein surreales Gegenbild zum historischen Gemälde. Bei Millais versinkt die Frau – bei Choi kippt die Welt um sie herum.

Daneben eine Bronzeskulptur von Michael Jastram, entstanden im Wachsausschmelzverfahren. Auf einem schmalen Boot – merkwürdigerweise auf Rädern – sitzt ein Reiter auf einem Pferd und begegnet einem großen scheibenförmigen Objekt. „Encounter“ heißt dieses ebenfalls surreale Zusammentreffen. Fast überall treffen bronzene Skulpturen des Bildhauers auf malerische Werke. Viele seiner Figuren treiben einsam wirkend auf Wasserwegen, im Unterschied zu früheren Arbeiten mit Menschen auf Karren oder Wagen.

Schon am Eingang kommt man an einem seiner feingliedrigen Barken vorbei, darauf ein stehendes Mädchen mit einem schmalen Ruder. Die Bronzeskulptur scheint auf die eigentlich abstrakte blaue Komposition von Günter Liebau zu gleiten Foto oben). Durch die farbigen Linien erscheint das Bild wie ein Meer mit Wolken. Aber durch einen brutalen roten Streifen sind Gewässer und Himmel getrennt. Es ist beileibe keine Landschaft. Gleich danach treibt noch ein weiteres Boot mit einem einsamen Wesen auf eine scheinbare blau-grüne Landschaft zu. So beeinflusst die Zusammenstellung der Werke unsere Fantasien und Assoziationen. 

Eine große Überraschung in den hinteren Räumen: Hier hängen weitere Materialbilder Liebaus, Mischtechnik auf Holz (Bild unten rechts). Er definiert sie jedoch explizit als Landschaften, inspiriert von der kanarischen Insel Fuerteventura. Der Ausgangspunkt ist neu, die malerische Sprache dagegen vertraut. Wieder arbeitet Liebau mit geschichteten Farbflächen, rauen Strukturen und reliefartigen Spuren. Doch aus der abstrakten Ordnung wachsen nun Horizonte, Himmel und Meer hervor. Die Werke changieren zwischen autonomer Farbkomposition und erinnerter Landschaft.

Zurück in den vorderen rechten Teil der Galerie. Hier wird man durch die großstädtisch wirkenden, grellen Plakatwände von Jens Lorenzen geradezu überwältigt. Martial-Arts-Kämpfer, literarische Figuren, Frankenstein, Zeitungsschlagzeilen und Werbung tauchen darin auf. Die Flächen wirken wie abgenutzte, abblätternde Plakatwände, könnten sogar Collagen sein. Doch alles ist mit Öl auf Leinwand gemalt. So überlagern sich historische Ereignisse und Popkultur, Nachrichten und Alltägliches zu einem hektischen visuellen Gewimmel.

Seit Jahren schafft Lorenzen diese Arbeiten, die er „Mauer“ nennt – ursprünglich angeregt durch die Berliner Mauer. Motive setzen sich über die Ränder einzelner Leinwände hinweg fort. So entsteht eine theoretisch endlose Mauer, die als Ganzes nie zu sehen sein wird. Einzelne Werkgruppen greifen unterschiedliche Themen auf – vor Jahren in der Kunststation „Jüdisches Leben“, hier Martial Arts, Literatur und Popkultur.

Die Bronzen spielen wieder mit. Verloren treiben zwei Gestalten auf einem Nachen durch die Hektik dieser Bilderwelt.


Service:
Die Ausstellung in Burghaun geht noch bis 11. Oktober 2026

https://galerie-liebau.de

Öffnungszeiten
Donnerstag bis Sonntag von 15 – 18 Uhr und nach Vereinbarung.

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