Zwischen Stühlen, Schmetterlingsdefekten und anderen Rätseln

Derzeit werden wir im Studio der Kunststation Kleinsassen mit Zeichnungen und Collagen von Isolde Nagel konfrontiert. Leicht sarkastisch und abstrahiert verdichtet sie in ihren Grafiken menschliche Erfahrungen – denn „Leben ist ständig“. So heißt der Titel ihrer Ausstellung.

Ineinander verknotete Beine und Arme. Dazwischen Stuhlteile. Kein Hintergrund. Umarmt sich ein Paar zwischen Stühlen? Zwei dieser ähnlichen Federzeichnungen heißen „Zwischen Stühlen“. 

Ein Bilderquartett, ebenfalls gestaltet mit Federzeichnungen sowie Farbstiften, wird „Deutungshoheiten“ genannt. Abermals Menschen auf schräg stehenden Stühlen. Sie schieben einander weg. Wer hat recht? Oder ineinander verschobene Gesichter. Große Nasen und Augen, grabschende Armen. Wer bestimmt hier naseweis das Geschehen? Thematisieren die Grafiken vielleicht – auf der Metaebene – sogar die Deutungshoheit in der Kunst: Wer bestimmt was Kunst ist – gute Kunst?

Zwei eher düstere „Burgfrieden“ mit vielen geballten Fäusten und abwehrenden Gesten, rahmen links und rechts ein Paar farbenfroher Blätter ein. Sie nehmen gleichsam die sinnliche „Festung der Träume“ und die fröhlichen „Gedanken für saure Zeiten“ in ihre mürrische Zange. 

Es sind keine realistischen Arbeiten mit eindeutigen Aussagen, welche die Hanauer Künstlerin kreiert. Es braucht etwas Zeit, um den Zusammenhang von Nagels Titeln, die häufig alltägliche Redewendungen sind, mit den Bildfragmenten herzustellen. Oder umgekehrt kann man lange die Versatzstücke betrachten, erkennen, was hier zusammengestellt wurde. Die Titel legen dann nachträglich Spuren zum Assoziieren. Auch die Redewendungen sind metaphorisch, ebenso unbestimmt wie ihre Werke.

Wer kennt es nicht, sich plötzlich hilflos „Zwischen Stühlen“ zu befinden oder in kritischen Momenten zähneknirschend einen vorübergehenden „Burgfrieden“ schließen zu müssen? Obwohl aus dem alltäglichen Leben genommen, könnten die Bilder auch politisch interpretiert werden. Man sollte das nicht überstrapazieren, aber selbst die scheinbar persönlichen Szenen tragen eine gesellschaftliche Dimension in sich. Die künstlerischen Grenzen werden fließend…

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Wenn ruhige Figuren und feine Zeichnungen einander begegnen“

Drei neue Frühjahrsausstellungen sind soeben in der Kunststation eröffnet worden, dazu die kleine Studioschau. Eine der großen Präsentationen trägt den Titel „Erfüllte Stille“ und vereint Skulpturen von Annette Meincke-Nagy mit Zeichnungen von Christiane Schlosser.

Gleich zu Beginn begegnen uns übergroße Köpfe der Bildhauerin auf hohen Sockeln, später auch lebensgroße Frauenbüsten. Alle Gesichter wirken entspannt, mal in sich gekehrt, mal herausfordernd – aber immer ohne dramatischen Ausdruck. Auch viele in der Ausstellung verteilte, vollständig modellierte Figuren sitzen meist recht zurückhaltend auf Sockeln zusammen und ruhen in sich. Sie sind leicht verkleinert modelliert, Körper und Antlitze vermitteln dieselbe Haltung. Manche sind leicht einander zugewandt, andere wirken völlig versunken und scheinen sich selbst zu genügen. Alle halten inne und sind still…

Diese Geschöpfe sind keine Porträts wirklicher Personen, individuelle Züge sind bewusst reduziert, auch wenn Meincke-Nagy Vorbilder aus Kunstgeschichte oder ihrer eigenen Fantasie aufgreift. Aufträge übernimmt sie nicht. Ihre Plastiken verkörpern letztlich Menschen mit archetypischem Ausdruck.

Die Skulpturen wachsen auf einem Drahtgerüst. Langsam werden sie Schicht für Schicht aus einer Papier- und Leimmasse modelliert, der Quarzsand und Pigmente beigemischt sind. So entstehen die leicht körnigen Oberflächen und die zurückhaltend gefassten Farben. Oft weiß die Künstlerin noch gar nicht, was bei ihrer Gestaltung herauskommt. Viele Figuren verselbstständigen sich, treten ihr gewissermaßen gegenüber. In ihrer Wohnung und im Atelier tauchen sie später sogar als „Mitbewohner“ auf, wie sie erzählt.

Ein deutlicher Gegensatz zu ihren dreidimensionalen Wesen sind die feinen Zeichnungen auf ungerahmten Blättern an den Wänden. Von weitem sind diese Grafiken von Christiane Schlosser kaum zu erkennen. Sie zwingen – oder erlauben – uns ganz nah an sie heranzutreten. Dann erfasst man fein getuschte Schlangenlinien oder zarte Reihen aus Punkten, Strichen und Häkchen in enger Folge – die gelegentlich gewandelt oder unterbrochen werden. Wir können sie Zeile für Zeile lesen, von links oben nach rechts unten, und nachspüren, wo die Künstlerin Entscheidungen für Variationen treffen wollte. Überraschenderweise drängten sich viele Leute in der Vernissage lange vor den Blättern und folgten aufmerksam den feinen Notationen.

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Die Geschichte der vergessenen Dinge

Zwischen Groteske und Zumutung: Udo Breitenbach in der Kunststation

Die dritte Winterausstellung in der Kunststation gestaltet Udo Breitenbach mit weiterbearbeiteten Fundstücken. Vor gut zwei Jahren gewann er mit einem seiner poetischsten Werke diese Einzelschau. Jetzt zeigt er „Sich selbst im anderen sehen“ noch einmal. Zwei identische Köpfe – einer ist weiß, der andere dunkelhäutig – betrachten sich in Spiegeln. Wenn man um das Objekt herumgeht, wird das weiße Antlitz dunkler oder das dunkle heller. 

In der damaligen Gemeinschaftsausstellung „Make Art AND Friends“ reagierten Kunstschaffende mit ihren Beiträgen auf die documenta 15 und deren unsägliche Forderung „Make Friends NOT Art“. Breitenbachs Werk schließt Freundschaften UND ist Kunst. 

Bereits im Eingang zur Schau wird die Bandbreite seiner Arbeiten deutlich: „Party ist over in Europe“ ist das kleine Überbleibsel eines Wohnwagens, der auf dem ganzen Kontinent herumfuhr. Dieses unbearbeitete Fundstück vom Sperrmüll symbolisiert für den Künstler den Zustand Europas. Das Gebilde daneben setzt Fundstücke als Assemblage zusammen: Der traurige Puppenkopf ist mit einer Weltkarte beklebt, in die ein Vogel piekt. Die Welt piept wohl nicht richtig, könnte man meinen. Aber die Bezeichnung des Objekts verweist ebenfalls auf den Titel der Ausstellung: „Noch zu retten?“ 

Gleich in Breitenbachs großer Halle liegt eine gefundene zerstörte Jesusfigur auf einem Eisenbett, eine Trauerschleife um seine kaputte Brust verkündet: „Unser Pazifismus / Ruhe in Frieden“. Im Hintergrund hängen feingerahmte Bundeswehrdecken mit der Inschrift: „Bundeseigentum“. Eine „Notunterkunft“ aus alten Landkarten, die früher in Schulen verwendet wurden, ist auf ein Zeltgestänge montiert. Ein Bett darin ermöglicht vielleicht von alten Zeiten zu träumen, als Deutschland noch größer war. Den Künstler erinnert seine Installation jedoch an Flucht und Vertreibung. 

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Bilder wie Musik – Helmut Gutbrod in der Kunststation

Die dritte Herbstausstellung in der Kunststation ist dem bildenden Künstler und Musiker Helmut Gutbrod gewidmet. Es ist zwar seine Einzelschau malerischer und grafischer Werke, dennoch sind sie – unter dem Titel „Natur / Struktur“ – gemeinsam mit poetischen Skulpturen und Wandcollagen von Hannelore Weitbrecht zu sehen. In zwei Hallen werden die unterschiedlichen Werke konfrontiert, weil beide Kunstschaffende Bildwelten zur Natur formen, die in einen spannungsvollen Dialog treten. 

Jedoch erschafft die Bildhauerin ihre eigenen natürlichen Formen (wir berichteten), auch Gutbrod arbeitet im weitesten Sinne nach der Natur. Ebenfalls kreiert er keine Nachahmungen, sondern versucht die Klarheit und Kraft elementarer Formen und Strukturen einzufangen. Seine Gemälde und Drucke zeigen scheinbar Kombinationen eigenartiger Landschaften und merkwürdiger Figuren. Aber bei genauem Hinsehen entpuppen sie sich als reine Arrangements aus farbigen Flecken, verdichteten Punkten, unterschiedlichen Linien und geometrischen Gebilden.

Monika Ebertowski, Leiterin des Hauses, meint, er spiele mit Tonalitäten, Sättigungsgraden, Farbschichten und eröffne verblüffende Bezugsfelder aus strukturierten und freien Flächen: „So schafft er unterschiedliche Effekte und Temperamente, die in mir musikalische Assoziationen wecken.“ 

Diese, oft aus verschieden gestalteten Leinwänden zusammengefügten „Gemälde“, erzählen nichts, sie sind weder Abbilder noch Botschaften, sondern autonome ästhetische Gestaltungen. Schließlich ist der Künstler ebenso Musiker – und man kann seine Bildkompositionen wie Klänge wahrnehmen. Sich von ihnen verzaubern oder verstören lassen. Vor ihnen meditieren.

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Wenn Papier zu atmen beginnt – Hannelore Weitbrecht in der Kunststation

In der zweiten der drei aktuellen Herbstausstellungen in der Kunststation Kleinsassen/Rhön präsentiert Hannelore Weitbrecht ihre sinnlichen Objekte. Staunend betrachtet man feine Gebilde aus Pergament, Draht und Naturfunden, die wie eigenartige Traumwesen wirken oder bizarre Gestalten aus erdachten Landschaften. Pustet man einige an, scheinen sie sogar zu atmen. 

Die Arbeiten verwirren die Sinne – man fragt sich, ist das nun Kunst oder Natur? Aber die Künstlerin fertigt keine Nachbildungen der Pflanzenwelt, sondern erschafft sich ihren eigenen Kosmos. Sie greift Wachstumsprozesse auf – daher heißen und zeigen ihre kleinen zarten Skulpturen „Wachsen“, „Aufbruch“ oder „Aufzucht“.

Über diese und ähnliche kleinformatigen Werke hinaus entfaltet ihr Oeuvre in der Kunststation eine bemerkenswerte Vielfalt. In einer Halle errichtete sie einen größeren Garten: Papierobjekte und Zweige formen eine Wand aus „Blüten“, am Boden liegen „Blätterwirbel“ oder wachsen „Blütenstämme“, so die Titel. Die „Keime“ bilden eine zentrale Installation aus knolligen Körpern. Sie verdichten sich zur Mitte, daraus wachsen unterschiedlich hohe Triebe. Auch sie entstehen aus denselben Materialien und Techniken.

In einer anderen Halle wirken ihre sechs großen Doppelschalen und acht Gartengeräte wie schwere Holzobjekte. Doch allesamt sind diese Plastiken – insgesamt tituliert als „Ernte“ – ebenfalls leichte Skulpturen aus Papier, Draht und Farbe. Papier ist der Grundstoff fast aller ihrer Werke, gefaltet, verknittert, geknüllt wird es zum erstaunlichen Rohstoff. Die Künstlerin verwandle Papier in Seherlebnisse, so ein Kollege.

Besonders in ihren 16 „Kleingärten“ integriert die Künstlerin neben dem Papier eine Vielzahl von echten Naturmaterialien – Samenschoten, Kerne, Zweige – zu ästhetischen Verschmelzungen. In dieser Gartenkolonie aus kleineren, jeweils gleichgroßen Bildkästen verknüpft sie das Natürliche und das Kulturelle auf faszinierende Weise. 

Einer der Höhepunkte ihrer Ausstellung ist die eigenartige Wand „Pflanzenversuchsfeld“.

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„My Secret Garden“ – Kata Graál in der Kunststation

Vor einiger Zeit begannen in der Kleinsassener Kunststation die drei diesjährigen großen Herbstausstellungen. Unter dem selbst gewählten Titel „My Secret Garden“ bespielt die ungarische Künstlerin Kata Gaál in ihrer Schau einen Saal mit großformatigen Material- und Collagebildern. 

Manchmal steht ihre Welt buchstäblich auf dem Kopf. Dunkle heruntergekommene Industriekomplexe. Graue unwirtliche Stadtlandschaften. Düstere Mauern mit Graffiti. Gegen diese urbane Tristesse setzt die Künstlerin kräftige, unwirkliche Farben – und sich selbst. Denn die häufig auftauchende blonde Frau auf vielen Werken könnte sie selbst sein. Doch die etwa Vierzigjährige kreiert keine narzisstischen Selbstdarstellungen, sondern ihre einsamen oder lebhaften Aktionen vermitteln Bewegung – am Abgrund gegen den Verfall. 

Unverdrossen arbeitet Gaál hier an ihrer eigenen Welt, in „meinem geheimen Garten“, den sie auf den Objekten immer wieder der rauen Realität abtrotzt. „Der Welt kann man nicht entfliehen, aber im Rückzugsort des ‚Secret Garden‘ kann man mit Distanz klarer sehen, nachsinnen und individuelle Lösungen finden“, so Kuratorin Dr. Elisabeth Heil bei der Eröffnung.

Gaáls fast dreidimensionalen Bilder bestehen aus übereinander und nebeneinander geschichteten Stoffstücken, Textilien, gerissenen Papieren, Fotoresten und Zeichnungen auf Sperrholz. Ihre collagierten Welten muten durchaus realistisch an, doch gebrochen wird dieser Realismus oft durch gestalterische Details: Körperteile fallen aus dem Rahmen. Oder Kleider der dargestellten Frauen sind mit zahlreichen Stecknadeln gespickt. Dadurch entstehen eigenartige Linien in den Objekten und deren – mögliche! – ästhetische Gefälligkeit wird „durchstochen“.

Mit ihren gesellschaftskritischen Themen bewegt sich Gaál auf riskantem künstlerischem Terrain. Denn ihre Aussagen könnten allzu vordergründig und eindeutig werden. Ihre Bilder jedoch zeigen Spannung und Zerrissenheit, schaffen Irritationen, werfen Fragen auf – geben aber keine Antworten.

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„Freiheit und Struktur“ – Hans-Hermann Hacks Malereien in der Kunststation 

Mit dem Jazz-Klassiker „Take Five“ eröffnete Saxophonistin Diana Schmitz die Vernissage der Ausstellung im Café der Kunststation und lockte dann das Publikum mit „Summertime“ ins Studio. Hans-Hermann Hack verzauberte dort die Leute mit seinen gut 20 „sommerlich“ farbfreudigen, ungegenständlichen Malereien.

Er starb vor fünf Jahren nach langer Tätigkeit als Schulleiter in Weyhers (Rhön). Darum war es berührend, dass er nun durch seine Werke im Klassenraum der einstigen Grundschule Kleinsassens präsent wurde. Die Kunststation legt Wert drauf, regionale und internationale Kunstschaffende vorzustellen.

Im kleinen Studio beziehen sich die gut kuratierten Bilder aufeinander, Farben oder Muster setzen sich in der jeweils nächsten Komposition fort. Obwohl auch mal ein blaues Gemälde krass aus der Reihe fällt. Fast unmerklich gehen die Arbeiten von völlig abstrakten Arrangements in erkennbare blütenartige Gebilde über, beinhalten dann ornamentale Formen und wirken am Ende des kleinen Rundgangs technisch und strukturiert. Deshalb heißt die Schau „Freiheit und Struktur“ – sie beinhaltet tatsächlich die ganze Bandbreite des Titels.

Der Künstler (in Hack) entwickelte sich gleichsam von selbst, er beschäftigte sich mit zeitgenössischer Kunst, war auch in der kreativen Szene Fuldas präsent und stellte gelegentlich seine Werke aus. „Er war mehr oder weniger Autodidakt“, meinte Kuratorin Dr. Elisabeth Heil in ihrer Einführung, „aber er hat nichts nachgeahmt und entfaltete seinen eigenen Stil.“ 

Mit – möglicherweise – heftigen und freien Gesten stupste, strich oder kleckste der Künstler die Farben auf den Untergrund, fügte weitere Schichten und Gebilde hinzu, um ein Gleichgewicht der Kolorierungen und Formen zu erreichen. Zuweilen malte er auch strengere geometrische Kreise oder „Räder“ auf die ersten Schichten.

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Michal Fuchs: „Die Quadratur des Kreises“

In der Kunststation Kleinsassen (bei Fulda) präsentiert derzeit die israelische Künstlerin Michal Fuchs ihre große Einzelausstellung „Die Quadratur des Kreises.“ 

Die Jury des documenta-kritischen Wettbewerbs „Make Friends AND Art“, wählte im Sommer 2023 den Beitrag der Künstlerin als beste Arbeit: Ein kleiner Sandhaufen verkörperte die palästinensische Wüste. Darüber schwebte eine riesige Kaktusfeige aus Aluminium. „Von dem Land hinab zu gehen“ hieß dieses Objekt. Fuchs wies darauf hin, dass Israelis und Palästinenser diese Pflanze metaphorisch für ihre eigene Wehrhaftigkeit beanspruchen; sie drücke den Überlebenswillen beider aus.

In ihrer Schau greift sie das Thema „Von dem Land hinab zu gehen“ erneut auf und zeigt unter anderem eine Installation mit 18 filigranen Dreimasterblumen aus Eisen, die jeweils aus Betonsockeln herauszuwachsen scheinen. In kleine Mulden um die Pflanzenstelen wird täglich Wasser eingefüllt, damit die eisernen Objekte während der Ausstellungszeit rosten. 

Die aus Mexico stammenden Blumen bilden in der Natur oft starke Wurzeln und gelten als widerstandsfähig. In der Installation sind sie einbetoniert und wirken dauerhaft gefangen. Jedoch symbolisiert der während der Ausstellung entstehende Rost nicht nur Verfall, sondern winzige „Luftwurzeln“, die für Neuanfänge stehen. So strahlt das Werk trotz seiner düsteren Anklänge Zuversicht aus. 

Gleichzeitig hat es eine weitere, bedrückendere Bedeutung: „Auf Englisch und Hebräisch heißt die Pflanze „The Wandering Jew“ („Wandernder Jude“) und verweist auf die antisemitische Legende vom „Ewigen Juden“: Er wurde von Christus bestraft und muss stets wandern, ohne Wurzeln zu schlagen: Dadurch wird er zum ewigen Migranten! Dieses Thema der Migration, Verpflanzung, Aus- und Einwanderung beschäftigt die Künstlerin in vielen ihrer Arbeiten. 

Fuchs‘ Objekte wirken faszinierend und geheimnisvoll, selbst wenn man nichts darüber weiß. Sie stehen ästhetisch zunächst für sich selbst. Zusätzliche Wandtafeln in der Ausstellung legen Spuren für eigene Interpretationen. Allerdings chiffriert die Künstlerin keine Botschaften, die es zu entschlüsseln gilt.

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Simone Distler: Gestische Malerei

In einer der drei neuen Herbstausstellungen der Kunststation in Kleinsassen/Rhön zeigt Simone Distler ihre gestischen Malereien unter dem Titel „Resonanz“. Die häufig expressiven, aber meist nicht farbkräftigen Werke – in Mischtechnik auf Leinwand – sind eigentlich abstrakte Kompositionen.

Distlers Arbeiten bilden nichts ab, sind ungegenständlich, dennoch muten viele an wie unwirtliche wilde Landschaften, vereiste weiße Felsen, schroffe Gebirge, stürmische Meere. Da lässt auch vielleicht der romantische Maler William Turner grüßen. Doch die Künstlerin malt nicht nach der Natur.

Mit mehr oder weniger ungestümen Gesten trägt sie Farben auf die Leinwände auf, es entstehen ungeplante dynamische oder ruhige Spuren und Gebilde. „Die Farbe ereignet sich“, meinte Kuratorin Elisabeth Heil in der Vernissage. Während der Arbeit fragt sich die Künstlerin immer wieder: „Will ich das so haben oder soll ich das Entstandene wieder aufbrechen.“ Sie führt gleichsam „Selbstgespräche“, so nennt sie ihren Arbeitsprozess. 

Beim Malen befindet sich Distler in einem ständigen Zustand der Resonanz auf die Eigengesetzlichkeit der Farbe: sie reagiert, schwingt mit, kommuniziert oder wehrt ab, distanziert sich, ändert. Darum bilden ihre Werke nichts Gegenständliches ab, bewahren jedoch (auch) die Emotionen der Künstlerin. Bei uns Betrachtern können sie ebenfalls Gefühle auslösen, Resonanzen, auch wir können reagieren, mitfühlen und mitschwingen.

Mehr als die Hälfte der 30 ausgestellten Werke sind „ohne Titel“, deshalb werden die Betrachter sowieso auf sich selbst und ihre Fantasien zurückgeworfen. Mitunter gibt die Malerin ihren Schöpfungen nachträglich Titel, etwa wie dem Werk „Ruhe bewahren“ auf unserer Abbildung. Das Gemälde wirkt wie eine Schnee- oder Sandlandschaft von oben. Wir können eine Insel erahnen, denn am Rand ist blaues Wasser. Etwas Düsteres, Fremdes, Unbekanntes senkt sich herab, legt sich auf ein vogelartiges oder anderes belebtes Wesen. Oder hat es bereits teilweise verschlungen. In den oberen Gebilden kann man auch kleine Monster erkennen. Irgendetwas Dramatisches scheint hier zu passieren, aber die Künstlerin rät uns: „Ruhe bewahren!“

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„Lebensformen“

Gisela Eichhardt ist eine der drei neuen Ausstellerinnen in der Kunststation Kleinsassen/Rhön

Kaum war in Kleinsassen die Kunstwoche vorbei, begannen bereits eine Woche später in der Kunststation drei neue Ausstellungen. Bewusst hielt die Station die große Papierausstellung bis zum Ende des Festivals geöffnet und beteiligte sich mit Workshops und Aktionen.

Im Folgenden stellen wir Gisela Eichhardt als erste der Ausstellenden mit ihren „Lebensformen“ (Titel) vor. Gleich beim Betreten ihres Saals begegnet man zwei großen, halbwegs realistischen Holzfiguren. Zunächst stößt man auf die „Braut“, die angesichts ihrer Hochzeit eher nachdenklich, bedrückt und in sich gekehrt wirkt. Etwas weiter steht der Doppelkopf „Zusammen allein“. Er könnte siamesische Zwillinge oder ein eng verbundenes Pärchen darstellen, aber auch das widersprüchliche Innere einer Person. Hoffnung macht ein einzelner Flügel, der dieses hölzerne Werk optimistisch aufhellt.

Die weiteren menschlichen, meist weiblichen Skulpturen der Bildhauerin sind ebenfalls leicht naturalistisch ausgearbeitet und wirken genauso verschlossen und nachdenklich. Wichtig ist, um die Figuren herumzugehen, um deren Ausdruck und mögliche Gefühle zu erfassen. Einige sind Fragende: „Wohin“ heißen zwei Wesen, der Holzmann ist ein „Suchender“. Die Arbeitsspuren im Holz, die „Narben“, sowie die dezente Übermalung schaffen eine eher traumartige Anmutung der Geschöpfe. Manche Titel weisen zwar Wege, überlassen aber letztlich die Interpretation den Betrachtern.

Keinesfalls sind die hölzernen Bildhauereien Porträts realer Menschen. Stattdessen sehen sie so aus, als seien sie aus den Baumbildern gekommen, die sie an den Wänden als Bilderwald oder Waldbilder umgeben. Doch um die Skulpturen herum hängen keine Abbilder der Natur, sondern Abdrucke von Natur- und anderen Materialien, die lediglich wie eigenartige Bäume und fantastische Landschaften erscheinen.

Diese wald- und landschaftsartigen Objekte bilden die zweite Werkgruppe der Künstlerin und muten unwirklich, ja fantastisch an.

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