Wenn Wunden Formen werden

Vor einiger Zeit wurden in der Kunststation Kleinsassen/Rhön drei große Herbstausstellungen sowie die Studioausstellung mit kürzerer Laufzeit eröffnet. Wir beginnen die Besprechungen mit den Arbeiten der Künstlerin Reinhild Gerum und dem Hinweis auf die Artothek im Studio.

In der Halle von Gerum fallen zunächst die gleichgroßen, fast einfarbigen Bilder „Standortbestimmung“ auf (Foto). In diesem Zyklus zeigt sie – wenn man so will – landschaftsartige Kompositionen. Aus dicken Schichten von Ölpastell auf rotem oder grünem Grund kratzte sie Furchen heraus und legte so die leicht andersfarbige Schicht darunter wieder frei. Die Werke haben dadurch etwas Verletztes, zugleich aber auch Strukturiertes. Auf einem Bild wirken die Einkerbungen wie eine Wunde. Möglicherweise transformieren sie persönliche Erfahrungen der Gestalterin, vielleicht verweisen sie aber auch auf unbestimmte Orte. Denn zugleich lassen Auskratzungen und Risse Horizonte, Ufer, Himmel und Erde entstehen. Dadurch wird die Anmutung als Landschaft verstärkt. Und aus einer grünen Arbeit scheint sogar helles Licht auf. 

Gerum macht keinen Hehl daraus, dass ihre Kunst durch individuell erlebtes Leid oder unmittelbare Betroffenheit von dramatischen Ereignissen wie dem Terroranschlag vom 11. September beeinflusst ist. „Geschichten des Lebens“ heißt ihre Kleinsassener Ausstellung, in der sie drei Werkgruppen präsentiert. Doch ihre Erzählungen sind kein Wundenlecken, ihre Werke kein therapeutisches Diagnosematerial. Denn sie hebt ihre Welt- und Lebenserfahrungen dialektisch auf. Ihre möglichen Wunden verschwinden nicht. Durch die Form werden sie in allgemeine Erfahrungen verwandelt – und zugleich bewahrt. Das kann uns berühren, auch wenn wir ihre Geschichten nicht kennen.

In der zweiten Gruppe „Zentriert“ hat Gerum unterschiedlich farbige, quadratische Bilder zu jeweils neunteiligen Gruppen zusammengestellt. Konzentrische, weich ineinander übergehende Quadrate lenken den Blick auf den Kern, wo sich die Farbe verdichtet. Mal scheint das Zentrum von innen zu leuchten, mal schafft es einen dunklen oder kühlen Gegenpol zu den umgebenden Farben. Während sich die „Standortbestimmungen“ durch die Horizontalen nach außen öffnen, strömt hier alles auf einen Mittelpunkt zu. Beim Betrachten stellt sich eigentümliche Ruhe und Sammlung ein.

Die dritte Gruppe zeigt „Erdflügel“ – große, an den Wänden flatternde Objekte in Blattform aus Stoff und verschiedenen Papieren. In die Acrylfarben mischte die Künstlerin von ihr gesammelte Erden. Was immer diese Flügel bedeuten mögen – zunächst vermitteln sie Leichtigkeit. Schweben. Abheben. Wie Dr. Elisabeth Heil bei der Eröffnung meinte, erzählen sie vom Widerstreit zwischen dem Wunsch davonzufliegen und der Bindung an den Boden.

Im kleinen Raum neben dem Saal hat Gerum die Leporello-Installation „Ich hatte unfassbares Glück“ aufgebaut. Eine Wandzeitung fordert die Besucher auf, eine persönliche Geschichte ihres Glücks aufzuschreiben. Zwischen den bereits aufgehängten Berichten und noch leeren Flächen schaffen kleine quadratische Farbbilder visuelle Ruhepunkte und treten mit den Erzählungen in Beziehung. Alles hängt an den im Zickzack gefalteten Pappwänden des Hüttchens. Im Laufe der Ausstellung werden weitere Texte hinzukommen. So öffnen sich Gerums „Geschichten des Lebens“ am Ende auch für die Geschichten der anderen.


Noch ein Blick ins Studio: „TIERisch gut“ versammelt 25 verleihbare oder käufliche Arbeiten der Artothek – vom „Dackel mit Hut“ bis zur „Ratte mit Vögeln“. Eine kleine Tierversammlung zu meist annehmbaren Preisen bis zum 2. Oktober 2026.


Service:
Die großen Herbst-Ausstellungen gehen bis zum 22. November 2026

Öffnungszeiten:
Sommerzeit: Di. – So. & Feiertage von 13 – 18 Uhr 
Winter ab 24. Oktober: Do. – So. & Feiertage von 13 – 17 Uhr

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