Sasha Waltz – Grenzgänge der Tanzkünstlerin

Im letzten Vierteljahrhundert wurde Sasha Waltz (56) zur innovativsten Tanzkünstlerin Europas. Mit ihrem Ensemble „Sasha Waltz & Guests“ entwickelte sie zuerst das zeitgenössische Tanztheater weiter. Doch sie überwand nicht nur die Grenzen dieses jungen Genres, sondern auch zur Oper und bildenden Kunst.

Aus ihren Bewegungen heraus singt eine Sopranistin. An Mauervorsprüngen hängen lebendige Menschen. Hände greifen aus Wänden nach Tänzern. In einem riesigen Aquarium schwimmen Tänzerinnen. Es sind erstaunliche Bilder und absonderliche Geschichten, die Waltz dem Publikum zeigt, doch die sind nicht als erzählende Dramen geplant. Die Basis ihrer Stücke sind Orte, die sie mit ihrer Compagnie körperlich erkundet:

„Ich denke an Raum, noch bevor ich an Bewegung denke.“

Im Jahr 2000 war ihre Co-Intendanz mit dem Theater-Regisseur Thomas Ostermeier in der legendären Berliner Schaubühne eine Wende. Hier hatte sie zum ersten Mal – für das Stück „Körper“ – Gelegenheit auf einer gigantischen Bühne zu arbeiten. „Dadurch, dass ich in diesen Raum gegangen bin, hat sich etwas anderes, Neues entwickelt.“

Einige Zeit nach dem Zerbrechen der fünfjährigen Kooperation mit Ostermeier hinderte eine Erschöpfungsdepression sie ein Jahr lang am Arbeiten. Bald darauf, 2009, bespielte sie mit ihrem Ensemble das umgebaute, noch leere Neue Museum in Berlin, im Jahr darauf das römische Museum MAXXI vor dessen Eröffnung. Mit diesem völlig neuen Genre führte sie ihre „Dialoge“ weiter, bei denen sie bereits große leere Räume tanzend erforschte und darüber mit dem Publikum ins Gespräch kam. Waltz arbeitet gerne mit anderen Künstlern, mit Gästen, zusammen, daher der Name ihrer Compagnie:

„Ich habe schon immer den Austausch gebraucht, das Gemeinsame und Lebendige.“

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Performance „Baby was a black sheep“

Performance während der Kunstwoche
auf der Wiese neben der „Kunststation“ Kleinsassen (Rhön)

Mit zwölf weißen Kunstschafen und einem schwarzen Schaf zeigen Hannah Wölfel und Hanswerner Kruse einige kleine Performances neben der „Kunststation“ Kleinsassen. Mal gruppieren sie die weißen Tiere bedrohlich um das schwarze, mal führt das schwarze Schaf mutig die weißen an. Durch kleine Veränderung in den Beziehungen der Geschöpfe zueinander können sich auch die Gefühle der Zuschauer verändern – die können schwanken zwischen Mitleid, Empörung oder fröhlicher Überraschung.

Wie verändern sich diese Tableaus wenn die beiden Performer selbst als Kunstfiguren zwischen den Schafe agieren, sich daneben legen oder dazu stellen? Wie verhalten sich die Kunstwerke auf der Wiese und die Schafe zueinander? Wölfel und Kruse wollen das Entstehen neuer lebender Bilder ausprobieren und zeigen die Performance:

baby was a black sheep…“ am Samstag 19. August während der Kunstwoche
um 16 und 17 Uhr auf der Wiese neben der „Kunststation“ Kleinsassen
Eintritt frei!

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Foto:
Performance „baby was a black sheep…“ in Steinau vor dem Museum Grimm-Haus

Die beiden Performer Wölfel und Kruse leben in Schlüchtern und Berlin. Als „Gruppe Prompte Rührung“ arbeiten sie mal intensiver, mal sporadisch als Aktionskünstler zusammen. Ihre erste Performance inszenierten sie 1987 auf dem Frankfurter Römer.

F°-LAB – Das erste Performance-Festival in Frankfurt

Im Frankfurter Gallusviertel präsentiert das LAB, eine mit dem Mousonturm verbundene experimentelle Spielstätte, sein erstes Performancefestival. Das Programm vom 22. Juni bis zum 1. Juli wurde in einer Pressekonferenz vorgestellt.

Die riesige weiße Halle 1 im LAB ist durch einen transparenten Vorhang geteilt. Am Rand liegt Alltagskleidung der Tanzenden herum, dazwischen Äpfel, Wasserflaschen, Aufzeichnungen. Eine größere Gruppe probt hier eine längere Choreografie. Hinter dem Vorhang empfängt ein junges Paar in seltsamen Blümchen-Anzügen die Pressebesucher. Zu sanfter Klaviermusik klammern sie sich aneinander, verschmelzen, lösen sich, begegnen einander erneut: Ein Pas de Deux so freundlich wie ihre farbenfrohe Kleidung. In Halle 2 geht es dagegen düsterer zu, hinter einer Absperrung aus weißer Gaze wuseln Wesen in weißen Anzügen, davor bewegt sich gelegentlich ein Tänzer zu elektronischer Musik, mal ganz wild und flatternd, dann wieder ruhig und entspannt.

Hier eine schlichte, fast neoromantische Choreografie, dort eine verrätselte aber bedrohliche Inszenierung. So unterschiedlich wie die beiden Tanzstücke ist auch das Festival-Programm. Professionelle, bereits bekannte Performer des Ensemble Moderns und der Dresden Frankfurt Dance Company begegnen zehn Tage lang Absolventen aller hessischen Hochschulen für Theater, Tanz und Musik. Der Gießener Komponist und Professor Heiner Goebbels schrieb zum Geleit ins Programmheft: „Wenn Kunst nur im Kopf entsteht, reproduzieren wir, was wir schon wissen.“ Neue Kunst aber brauche ungewöhnliche Orte und interdisziplinäre Begegnungen.

Täglich gibt es also mehrfach tänzerische, musikalische und theatralische Darbietungen, die meist in Grenzbereichen des Gewohnten angesiedelt sind. Weiterlesen

„Baby was a black sheep“ – Performance in Steinau am 11. Juni

Performance „baby was a black sheep…“ am Sonntag 11. Juni im Garten des Museums Brüder Grimm-Haus um 15, 16 und 17 Uhr. Eintritt frei!

Mit zwölf weißen Kunstschafen und einem schwarzen Schaf zeigt die Gruppe Prompte Rührung ( Hannah Wölfel / Hanswerner Kruse) einige kleine Performances im Garten des Museums Brüder Grimm-Haus. Mal gruppieren sie die weißen Tiere bedrohlich um das schwarze, mal führt das schwarze Schaf mutig die weißen an. Durch kleine Veränderung in den Beziehungen der Geschöpfe zueinander können sich auch die Gefühle der Zuschauer verändern – die können schwanken zwischen Mitleid, Empörung oder fröhlicher Überraschung.

Wie verändern sich diese Tableaus wenn die beiden Performer sogar selbst als Kunstfiguren zwischen den Schafe agieren, sich daneben legen oder dazu stellen? Wölfel und Kruse wollen das Entstehen neuer lebender Bilder ausprobieren und zeigen.

Einige Schlüchterner werden sich bestimmt freuen, wenn die Schafe wieder da sind. Wochenlang standen die Kunst-Tiere in unterschiedlichen Situationen auf der Schlüchterner Brache zwischen Fuldaer und Breitenbacher Straße. Alle vorbeikommenden Kinder mussten unbedingt die Schafe streicheln, viele Spaziergänger nahmen Anteil, als das schwarze Schaf geklaut wurde. Aber schnell wurde von den weißen Schafen, wie im wirklichen Leben, ein neues schwarzes Schaf ausgeguckt.

Die beiden Performer Wölfel und Kruse arbeiten als „Gruppe Prompte Rührung“ mal intensiver, mal sporadisch als Aktionskünstler zusammen. Ihre erste Performance inszenierten sie 1987 auf dem Frankfurter Römer.

Der Traum des Künstlers Both-Asmus über Bäume zu laufen…

Der in der Region Fulda aufgewachsene, nun in Berlin lebende Künstler Christoph Both-Asmus (32) versucht, Kunst und Ökologie zu verknüpfen.

Ein Mann liegt am Strand. Sein ganzer Körper ist dick mit Sand bedeckt. Der schützt ihn vor den glühenden Kohlen auf seinem Bauch. Darauf sind frische Blumen gesteckt. Im Hintergrund Felsen, Meer und Wolken. Both-Asmus zeigt dem Besucher kleine Fotos seiner Performance „Requiem“, von der er soeben aus Portugal zurückgekehrt ist. Nur mit dem Filmteam und anderen professionellen Helfern hat er die einstündige, präzise geplante Aktion realisiert, in der er Teil des Kunstwerks wurde. „Das war eine unglaublich starke Erfahrung“, erzählt der Performer, „ich war quasi ‚gesandwiched’, unter mir habe ich die Kälte des Atlantiks gespürt, über mir die Hitze des Feuers.“

Monate später, beim zweiten Besuch, zeigt er den Film mit diesem Ritual, das selbst auf dem Notebook eine stark meditative Wirkung hat. Durch die Hitze fallen Blütenblätter herab, nur durch sie und die fast unmerkliche Dämmerung wird vergehende Zeit deutlich. Ständig wird der Blick des Betrachters von dem bewegten Ozean angezogen. Statt im Hintergrund zu rauschen spürt man die ungeheure Kraft und Energie des Meeres. Die schnell durch die Kohlenglut herabfallenden Blumen verweisen poetisch auf die von Menschen geschaffenen Folgen der Erderwärmung.

Dann packt Both-Asmus die großen Bilder der Aktion aus, die heute geliefert wurden. „Proofs“ (Drucke) nennt er die auf verschiedenen Papieren abgezogenen Fotos. Weiterlesen

„Gut zu wissen, dass es Kunst ist…“ Anne Imhof präsentiert in Berlin „Angst II“ (1. Versuch)

Eine Besprechung – fragmentarisch und assoziativ wie Anne Imhofs „Angst II“

Auf den Plakatwänden zur alljährlichen ART WEEK, die in Berlin mit zahllosen Ausstellungen und performativen Darbietungen den Kunstherbst eröffnet, prangt auch groß der Name Anne Imhof. Die in Hessen geborene und lebende, aber mittlerweile weltweit agierende Künstlerin, inszeniert im Hamburger Bahnhof „Angst II“. Ihre eigentlich nicht zu klassifizierende, vierstündige Performance-Oper, so die Kuratorin im Pressegespräch, widmet sich der Angst, dem beherrschenden Thema unserer Zeit. Die zahlreichen Zuschauer und ich erwarten nun eine Darbietung in wagnerianischen Dimensionen. Immerhin sind zwanzig junge Schauspieler und Performer, eine Seiltänzerin, zwei Falknerinnen mit ihren Greifvögeln und eine Handvoll Dokumentaristen angekündigt.IMG_4565.jpgWährend sich die leer geräumte, riesige Wartehalle des ehemaligen Bahnhofs mit Nebel füllt, fläzen sich betont cool und lässig eine Menge junger Leute auf großen Podesten links und rechts der Treppe zum Saal. Decken, Schlafsäcke, verstreute Klamotten und Essensreste suggerieren, hier wird Tag und Nacht für die Kunst gelebt. Seltsame Klänge und Geräusche füllen den dunstigen Raum. Mutige Zuschauer verschwinden bereits im Nebelschleier, nach und nach kommen auch Akteure dazu.
Mit bizarren Bewegungen begegnen sie sich, kreieren mit schemenhaften lebenden Bildern ihre eigene Realität, obwohl sie sich ansonsten nicht von Zuschauern unterscheiden. Manche tun auch gar nichts, das fördert die Vermischung. Wir Beobachter werden sowieso Material und Teil der entstehenden Tableaus, die langsam aufscheinen und ebenso langsam wieder verschwinden. Sehr viel Zeit vergeht dabei, alle Veränderungen geschehen unendlich langsam.  Obwohl die Ereignisse chaotisch, beliebig und zufällig wirken, sind sie größtenteils von der Choreografin oder von ihr nach gemeinsamen Diskussionen mit den Akteuren festgelegt. Aber es gibt wohl auch Raum für spontane Aktionen. Imhof versteht sich als Malerin, die mit ihren Leuten, dem Publikum und wenigen Requisiten im Raum „Bilder malt“.

Beim Suchen der Toilette komme ich mit der Garderobiere ins Gespräch. Sie entpuppt sich als Kunstkennerin („Hier lernt man viel bei der Arbeit!“) und ist ganz traurig, weil an ihrem Arbeitsplatz nur die Musik zu hören ist…

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„The Greatest Show On Earth“ in Frankfurt

Der Frankfurter Mouson-Turm eröffnet seine neue Spielzeit mit einem internationalen Performance-Zirkus, für den acht bekannte junge Künstlerinnen und Künstler Aktionen für die Manege entwickelten.

Im traditionellen Zirkus gibt es für jeden Ungewöhnliches zu erleben, die einen mögen Clowns, andere Säbelschlucker oder gar Tigerdressuren. So ist es auch in der „Greatest Show on Earth“, wie die Veranstalter ironisch vollmundig ihren „Zirkus für das 21. Jahrhundert“ nennen. In der vom Mousonturm ausgelagerten Spielstätte „Frankfurt LAB“, erfreuen sich manche Zuschauer überschwänglich an einer Pantomimin, die imaginäre Tiere dressiert oder einer japanischen Rabatzgruppe, die sich clownesk mit Tomaten beschießt. Auch eine echte, zunächst als Löwin verkleidete Katze, bekommt viel Beifall, als sie ihr eigenes Sterben mit Wiederauferstehung darbietet.

Für andere, wie den Rezensenten, ist das Highlight der makabre Tanz eines Paares mit Motoradhelmen und schweren Stiefeln. Der Mann mit Stelzen schreitet alles überragend kriegerisch umher oder windet sich hilflos auf dem Boden. Mal zieht ihn die kleine Frau im Tüllrock an den hölzernen Beinen, mal verschmilzt sie mit ihm zu einem Riesenwesen. Bei wechselndem Licht und fremdartigen Klängen bedrängen die beiden einander oder vereinigen sich als liebendes Paar. Es sind unglaubliche, selten gesehene, immer neue Bilder, die aufblitzen und wieder verlöschen. Choreografin Meg Stuart („Eigentlich hasse ich Zirkus“) hat den Rahmen für das blutjunge, performende Duo geschaffen, das mit dieser Darbietung an artistische und körperliche Grenzen geht (Foto unten).

An diese Extreme schließen auch Florentina und Vincent mit ihrer obszönen Darbietung an. „I’m always love you“, zerkreischt die Frau Whitney Hustons Song, macht dazu einen Strip und lässt schließlich ihren dunkelhäutigen Partner aus dem Stahl-Käfig. An einem Ring im Trapez simulieren die beiden atemberaubende zirzensische Liebesspiele. Schamlos und doch virtuos zersetzen sie mögliche Erwartungen des Publikums und rassistische Klischees (Foto oben)…

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