Kunst und Spiel in Kleinsassen

Zum 40. Geburtstag lädt die Kunststation Kleinsassen mit ihrer Ausstellung „KunstSpieleKunst“ das Publikum zum Mitmachen ein. Während das Spielen mit Kunstwerken gewöhnlich streng tabuisiert ist, wird es hier in den nächsten Monaten ausdrücklich erwünscht sein.

Bereits vor dem Kunsthaus empfängt die Besucherinnen und Besucher die Skulptur „Promenade der Elementarteile“, in der etwa eine gelbe eiserne Sonne oder ein blaues Eisenherz vom Wind bewegt werden. Sind die Böen aus der Rhön zu schwach um die Figuren zu drehen, kann das Publikum die Elemente selbst in Bewegung setzen.

Zunächst fallen beim folgenden Streifzug durch die Ausstellung natürlich als erstes solch spektakuläre Mitspielobjekte auf: Das Fahrrad, mit dem seine Benutzer eine riesige Maske wachsen lassen können oder eine mächtige Klangskulptur, die ständig von Leuten mit einer Vielzahl von Schlagwerkzeugen beklopft und erkundet wird. Zu einem sanften Klangteppich vom Band im Hintergrund entstehen so häufig ungeplante musikalische Performances.

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Das sensationellste Kunstwerk ist zweifellos der gigantische atmende Zylinderballon „transForm“ in der großen Halle: Mal hängt die silbrige Hülle halbschlaff von der Decke, dann bläst sie sich parallel zum Dachbalken wieder auf: Es wechseln Prallheit und Erschlaffung, Fülle und Leere, Kraft und Schwäche: „So werden auch emotionale Situationen allegorisiert“, sagt Künstler Ambech über seine Arbeit. Weiterlesen

Der „unwägbare Rest“ – Streifzüge auf der 58. Biennale (Schluss)

Shakuntala Kulkarni hat schwer aussehende Drahtkörper gefertigt und sich, eingezwängt in die Rüstungen, an belebten Orten ihrer indischen Heimat präsentiert. „Of Bodies, Armour and Cages“ heißt die Serie (2010-2012).

Diese Aktionen seien ihr nicht leicht gefallen, meint sie, denn sie habe vorher noch nie Performances gemacht und sei bisher immer hinter ihre Werke zurückgetreten. Von diesen Auftritten, die von der (männlichen) Bevölkerung oft nicht begeistert aufgenommen wurden, zeigt sie im indischen Pavillon spannende Fotos sowie die genutzten Harnische. Diese zunächst so massiv wirkenden Hüllen sind aus leichtem Bambus und könnten weibliche Rollenzuschreibungen oder Schutz gegen männliche Übergriffe symbolisieren.

wpo-Biennale-3-2.jpgWir kommen in unserem letzten Text also noch einmal auf Arbeiten zurück, die auf der Biennale gezeigt werden und trotz ihrer „Privatheit“ politisch, vor allem aber eigenständige Kunstwerke sind.

Der österreichische Pavillon wird zum ersten Mal alleine von einer Frau gestaltet: Renate Bertlmann, schon früh bekannt als feministische Performerin, hat streng geometrisch auf 312 spitzen Floretten Rosen aus venezianischem Muranoglas drapiert. Ihre „Ästhetik des Riskanten“, so die Kuratorin, hält Kampf und Anmut, Verlockung und Abwehr in der Schwebe:

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Wenn das Private politisch ist, wie auch diese Werke deutlich machen, erlebt man keine Propaganda auf der Biennale. Viele Arbeiten sind nicht eindeutig, bewahren ihren „unwägbaren Rest“, von dem Adorno sprach. Denn könnte man ihre Bedeutung mit Worten ausdrücken, müsste man sie nicht performen, malen oder mit anderen künstlerischen Mitteln gestalten. Auch das Politische selbst ist zunächst erst einmal künstlerisches Material. Weiterlesen

Das Private und die Frauenkunst… Weitere Streifzüge auf der 58. Biennale (2)

Zunächst einmal etwas Sinnliches über den isländischen Pavillon: Abseits von Gardini und Arsenale sind wir in eine langgezogene farbenfrohe Kuschelhöhle eingetaucht und haben uns zu psychedelischer Musik einfach nur wohlgefühlt.

Aber „Wohlgefühl“ reicht vielen Kritikern der Biennale natürlich nicht bei ihrer Kontrolle der Kunst, die nun auch noch von einer Frau produziert wurde…

„Von wegen politisch…“, fragten wir im ersten Text über unsere Rundgänge auf der 58. Biennale in Venedig. Wir wunderten uns über das seltsame Kunstverständnis, das häufig zunächst nach der politischen Bedeutung, nicht aber der Ästhetik und künstlerischen Qualität der diskutierten Arbeiten fragte. Dagegen überrascht uns, dass das Politische an scheinbar privaten Werken kaum wahrgenommen wird: kl Biennale 2-4.jpg

Eine junge Japanerin, die bunt bemalte Beinprothesen trägt, sitzt zum Interview im Pressezentrum. In der Ausstellung „May You Live in Interesting Times“ ist sie, Mari Katayama, zweimal mit inszenierten Fotografien vertreten. Entweder ist sie selbst als Performerin oder als Teil ihrer Artefakte zu sehen: sie tritt nicht hinter die Werke zurück.Ganz in der Tradition der Performance und Body-Art zelebriert sie auf radikal künstlerische Weise die Ästhetik des Andersseins: Ihre Diversität ist nicht länger private „Behinderung“ sondern politische – aber nicht plakative – Aussage über den Zustand und die Möglichkeiten unserer normierten Gesellschaft!

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Von wegen politisch… Rundgänge auf der 58. Biennale (Teil 1)

Seit der Verleihung der Goldenen Löwen zur Eröffnung gilt die 58. Biennale als politisch. Wenn man sich dort eine Woche lang treiben lässt, erlebt man jedoch eher die Spannweite der zeitgenössischen Weltkunst: Man wird nicht politisch belehrt und hat auch nach sieben Tagen noch längst nicht alles gesehen.

Am Rand der Ausstellungshallen im Arsenale liegt auf einem Transporter ein aus dem Meer geborgenes Schiffswrack. Es fällt zum Beginn des Festivals kaum auf, denn in dem einstigen Militärgelände verrotten viele Boote, Kräne und andere Geräte. Angesichts riesiger Lecks im Rumpf spürt man jedoch ein Grauen – und fragt sich: „Ist das Kunst?“

Später wird bekannt, der Kahn sei ein Fundstück, das vom Schweizer Künstler Christoph Büchel zur Kunst erklärt wurde, ein gesunkenes Flüchtlingsschiff, in dem 2015 Hunderte von Menschen starben. Ein Jahr später engagierte sich der italienische Politiker Matteo Renzi für die Bergung des gesunkenen Schiffs, in dem sich noch Hunderte von Leichen befanden. Nun pöbelt die rechtskonservative Regierung Italiens gegen den angeblichen Missbrauch des Schiffes für politische Propaganda auf der Biennale.

Doch das Wrack ist zuallererst ein „Objet trouvé“, ein eigenständiges Kunstwerk, das für sich selbst spricht und keine Interpretationen benötigt, um Entsetzen und Nachdenklichkeit auszulösen. Man muss nichts über seine Geschichte wissen, um von diesem Objekt berührt zu werden. Der daneben stehende Kran suggeriert sogar noch vergebliche Hilfe, denn der Haken am Stahlseil erreicht nicht das Schiff.

Auch der Goldene Löwe für die Operninszenierung im Litauischen Pavillon muss für den Vorwurf des politischen Missbrauchs herhalten. Doch das Singspiel „Sun & Sea“ ist ein autonomes Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, szenischem Theater und Environment. In dem abgelegenen, schwer zu findenden Gebäude innerhalb der militärischen Sperrzone ist ein Sandstrand aufgeschüttet. Von der Empore, also lediglich von oben (!), kann man das Strandgeschehen miterleben:

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Kunststation Kleinsassen: „Das Auto als Designaufgabe“

Im Rahmen der Herbstausstellung in der Kunststation „Im Rausch der Geschwindigkeit“, beschäftigt sich die kleine Salonschau mit dem Thema: „Das Auto als Designaufgabe.“

Zwei Sitzmöbel dominieren den Salon – als Prinzessinnentraum ein weißer kuscheliger Liegesessel und ein strengerer exotischer Thronsessel. Etwas irritierend wirken zunächst die danebenliegenden Autoteile: Das Wohnzimmer als Auto oder umgekehrt das Auto als Wohnzimmer?

Gerne posieren die beiden Schöpfer dieser Werke, Designerin Uta Krieger sowie Architekt und Konstrukteur Dieter Weidt, für ein Foto und erzählen von ihrer Arbeit. Krieger wuchs in Fulda auf, arbeitete im medizinischen Bereich, doch dann, ab Mitte zwanzig, wollte sie nur noch weg von hier. Auf allerlei Umwegen kam sie nach Hildesheim und studierte dort unter anderem Farbdesign. Schon als Kind fragte sie sich, wie wohl die Farben des Regenbogens entstehen. Später in ihrer medizinischen und kunstpädagogischen Arbeit erfuhr sie, welchen Einfluss Farben auf Menschen haben. In ihrem Studium erforschte sie diese Wirkungen und fand heraus, wie sie in Design und Architektur genutzt werden können; nicht nur diese Erkenntnisse wendet sie jetzt in ihrer beruflichen Praxis an.

In einem gemeinsamen Projekt an der Hildesheimer Uni arbeitete sie mit Weidt zusammen. Beide merkten, dass sie unterschiedlich im Denken waren, doch das befruchtete ihre Zusammenarbeit und eröffnete die Möglichkeit, Designaufgaben aus verschiedenen Perspektiven zu sehen: „Reibung und Diskussion sind gut für den Arbeitsprozess und das fertige Produkt“, meint Krieger und lacht.

Die beiden verbindet seitdem eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung. Krieger beschäftigt sich gegenwärtig mit vielfältigen Projekten, arbeitet in Köln aber immer noch mit Weidt zusammen. Neben unterschiedlichen Fragestellungen zur Produkt- und Möbelentwicklung interessiert sich das Designerduo auch für Automobile. Eine Idee, die sie nun in der Kunststation vorstellen, ist die Verwandlung alter Autositze in die oben beschriebenen Edelsessel. Das sind „DEARobjekts, absolute Liebhaberstücke“, sagt Weidt, „die wir als Prototypen entwickelt haben.“ So wie bei den Autositzen lösen sie Produkte aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und überschreiten damit (scheinbare) Grenzen. Ihre Objekte verstehen sie als eine spannende Symbiose aus scheinbar Gegensätzlichem mit völlig neuer Identität. Weiterlesen

„Myths – Upcycled“ – spannende Ausstellung & Vernissage in Kunststation

Wieder einmal präsentiert die Kunststation Kleinsassen eine spannende Ausstellung, die mit einer ungewöhnlichen Vernissage begann.

Die in der Schau „Myths – Upcycled“ vertretenden Kunstschaffenden nutzen auf unterschiedliche Weise Naturüberbleibsel und Zivilisationsmüll als Material für ihre Werke. Im Upcycling werden wertlose Abfälle nicht nur recycelt sondern zugleich aufgewertet.

„No reason to get excited“ (Kein Grund zur Aufregung). Zur Eröffnung singen Bernd Baldus, der Künstler aus der Nachbarschaft, sowie zwei an der Ausstellung Beteiligte aus einem Stück von Bob Dylan. Man meint, der Song kommentiert ironisch die hochaktuelle Diskussion über Plastikmüll.

Im großen Saal der Kunststation herrscht „geordnetes Chaos“, wie Leiterin Monika Ebertowski erklärt. Stühle, Staubsauger und andere Haushaltsgeräte Kleinsassener Bürger liegen herum. Aus dem Sperrmüll schafft die US-amerikanische Künstlerin Kitty Wales in der nächsten Zeit Skulpturen. Khalil Chishtee hat aus New York weiße Plastikbeutel mitgebracht, aus denen er lebensgroße Figuren kreiert. Gespenstisch hängt ein weißes Pärchen in der Halle, bald folgen weitere Gestalten. Bis zum 14. Juni arbeiten Wales und Chishtee an ihrem „Work in Progress.“

Zum Schluss schleppt Künstler Thomas Putze, dürftig mit weiß-rotem Absperrband bekleidet, einen Baumstamm in den Saal. Er rupft Zweige ab, stellt den Baum aufrecht und klettert akrobatisch daran hoch. Oben verschwindet er in schwindelnder Höhe durch ein Fenster. „Upcycled“ heißt seine kühne Aktion, die auf performative Weise den Ausstellungstitel umschreibt. Im folgenden Dialog der Kuratorin Dr. Elisabeth Heil mit den beteiligten Kunstschaffenden, werden deren unterschiedliche künstlerische Positionen zum Thema deutlich:

Der vielseitige Putze hat einen „Mischwald“ aufgebaut. Zwischen noch nadelnden großen Bäumen fügte er weiterbearbeitete Naturobjekte, Gemälde sowie Arbeiten aus Schrott und natürlichen Fundstücken zu einer Installation: Statt sich im Wald über Müll zu ärgern, ließe er sich davon inspirieren, weiß die Kuratorin. „Ja, hier kann ich mal die Sau rauslassen“, meint Putz lachend, der auch hölzerne Wildsäue zeigt. Selbst seine Preisliste mit den von ihm gezeichneten Einzelarbeiten ist ein kleines Kunstwerk. Weiterlesen

Bazon Brock setzt Besucherschule in Wittenberg fort – Kunstausstellung bis zum 1. November 2017 verlängert

Im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg setzten sich bekannte zeitgenössische Künstler wie Ai Weiwei oder Markus Lüpertz mit dem Reformator auseinander. Dazu lädt der Ästhetik-Professor Bazon Brock in eine Besucherschule zur Ausstellung ein.

„Sie müssen ja dumm sein, wenn Sie nur hierher kommen um zu sehen, was Sie bereits kennen.“ Mit diesen Worten entlässt Brock (81) nach seiner eineinhalbstündigen hochinteressanten Vorlesung die Besucher in das düstere Gemäuer, das für einen gemeinsamen Rundgang viel zu eng ist. 66 Künstler haben eine Zelle gewählt und als Kunstwerk umgestaltet oder die Flure und den Hof für ihre Installationen genutzt. „Die meisten“, so Brock, „setzten sich auf vielfältige Weise mit dem Ausstellungs-Thema ‚Luther und die Avantgarde’ auseinander, nur wenige präsentieren das, was sie immer zeigen.“ Jonathan Meese etwa ruft mit einer Videobotschaft in seinem wild bemalten Kabuff wieder einmal „Die Diktatur der Kunst“ aus.

Ohne weitere Sinndeutungen sind manche Installationen berührend, die sich direkt auf den tristen Ort beziehen, der von 1906 noch bis 1965 in Betrieb war. Eine Künstlerin installierte auf dem blanken Boden eine große nackte Schaufensterpuppe, wittenberg-face-2-2.jpgdie ab und zu mechanisch ihren Hintern heben und anbieten muss. Weiterlesen