Lesung von Volker März in seiner unordentlich angeordneten Kunst

Am letzten Sonntag trug der Künstler kritisch-skurrile Erzählungen inmitten seiner Figuren, Bilder und Installationen vor. Wie in vielen  Texte wählte er dazu die Befragungen eines Menschen im Schlamm durch einen Außenstehenden: Was siehst Du? In der folgenden, vollständig veröffentlichten Befragung, macht März die Kunststation und die eigene Lesung zum Thema.

Lesung und Lösung (c) Volker März

– Was siehst du heute Abend in deinem Schlamm!
Ich sehe und höre eine Lesung in einem Gebäude In dem kreuz und quer sehr unordentlich angeordnete Kunst rumsteht und rumhängt. Das Licht ist gedämpft. Ein einzelner Mensch Menschen versucht mit Worten an einem besonderen Ort, das trotz Pandemie wohl erhaltene Publikum zu erreichen. Das Haus ist eine Art KUNSTSTATION – so nennt es sich – es liegt an einem Hang mit viel Grün außen herum.“

– Sind wieder einmal nur Frauen anwesend bei der Lesung?!
Nein, ich sehe auch Männer die leicht vor sich hin dösen.

– Was ist der Inhalt der Lesung? Warum bist du vor Ort?!
Es geht um unsere Rundumwahrheiten, um mich und mein Leben im Schlamm. Es geht um deine Fragen und unsere Antworten und warum …

– Halt! Das kann nicht sein! woher wissen die Leute das? Lesen sie aus einem Buch?!

Nein, der Sprecher, der uns vertritt, hat lose Blätter aus denen er vorträgt und die er nach und nach fallen lässt.

– Woher kennt der Lesende unsere Geschichten!
Es hat sich herumgesprochen – die Zeiten haben sich geändert. Weiterlesen

„In The Cities“

Wenn man schnell durch die Ausstellung Detlef Waschkaus in der Kunststation Kleinsassen geht, denkt man, ah ja, Großstädte, Straßenszenen, Menschen… „In The Cities“ heißt bezeichnenderweise auch sein Beitrag zur Herbstschau des Kunsthauses.

Geht man näher an ein Bild heran und betrachtet es länger, etwa „New York“ (Foto), dann sieht man eine Collage mit unterschiedlichen Leuten und vielfältigen, aber kaum einordbaren Situationen in einer Metropole: Eine flüchtige Momentaufnahme aus New York. Selten sind in den ausgestellten Arbeiten des Künstlers die Menschen so sehr im Vordergrund. Doch die Dargestellten sind kaum (noch) individuell erkennbar, sie verschwinden durch die übrigen Bildelemente, welche die Hektik und Vielfältigkeit einer Großstadt suggerieren.

Das Werk ist deutlich gerastert, manche Ebenen liegen tiefer oder höher, das Bild ist also letztlich eine dreidimensionale, aber sehr flache Skulptur. Waschkaus „malerische Holzreliefs“, wie er seine Arbeiten selbst nennt, haben Schichtholzplatten aus Pappelholz zur Basis. Die oberen Schichten trägt er zum Teil mit Beiteln ab und trägt ständig – im Wechsel mit der Holzbearbeitung – Farbe auf. Waschkau versteht sich als Bildhauer und Maler zugleich, seine Gebilde sind ein Mix aus künstlerischen Techniken. Als Vorlage für diese Objekte nutzt er von ihm aufgenommene Fotografien.

Die Bedeutungen seiner Reliefs sind nicht eindeutig: Sie können einerseits kritisch auf die Durchgliederung und Normierung, die „Rasterung“, unserer Großstädte verweisen. Andererseits zwingen sie uns, gerade durch die Rastertechnik, unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, die ja Details immer wieder (begrifflich) zusammenfasst: Ah, ja, New York… Und doch: Waschkaus Halbreliefs sind mehr als ihre handwerklich-künstlerischen Raster, sie entführen uns in faszinierende dynamische Welten und behalten ihren unwägbaren Rest.

INFO:
Detlef Waschkau „In The Cities“ noch bis zum 24. November in der Kunststation Kleinsassen. In der Winterzeit nur Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet.
www.kunststation-kleinsassen.de

FOTO:
„New York“ © Nikolaus Netzer

Ausstellung „Von Fischen und anderen Gräten…“

Unter dem Titel „Von Fischen und anderen Gräten“ präsentiert die Fuldaer Künstlerin Martina Theisen neue Arbeiten: Ihre maritimen Bilder in der kommunalen Galerie der Stadt Gersfeld sind eine Gradwanderung zwischen angewandter und freier Kunst.

Auf dem Plakat zur Ausstellung zeigt ein Wal Yoga-Übungen. „Geldhaie“ saugen an ihren Zigarren. Ein säuerlich guckender Fisch, hinten schon ein wenig in Scheiben geschnitten, begrüßt uns als „Zitronenhai“. In einer Ölsardinendose schlafen kleine Fische. Aufrecht stehend in Matrosenanzügen salutieren in der „Doraden-Parade“ aufgekratzte Goldbrassen. Die Idee zu ihrer Schau entstand auf der von Meerestieren umgebenen Insel Spiekeroog, wo sich die Künstlerin gerne aufhält. Soll man ihr tatsächlich glauben, dass es diese Wesen alle in Wirklichkeit gibt, wie sie behauptet? Die diversen Grätenviecher sind jedenfalls nicht realistisch gezeichnet oder gemalt, fast immer wirken sie unwirklich, ja grotesk, wie Karikaturen oder Comics.

Alle abgebildeten Seekreaturen sind mehr oder weniger vermenschlicht und bleiben doch Meerestiere: Daraus entsteht die Komik, die in der ernsthaften Bildenden Kunst einst nicht so beliebt war. Theisen spielt auch mit ihren Titeln, einerseits weisen sie Wege zum Verständnis und provozieren lachende Erkenntnis, andererseits sind sie gelegentlich auch Wortspiele: „Der Wal trägt einen Schal mit Aal“, heißt ein Werk. Oder Schweine, also Meerschweine, nutzen einen fetten Delphin als Tauchboot: „We all live in a yellow submarine“, möchte man da fröhlich mit den Beatles singen.

Theisens Arbeiten sind durch Mischtechniken entstanden, sie malt und zeichnet mit Stiften, Kohlen und Kreiden auf farbiges Tonpapier. Die Künstlerin nennt sich Illustratorin, bereits als Kind hat sie ihre Puppen mit Filzstiften angemalt und dann mit ihnen Indianer gespielt. In Mainz studierte sie Kommunikations-Design, seit 2001 illustrierte sie bisher über 60 Kinder- und Erwachsenenbücher für renommierte Verlage. „Mein großes Körperbuch“ von Professor Dietrich Grönemeyer weist Ihre bekanntesten Illustrationen auf.

Bescheiden bezeichnet sie selbst ihre Bilder als angewandte Kunst, doch eigentlich sind die in Gersfeld gezeigten Arbeiten freie Kunstwerke und (bis jetzt) keine Illustrationen. Aber in ihnen schlummern nicht erzählte Geschichten, die zum Erzählen und Nachfragen provozieren: Ist der Aal auch erkältet? Was küsst den Delfin? Weiterlesen

„Das Roadstories Projekt“ – über das Künstlerbuch von Leonie Hochrein

Ein Jahr lang zog die junge Künstlerin Leonie Hochrein durch die Welt und stellte jede Woche einem ihr bekannten oder fremden Menschen drei Fragen zu Glück, Heimat und einigen prägenden Ereignissen im bisherigen Leben. Zu den notierten Antworten fertigte sie jeweils ein Fotoporträt von dem Menschen, der an die nächste Person eine eigene vierte Frage stellen sollte:

„Beschreibe das Gefühl jemanden innig zu lieben“, wollte eine wissen, andere fragten, „Was ist deine Kunst?“ oder „Welche Bedeutung hat Sexualität in deinem Leben?“ Mit diesem Projekt begann Hochrein noch vor dem Abschluss ihres Kunststudiums an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Ihre „Roadstories“ sind kein distanziertes Interviewprojekt, in dem sie Befragte zum Objekt macht. Stattdessen destillierte sie 51 intensive Vignetten aus ihren offenen Gesprächen. Im 52. Interview wollte sie selbst zu Wort kommen, doch während der Nachbearbeitung der authentischen Begegnungen verunglückte die Künstlerin (23) tödlich mit ihrem Lebensgefährten auf einer alpinen Bergtour. Mit zwei Redakteurinnen aus dem Freundeskreis setzte Ihre Mutter die geplante weitere Arbeit fort. 2018 stellte sie das Projekt bei den Dirloser Kunsttagen vor und veröffentlichte vor kurzem „Das Roadstories Projekt“ als englisches und deutsches Künstlerbuch.

Das Werk ist grafisch gut gestaltet, großzügig aufgemacht, angenehm anzufassen, schön anzusehen und gut zu lesen – trotz seiner strengen Systematik: Ganz knapp erzählt Hochrein zunächst jeweils von ihren eigenen Beobachtungen und Gefühlen im Gespräch, bleibt also nicht außen vor. Es folgt ein ganzseitiges, stark angeschnittenes Bildporträt der Befragten, danach deren meist nachdenkliche Antworten und die Frage an die nächste Person.

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Zur Herbstausstellung in der Kunststation Kleinsassen/Rhön

Am Wochenende begann in der Kunststation die neue Schau dreier Kunstschaffender ohne ein gemeinsames Thema. Es sind eigentlich drei verschiedene Ausstellungen in einer, die dennoch hervorragend miteinander verbunden und überzeugend kuratiert sind.

„Dominium terrae“ („Unterwerfung der Erde“): Dieser, von Robert Kunec selbstgewählte biblische Titel seiner Installation, könnte allerdings das Herbstprogramm überschreiben, meint Kuratorin Dr. Elisabeth Heil in der Vernissage.

Mitten in der größten Halle der Kunststation hat Bildhauer Kunec zwei nackte Lehmfiguren platziert: Ein derber männlicher Neandertaler begegnet einem afrikanisch aussehenden weiblichen Homo Sapiens. An der Stirnseite der Halle befindet sich ein aufrecht gestelltes Doppelbett, das wie ein Flügelaltar oder ein kultisches Triptychon wirkt. Der Grundriss der Halle scheint eine Wohnung zu sein, in den verschiedenen, nur mit einigen Lehmziegeln angedeuteten Räumen, befinden sich mehr oder weniger rätselhafte Objekte: Eine angedeutete Feuerstelle. Gestapelte Wasserflaschen. Ein mit Stroh verkleideter Fernseher.

Obwohl sich die Bedeutung dieses recht kargen Arrangements nicht ohne weiteres erschließt, wird man stark emotional berührt und empfindet Gefühle, die man hinterfragen und zulassen sollte. Man fühlt sich wie in einer religiösen oder weltlichen Kultstätte, wie in einem Kirchenschiff oder im Lichthof eines Museums. Aber nichts gleite hier ins Banale oder Kitschige ab, sagt die Kuratorin, Künstler und Besucher könnten sich durchaus über Zeichen aus christlicher Tradition verständigen. Diese Installation gerate „nicht zu einem kirchlichen Glaubensmanifest“, stattdessen würden existentielle Fragen aufgeworfen.

Egal durch welchen der zwei Eingänge man diesen Ort erreicht, man muss an großstädtisch anmutenden Bildern vorbei, bis man sozusagen nach Hause kommt. Weiterlesen

Im „Garten der irdischen Freuden“ in Berlin

In der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ verwandeln 22 internationale Künstlerinnen und Künstler den Berliner Gropius Bau in eine außergewöhnliche Gartenkolonie. Doch beim Rundgang durch die individuellen Parzellen im Museum erlebt man kein fürstliches Gartenfest, sondern diverse künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Motiv des Gartens, an dem Kunstschaffende seit Jahrhunderten arbeiten.

Bereits im großen Lichthof des Hauses bildet ein mit meterhohen Metallregalen abgetrennter Raum einen zivilisierten Garten: In die Fächer des Regals sind einst wilde Pflanzen ordentlich eingetopft, hier ist üppige Natur gezähmt und in Ordnung gebracht. Während der Eröffnungstage dringen aus dem Gewächshaus, in dem ein Musiker sitzt, laute dramatische Synthesizerklänge. Symbolisiert die verstörende Kakophonie unbändige Naturgewalten oder den raschen Klimawandel? Hört man die bedrohliche Unterströmung unter der dünnen Decke unserer Zivilisation? Mit solchen Fragen geht man auf den Parcours.

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Ein Saal mit drei riesenhaften Plastiktulpen ist vollständig mit großen verschiedenfarbigen Punkten auf strahlendweißer Oberfläche bemalt, sogar Fenster und Decke. Man darf nur mit übergroßen Filzpantoffeln durch diese Skulptur schlurfen, die man zunächst witzig und unterhaltsam findet. Doch je länger man darin verweilt, umso mehr spürt man Beklemmung in dieser künstlichen Pop-Art-Welt.

Im Dunklen liegt man auf dicken weichen Stoffschlangen und schaut den an die Decke projizierten Film. Fast ohne visuelle Grenzen verschmelzen in einem Paradiesgarten zwei nackte Evas mit Blumen, Pflanzen und Wasser. Die traumartigen Bilder gleiten sanft ineinander, wechseln ständig zwischen Nahaufnahmen und Blicken durch Kaleidoskope. Weiterlesen

Kunst und Spiel in Kleinsassen

Zum 40. Geburtstag lädt die Kunststation Kleinsassen mit ihrer Ausstellung „KunstSpieleKunst“ das Publikum zum Mitmachen ein. Während das Spielen mit Kunstwerken gewöhnlich streng tabuisiert ist, wird es hier in den nächsten Monaten ausdrücklich erwünscht sein.

Bereits vor dem Kunsthaus empfängt die Besucherinnen und Besucher die Skulptur „Promenade der Elementarteile“, in der etwa eine gelbe eiserne Sonne oder ein blaues Eisenherz vom Wind bewegt werden. Sind die Böen aus der Rhön zu schwach um die Figuren zu drehen, kann das Publikum die Elemente selbst in Bewegung setzen.

Zunächst fallen beim folgenden Streifzug durch die Ausstellung natürlich als erstes solch spektakuläre Mitspielobjekte auf: Das Fahrrad, mit dem seine Benutzer eine riesige Maske wachsen lassen können oder eine mächtige Klangskulptur, die ständig von Leuten mit einer Vielzahl von Schlagwerkzeugen beklopft und erkundet wird. Zu einem sanften Klangteppich vom Band im Hintergrund entstehen so häufig ungeplante musikalische Performances.

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Das sensationellste Kunstwerk ist zweifellos der gigantische atmende Zylinderballon „transForm“ in der großen Halle: Mal hängt die silbrige Hülle halbschlaff von der Decke, dann bläst sie sich parallel zum Dachbalken wieder auf: Es wechseln Prallheit und Erschlaffung, Fülle und Leere, Kraft und Schwäche: „So werden auch emotionale Situationen allegorisiert“, sagt Künstler Ambech über seine Arbeit. Weiterlesen

Der „unwägbare Rest“ – Streifzüge auf der 58. Biennale (Schluss)

Shakuntala Kulkarni hat schwer aussehende Drahtkörper gefertigt und sich, eingezwängt in die Rüstungen, an belebten Orten ihrer indischen Heimat präsentiert. „Of Bodies, Armour and Cages“ heißt die Serie (2010-2012).

Diese Aktionen seien ihr nicht leicht gefallen, meint sie, denn sie habe vorher noch nie Performances gemacht und sei bisher immer hinter ihre Werke zurückgetreten. Von diesen Auftritten, die von der (männlichen) Bevölkerung oft nicht begeistert aufgenommen wurden, zeigt sie im indischen Pavillon spannende Fotos sowie die genutzten Harnische. Diese zunächst so massiv wirkenden Hüllen sind aus leichtem Bambus und könnten weibliche Rollenzuschreibungen oder Schutz gegen männliche Übergriffe symbolisieren.

wpo-Biennale-3-2.jpgWir kommen in unserem letzten Text also noch einmal auf Arbeiten zurück, die auf der Biennale gezeigt werden und trotz ihrer „Privatheit“ politisch, vor allem aber eigenständige Kunstwerke sind.

Der österreichische Pavillon wird zum ersten Mal alleine von einer Frau gestaltet: Renate Bertlmann, schon früh bekannt als feministische Performerin, hat streng geometrisch auf 312 spitzen Floretten Rosen aus venezianischem Muranoglas drapiert. Ihre „Ästhetik des Riskanten“, so die Kuratorin, hält Kampf und Anmut, Verlockung und Abwehr in der Schwebe:

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Das Private und die Frauenkunst… Weitere Streifzüge auf der 58. Biennale (2)

Zunächst einmal etwas Sinnliches über den isländischen Pavillon: Abseits von Gardini und Arsenale sind wir in eine langgezogene farbenfrohe Kuschelhöhle eingetaucht und haben uns zu psychedelischer Musik einfach nur wohlgefühlt.

Aber „Wohlgefühl“ reicht vielen Kritikern der Biennale natürlich nicht bei ihrer Kontrolle der Kunst, die nun auch noch von einer Frau produziert wurde…

„Von wegen politisch…“, fragten wir im ersten Text über unsere Rundgänge auf der 58. Biennale in Venedig. Wir wunderten uns über das seltsame Kunstverständnis, das häufig zunächst nach der politischen Bedeutung, nicht aber der Ästhetik und künstlerischen Qualität der diskutierten Arbeiten fragte. Dagegen überrascht uns, dass das Politische an scheinbar privaten Werken kaum wahrgenommen wird: kl Biennale 2-4.jpg

Eine junge Japanerin, die bunt bemalte Beinprothesen trägt, sitzt zum Interview im Pressezentrum. In der Ausstellung „May You Live in Interesting Times“ ist sie, Mari Katayama, zweimal mit inszenierten Fotografien vertreten. Entweder ist sie selbst als Performerin oder als Teil ihrer Artefakte zu sehen: sie tritt nicht hinter die Werke zurück.Ganz in der Tradition der Performance und Body-Art zelebriert sie auf radikal künstlerische Weise die Ästhetik des Andersseins: Ihre Diversität ist nicht länger private „Behinderung“ sondern politische – aber nicht plakative – Aussage über den Zustand und die Möglichkeiten unserer normierten Gesellschaft!

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Von wegen politisch… Rundgänge auf der 58. Biennale (1)

Seit der Verleihung der Goldenen Löwen zur Eröffnung gilt die 58. Biennale als politisch. Wenn man sich dort eine Woche lang treiben lässt, erlebt man jedoch eher die Spannweite der zeitgenössischen Weltkunst: Man wird nicht politisch belehrt und hat auch nach sieben Tagen noch längst nicht alles gesehen.

Am Rand der Ausstellungshallen im Arsenale liegt auf einem Transporter ein aus dem Meer geborgenes Schiffswrack. Es fällt zum Beginn des Festivals kaum auf, denn in dem einstigen Militärgelände verrotten viele Boote, Kräne und andere Geräte. Angesichts riesiger Lecks im Rumpf spürt man jedoch ein Grauen – und fragt sich: „Ist das Kunst?“

Später wird bekannt, der Kahn sei ein Fundstück, das vom Schweizer Künstler Christoph Büchel zur Kunst erklärt wurde, ein gesunkenes Flüchtlingsschiff, in dem 2015 Hunderte von Menschen starben. Ein Jahr später engagierte sich der italienische Politiker Matteo Renzi für die Bergung des gesunkenen Schiffs, in dem sich noch Hunderte von Leichen befanden. Nun pöbelt die rechtskonservative Regierung Italiens gegen den angeblichen Missbrauch des Schiffes für politische Propaganda auf der Biennale.

Doch das Wrack ist zuallererst ein „Objet trouvé“, ein eigenständiges Kunstwerk, das für sich selbst spricht und keine Interpretationen benötigt, um Entsetzen und Nachdenklichkeit auszulösen. Man muss nichts über seine Geschichte wissen, um von diesem Objekt berührt zu werden. Der daneben stehende Kran suggeriert sogar noch vergebliche Hilfe, denn der Haken am Stahlseil erreicht nicht das Schiff.

Auch der Goldene Löwe für die Operninszenierung im Litauischen Pavillon muss für den Vorwurf des politischen Missbrauchs herhalten. Doch das Singspiel „Sun & Sea“ ist ein autonomes Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, szenischem Theater und Environment. In dem abgelegenen, schwer zu findenden Gebäude innerhalb der militärischen Sperrzone ist ein Sandstrand aufgeschüttet. Von der Empore, also lediglich von oben (!), kann man das Strandgeschehen miterleben:

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