„Schaufensterausstellung NeustART – CityART“

Zu einem außergewöhnlichen Schaufensterbummel lud die Vorsitzende des Fuldaer Kunstvereins die Presse ein: In Fenstern von 47 Geschäften der Fuldaer Innenstadt organisierte Anna Härtel-Geise Ausstellungen für die Kunstschaffenden ihres Vereins.

Zwischen den Flaschen einer Weinhandlung tummelt sich ein fettes „Gürteltier“ aus Ton mit echten Ledergurten Foto oben). In einem Blumenladen steckt das Bildnis eines „Zitronenhais“ zwischen weißen Blüten. Auf Tafeln hinter den Brillen eines Optikers beglotzen zahlreiche Augen die Kunden. Manchmal schafft die Kunst in vielen Auslagenfenstern starke Kontraste, oft schmiegt sie sich eng an die jeweiligen Waren: Da hängen etwa zarte Frauenbilder zwischen edlen, scheinbar eigenen Kleidern der Porträtierten.

Die Organisatorin kontaktierte viele Geschäfte und Werkstätten per Mail, in anderen fragte sie persönlich nach: „Mit gut 300 Fotos von künstlerischen Objekten in meinem Notebook bin ich herumgegangen und habe den Leuten Vorschläge gemacht.“ Im Vorbeigehen meint Härtel-Geise, „für den Laden hätte ich auch noch was Passendes gehabt, ich wusste sogar was dort hängen könnte, aber die antworteten nicht auf meine Mail.“ Dafür schlug sie einem Juwelier kleine filigrane Holzskulpturen zum Ausstellen vor. Oder besorgte einem Friseur mit Birkenstämmen im Schaufenster ein riesiges Gemälde mit Birken. Sie selbst fertigte eigens für eine Konditorei kleine Pralinen aus Stoff: „Textiles Hüftgold.“

Die Vielfalt der hinter den Scheiben präsentierten Arbeiten ist riesig, manche Werke sind eher traditionell gemalt oder modelliert, manche sind krasse Herausforderungen oder interessante Provokationen, wie die rostigen Eisenskulpturen zwischen eleganten zarten Frauengewändern.  Auch der Humor fehlt nicht auf dem Parcours, in einer Confiserie werden skurrile Hühner und andere Keramikfiguren gezeigt.

Obwohl die Fensterschau erst Mitte August begann, haben einige Kunstschaffende bereits Arbeiten verkauft. Viele angesprochene Ladenbesitzer äußerten sich während des Rundgangs positiv über die Kooperation zwischen Kunst und Gewerbe. Eine Künstlerin bekam den Auftrag ein Label für einen neuen Balsamicoessig zu entwerfen, einer anderen wurde die Wandgestaltung im Inneren eines Geschäfts angeboten, die dritte kann demnächst eine Schau im gesamten Laden präsentieren.

Das Projekt ist ein exemplarischer ästhetischer Beitrag gegen die Verödung der Innenstädte und erhöht deren Attraktivität. Mit mehr als 130 Objekten erkundet es neue Ausstellungsorte für 34, von Corona geplagte Künstlerinnen und Künstler.

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Licht auf Papier…

In der neuen Studioausstellung „Licht auf Papier“ der Kunststation Kleinsassen, zeigt Susanne Casper-Zielonka ihre eigenartigen Fotografien. Sie entstanden durch Direktbelichtungen mit einer riesigen Reprokamera.

Bei einem flüchtigen Blick, den man in der Kunstbetrachtung ja nicht haben sollte, möchte man die ausgestellten Werke der Künstlerin schnell als Abbilder der Natur einordnen. Doch je länger man ihre Arbeiten anschaut, um so stärker löst man sich vom ersten Eindruck: Man nimmt weiche florale Gebilde wahr, die von innen heraus zu leuchten scheinen. Zarte, abstrakt wirkende Dinge schwimmen in Helligkeit. Erkennbare Pusteblumen oder Schachtelhalme lösen sich in Dunst auf oder wandeln ihre Formen. Diese optische Wirkung wird durch eine Vielzahl von Grautönen sowie schattige und helle Effekte erreicht.

Es ist, als würde man in einer traumartigen Welt geheimnisvollen Pflanzen begegnen. Diese Bilder, die einen so verzaubern, sind jedoch keine Zeichnungen oder Malereien, keine Lithografien oder andere Drucke – sondern Fotografien. Das Synonym für Fotografie ist Lichtbildkunst oder Lichtbildnerei – und genau die kreiert Casper-Zielonka mit ihren Kreationen. Obwohl sie mit darstellenden Mitteln arbeitet, durchdringt und verfremdet sie die eigentlich reproduzierte Wirklichkeit.

Vor vielen Jahren entdeckte und erwarb die gelernte Fotografin zufällig eine gigantische alte Reprokamera, die in einer Druckerei verwendet wurde. Mit diesem schweren Gerät von etwa einer halben Tonne kann sie Aufnahmen von 70 x 50 Zentimeter herstellen. Obwohl sie bis dahin alle digitalen Techniken nutzte, war sie begeistert von der Idee, mit diesem Fundstück „neue alte Wege zu gehen.“ Denn sie lernte in Frankfurt einst die Schwarz-Weiß-Fotografie und widmete sich ihr lange Zeit intensiv. 

Casper-Zielonka arrangiert ihre floralen Objekte direkt auf dem großen matten Fotokarton, stellt die Reprokamera scharf und belichtet den Bogen mit wenigen oder vielfachen Blitzen. Dann entwickelt sie die Aufnahme durch wässern, fixieren, wässern, trocknen: wie es in der analogen Fotografie üblich ist. Das so entstandene Werk ist eigentlich „nur“ ein Negativ, aber durch die verschiedenen technischen Eingriffe, durch ihre Lichtmalerei, entstehen zauberhafte, scheinbar „positive“ Wirkungen. Die Künstlerin kreiert maximal drei gleiche Unikate mit dieser einzigartigen Technik, um die Wertigkeit ihrer Werke zu erhalten.

„Ich bin eine Hinguckerin“, meint sie im Gespräch –  also keine Zauberin, und mit der Zeit lernte sie genau, wo sie was nachbelichten oder abdunkeln muss. In der Kunststation präsentiert sie große Bilder aus der Serie „Rhönschönheiten“ mit dem etwas ironischen Untertitel „Belanglose Pflanzen am Wegesrand.“ Dazu gibt es eine Auswahl detaillierterer Arbeiten im Format 20 x 20 Zentimeter aus dem Projekt „100 x Wald“.

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Humor kommt nicht zu kurz…

Die Kleinsassener Kunstwoche in der Rhön findet aufgrund der Unwägbarkeiten durch Corona auch in diesem Jahr nicht statt. Deshalb wurde das Projekt der Kunstgärten wieder aufgegriffen, mit 37 Skulpturen ist es – im Rahmen des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda – eine große Attraktion für das Malerdorf.

Viele der Kunstwerke schmiegen sich in die Gärten oder an die Ränder der Rhöner Wildnis, als wären sie hier schon immer gewesen: Über dem murmelnden Bach in der Ortsmitte schwankt „Der Veränderer“ im Wind, ein von einem Baum hängender Stahlstern mit bunten Kugeln. Das Paar aus Bronze umklammert sich vor einem Hauseingang und fühlt sich „Geborgen“. Am Dorfrand blöken echte Rhönschafe den Besucher eines lebensgroßen „Weiblichen Torsos“ aus Beton an. Dagegen lagern auf einer kleinen Wiese mehrere große Felsbrocken, aus denen steinerne Schafsköpfe herausgucken. Große rostige Stahlbänder verschlingen sich zu einem „Tanz 1“. Ein mit Sägen und weiteren Werkzeugen gespickter Baumstumpf verweist als „RauB-Bau“ auf den Klimawandel.

Sonja Reith hat in dem von ihr organisierten Projekt sehr unterschiedliche plastische Arbeiten zusammengetragen und viele dazu passende Orte gefunden. Bei den realistischen, abstrahierten oder konkreten Skulpturen kommt auch der Humor nicht zu kurz: In einem Vorgarten vergnügen sich kleine, grell bemalte „Gute Laune Mädels“ aus Beton. „Der Sternengrabscher“, ein schwarzes zweidimensionales Eisenmännchen, greift nach den Gestirnen. „Der Rhönschäfer mit Herde“, eine grobe, mit der Kettensäge zugerichtete hölzerne Werkgruppe, steht unter einem Baum. Bildhauer Elmar Baumgarten reimte dazu: „Der Schäfer steht im Zwetschgenbaum. Man sieht ihn vor lauter Zwetschgen kaum. Die Herde ist ihm einerlei.
Von den Zwetschgen gibt’s die Scheißerei!“

Zu den ständigen Austellern und Ausstellerinnen der Kunstwoche, lud Organisatorin Reith auch Gäste wie Baumgarten ein, der noch zwei weitere Holzplastiken mit passenden Versen beisteuerte. Alexander Litwinow intallierte mehrere Recycling-Figuren aus Metall, etwa den „Begeisterten Lauf“ am Ortsende von Kleinsassen. Oder Sabine Lehrich platzierte ihre luftigen Drahtgebilde, „Die Sitzende und die Tänzerin“, in der Nahe der Kunststation. Die Eingeladenen erweitern die Vielfalt und Qualität dieses Projekts beträchtlich. 

Auf den Wegen im Dorf warten auch drei afrikanisch wirkende Skulpturen von einem Gast, etwa die Frauenfigur „Still waiting“ aus weichem Serpentingestein. Bevor sich Proteste gegen die „kulturelle Aneignung“ aus der identitären Ecke erheben: der Bildhauer ist Afrikaner. Und um Kritik aus der anderen Richtung zu vermeiden: Wimbai Ngoma ist kein Flüchtling, sondern ein international arbeitender Künstler aus Simbabwe.

Auch der Skulpturengarten um die Kunststation – mit dem neuen Werk „Kosmisches Wurmloch“ aus Steinen – ist Teil des Parcours.

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Affen, Honigbienen und Ansichten der Rhön in Fuldas Schaufenstern

„Ein Affe regelt den menschlichen Verkehr“, so heißt die Skulptur von Volker März im Schaufenster der Buchhandlung in der Löher Straße. Der Laden offeriert auch grafische Editionen, etwa Lithografien von Johannes Heisig oder Farbholzschnitte von Nikolaus Störtenbecker.

Das Bettenhaus zeigt Ansichten aus der Rhön, außerdem präsentiert das Antiquariat kleine heimatnahe Ölbilder oder Zeichnungen. Auch ein früher Peter Blum ist irgendwo zu sehen. Arbeiten überregional bekannter und lokaler Kunstschaffender mischen sich in den Geschäften. Diese Werke aus der Artothek der Kunststation Kleinsassen sind seit Dienstag zu Besuch in allerlei Läden auf der Löher Straße hier unten in Fulda. Bis zum Ende des Lockdowns werden sie meist in den Schaufenstern gezeigt, bei Publikumsverkehr auch im Inneren. Man kann die künstlerischen Arbeiten nach Rücksprache und Verabredung mit der Leiterin des Ausstellungshauses, Monika Ebertowski, direkt kaufen oder gegen eine jährliche Gebühr ausleihen. „Das ist für beiden Seiten eine Win-win-Situation“, meint sie: Die Bilder oder Skulpturen der Artothek verweisen auf den Verleih durch die Kunststation. Und die Geschäfte, die ja teilweise öffnen dürfen, gewinnen an ästhetischer Attraktivität.

Sehr schnell hat die Arbeitsgemeinschaft Löher Straße auf das Angebot der Artothek reagiert, sogar die Ausländerbehörde macht mit. Mit den jeweils Verantwortlichen der Läden hat Ebertowski den zur Verfügung stehenden Platz und die Artefakte ausgesucht. Manche Geschäftsleute wollten „etwas Kräftiges“ und bekamen die Fotografien iranischer Musikerinnen von Mojgan Razzaghi (Foto unten), andere wünschten sich eher „realistische Gemälde“ und erhielten Bilder von Veronika Zyzik.

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Drohnen über den Kunstwerken und Bilder to go…


Die Kunststation Kleinsassen in Zeiten der Corona:
Im Dezember wurden zwar die Winterausstellungen der Kunststation eröffnet, mussten aber bald wegen des Lockdowns wieder schließen. Doch die emsige Leiterin Monika Ebertowski und ihr Team ließen sich einiges einfallen, um Kunstinteressierte dennoch mit zeitgenössischen Werken zu erfreuen.

Videoclips zu aktuellen Ausstellungen gab es bereits früher, doch nun werden virtuelle Rundgänge durch jede Ausstellung mit Kommentaren der Kuratorin Dr. Elisabeth Heil oder von Kunstschaffenden auf der Webseite veröffentlicht. 

Der Maler Siegfried Räth präsentiert in seiner Schau „Geführt verbunden“ eigenartige und sehr unterschiedliche Bildwelten von abstrakten Gemälden bis zu figurativen Wimmelbildern. Man muss sie nicht „verstehen“, sondern kann sie wie Träume auf sich wirken lassen. Räth malt intuitiv und assoziativ ohne Vorzeichnen auf die Leinwand. Seine Arbeiten sind komplexe verrätselte Erzählungen, keine in sich geschlossenen, realistische Arbeiten. „Sie sind ein Spiegelbild des Lebens mit seinen Widersprüchen und Ungereimtheiten“, meint Dr. Heil im Video. 

Die Leiterin der Kunststation Monika Ebertowski vor einer Arbeit von Siegfried Räth

Ralf Klement zeigt mit „Element 13“ eine sorgsam angeordnete Töpfe, Kannen und Wannen mit Gebrauchsspuren aus Aluminium, die viele individuelle Erinnerungen bei Betrachtern wecken (siehe Bild oben). Diese riesige monochrome Installation konfrontiert er mit groben, leicht schrulligen Holzskulpturen, etwa einer Ratte die zwischen absperrenden Pylonen ein Schlagloch repariert.
Oder mit großformatigen tachistischen Malereien:

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Kunst zwischen Streetart und Aktionismus

Die Galerie Kunst im Kutscherhaus zeigt die Ausstellung „Dyne & the Sauti Kuu“. Der Berliner Künstler Dyne präsentiert eigene Werke sowie Arbeiten, die er mit kenianischen Kindern schuf.

Auf farbkräftigen Bildern sieht man Gesichter im Profil, erkennt tanzende oder ineinander verschlungene Wesen. Die Motive changieren zwischen figürlicher Darstellung und Gegenstandslosigkeit, manche Gestalten lösen sich völlig in Formen und Farben auf. Diese Kompositionen des Künstlers Dyne, im Format 80 x 80 Zentimeter, kann man wohl im weitesten Sinn Art Brut zuordnen: oft wirken sie rau und bedrohlich, manchmal naiv und freundlich.

Man merkt, dass Michael Mieth (43), der sich jetzt Dyne nennt, seine Wurzeln in Streetart und Graffiti hat. Er erzählt, dass er mit einem Freund in Berlin einst illegal Wände und Züge besprühte. Doch eines Tages ermunterte ihn der Maler Vicente Moll, Vater seines Kumpels, „endlich mal richtig auf Leinwänden zu malen.“ Vincent wurde Mentor für den Künstler, der richtig stolz darauf ist, nicht studiert zu haben und Autodidakt zu sein. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet er als selbständiger Künstler und verkauft seine extrem unterschiedlichen Werke in Ausstellungen.

Auf einen bestimmten Stil will er sich nicht festlegen lassen: „Ich bin Multimedia-Künstler“, sagt er, denn seine Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei, Aktionskunst und Bildhauerei. Dyne fährt auch schon mal mit einem Trabi durch Farbe und dann über Leinwände, die er anschließend zerschneidet und weitergestaltet. Eines dieser älteren Werke ist auch im Kutscherhaus zu sehen.

Neben jedem seiner oben beschriebenen Arbeiten steht eine Weinflasche, deren Etikett dem jeweiligen Bild ähnelt. Sein Förderer Vicente schuf für einen sehr bekannten mallorquinischen Winzer Label für Weinflaschen und ermunterte Syne es ihm gleichzutun.

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Kunst in der Waechtersbacher Keramikfabrik

Wieder einmal beleben Kunstschaffende der Region die Waechtersbacher Keramikfabrik. In der alten Werkskantine inszenieren sie mit diversen künstlerischen Mitteln die Ausstellung „Rituelle Herzen“.

Der Kunstraum weist kräftige Spuren seiner Nutzung auf, doch viele Kreative lieben die Herausforderung, gegen den Verfall zu arbeiten. So auch Britta Schäfer-Clarke (Birstein) und Matthias Kraus (Hasselroth), deren Werke dadurch quasi mit der Firmengeschichte korrespondieren. Beim Besuch ist die Schau noch nicht vollständig aufgebaut. Schäfer-Clarke befestigt gerade ein geschichtsträchtiges Mobile, das auf bewegte Frauen in der Waechtersbacher Historie verweist: sowohl auf die vielen Arbeiterinnen als auf die wenigen Gestalterinnen. Im Hintergrund hängen ihre riesigen Holzschnitte von Tänzerinnen und in großen schwebenden Schachteln tummeln sich kleine Ballerinen als anmutige Wachsfiguren oder plumpe Stoffgestalten. „Tanz im Karton“ nennt sie die Installation (anstatt „Ruhe im Karton“) , die auf das klassische Ballett verweist: Das fordert zwar reichlich Bewegung, presst die Tänzerinnen aber in ein enges Formkorsett.

Das Thema Bewegung führt die beiden Kunstschaffenden seit langem zusammen. Darum heißt der Untertitel ihrer Ausstellung auch „Tanz in der Fabrik“, obwohl dort nicht wirklich getanzt wird. Lediglich eine Videoprojektion der auch als Lehrerin tätigen Schäfer-Clarke zeigt experimentellen Tanz: Mit ihren Schülerinnen suchte sie nach Choreografien, um trotz Corona- Abstand über das digitale Kachelformat von Videokonferenzen als Ensemble weiter zu tanzen.

Kraus spielt grafisch mit Paaren von Hutfrauen auf Platten, die sich sanft hin- und her bewegen. Seine seriell dargestellten Männer in Tütü-Röckchen oder Balletteusen auf Schaukelpferden suggerieren dagegen nur Bewegung.

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Lesung von Volker März in seiner unordentlich angeordneten Kunst

Am letzten Sonntag trug der Künstler kritisch-skurrile Erzählungen inmitten seiner Figuren, Bilder und Installationen vor. Wie in vielen  Texte wählte er dazu die Befragungen eines Menschen im Schlamm durch einen Außenstehenden: Was siehst Du? In der folgenden, vollständig veröffentlichten Befragung, macht März die Kunststation und die eigene Lesung zum Thema.

Lesung und Lösung (c) Volker März

– Was siehst du heute Abend in deinem Schlamm!
Ich sehe und höre eine Lesung in einem Gebäude In dem kreuz und quer sehr unordentlich angeordnete Kunst rumsteht und rumhängt. Das Licht ist gedämpft. Ein einzelner Mensch Menschen versucht mit Worten an einem besonderen Ort, das trotz Pandemie wohl erhaltene Publikum zu erreichen. Das Haus ist eine Art KUNSTSTATION – so nennt es sich – es liegt an einem Hang mit viel Grün außen herum.“

– Sind wieder einmal nur Frauen anwesend bei der Lesung?!
Nein, ich sehe auch Männer die leicht vor sich hin dösen.

– Was ist der Inhalt der Lesung? Warum bist du vor Ort?!
Es geht um unsere Rundumwahrheiten, um mich und mein Leben im Schlamm. Es geht um deine Fragen und unsere Antworten und warum …

– Halt! Das kann nicht sein! woher wissen die Leute das? Lesen sie aus einem Buch?!

Nein, der Sprecher, der uns vertritt, hat lose Blätter aus denen er vorträgt und die er nach und nach fallen lässt.

– Woher kennt der Lesende unsere Geschichten!
Es hat sich herumgesprochen – die Zeiten haben sich geändert. Weiterlesen

„In The Cities“

Wenn man schnell durch die Ausstellung Detlef Waschkaus in der Kunststation Kleinsassen geht, denkt man, ah ja, Großstädte, Straßenszenen, Menschen… „In The Cities“ heißt bezeichnenderweise auch sein Beitrag zur Herbstschau des Kunsthauses.

Geht man näher an ein Bild heran und betrachtet es länger, etwa „New York“ (Foto), dann sieht man eine Collage mit unterschiedlichen Leuten und vielfältigen, aber kaum einordbaren Situationen in einer Metropole: Eine flüchtige Momentaufnahme aus New York. Selten sind in den ausgestellten Arbeiten des Künstlers die Menschen so sehr im Vordergrund. Doch die Dargestellten sind kaum (noch) individuell erkennbar, sie verschwinden durch die übrigen Bildelemente, welche die Hektik und Vielfältigkeit einer Großstadt suggerieren.

Das Werk ist deutlich gerastert, manche Ebenen liegen tiefer oder höher, das Bild ist also letztlich eine dreidimensionale, aber sehr flache Skulptur. Waschkaus „malerische Holzreliefs“, wie er seine Arbeiten selbst nennt, haben Schichtholzplatten aus Pappelholz zur Basis. Die oberen Schichten trägt er zum Teil mit Beiteln ab und trägt ständig – im Wechsel mit der Holzbearbeitung – Farbe auf. Waschkau versteht sich als Bildhauer und Maler zugleich, seine Gebilde sind ein Mix aus künstlerischen Techniken. Als Vorlage für diese Objekte nutzt er von ihm aufgenommene Fotografien.

Die Bedeutungen seiner Reliefs sind nicht eindeutig: Sie können einerseits kritisch auf die Durchgliederung und Normierung, die „Rasterung“, unserer Großstädte verweisen. Andererseits zwingen sie uns, gerade durch die Rastertechnik, unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, die ja Details immer wieder (begrifflich) zusammenfasst: Ah, ja, New York… Und doch: Waschkaus Halbreliefs sind mehr als ihre handwerklich-künstlerischen Raster, sie entführen uns in faszinierende dynamische Welten und behalten ihren unwägbaren Rest.

INFO:
Detlef Waschkau „In The Cities“ noch bis zum 24. November in der Kunststation Kleinsassen. In der Winterzeit nur Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet.
www.kunststation-kleinsassen.de

FOTO:
„New York“ © Nikolaus Netzer

Ausstellung „Von Fischen und anderen Gräten…“

Unter dem Titel „Von Fischen und anderen Gräten“ präsentiert die Fuldaer Künstlerin Martina Theisen neue Arbeiten: Ihre maritimen Bilder in der kommunalen Galerie der Stadt Gersfeld sind eine Gradwanderung zwischen angewandter und freier Kunst.

Auf dem Plakat zur Ausstellung zeigt ein Wal Yoga-Übungen. „Geldhaie“ saugen an ihren Zigarren. Ein säuerlich guckender Fisch, hinten schon ein wenig in Scheiben geschnitten, begrüßt uns als „Zitronenhai“. In einer Ölsardinendose schlafen kleine Fische. Aufrecht stehend in Matrosenanzügen salutieren in der „Doraden-Parade“ aufgekratzte Goldbrassen. Die Idee zu ihrer Schau entstand auf der von Meerestieren umgebenen Insel Spiekeroog, wo sich die Künstlerin gerne aufhält. Soll man ihr tatsächlich glauben, dass es diese Wesen alle in Wirklichkeit gibt, wie sie behauptet? Die diversen Grätenviecher sind jedenfalls nicht realistisch gezeichnet oder gemalt, fast immer wirken sie unwirklich, ja grotesk, wie Karikaturen oder Comics.

Alle abgebildeten Seekreaturen sind mehr oder weniger vermenschlicht und bleiben doch Meerestiere: Daraus entsteht die Komik, die in der ernsthaften Bildenden Kunst einst nicht so beliebt war. Theisen spielt auch mit ihren Titeln, einerseits weisen sie Wege zum Verständnis und provozieren lachende Erkenntnis, andererseits sind sie gelegentlich auch Wortspiele: „Der Wal trägt einen Schal mit Aal“, heißt ein Werk. Oder Schweine, also Meerschweine, nutzen einen fetten Delphin als Tauchboot: „We all live in a yellow submarine“, möchte man da fröhlich mit den Beatles singen.

Theisens Arbeiten sind durch Mischtechniken entstanden, sie malt und zeichnet mit Stiften, Kohlen und Kreiden auf farbiges Tonpapier. Die Künstlerin nennt sich Illustratorin, bereits als Kind hat sie ihre Puppen mit Filzstiften angemalt und dann mit ihnen Indianer gespielt. In Mainz studierte sie Kommunikations-Design, seit 2001 illustrierte sie bisher über 60 Kinder- und Erwachsenenbücher für renommierte Verlage. „Mein großes Körperbuch“ von Professor Dietrich Grönemeyer weist Ihre bekanntesten Illustrationen auf.

Bescheiden bezeichnet sie selbst ihre Bilder als angewandte Kunst, doch eigentlich sind die in Gersfeld gezeigten Arbeiten freie Kunstwerke und (bis jetzt) keine Illustrationen. Aber in ihnen schlummern nicht erzählte Geschichten, die zum Erzählen und Nachfragen provozieren: Ist der Aal auch erkältet? Was küsst den Delfin? Weiterlesen