„Sich sammeln“ – Studioausstellung von Patricia Schellenberger

Die Künstlerin Patricia Schellenberger will „Sich sammeln“ in ihrer Schau – unter genau diesem Titel. Hier, im kleinen Saal der Kunststation, hat sie gesammelte Arbeiten aus den letzten Jahren zusammengetragen, etwa ihre kugelige „Brillenskulptur“ aus 734 zusammengesteckten Brillen oder „unartige Stickereien.“

Eine dieser gestickten Handarbeiten heißt und verkündet die „Vollendete Nutzlosigkeit“, stellt das Sammeln infrage und bestätigt zugleich dessen Sinn – so die Idee der Künstlerin. Zahlreiche bildnerische Notizen, Wortspiele und fixierte Ideen hat Schellenberger im Laufe der Zeit auf gleichgroßen Blättern gesammelt und zur Seite gelegt, die momentan im Studio präsentiert werden. Jetzt provozieren sie Nachdenklichkeit oder Widerspruch bei den Betrachtern: „Man muss das Lassen wollen“ oder „Zeichen tun so hilfsbereit, nehmen aber Handlungsspielraum.“

Aufgeblasene weiße Luftballons verzierte und beschrieb sie mit einem zarten Stift. Nach dem Entweichen der Luft wirken die Muster auf den schlaffen Ballons unendlich filigran. „Sie ruhen nun“, schrieb sie dazu. „Bereit aber, sich luftvoll wieder zu weiten.“

Die Künstlerin zeichnet, malt, kritzelt, gestaltet Installationen, collagiert, stickt und nutzt auch ihren eigenen Körper. Sie hat keine Berührungsängste mit profanen Materialien oder Techniken. Dabei gehen Schrift und Zeichnung ineinander über, Worte verschmelzen mit Bildern. Denn was sich nicht sagen lässt, skizziert sie. Die Arbeiten Stehen für sich und interagieren untereinander auf den Wänden.

Experimentierfreudig verknüpft sie Alltägliches mit Bildender Kunst. Sie ist eine philosophische Künstlerin, die sich oft der Sprache bedient, um deren Bedeutung mit einem Augenzwinkern wieder infrage zu stellen. Sie produziert keine abstrakt-philosophischen Ergüsse, sondern paraphrasiert ihre Worte mit Zeichnungen oder Stricheleien. Darum ist „Das Herz der Ausstellung“, wie sie sagt, die linke Stirnwand des Raumes voller Skizzen und Bilder. „Diese sensible Linie, die den weißen Raum dennoch bestimmt gestaltet, das ist für mich ein tragendes Element.“

Für die Besucher hat die Künstlerin einen Rundgang durch ihren Raum beschrieben, das Papier liegt als Kopie zum Mitnehmen bereit. Eine hilfreiche Idee, denn ihre Installation ist eine große Herausforderung für das Publikum.

Weiterlesen

„Ausgelöst“

in der neuen Ausstellung im Kunstverein Fulda zeigen drei Gast-Künstlerinnen ihre unterschiedlichen Objekte. 

Bei fantastischem Frühlingswetter wurde am letzten Sonntag die neue Ausstellung des Fuldaer Kunstvereins eröffnet. Die Vernissage fand im Freien statt und begann mit einer Performance der Künstlerin Christiane Gaebert. Auf ein großes weißes Blatt zeichnete und kritzelte sie blitzschnell mit zarten Linien viele angedeutete Gesichter. Vom Band erklangen dazu Gesänge aus den 1920er-Jahren, diverse Geräusche, groteske Töne Neuer Musik, Textfragmenten von Brecht oder Hauser. Einerseits inspirierten die Klänge die Künstlerin bei ihrer intuitiv-dynamischen Gestaltung, andererseits verdichtete sich dadurch ihre Arbeit aber auch zu einer Aufführung für das Publikum.

Nach einiger Zeit begann sie mit verschiedenen Farben Teile des Bildes auszumalen, manche Gesichter mit fetten Farblinien nachzuziehen. Gut eine spannende halbe Stunde später hatte sie ein provisorisches Werk geschaffen, das ihren wesentlich komplexeren Bildern im ersten großen Ausstellungsraum des Kunstvereins ähnelte. Auch bei dem gewaltigen Gemälde „Die Zusammenkunft“ schauen aus dem Hintergrund Menschen zu, während sich eine Äffin und ein Zicklein im Vordergrund annähern. Daneben hängt ein mächtiges Wimmelbild von ihr, mit lauter Gesichtern, gezeichnet mit einer einzigen, durchgehenden Linie. 


Gaeberts Performance war auch eine Demonstration ihrer dynamischen und spontanen Arbeitsweise, in der deutlich wurde, dass sie vielleicht bestimmte Vorstellungen zur Gestaltung im Kopf hat. Dass aber auch die äußere Atmosphäre und die Eigengesetzlichkeit der Farben und Linien das Ergebnis mitbestimmen. Im völligen Kontrast dazu stehen ihre geschnittenen Konstruktionen aus Papier, gleichsam dreidimensionale Scherenschnitte unter Glashauben. Sie wirken wie schwebende bizarre Skulpturen, die einfach geplant und konstruiert werden müssen. 

Weiterlesen

„Freiheit und Struktur“ – Hans-Hermann Hacks Malereien in der Kunststation 

Mit dem Jazz-Klassiker „Take Five“ eröffnete Saxophonistin Diana Schmitz die Vernissage der Ausstellung im Café der Kunststation und lockte dann das Publikum mit „Summertime“ ins Studio. Hans-Hermann Hack verzauberte dort die Leute mit seinen gut 20 „sommerlich“ farbfreudigen, ungegenständlichen Malereien.

Er starb vor fünf Jahren nach langer Tätigkeit als Schulleiter in Weyhers (Rhön). Darum war es berührend, dass er nun durch seine Werke im Klassenraum der einstigen Grundschule Kleinsassens präsent wurde. Die Kunststation legt Wert drauf, regionale und internationale Kunstschaffende vorzustellen.

Im kleinen Studio beziehen sich die gut kuratierten Bilder aufeinander, Farben oder Muster setzen sich in der jeweils nächsten Komposition fort. Obwohl auch mal ein blaues Gemälde krass aus der Reihe fällt. Fast unmerklich gehen die Arbeiten von völlig abstrakten Arrangements in erkennbare blütenartige Gebilde über, beinhalten dann ornamentale Formen und wirken am Ende des kleinen Rundgangs technisch und strukturiert. Deshalb heißt die Schau „Freiheit und Struktur“ – sie beinhaltet tatsächlich die ganze Bandbreite des Titels.

Der Künstler (in Hack) entwickelte sich gleichsam von selbst, er beschäftigte sich mit zeitgenössischer Kunst, war auch in der kreativen Szene Fuldas präsent und stellte gelegentlich seine Werke aus. „Er war mehr oder weniger Autodidakt“, meinte Kuratorin Dr. Elisabeth Heil in ihrer Einführung, „aber er hat nichts nachgeahmt und entfaltete seinen eigenen Stil.“ 

Mit – möglicherweise – heftigen und freien Gesten stupste, strich oder kleckste der Künstler die Farben auf den Untergrund, fügte weitere Schichten und Gebilde hinzu, um ein Gleichgewicht der Kolorierungen und Formen zu erreichen. Zuweilen malte er auch strengere geometrische Kreise oder „Räder“ auf die ersten Schichten.

Weiterlesen

Simone Distler: Gestische Malerei

In einer der drei neuen Herbstausstellungen der Kunststation in Kleinsassen/Rhön zeigt Simone Distler ihre gestischen Malereien unter dem Titel „Resonanz“. Die häufig expressiven, aber meist nicht farbkräftigen Werke – in Mischtechnik auf Leinwand – sind eigentlich abstrakte Kompositionen.

Distlers Arbeiten bilden nichts ab, sind ungegenständlich, dennoch muten viele an wie unwirtliche wilde Landschaften, vereiste weiße Felsen, schroffe Gebirge, stürmische Meere. Da lässt auch vielleicht der romantische Maler William Turner grüßen. Doch die Künstlerin malt nicht nach der Natur.

Mit mehr oder weniger ungestümen Gesten trägt sie Farben auf die Leinwände auf, es entstehen ungeplante dynamische oder ruhige Spuren und Gebilde. „Die Farbe ereignet sich“, meinte Kuratorin Elisabeth Heil in der Vernissage. Während der Arbeit fragt sich die Künstlerin immer wieder: „Will ich das so haben oder soll ich das Entstandene wieder aufbrechen.“ Sie führt gleichsam „Selbstgespräche“, so nennt sie ihren Arbeitsprozess. 

Beim Malen befindet sich Distler in einem ständigen Zustand der Resonanz auf die Eigengesetzlichkeit der Farbe: sie reagiert, schwingt mit, kommuniziert oder wehrt ab, distanziert sich, ändert. Darum bilden ihre Werke nichts Gegenständliches ab, bewahren jedoch (auch) die Emotionen der Künstlerin. Bei uns Betrachtern können sie ebenfalls Gefühle auslösen, Resonanzen, auch wir können reagieren, mitfühlen und mitschwingen.

Mehr als die Hälfte der 30 ausgestellten Werke sind „ohne Titel“, deshalb werden die Betrachter sowieso auf sich selbst und ihre Fantasien zurückgeworfen. Mitunter gibt die Malerin ihren Schöpfungen nachträglich Titel, etwa wie dem Werk „Ruhe bewahren“ auf unserer Abbildung. Das Gemälde wirkt wie eine Schnee- oder Sandlandschaft von oben. Wir können eine Insel erahnen, denn am Rand ist blaues Wasser. Etwas Düsteres, Fremdes, Unbekanntes senkt sich herab, legt sich auf ein vogelartiges oder anderes belebtes Wesen. Oder hat es bereits teilweise verschlungen. In den oberen Gebilden kann man auch kleine Monster erkennen. Irgendetwas Dramatisches scheint hier zu passieren, aber die Künstlerin rät uns: „Ruhe bewahren!“

Weiterlesen

Eine „goldene Verbindung“ zwischen Oberitalien und der hessischen Rhön

„Una festa italiana“ in der Kunststation in Kleinsassen/Rhön. Ein Trio spielte „Cantare“, alle Leute sangen fröhlich mit. Zur Vernissage in der Studioausstellung des Künstlers Giorgio Cavina kamen 60 italienische Gäste aus seiner Heimat. Sie verbreiteten sofort südländisches Flair und steckten die zahlreichen deutschen Besucher an. Gefördert wurde dieser kulturelle Austausch – zwischen Hofbieber, zu dem Kleinsassen gehört, und Montana Acquacheta in Oberitalien – durch den Rhöner Freundeskreis Italien.

Auf den ersten Blick muten die groben farbkräftigen Malereien Cavinas irgendwie arabisch an, weil sie verhüllte, ja manchmal verschleierte Wesen zeigen. Formal erinnern sie aber auch an byzantinische Ikonenmalerei, nicht zuletzt, weil der Künstler viel Blattgold in seinen Arbeiten verwendet. „Connessione d’oro“ heißt seine Ausstellung, goldene Verbindung – und das ist tatsächlich wörtlich zu nehmen. 

Aber manche Bilder changieren auch ins Abstrakte und irritieren dadurch den Betrachter. Was zeigt denn der Künstler eigentlich wirklich, fragt man sich, und beim zweiten Blick überraschen dann die Untergründe. Cavina nutzt neben Leinwänden auch erkennbar Sperrholz oder Zementplatten für seine Bilder. Die werden nicht nur mit Ölfarbe, Blattsilber und Blattgold arrangiert, sondern auch mal mit Bitumen versehen oder durch Zeitungsschnipsel collagiert. Dadurch entstehen völlig ungegenständliche aber spannende Kompositionen. Die bedeuten gar nichts mehr, bleiben titellos und beeindrucken am meisten, weil sie starke Gefühle provozieren. 

Das ist vielleicht Geschmacksache, doch auch die verhüllten Gestalten oder die arabisch wirkenden Buchstaben sollen lediglich exotische Assoziationen wecken, sie bilden keine Wirklichkeit ab. Denn der Maler will auf diese (Gestaltungs-) Weise ausdrücklich unterschiedliche, ja einander fremde Kulturen verbinden.

Einige neuere Arbeiten mit grellroten Farben setzen sich mit den katastrophalen Unwettern auseinander, denen Cavinas Heimatregion ausgesetzt war.

Weiterlesen

„Lebensformen“

Gisela Eichhardt ist eine der drei neuen Ausstellerinnen in der Kunststation Kleinsassen/Rhön

Kaum war in Kleinsassen die Kunstwoche vorbei, begannen bereits eine Woche später in der Kunststation drei neue Ausstellungen. Bewusst hielt die Station die große Papierausstellung bis zum Ende des Festivals geöffnet und beteiligte sich mit Workshops und Aktionen.

Im Folgenden stellen wir Gisela Eichhardt als erste der Ausstellenden mit ihren „Lebensformen“ (Titel) vor. Gleich beim Betreten ihres Saals begegnet man zwei großen, halbwegs realistischen Holzfiguren. Zunächst stößt man auf die „Braut“, die angesichts ihrer Hochzeit eher nachdenklich, bedrückt und in sich gekehrt wirkt. Etwas weiter steht der Doppelkopf „Zusammen allein“. Er könnte siamesische Zwillinge oder ein eng verbundenes Pärchen darstellen, aber auch das widersprüchliche Innere einer Person. Hoffnung macht ein einzelner Flügel, der dieses hölzerne Werk optimistisch aufhellt.

Die weiteren menschlichen, meist weiblichen Skulpturen der Bildhauerin sind ebenfalls leicht naturalistisch ausgearbeitet und wirken genauso verschlossen und nachdenklich. Wichtig ist, um die Figuren herumzugehen, um deren Ausdruck und mögliche Gefühle zu erfassen. Einige sind Fragende: „Wohin“ heißen zwei Wesen, der Holzmann ist ein „Suchender“. Die Arbeitsspuren im Holz, die „Narben“, sowie die dezente Übermalung schaffen eine eher traumartige Anmutung der Geschöpfe. Manche Titel weisen zwar Wege, überlassen aber letztlich die Interpretation den Betrachtern.

Keinesfalls sind die hölzernen Bildhauereien Porträts realer Menschen. Stattdessen sehen sie so aus, als seien sie aus den Baumbildern gekommen, die sie an den Wänden als Bilderwald oder Waldbilder umgeben. Doch um die Skulpturen herum hängen keine Abbilder der Natur, sondern Abdrucke von Natur- und anderen Materialien, die lediglich wie eigenartige Bäume und fantastische Landschaften erscheinen.

Diese wald- und landschaftsartigen Objekte bilden die zweite Werkgruppe der Künstlerin und muten unwirklich, ja fantastisch an.

Weiterlesen

Wunderbar kuratiert

Drei neue Ausstellungen in der Kunststation Kleinsassen

Kaum war in Kleinsassen die Kunstwoche vorbei, begannen bereits am letzten Sonntag in der Kunststation drei neue Ausstellungen. Bewusst hatte die Station die Papierausstellung noch so lange geöffnet und war auch selbst mit Workshops und Aktionen an der Kunstwoche beteiligt.

Die Malerin Simone Distler nennt ihre Ausstellung „Resonanz“. Mit wilden Gesten und heftigen Bewegungen bringt sie ihre vermischte Acrylfarbe auf die Leinwände und schafft darauf ungegenständliche Gebilde. Obwohl abstrahiert, wirken sie dennoch wie ortlose Landschaften, kämpfende Riesenwesen oder Eisgebiete.

Gisela Eichardt begrüßt die Besucher in ihren „Lebensformen“ (Titel) mit Holzskulpturen, einem Zwillingspaar und einer Braut, es sind zwar realistische, aber doch sehr in sich gekehrte Wesen. Sie sehen so aus, als seien sie gerade den Bäumen entsprungen, die sie (an den Wänden) umgeben. Doch rundherum hängen keine Abbilder der Natur, sondern Hoch-Drucke von Natur- und anderen Materialien, die wie eigenartige Bäume und traumhafte Landschaften anmuten. 

Michal Fuchs ist die vielseitige Künstlerin, die sich im letzten Jahr an der documenta-kritischen Ausstellung „Make Friends AND Art“ in der Kunststation beteiligte. Für ihre Installation wurde sie mit dem Jurypreis ausgezeichnet und erhielt dafür ihre Einzelausstellung, die sie „Die Quadratur des Kreises“ nennt. Sie beschäftigt sich intensiv mit Prozessen in der Natur, die sie als Metaphern für gesellschaftliche Entwicklungen wahrnimmt oder die Modelle für menschliches Zusammenleben sein könnten.

Ich werde die Künstlerinnen mit einigem Abstand jeweils einzeln vorstellen. 

Service
Die drei Ausstellungen gehen noch bis zum 17. November 2024. Die Kunststation ist von dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Ab 31. Oktober gelten die reduzierten Winteröffnungszeiten.

Sämtliche Informationen unter www.kunststation-kleinsassen.de

„Fremde überall“ in Venedig

Auf der venezianischen 60. Biennale gibt es neben genähten oder bestickten Textilien, naiven Bildern wie von Kinderhand oder ornamentaler Volkskunst auch anspruchsvolle zeitgenössische Kunst. 

Das Ausstellungskonzept „Fremde überall“ passe zum zeitgeistigen Mainstream und habe etwas Anbiederndes, schrieb vorab die Neue Züricher Zeitung. Auch nach dem Beginn gab es Kritik am Konzept des brasilianischen Kurators Adriano Pedrosa, überdies antisemitische Proteste zweitklassiger Kunstschaffender. Doch anders als bei der documenta fifteen steht hier der Diskurs über aktuelle Kunst im Fokus des Festivals, das seit langem zweigeteilt ist: In vielen Hallen der Arsenale, einer steinalten Schiffswerft, und im neu grellbunt bemalten Palast in den Giardini, werden Werke präsentiert, die der Kurator zum Thema der zentralen Biennale-Ausstellung auswählte. Er lud 332 meist unbekannte Kunstschaffende ein.

Beide Orte beginnen mit spannenden Arbeiten, in den Arsenalen mit dem „Refugee Astronaut“, einer lebensgroßen, in afrikanisches Tuch gewickelte Raumfahrer-Figur. Und im Eingang mit der Lichtinstallation von Maori-Künstlerinnen, die zeitgenössische Kreationen mit regionalen Wurzeln verbinden und dafür einen Goldenen Löwen bekamen. Ansonsten schmiegen sich in den halbdunklen Hallen viele Objekte faszinierend an die verrotteten Wände, die vergitterten Fenster und die maschinellen Überbleibsel der einstigen Werft. Zwischen Kitsch, Kunstgewerbe und Folklore überraschen faszinierende Wandteppiche mit surrealen Motiven oder riesige traditionelle Farbscherenschnitte mit sexuellen Motiven. In der zentralen Schau in den Giardini empfängt uns ein Nomadenzelt, eine Zuflucht und doch ein Gefängnis für Frauen. Es folgen faszinierende Malereien einer Outsider-Künstlerin. Andere Bilder werfen Fragen auf: Hat Picasso sie abgeguckt oder ahmen die Enkel lokaler Künstler im globalen Süden ihn nach?

Weiterlesen

Malereien zwischen Traum und Realität

In seiner Ausstellung „Scrubble“ im Studio der Kunststation in Kleinsassen/Rhön präsentiert Lukasz Huculak Malereien, die zwischen Realität und Traum changieren. Der Stipendiat des Via-Regia-Künstleraustauschs wird vier Wochen lang in Kleinsassen präsent sein, inmitten seiner Werke arbeiten und für Gespräche bereitstehen.

Dort hängen Bilder von undeutlichen, nicht bestimmbaren Räumen oder Landschaften in erdigen und sepiaartigen Farben. In diesen Orten agieren oft amorphe, unwirkliche Figuren, zuweilen in scheinbarer Bewegung. Selten gibt es auf den farblich zurückhaltenden Gemälden kleine bunte Klekse. Mit seinen Darstellungen schafft der Künstler eine abwechslungsreiche Balance zwischen fantasierten und erkennbaren Gebilden, zwischen Abstraktion und Wirklichkeit. Erst beim zweiten, dritten Blick kann man in seinen Gestalten oder in den Bildstrukturen Buchstaben erkennen. 

Deren Bedeutung ist nicht festgelegt. Huculak gibt keine zu lösenden Rätsel auf, auch wenn sich sein Titel „Scrubble“ auf das Wortspiel Scrabble bezieht. Sondern er spielt mit Bildern und Lettern, fordert die Betrachter auf, eigene Assoziationen und Allegorien zu entwickeln. Unter anderem werden die Buchstaben in seinen Werken von ihrer Funktion zur Vermittlung von Informationen befreit. Dadurch erinnern sie an Konkrete Poesie: Wörter und Buchstaben werden aus ihren sprachlichen Zusammenhängen gelöst und treten den Betrachtern „konkret“ gegenüber. In all seinen Arbeiten interessiert sich der Künstler für das Verhältnis von Schrift, Sprache und Bild – auch wissenschaftlich als Kunstprofessor in Breslau/Polen. Darin sieht er eines der wichtigsten Themen der zeitgenössischen Kunst.


Weiterlesen

„Kleines ganz groß“

Im Vonderau-Museum präsentiert der Fuldaer Kunstverein seine spannende diesjährige Querschnitts-Ausstellung „Kleines ganz groß“. 52 Kunstschaffende interpretieren mit 102 unterschiedlichen Arbeiten und künstlerischen Medien das Thema.

Besucher stoßen im Eingangsbereich auf eine Wand von 162 eng gehängten, grünen Leinwänden im Format 20 mal 20 Zentimeter. Die von Mitgliedern gefertigten „kleinen Grünen“ sind extrem verschieden – und verweisen damit auf die gestalterische und inhaltliche Vielfältigkeit der folgenden Schau. Doch die Ausstellung ist kein beliebiges Sammelsurium, sondern hervorragend kuratiert.

Ein gewaltiger hölzerner Apfelgriebsch („Apfel“), eine Wiese von Textilcollagen, „kleine Blüten ganz groß“ (Titel) oder textile Spermien, „Einer wird gewinnen“, empfangen humorvoll die Gäste. Die Beatles sind in Grafiken als Käfer verfremdet („Seltene Spezies“), die fette Spinne auf einer Eiswaffel bietet die „Eiskalte Überraschung“. 

Denn im hinteren Bereich der Halle geht es düsterer zu: Edle, aber bedrohlich anmutende phallusartige Keramikgebilde, verweisen auf die aktuelle Diskussion um die Taurus-Raketen („Taurus 300“). Das Gemälde eines Kindersoldaten geißelt: „Statt Lutscher Kalaschnikow“. Gandhi und Hitler in Graphit auf Papier, provozierend nebeneinander gehängt, symbolisieren den „Flügelschlag eines Schmetterlings“. Diese beklemmenden Arbeiten überwältigen nicht mit eindeutigen Botschaften, sondern provozieren Emotionen und Gespräche.


In der ersten Etage gibt es vor den zahlreichen Wandbildern allerlei Skulpturen. Etwa wieder zwei Käfer, („Skarabäus“), riesig und aus diversen Metallen vor verrätselten Fotografien, die Blumen mit Mädchen verweben („fleur François“). Gigantische Pilzobjekte wirken schön aber bedrohlich, denn diese Gewächse sind ja auch fremdartig – und nicht einfach nur „Drei kleine Pilze“.

Weiterlesen