„Gundermann“ – Film-Hommage an den leidenschaftlichen Singer-Songwriter


Weltfilmpremiere und einziges Open-Air-Konzert in Hessen mit Andreas Dresen & Band in Schlüchtern-Steinau am Dienstag, 14. August

Neun Tage vor dem offiziellen Bundesstart präsentiert das Kino- und Kulturprojekt KUKI in Schlüchtern-Steinau den Film von Andreas Dresen über die ostdeutsche Singer-Songwriter-Legende Gerhard „Gundi“ Gundermann. Regisseur Dresen gibt mit seiner Band und seinem Hauptdarsteller Alexander Scheer als Sänger vor der Filmvorführung ein Open-Air-Konzert mit Gundermann-Songs.

In den 25 Jahren seines Bestehens hatte das KUKI schon immer einen Faible für besondere Orte. Während der Sommerferien mit „KUKI On Tour“ entdeckten die Cineasten interessante und außergewöhnliche Plätze im Bergwinkel für ihre Veranstaltungen. Die gut vernetzten Filmfreunde verstanden sich seit jeher nicht nur als reine Kino-Initiative, sondern verbanden ihre ehrenamtliche Arbeit auch erfolgreich mit Präsentationen von Filmschaffenden, Kleinkunst, Workshops oder Konzerten.

Die Welturaufführung eines Films des mehrfach preisgekrönten Regisseurs Andreas Dresen im KUKI ist schon etwas sehr Besonderes. Nahezu alle Premieren von „Gundermann“ mit Konzerten in Berlin, Jena, Dresden, Senftenberg, Hamburg sind inzwischen ausverkauft. Der Berliner Schauspieler Alexander Scheer („Sonnenallee“, „Tschick“) brilliert in der Hauptrolle des früh verstorbenen Liedermachers und singt auch „Gundis“ Lieder: „Immer wieder wächst das Gras / klammert alle Wunden zu“ rockt er feuriger und intensiver als Gundermann selbst – und natürlich ist er auch beim Auftritt in Steinau live als Sänger dabei.

Dresens neueste Regiearbeit ist weder ein authentisches Biopic des Singer-Songwriters noch eine nostalgische Ossi-Schmonzette, sondern ein komplexer, sehr unterhaltsamer Spielfilm mit viel Musik. Gundermanns Songs illustrieren und paraphrasieren das dargestellte Leben des überzeugten Baggerfahrers, glühenden Kommunisten und leidenschaftlichen Sängers in den 1970er- und 1990er-Jahren. Das Publikum erlebt ihn auf zwei Zeitebenen: Den Beginn „Gundis“ musikalischer Karriere in der DDR bis zur Vorgruppe von Bob Dylan und Joan Baez. Seinen Kampf um seine große Liebe Conny. Das Engagement gegen die Pervertierung des Sozialismus durch die SED-Diktatur, seinen Rausschmiss aus der Partei sowie seine frühe Stasi-Verstrickung und spätere Auseinandersetzung mit dieser Schuld. Weiterlesen

Die Zeitlosigkeit einer exzellenten Truppe: Manfred Mann’s Earth Band in Fulda

Das charakteristische, manchmal geradezu heulende Keyboard. Heftige Riffs auf der Gitarre. Lange Instrumentalphasen. Überraschende Breaks. Die Stimme des Sängers zum in die Knie gehen. Der satte, rockige Sound macht bereits im ersten Stück klar, wohin die Reise gehen wird: „Spirit in the night“, der schon früh von Manfred Mann gecoverte Song Bruce Springsteens, wird von der Earth Band unverkennbar interpretiert.

Beim nächsten Stück kommt der Keyboarder, der die Gruppe vor 45 Jahren gründete und ihm seinen Namen gab, mit einem Umhängeklavier (korrekt dem „Mini Moog“) nach vorn. Der coole, hoch aufgeschossene Sechsundsiebzigjährige liefert sich mit dem Gitarristen Mick Rogers, ebenfalls Mitgründer der Band, gnadenlose instrumentale Duelle. Dann wieder verschmelzen die Klänge der Spielgeräte im Duett, so dass sie sich kaum noch unterscheiden lassen.

Ob frühe eigene Songs oder Coverversionen von Springsteen, T-Rex oder Bob Dylan, immer zelebrieren die Spieler sie als geilen Blues Rock mit Jazzelementen. Wenn man will, kann man ihnen auch das Etikett „Progressive Rock“ der 1970er-Jahre verpassen, das allerdings schon lange seine Trennschärfe verloren hat. Die alten, sehr unterschiedlichen Stücke bekommen durch die Interpretation der Gruppe jedenfalls etwas Geschlossenes und Zeitloses. Sie wirken weder nostalgisch noch peinlich, wie die frühen Ausflüge der Combo in die Popmusik.

Manfred Mann’s Earth Band ist eine exzellente Livekapelle, die es durchaus verdient hätte, noch größere Hallen zu bespielen. Doch die von ihnen in der Fuldaer Orangerie geschaffene Club-Atmosphäre mit einigen hundert Besuchern ist natürlich höchst angenehm… Weiterlesen

Ulla Meinecke in Ost-Hessen – ein Gespräch mit der Sängerin

 

Die Sängerin Ulla Meinecke gastiert mit ihrem Programm „Wir waren mit dir bei Rigoletto, Boss“ am 12. November um 20.10 Uhr beim KulturWerk-Festival 2016 in Schlüchtern. Zuvor habe ich die Sängerin in Berlin getroffen.

„Du bist die Tänzerin im Sturm / Du bist ein Kind auf dem Eis…“ – in den 1990er Jahren war Ulla Meinecke (62) mit ihren poetischen Songtexten die erfolgreichste deutsche Sängerin. Auch für viele Ost-Hessen war sie die Heldin ihrer Jugend oder des frühen Erwachsenenlebens… Im letzten Jahr kam sie nach Fulda, nun tritt sie beim KulturWerk-Festival in Schlüchtern auf. Das Treffen im Berliner Bergmannkiez ist schwierig, mal kommt die Sängerin eine Stunde zu früh und wir verpassen uns, mal begegnen wir uns, aber sie hat zu wenig Zeit. Der dritte Anlauf gelingt, vielleicht werden wir beide ja eine Fußnote in ihrem Buch „Glanz und Elend der Chaotiker“ werden. Die Musikerin gibt pro Jahr nicht nur bis zu 100 Konzerte sondern schreibt Bücher, Texte für andere Sängerinnen und Sänger („Die Person muss mich künstlerisch interessieren“) und hat auch schon Theater gespielt.

Was erwartet uns bei Deinem Konzert in Schlüchtern?

Es wird musikalisch bestimmt ein ganz toller Abend. Wenn man schon so lange und so viel zusammenspielt wie ich mit den beiden Musikern Ingo York und Reinmar Henschke, dann fliegt einem entweder alles um die Ohren und man trennt sich – oder man wird immer besser. Unsere Konzerte sind dauernd anders, aber es wird oft salzig weil die Träne rinnt – vor Lachen oder vor Rührung. Zwischen den Songs erzähle ich wie überall skurrile Geschichten… Weiterlesen

Die Tourjahre der Beatles – kein platter Fan-Film, aber auch keine Analyse…

Von Hanswerner Kruse (dessen Eltern vor über 50 Jahren fragten, „Wovon sollen die Beatles denn leben, wenn sie alt sind?“)

Die Beatles gaben vor fünfzig Jahren ihr letztes Live-Konzert, nachdem sie in nur vier Jahren von unbekannten Liverpooler Musikern zu Weltstars wurden. Nun kommt ein Dokumentarfilm über die Beatband in die Kinos, der sich auf ihre Tourjahre von 1962 bis 1966 konzentriert. In der Zeit gaben sie über 800 Konzerte.

Es waren heute unvorstellbar spießige Zeiten in den frühen 1960er-Jahren. Die Beatles waren um die zwanzig und spielten täglich bis zu acht Stunden im Hamburger Star Club: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“, hieß es damals. 1962 schaffte es ihre erste Single „Love me do“ in die Hitparaden, dann begann das, was man „Beatlemania“ nannte. Vier Jahre lang kreischten weltweit in immer größeren Konzertsälen (meist) die Mädchen so laut, dass die von den Beatles dargebotenen Songs nicht zu verstehen waren. Sie spielten auf klitzekleinen Anlagen, die heute wohl kein Musiklehrer mehr im Klassenzimmer akzeptieren würde. Monitore gab es nicht, Drummer Ringo erzählt, er habe häufig nach den Bewegungen der Gitarristen getrommelt.

Der Dokumentarfilm zeigt mit sehr viel neuen, aufwändig nachbearbeiteten Amateur- und TV-Aufnahmen die Tourneen der Band mit Backstage-Gesprächen und Interviews. Es fühlt sich im Kino an, als sei man selbst mit den vier Musikern unterwegs gewesen. Regisseur Ron Howard („The Da Vinci Code“) wollte diese „intime Atmosphäre“, vor allem aber wollte er deutlich machen „welchem unfassbaren Irrsinn diese Jungs ausgesetzt waren.“

Den genossen die Beatles kaum, wie ihre damaligen und späteren Aussagen immer wieder deutlich machten. Sie fühlten sich ausgebrannt und klagten, es ginge überhaupt nicht um ihre Musik. aktuell wurden Ringo Star und Paul Mc Cartney ausgiebig für diesen Film interviewt, auch einige Weggefährten kommen zu Wort. Jedoch die gesellschaftlichen Bedingungen des „Irrsinns“ und Gründe für die Entwicklung der neuen Jugendkultur bleiben im Film äußerst vage, obwohl Howard sie eigentlich deutlich machen wollte.

Aber sensationell und kaum bekannt ist die eindeutig anti-rassistische Haltung der Gruppe während ihrer zweiten USA-Tournee (1964), mitten im Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Inzwischen war der Andrang bei den Auftritten so groß, dass sie in riesigen Konzerthäusern oder Stadien spielen mussten. Die Gruppe weigerte sich… Weiterlesen

Jazz-Sängerin Brenda Boykin und das Jan Luley Trio

In Ost-Hessen mit eigenwilligen musikalischen Interpretationen zu Gast

Das Konzert begann ohne Sängerin mit dem einhundert Jahre alten St. Louis Blues, dem ein extrem langes Intro des Schlagzeugers Tobias Schirmer vorausging. Der frühere Schlüchterner trommelte vor, wo es denn lang gehen sollte: Zunächst Latino-Rock mit schrägen Percussion Soli, dann stiegen Bandleader Luley am Piano und Paul G. Ulrich am Bass mit wildem Boogie Woogie ein.

Als der Pianist forderte: „Genug der Instrumente“, fegte Boykin auf die Bühne und durch die Jazzgeschichte. Die Sechzigjährige sprang zwischen Duke Ellingtons Swing, traditionellem Blues und fröhlicher Rockmusik hin und her. „Als ich Teeny war, habe ich Rock ‘n Roll gehört“, gestand die Sängerin, „darum greife ich manchmal in diese Tüte.“ Mit „dreckiger“ Saxophon-Stimme drohte sie dann im Elvis-Song „Trouble“, „If you’re looking for trouble/ You came to the right place …“ (Wenn Du Streit suchst, bis Du hier gerade richtig…).

Die rockigen Cover-Versionen waren keine 2-Minuten-Stückchen wie im Original, bei Brenda und ihrem Trio entstanden daraus eher kleine Jazz-Opern. Die Sechzigjährige brachte mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsens die triste Schlüchterner Stadthalle zum Grooven. Sie rockte, swingte und rappte, forderte stimmlich ihre Instrumentalisten heraus – schnurrte den Bass an, fetzte sich mit dem Schlagwerk, wetteiferte in höchsten Tönen mit dem Piano. Dazwischen illustrierte sie mit Slapsticks und Pantomimen die Liebesdramen der Songtexte.

Die Besucher, mit denen sie durchgehend im Kontakt blieb, erlebten kein einstudiertes Spektakel, sondern eine sehr spontane Darbietung. „Man muss höllisch aufpassen, was von ihr kommt“, sagte Schirmer nach dem Konzert, „um sofort reagieren zu können.“ Sängerin und Band zerlegten ziemlich unvermittelt traditionelle Jazz- und Rockstücke, improvisierten viel und sprangen durch diverse Musikstile. Danach setzten sie dann verspielt alles bravourös wieder zusammen. Weiterlesen

Die unerträgliche Leichtigkeit des Meerschweins – Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Frankfurter Oper

„Musik mit Bildern“ nennt Tonkünstler Helmut Lachenmann seine selten aufgeführte Komposition „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von 1997. Nur wenige Tage präsentiert die Frankfurter Oper dieses außergewöhnliche Werk nach HC Andersens Märchen.

„Es war ganz grausam kalt; es schneite und es begann dunkler Abend zu werden. In dieser Kälte ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen.“ So beginnt Andersens Märchen, in dem die Kleine an der Kälte und den gleichgültigen Menschen zugrunde geht.

Orchester und Chor sind im Saal verteilt, auch auf der Bühne sitzen Zuschauer. Auf einer Ebene über ihnen musizieren Instrumentalisten, die von einer großen Leinwand verdeckt werden. Zu Beginn pusten und schnauben die Bläser in ihre Instrumente, Streicher kratzen und scharren mit den Bögen. Chor und Solistinnen atmen laut, keuchen und schnalzen. Diese Geräusche verbreiten eine fremdartige und eisige Atmosphäre im Saal. Manche Töne machen Verkehrslärm und achtloses Vorübergehen der Leute spürbar. „Ritsch!“, allegorisieren die Violinen das Anzünden der Schwefelhölzer, an deren Flammen sich das Mädchen wärmt und ihre Fantasien entzünden. Musikalische Klangsplitter und lyrische Gesangsfetzen mischen sich unter die Tonmalereien. Der Kältetod des Kindes mit wundersamen Halluzinationen wird mal laut und dramatisch, meist aber subtil und geheimnisvoll in eigen-artige Klänge umgesetzt… Weiterlesen

Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne in Ost-Hessen

„Dawei! Dawei! Die Russen kommen“, hieß es am Wochenende im Bergrestaurant in Hutten-Heiligenborn. Die vierköpfige Combo „Apparatschik“ ließ es am Heiligenborn mächtig krachen und trieb fast alle Besucher auf die Tanzfläche.

Die Berliner VolXmusiker, wie sich selbst nennen, kamen recht verwegen daher. Einige trugen militärische Kleidung, guckten grimmig und brachten allerlei seltsame Instrumente mit: Eine riesige Kontrabass-Balalaika, ein Knopfakkordeon, andere hier unbekannte Zupfinstrumente. Damit boten sie einerseits Klänge dar, die wohl ihre Wurzeln in der „großrussischen“ Folklore haben. Andererseits schufen sie mit klassischem Schlagzeug und dem wuchtigen Bass einen gnadenlos in die Beine fahrenden Grundrhythmus, den man getrost dem Genre „Bass ’n Drums“ zuordnen darf.

Dazu sangen die Musikanten kehlige Lieder in Russisch, Ukrainisch oder anderen bei uns selten zu hörenden Sprachen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit der fühlen sie sich kulturell – heftig augenzwinkernd – verbunden: „Taiga Tunes & Soviet Grooves“ verkündete, etwas unübersetzbar, ihr Plakat im Hintergrund. Bei den Darbietungen gab es auch Ska- und Reggae-Anklänge sowie einige Balladen, etwa den französischen Chanson „Natalie“ oder das herzerweichende „Kamuschka“.

Seit bereits einem Vierteljahrhundert gibt es diese Gruppe schon, die sich in Berlin zusammenfand, normalerweise musiziert sie in größeren Hallen. Doch der Auftritt in der Clubatmosphäre des Bergrestaurant schien dem Quartett mächtig Spaß zu machen – Matrosov, Mischa, Pasha und Udarnik witzelten herum, trieben sich gegenseitig zum schnelleren Spiel an, rockten gegen den Rhythmus oder improvisierten hohe, schrille Töne auf ihren seltsamen Zupfinstrumenten.

Anfangs waren die sehr vielen Zuhörer noch etwas verhalten, aber ohne große Animation durch die „Apparatschiks“ begannen sie zu klatschen, mitzusingen (!) und vor allem zu tanzen. Freundlicherweise hatten die Veranstalter die Tanzfläche freigeräumt, so dass die Band sich als „Dance Party Committee“ (Plakat), frei übersetzt als Parteiausschuss zum Tanzen, entfalten konnte. „Demnächst wird die Gruppe noch einmal wiederkommen“, freute sich die heftig mittanzende Veranstalterin Gisela Petsch.

FOTO Hanswerner Kruse: Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne

Infos und Musikbeispiele: http://www.apparatschik.com