„Die Eiskönigin“ – großes Kino oder lebende Barbiepuppen?

„Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ war einer der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten, der weit über eine Milliarde Dollar einspielte und zwei Oscars sowie zahlreiche weitere Preise erhielt. Jetzt kommt die Fortsetzung des Fantasy-Musicals ins Kino, auf die Liebhaber des Films sechs Jahre lang warten mussten.

Die königlichen Schwestern Elsa und Anna wohnen, nach ihren dramatischen Erlebnissen im ersten Film, zufrieden im nördlichen Fantasieland Arendelle und haben genug von aufregenden Abenteuern. Doch eines Tages tönen aus der Wildnis sirenenhafte Gesänge, die Königin Elsa verwirren und neugierig machen. Nur sie kann die Stimmen hören, die sie in den unheimlichen, mit einem Fluch belegten Zauberwald hineinziehen. Elsa gibt den Verlockungen nach und lässt sich – nach einigem Zögern – von ihrer Schwester Anna begleiten. Auch deren etwas trotteliger Verehrer Christof sowie der wieder aufgetauchte Schneemann Olaf sind dabei. Nach dem Betreten des düsteren Gehölzes begegnen sie bedrohlichen Waldmenschen, flüchten vor lebenden Gebirgen und kämpfen tapfer gegen weitere Unbilden.

Elsas eisige Zauberkräfte, die sie jetzt erneut entfalten aber mittlerweile verantwortungsvoll beherrschen kann, helfen den Abenteurerinnen. Die wieder erwachte Zauberin in ihr verwandelt wildes Wasser in reitbare Eispferde, lässt angreifende Ungeheuer zu Eis erstarren und macht längst vergangene Ereignisse durch Eisskulpturen sichtbar. Mehr wollen wir nicht von der Geschichte verraten. Elsas Kampfszenen in der gefährlichen Wildnis gehören zu den stärksten und überzeugendsten Ereignissen des computeranimierten Films der Walt-Disney-Compagnie.

Natürlich ist das Werk eine weitere fantastische Heldinnenreise Elsas! Ihre Begleitpersonen sind eher Staffage, bieten sich jedoch zur Identifikation für unterschiedliche Zuschauer an. Auf dem Film lastet durchgehend eine düstere Stimmung, die durch Slapsticks, etwa des unsäglichen Schneemanns, und insgesamt sieben Songs der Schwestern gemildert wird. Elsa findet am Ende nicht wirklich zu sich, sie bleibt melancholisch und voller Sehnsucht. Viele ihrer Fans hofften, dass sie endlich ihre große Liebe finden, ja, sich vielleicht sogar als lesbische Frau outen würde. Weiterlesen

„Lara“ mit Corinna Harfouch – ein schöner melancholischer Herbstfilm

Eine Frau erwacht langsam in der Morgendämmerung, steht kraftlos auf, öffnet weit das Fenster, krabbelt auf einen Stuhl, stellt sich mit ausgebreiten Armen vor die Öffnung. Als man denkt, „gleich springt sie“, klingelt es an der Tür. Polizisten bitten sie, einer Durchsuchung im Haus als Zeugin beizuwohnen, später gratulieren sie zum 60. Geburtstag, als sie ihren Ausweis zeigt. Ein seltsamer Beginn für diesen melancholischen Herbstfilm, der ohne Rückblenden nur einen Tag im Leben Laras (Corinna Harfouch) zeigt.

Wie in seinem Debütwerk „Oh Boy“, präsentiert Regisseur Jan-Ole Gerster sieben Jahre später in seinem erst zweiten Werk, ebenfalls nur einen Tag in Berlin im Leben seiner Protagonistin. Laras Sohn Victor ist Tom Schilling, der im Erstling des Filmemachers den „Boy“ darstellte. Am Geburtstag seiner Mutter wird er sein erstes großes Konzert als Pianist und Komponist geben. Die allein lebende, vor kurzem in Pension gegangene Lara, hebt alle Ersparnisse von der Bank ab und kauft die Restkarten für die Musikaufführung. Beim Verteilen der Karten an Freunde, Bekannte oder Ex-Kollegen tauchen wir in ihr Universum ein und spüren ihre Verletzung, ihren Neid. Gerne wäre die offenbar hochbegabte Frau selbst eine große Pianistin geworden, stattdessen wurde sie Verwaltungsbeamtin und trieb den Sohn zur Erfüllung ihrer eigenen Lebensträume.

Corinna Harfouch spielt die Mutter ganz undramatisch, gleichsam mit zurückgehaltener Energie, aber beträchtlicher Glaubwürdigkeit: Sie ist bösartig und doch fürsorglich, sarkastisch und doch einfühlsam, arrogant aber verunsichert. Ihre mit langen Einstellungen erzählte, melancholische Geschichte ist spannend, oft weiß man nicht, wie entscheidet Lara sich gleich, was passiert als nächstes?

Wie unter einem Mikroskop werden ihre Beziehungen in der zerfallenen Familie, bei der Arbeit und in ihrem Umfeld bloßgelegt. Man fragt sich, ist sie in einem falsch gelebten Leben gefangen? Weiterlesen

Hoffnung auf einen Oscar – über den großartigen Film „Systemsprenger“

Benni (Helena Zengel) liegt mit völlig verkabeltem Kopf im Klinikbett. Ein Neurologe ist auf der Suche nach ihrer Unbeherrschtheit und der Wunderpille für sie: „Du kannst Dich besser kontrollieren wenn Du Dich aufregst!“ Doch kaum ist das Mädchen aus dem Spital heraus: Rasendes Geschrei. Grellfarbenes Flackerlicht. Aufblitzende Rückblenden. Schrille Geräusche. Dazwischen Schluchzer: „Nein! Ich will nicht in die neue WG. Ich will zu Mama!“ Wilde nervöse Bild-Collagen ziehen uns in Bennis Kopf hinein.

Schnell sucht man als Zuschauer nach Schubladen für die Neunjährige: „Hat die ADHS?“ „Eine Bindungsstörung?“ Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Streifen ist keine Sozialschmonzette über ein unzähmbares Kind, wie sie schon mehrfach erzählt wurde. Doch solch einen Spielfilm mit dieser Intensität und neuer cineastischer Ästhetik gab es noch nie im kommerziellen Kino: Zu recht erhielt „Systemsprenger“ auf der letzten Berlinale einen Silberbären für „neue Perspektiven der Filmkunst.“ Er wurde auch für den aktuellen Europäischen Filmpreis und als deutscher Beitrag in die Auswahl fünf fremdsprachiger Streifen für den nächsten Oscar nominiert.

Aber erzählen wir der Reihe nach: Bennis Mutter (Lisa Hagmeister) hat noch zwei kleine Kinder und kommt mit ihrer ältesten Tochter einfach nicht klar, die muss deshalb immer wieder ins Heim oder zu Pflegefamilien. Auch aus der neuen WG flüchtet sie, klaut eine wertvolle Gucci-Tasche für Mama und will zu ihr. Doch wenn sie Zuhause auftaucht, gibt es wie immer Stress mit den Geschwistern. Der Freund der Mutter sperrt sie in einen dunklen Schrank, bevor die Polizei sie abholt und zur Inobhutnahme bringt. Alle Betreuende, die warmherzige Frau vom Jugendamt und andere engagierte Professionelle tun was sie können. Doch das unbändige Mädchen kann sich einfach nicht anpassen, kann ihre leidenschaftlichen Gefühle nicht kontrollieren. Vor Freude hüpft sie auf Tischen herum, vor Wut wirft sie mit Stühlen. Wer sie „Psycho“ heißt, wird verprügelt und gebissen. Von der professionellen Distanz der Betreuerinnen und Betreuer hält Benni gar nichts: Wenn sie sich geliebt fühlt, will sie bleiben. Weiterlesen

„Once upon a time in Hollywood“ – einer von Tarantinos besten Filmen

Im Jahr 1969: Das Musikfestival Woodstock bewegt die Jugend Amerikas. Charles Mansons Family ermordet die Schauspielerin Sharon Tate. Der Film „Easy Rider“ bringt das Lebensgefühl dieser Zeit in die Kinos („Born to be wild“), offenbart aber auch die US-amerikanische Zerrissenheit. In dem Jahr spielt Quentin Tarantinos „Once upon a time in Hollywood“.

„Es war einmal…“, so begannen die alten Wildwestfilme im Kintopp und so beginnen auch die Märchen. Tarantinos Film spielt mit dem doppeldeutigen Titel: Es war einmal in Hollywood, als Fernseh-Serien die alte Traumfabrik bedrohten, aber New Hollywood mit „Easy Rider“ erfolgreich wurde. Zugleich erzählt der Regisseur ein Märchen und fragt, was wäre gewesen, wenn…?

In Beverly Hills wohnt der abgehalfterte Westernserien-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) gleich neben Roman Polanski und Sharon Tate (Margot Robbie), er säuft und neigt zu Depressionen. Sein Freund und Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) ist auch der Chauffeur, weil er keinen Führerschein (mehr) hat. Da Rick immer nur die Schurken in TV-Westernserien gibt, quasi eingefroren in der Rolle des Bösen, leidet seine Karriere darunter: Jeder kennt ihn, aber niemand mag ihn, wer hat schon Halunken gerne?

Eines Tages bekommt Rick ein Angebot aus Rom, billige Italo-Western zu drehen und ist dort recht erfolgreich. Nach sechs Monaten kehrt er mit einer neuen italienischen Ehefrau und seinem Freund in die USA zurück. Cliff bringt eine Tramperin in ein altes verlassenes Farm-Studio und verprügelt dort einige Hippies aus der Manson-Kommune, die ihn mächtig provoziert hatten. „Ah, aus Hollywood ist der“, heißt es, als Cliff wieder verschwunden ist, „wir werden die töten, die uns das Töten gezeigt haben!“ Der hochspannende Rest der Geschichte wird meist nur noch wie eine Reportage aus dem Off kommentiert – und hier nicht verraten!

Mit viel Rockmusik – „California Dreaming“ oder „Baby, you’re out of time“ lässt Tarantino auf 35mm-Film authentisch die 1960er-Jahre wieder auferstehen. Lange hat der Streifen keine stringente Handlung und wirkt, typisch für den Regisseur, eher wie eine Collage aus assoziativen Bildern und Geschichten in Geschichten. Erzählt wird die Story auf zwei Ebenen: Weiterlesen

Der Eberhofer Franz ein „Leberkäsjunkie“? Über seinen neuen Film

So wie der FC Bayern meist alljährlich Deutscher Fußballmeister wird, so kommt ebenfalls meist alljährlich der Eberhofer Franz aus dem niederbayrischen Niederkaltenkirchen auf die Kinoleinwände.

Mit fünf Filmen von „Dampfnudelblues“ bis „Sauerkrautkoma“ schuf das Team um Regisseur Ed Herzog eine abstrus-komische Genremischung aus Heimat-, Liebes und Kriminalfilm. Man kann dieses bunte Kino-Kaleidoskop durchaus Serie nennen, doch die Streifen sind jeweils in sich abgeschlossen. Die Verbrecher werden immer gefasst, aber die kauzigen Beziehungen zwischen den Ebershofern untereinander oder mit ihrer Umgebung wandeln sich ständig.

„Leberkäsjunkie“, der Titel, wird dem Eberhofer Franz (Sebastian Bezzel) im Film eigentlich nur einmal zugerufen. Er solle eine Diät machen – aber der dick gewordene Dorfpolizist schert sich nicht um seine Cholesterinwerte. Stattdessen versucht er ständig erneut mit Susi (Lisa Maria Potthoff) anzubandeln. Beide leben wieder voneinander getrennt, trotz ihres gemeinsamen kleinen Sohns Paul. In der aktuellen Dorfgeschichte muss Eberhofer eine Woche lang sein Kind hüten, weil Susi angeblich eine wichtige Fortbildung hat. Paul kommt zu allen Polizeieinsätzen mit, was für reichlich Situationskomik sorgt: Da wird das Kind schon mal neben der Leiche auf dem Seziertisch in der Pathologie gewickelt oder zum Einschlafen 36 Mal im Polizeiauto um das berühmte Rondell in Niederkaltenkirchen gefahren.

Zum Beginn der Kinderwoche brennt das Haus der Schlampen Mooshammer Liesl (hinreißend von Eva Mattes gespielt), darin findet sich nach dem Löschen eine verkohlte weibliche Leiche. Als erstes wird der dunkelhäutige Fußballstar des Dorfes als Täter verdächtigt und verhaftet, weil er mit ihr eine Affäre hatte. Zwischendurch muss Ebershofer ihn mal illegal aus dem Knast holen, damit sein Dorfverein nicht absteigt. Aber ob Buengo(Castro Dokyi Affum) tatsächlich der Mörder ist oder wer sonst noch in Frage kommt, wird hier nicht ausgeplaudert: Denn die Kriminalgeschichte ist wie in jeder Folge richtig spannend, selbst wenn sie manchmal durch den grotesken Klamauk etwas überlagert wird: Weiterlesen

Kann Mia die Welt retten? Über den Film „Electric Girl“

Die aufgedrehte dreiundzwanzigjährige Studentin, Barfrau und Poetry Slammerin, will die Welt retten. Doch anders als wir früher oder Fridays for Future heute, will Mia (Victoria Schult) das ganz alleine machen: „Denn nur ich kann die feindlichen Mächte sehen!“, verkündet sie.

Theatralisch und hektisch düst sie durch den Alltag, scheint selten zu schlafen und versucht vergeblich Verbündete zu gewinnen. Doch nur ihr älterer, etwas verwahrloster Nachbar Kristof (Hans-Jochen Wagner) spielt eine Zeitlang mit.

Zufällig bekam Mia die Rolle als deutsche Synchronsprecherin in einem japanischen Animationsfilm, in dem Superheldin Kimiko alleine die Welt befreit. Während der Arbeit am Film identifiziert sie sich mehr und mehr mit der Heroine. Anfangs verschwimmen die Kinobilder zwischen den verschiedenen Welten, bis Mia schließlich selbst erlebt, wie sich auch in Hamburg die bösen Mächte mithilfe des elektrischen Stroms zu schaffen machen. Wie bekifft oder auf einem LSD-Trip versucht sie Freundinnen für ihren Abwehrkampf zu gewinnen: „Ich weiß, was ihr nicht wisst!“. Doch vergeblich, ihr Umfeld zweifelt eher an Mias seelischer und geistiger Gesundheit.

Mittlerweise sieht sie mit ihrer lila Perücke und dem gelben Mantel aus wie Kimiko. In diesem Aufzug taucht sie auch bei ihrer Familie auf, um den schwer kranken Vater zu besuchen und provoziert einen lebensgefährlichen Skandal. Einige Ereignisse scheinen aber ihrem möglichen Wahn zu widersprechen und überraschen auch uns Zuschauer: Mia hält wirklich einen Bus mit einer Kung-Fu-Bewegung an, springt von einem Hausdach und rettet einen Mann, der ohnmächtig vor die Hamburger U-Bahn zu gleiten droht.

Regisseurin Ziska Riemann (nein, nicht die Tochter von Katja Riemann) unterlegt häufig die Handlung mit bizarren Geräuschen und bedrohlicher Neuer Musik. Das schafft eine düstere Unterströmung, die sowohl die reale Bedrohung der Menschheit als auch den manischen Wahn Mias suggeriert. Der Film changiert zwischen diesen beiden Polen und der Schluss, der hier ausnahmsweise mal in einer Rezension angedeutet wird, bleibt offen. Ein wenig so wie in Andrei Tarkowskis „Opfer“: Am Ende des Films weiß man ja ebenfalls nicht, war der Protagonist verrückt oder hat er mit seiner Hingabe wirklich eine Katastrophe verhindert? Weiterlesen

„Unheimlich perfekte Freunde“ – ein toller Familienfilm

„Unheimlich perfekte Freunde“ – ein lustiger und dennoch anspruchsvoller Film für die ganze Familie über die Härte des Schulalltags. „Einer ist hier zuhause überflüssig“, faucht der gefälschte Frido den echten an. Bis vor kurzem war der wahre Frido (Luis Vorbach) nicht der beste Schüler und spielte lieber im alten heruntergekommenen Schwimmbad. Dennoch wollten seine Eltern, dass der Zehnjährige aufs Gymnasium geht, so wie sein bester Freund, der superschlaue aber etwas verklemmte Emil (Jona Gaensslen). Dessen nervige Mutter chauffiert ihren Sohn ständig vom außerschulischen Chinesischkurs zum Geigenspiel oder in die Ergotherapie.

Eines Tages begegnet Frido auf der Kirmes in einem Spiegelkabinett seinem Doppelgänger, der verkündet: „Ich kann alles was Du nicht kannst!“ Frido nimmt sein Double mit nach Hause, das fortan für ihn in die Schule geht und schnell als rücksichtsloser Streber Klassenbester wird. Das schafft Konflikte mit den anderen Kindern und ist das Ende der innigen Freundschaft mit Emil. Zur Versöhnung hilft schließlich der echte Frido seinem alten Freund, sich ebenfalls zu verwandeln, dessen Double wird allerdings ein frecher fauler Rüpel.

Die fröhlich erzählte Geschichte eskaliert, als die ganze Klasse dem Geheimnis der beiden Kids auf die Spur kommt und sich alle ebenfalls verwandeln lassen. Die verdoppelten überheblichen Schülerinnen und Schüler quälen ihre hinreißend komische Lehrerin Klawitter (Margarita Broich), um mehr und schwerere Hausaufgaben zu bekommen. Ihren Originalen erklären sie: „Eure Eltern wollen Euch doch gar nicht mehr zurück!“

Es ist eine sehr berührende und zentrale Szene des Films, als Fridos Mutter (Maja Beckmann) zu ihrem Sohn sagt: „Es ist mir egal ob Du auf das Gymnasium gehst, Hauptsache Du bist mein echtes Kind!“ Wie alle Beteiligten die eigensinnigen Doppelgänger wieder loswerden, verraten wir hier nicht…

Der neue Streifen des Regisseurs Marcus Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) ist wie ein klassischer Charlie-Chaplin-Film aufgebaut: Durch Slapsticks und mit viel Humor wird der Film auch für die Kleinen unterhaltsam, gleichzeitig seziert er für die Älteren Leistungsdruck, Konkurrenz und Überforderung in der Schule: Weiterlesen