Der neue Film „Berlin. Alexanderplatz“

Auf der letzten Berlinale feierte das Publikum die dritte Verfilmung des Romans von Alfred Döblin „Berlin. Alexanderplatz“ (1929). Doch die kühne Idee des Regisseurs Burhan Qurbani, den Streifen in unsere Zeit zu verlegen, wurde mit keinem Bären belohnt. Das spannende, bildgewaltige Werk, das später den 2. Platz beim Deutschen Filmpreis 2020 gewann, kommt nach der Corona-Pause jetzt endlich in die Kinos.

Eine rot eingefärbte Welt steht Kopf. In der Tiefe des Meeres kämpft ein Mann um sein Leben. Seine Frau Ida klammert sich an ihn. Sie ertrinkt als er sie von sich stößt. Aus dem Off berichtet eine weibliche Stimme: „Halb lebendig, halb tot wurde Francis an Land gespült. Dort rief er: Gott, ich schwöre Dir, von nun an will ich gut sein!“

Als nächstes sieht man diesen Afrikaner Francis (Welket Bungué) selbstbewusst und cool im Flüchtlingsheim. Sein zukünftiger Kontrahent Reinhold (Albrecht Schuch) versucht Drogenhändler unter den Elenden zu rekrutieren: „Niemand hat es verdient so zu leben wie ihr!“ Francis schuftet lieber als Schwarzarbeiter auf dem Bau als ein Dealer zu werden, wird jedoch entlassen, als er einen schwerverwundeten Kollegen rettet. Erneut die Frau aus dem Off: „Er wollte anständig sein, aber man hat ihn nicht gelassen.“

Notgedrungen muss er sich nun an den irren Reinhold wenden, er tröstet die vom sexsüchtigen Chef schnell verstoßenen Frauen und macht bald Karriere bei der Drogenmafia. Gemeinsam lassen sich beide im Berliner Nachtleben treiben und nennen sich Freunde. Gegen seinen Willen wird Francis in einen Raubüberfall verwickelt. Als er sich dagegen wehrt, schubst Reinhold ihn aus dem Fluchtauto, dabei verliert Francis einen Arm. „Anständig wollte er sein, aber das Leben hat ihn nicht gelassen.“ Aus dem Off wieder die Stimme der – wie wir mittlerweile wissen – jungen Hure Mieze (Jella Haase), in die sich Francis verliebt hat. Sie ist schwanger von ihm, er will sie heiraten, doch stattdessen überschlagen sich nun die dramatischen Ereignisse…

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Zur Literaturverfilmung „Die Deutschstunde“

Ein halbes Jahr nach dem Kinostart kommen – wie zum Schutz der Kinos gesetzlich festgelegt – auch erst die DVD und der Download des Films „Deutschstunde“ in den Handel. Der Film orientiert sich am gleichnamigen Bestseller von Sigfried Lenz aus dem Jahr 1968.

Das langsam erzählte Filmdrama beginnt mit den Erinnerungen Siggis (Tom Gronau) im Jugendarrest, nachdem er sich – scheinbar – weigert, den Schulaufsatz „Die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. Zum Maßregeln wird er in eine Zelle gesperrt, dort schreibt er ein Heft nach dem anderen mit Erinnerungen an den Maler Max Nansen (Tobias Moretti) und seinen autoritären Vater Jens Jepsen (Ulrich Noethen) voll, der immer nur seine Pflicht erfüllte: In dem abgelegenen Landstrich am Meer setzt der Polizist ein Berufsverbot gegen den „entarteten Künstler“ durch, obwohl der ihm einst das Leben rettete. Siggi wird hin- und hergerissen, den Maler im Auftrag seines Vaters zu bespitzeln und ihn gleichzeitig zu schützen, denn er will von beiden geliebt werden.

Als Siggis Vater aus der Haft der englischen Besatzungstruppe entlassen wird, macht er genau da weiter, wo er am Ende der Naziherrschaft aufhören musste: Er verbrennt Gemälde seines früheren Malerfreundes Nansen. „Man muss seine Pflicht erfüllen, auch wenn sich die Zeiten ändern“, brüllt er und schlägt brutal seinen groß gewordenen Sohn Siggi nieder, der sich ihm in den Weg stellt. Der klaut daraufhin Gemälde Nansens um sie zu verstecken und landet im Heim.

Die spannenden Erzählungen Siggis werden im Film zu dramatischen Rückblenden. Im Unterschied zum Roman ist das cineastische Werk stark gekürzt und verdichtet, bewahrt aber dennoch den Geist der Vorlage. Während der Vater im Buch emotional zu schwanken scheint, setzt er sich im Film vehementer gegen die eigene Familie und den Künstler durch. Auch weitere Figuren, wie Siggis Schwester oder die Mutter, werden vom Regisseur Christian Schwochow anders gewichtet. Der verfilmte vor Jahren bereits Uwe Tellkamps „Der Turm“ und stellte – zur Freude des überzeugten Autors – bereits literarische Gestalten verändert dar.

Zum Kinostart bemängelten Kritiker, der Spielfilm sei unpolitisch und erkläre nicht den Faschismus. Auch der Maler, hinter dem sich angeblich Emil Nolde verberge, sei verklärt und nicht als Anhänger der Nazis angeprangert worden. Weiterlesen

„Berlin Syndrom“ – ein düsterer Hauptstadtfilm

Der Autor dieser Filmkritik hat ein Wochenende in der Nähe der Berliner U-Bahn-Station Kottbusser Tor („Kotti“) in einer Fortbildung verbracht. Obwohl das, stark sanierte Kreuzberg in der Nähe beginnt, gilt die Gegend immer noch als gefährlich. Durch die massiven Polizeieinsätze in der letzten Zeit sind aber die Raubüberfälle und Körperverletzungen zurückgegangen, berichtete die Berliner Zeitung.

Freitagabend bahnt sich der Filmkritiker seinen Weg durch aggressive jugendliche Drogendealer am U-Bahn-Ausgang. Samstagfrüh watet er unten in der U-Bahn durch Erbrochenes und frische Blutlachen, mittags sitzt er direkt auf dem Platz beim Vietnamesen, blinzelt in die Frühlingssonne. Auf einem ehemaligen Telefonhäuschen hockt ein attraktiver Mann und trinkt Bier, irgendwo schläft ein anderer auf einem herumstehenden Sessel. Zwischen den vielen Türken, asomäßigen „Weißen“ und dealenden Jugendlichen drängen sich mit großen neugierigen Augen zahllose Backpackerinnen.

Im Film „Berlin Syndrom“ begegnet hier eine von ihnen, die junge australische Rucksackreisende Clare (Teresa Palmer), dem gepflegten deutschen Mann Andi (Max Riemelt). Von dem Englischlehrer lässt sie sich Kreuzberg zeigen und verbringt mit ihm eine wilde Liebesnacht in seiner nahe am Kotti gelegenen Wohnung. Morgens ist er bereits zur Arbeit verschwunden – und sie merkt, dass sie nicht aus seiner verschlossenen Wohnung herauskommt… Als Andi nach Hause zurückkehrt, empfindet sie ihren Einschluss noch als Versehen. Doch bald wird ihr klar, dass sie in dem ansonsten menschenleeren Kreuzberger Haus seine Gefangene ist und aufgrund seiner Sicherungsmaßnahmen keine Chance hat, zu entkommen. Weiterlesen

„Ein ganzes halbes Jahr“ – Die indiskutable Verfilmung des Bestsellers von Jojo Moyes

 

Jojo Moyes Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ stand lange auf den internationalen Bestsellerlisten, jetzt startet bundesweit eine typisch US-amerikanische Verfilmung dieses Werks:

Lou (Emilia Clarke ) wohnt noch bei ihren Eltern in der Nähe Londons, lässt sich ziellos durchs Leben treiben und hat eine miese Beziehung mit dem sportbesessenen Patrick. Als sie ihre Arbeit im Café verliert, muss sie einen Pflegejob annehmen. „Ihm den Arsch abwischen?“, giftet sie empört, als das Job-Center sie zu dieser Beschäftigung zwingt. Völlig überraschend entpuppt sich Will (Sam Claflin), der erwartete senile Pflegefall, als ein reicher junger Mann, der vom Hals abwärts gelähmt ist.

Sie solle eher dessen Freundin als seine Pflegerin sein, erklärt Wills Mutter, aber der attraktive Mann bringt die junge Frau zur Verzweiflung. Er hat mit dem Leben abgeschlossen, geht zynisch und abweisend mit ihr um. Mit der Zeit nähern sich die beiden natürlich einander an, lachen viel und unternehmen Ausflüge. Auf der Hochzeitsfeier von Wills Ex- Freundin führen sie einen erotischen Rollstuhl-Tanz auf. Will mag Lous exzentrische Klamotten, ermuntert sie, sich mit Mode zu beschäftigen, konfrontiert sie mit ihr unbekannten Büchern und Filmen.

Eines Tages erfährt Lou, dass Will einen Deal mit seinen Eltern hat: Sollte er in einem halben Jahr keine Lebensfreude wieder finden, wollen ihn seine Eltern beim Freitod unterstützen. Lou will empört kündigen – entscheidet sich dann jedoch, Wills Lebenslust zu wecken. Sie entwirft „Projekte“, die aber meist scheitern wie ein Besuch beim Pferderennen. Irgendwann verbringen die beiden wunderbare Wochen auf Mauritius und ihnen wird klar, was der eifersüchtige Patrick und die Zuschauer längst wissen: sie lieben sich. Ob das überhaupt gehen kann und Will sich weiterhin umbringen will, wird hier nicht verraten.

Im Kino werden die wichtigsten Ereignisse des Romans erzählt, aber deutlich wird nicht, wie Will sich gegen die Überfürsorge seiner Mutter wehrt, welche Schmerzen er aushalten muss, wie verzweifelt der im Film ewig lächelnde Mann oft ist und wie sich das ungleiche Paar wechselseitig beeinflusst. Weiterlesen