„Berlin Syndrom“ – ein düsterer Hauptstadtfilm

Der Autor dieser Filmkritik hat ein Wochenende in der Nähe der Berliner U-Bahn-Station Kottbusser Tor („Kotti“) in einer Fortbildung verbracht. Obwohl das, stark sanierte Kreuzberg in der Nähe beginnt, gilt die Gegend immer noch als gefährlich. Durch die massiven Polizeieinsätze in der letzten Zeit sind aber die Raubüberfälle und Körperverletzungen zurückgegangen, berichtete die Berliner Zeitung.

Freitagabend bahnt sich der Filmkritiker seinen Weg durch aggressive jugendliche Drogendealer am U-Bahn-Ausgang. Samstagfrüh watet er unten in der U-Bahn durch Erbrochenes und frische Blutlachen, mittags sitzt er direkt auf dem Platz beim Vietnamesen, blinzelt in die Frühlingssonne. Auf einem ehemaligen Telefonhäuschen hockt ein attraktiver Mann und trinkt Bier, irgendwo schläft ein anderer auf einem herumstehenden Sessel. Zwischen den vielen Türken, asomäßigen „Weißen“ und dealenden Jugendlichen drängen sich mit großen neugierigen Augen zahllose Backpackerinnen.

Im Film „Berlin Syndrom“ begegnet hier eine von ihnen, die junge australische Rucksackreisende Clare (Teresa Palmer), dem gepflegten deutschen Mann Andi (Max Riemelt). Von dem Englischlehrer lässt sie sich Kreuzberg zeigen und verbringt mit ihm eine wilde Liebesnacht in seiner nahe am Kotti gelegenen Wohnung. Morgens ist er bereits zur Arbeit verschwunden – und sie merkt, dass sie nicht aus seiner verschlossenen Wohnung herauskommt… Als Andi nach Hause zurückkehrt, empfindet sie ihren Einschluss noch als Versehen. Doch bald wird ihr klar, dass sie in dem ansonsten menschenleeren Kreuzberger Haus seine Gefangene ist und aufgrund seiner Sicherungsmaßnahmen keine Chance hat, zu entkommen. Weiterlesen

„Ein ganzes halbes Jahr“ – Die indiskutable Verfilmung des Bestsellers von Jojo Moyes

 

Jojo Moyes Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ stand lange auf den internationalen Bestsellerlisten, jetzt startet bundesweit eine typisch US-amerikanische Verfilmung dieses Werks:

Lou (Emilia Clarke ) wohnt noch bei ihren Eltern in der Nähe Londons, lässt sich ziellos durchs Leben treiben und hat eine miese Beziehung mit dem sportbesessenen Patrick. Als sie ihre Arbeit im Café verliert, muss sie einen Pflegejob annehmen. „Ihm den Arsch abwischen?“, giftet sie empört, als das Job-Center sie zu dieser Beschäftigung zwingt. Völlig überraschend entpuppt sich Will (Sam Claflin), der erwartete senile Pflegefall, als ein reicher junger Mann, der vom Hals abwärts gelähmt ist.

Sie solle eher dessen Freundin als seine Pflegerin sein, erklärt Wills Mutter, aber der attraktive Mann bringt die junge Frau zur Verzweiflung. Er hat mit dem Leben abgeschlossen, geht zynisch und abweisend mit ihr um. Mit der Zeit nähern sich die beiden natürlich einander an, lachen viel und unternehmen Ausflüge. Auf der Hochzeitsfeier von Wills Ex- Freundin führen sie einen erotischen Rollstuhl-Tanz auf. Will mag Lous exzentrische Klamotten, ermuntert sie, sich mit Mode zu beschäftigen, konfrontiert sie mit ihr unbekannten Büchern und Filmen.

Eines Tages erfährt Lou, dass Will einen Deal mit seinen Eltern hat: Sollte er in einem halben Jahr keine Lebensfreude wieder finden, wollen ihn seine Eltern beim Freitod unterstützen. Lou will empört kündigen – entscheidet sich dann jedoch, Wills Lebenslust zu wecken. Sie entwirft „Projekte“, die aber meist scheitern wie ein Besuch beim Pferderennen. Irgendwann verbringen die beiden wunderbare Wochen auf Mauritius und ihnen wird klar, was der eifersüchtige Patrick und die Zuschauer längst wissen: sie lieben sich. Ob das überhaupt gehen kann und Will sich weiterhin umbringen will, wird hier nicht verraten.

Im Kino werden die wichtigsten Ereignisse des Romans erzählt, aber deutlich wird nicht, wie Will sich gegen die Überfürsorge seiner Mutter wehrt, welche Schmerzen er aushalten muss, wie verzweifelt der im Film ewig lächelnde Mann oft ist und wie sich das ungleiche Paar wechselseitig beeinflusst. Weiterlesen