Im „Garten der irdischen Freuden“ in Berlin

In der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ verwandeln 22 internationale Künstlerinnen und Künstler den Berliner Gropius Bau in eine außergewöhnliche Gartenkolonie. Doch beim Rundgang durch die individuellen Parzellen im Museum erlebt man kein fürstliches Gartenfest, sondern diverse künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Motiv des Gartens, an dem Kunstschaffende seit Jahrhunderten arbeiten.

Bereits im großen Lichthof des Hauses bildet ein mit meterhohen Metallregalen abgetrennter Raum einen zivilisierten Garten: In die Fächer des Regals sind einst wilde Pflanzen ordentlich eingetopft, hier ist üppige Natur gezähmt und in Ordnung gebracht. Während der Eröffnungstage dringen aus dem Gewächshaus, in dem ein Musiker sitzt, laute dramatische Synthesizerklänge. Symbolisiert die verstörende Kakophonie unbändige Naturgewalten oder den raschen Klimawandel? Hört man die bedrohliche Unterströmung unter der dünnen Decke unserer Zivilisation? Mit solchen Fragen geht man auf den Parcours.

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Ein Saal mit drei riesenhaften Plastiktulpen ist vollständig mit großen verschiedenfarbigen Punkten auf strahlendweißer Oberfläche bemalt, sogar Fenster und Decke. Man darf nur mit übergroßen Filzpantoffeln durch diese Skulptur schlurfen, die man zunächst witzig und unterhaltsam findet. Doch je länger man darin verweilt, umso mehr spürt man Beklemmung in dieser künstlichen Pop-Art-Welt.

Im Dunklen liegt man auf dicken weichen Stoffschlangen und schaut den an die Decke projizierten Film. Fast ohne visuelle Grenzen verschmelzen in einem Paradiesgarten zwei nackte Evas mit Blumen, Pflanzen und Wasser. Die traumartigen Bilder gleiten sanft ineinander, wechseln ständig zwischen Nahaufnahmen und Blicken durch Kaleidoskope. Weiterlesen

Das Private und die Frauenkunst… Weitere Streifzüge auf der 58. Biennale (2)

Zunächst einmal etwas Sinnliches über den isländischen Pavillon: Abseits von Gardini und Arsenale sind wir in eine langgezogene farbenfrohe Kuschelhöhle eingetaucht und haben uns zu psychedelischer Musik einfach nur wohlgefühlt.

Aber „Wohlgefühl“ reicht vielen Kritikern der Biennale natürlich nicht bei ihrer Kontrolle der Kunst, die nun auch noch von einer Frau produziert wurde…

„Von wegen politisch…“, fragten wir im ersten Text über unsere Rundgänge auf der 58. Biennale in Venedig. Wir wunderten uns über das seltsame Kunstverständnis, das häufig zunächst nach der politischen Bedeutung, nicht aber der Ästhetik und künstlerischen Qualität der diskutierten Arbeiten fragte. Dagegen überrascht uns, dass das Politische an scheinbar privaten Werken kaum wahrgenommen wird: kl Biennale 2-4.jpg

Eine junge Japanerin, die bunt bemalte Beinprothesen trägt, sitzt zum Interview im Pressezentrum. In der Ausstellung „May You Live in Interesting Times“ ist sie, Mari Katayama, zweimal mit inszenierten Fotografien vertreten. Entweder ist sie selbst als Performerin oder als Teil ihrer Artefakte zu sehen: sie tritt nicht hinter die Werke zurück.Ganz in der Tradition der Performance und Body-Art zelebriert sie auf radikal künstlerische Weise die Ästhetik des Andersseins: Ihre Diversität ist nicht länger private „Behinderung“ sondern politische – aber nicht plakative – Aussage über den Zustand und die Möglichkeiten unserer normierten Gesellschaft!

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Von wegen politisch… Rundgänge auf der 58. Biennale (1)

Seit der Verleihung der Goldenen Löwen zur Eröffnung gilt die 58. Biennale als politisch. Wenn man sich dort eine Woche lang treiben lässt, erlebt man jedoch eher die Spannweite der zeitgenössischen Weltkunst: Man wird nicht politisch belehrt und hat auch nach sieben Tagen noch längst nicht alles gesehen.

Am Rand der Ausstellungshallen im Arsenale liegt auf einem Transporter ein aus dem Meer geborgenes Schiffswrack. Es fällt zum Beginn des Festivals kaum auf, denn in dem einstigen Militärgelände verrotten viele Boote, Kräne und andere Geräte. Angesichts riesiger Lecks im Rumpf spürt man jedoch ein Grauen – und fragt sich: „Ist das Kunst?“

Später wird bekannt, der Kahn sei ein Fundstück, das vom Schweizer Künstler Christoph Büchel zur Kunst erklärt wurde, ein gesunkenes Flüchtlingsschiff, in dem 2015 Hunderte von Menschen starben. Ein Jahr später engagierte sich der italienische Politiker Matteo Renzi für die Bergung des gesunkenen Schiffs, in dem sich noch Hunderte von Leichen befanden. Nun pöbelt die rechtskonservative Regierung Italiens gegen den angeblichen Missbrauch des Schiffes für politische Propaganda auf der Biennale.

Doch das Wrack ist zuallererst ein „Objet trouvé“, ein eigenständiges Kunstwerk, das für sich selbst spricht und keine Interpretationen benötigt, um Entsetzen und Nachdenklichkeit auszulösen. Man muss nichts über seine Geschichte wissen, um von diesem Objekt berührt zu werden. Der daneben stehende Kran suggeriert sogar noch vergebliche Hilfe, denn der Haken am Stahlseil erreicht nicht das Schiff.

Auch der Goldene Löwe für die Operninszenierung im Litauischen Pavillon muss für den Vorwurf des politischen Missbrauchs herhalten. Doch das Singspiel „Sun & Sea“ ist ein autonomes Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, szenischem Theater und Environment. In dem abgelegenen, schwer zu findenden Gebäude innerhalb der militärischen Sperrzone ist ein Sandstrand aufgeschüttet. Von der Empore, also lediglich von oben (!), kann man das Strandgeschehen miterleben:

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Gegen weichgespülte Gegenwartskunst… „DAU Freiheit“ in Berlin

Nachdem erste Informationen zum Kunstprojekt „DAU Freiheit“ durchsickerten, überschlug sich bereits die Kritik in der Hauptstadt: Bald soll mitten in der Nacht  in Berlin für einige Wochen eine echte Mauer errichtet werden, um ein Ghetto auf dem Prachtboulevard „Unter den Linden“ nach außen abzugrenzen.

Auf der eilig einberufenen, sehr gut besuchten Pressekonferenz machten die Vertreter der diversen beteiligten Institutionen gestern deutlich, es ginge nicht um Mauerkitsch, stalinistisch-totalitäre Erlebniswelten oder die Verhöhnung der Opfer. So die Vorwürfe, die Filmemacher Tom Tykwer, Dr. Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, Produzentin Susanne Marian und andere Beteiligte widerlegten. DAU sei vielmehr ein europaweites Projekt, das nacheinander die drei Errungenschaften der französischen Revolution künstlerisch in Szene setzen solle: „Freiheit“ in Berlin, „Brüderlichkeit“ in Paris und „Gleichheit“ in London. Gerade für die Berliner sei, angesichts der Mauer in ihrer Geschichte, Freiheit ein lange herbeigesehnter Zustand gewesen.

Seit zwei Jahren wird das Projekt vorbereitet und obwohl Hunderte von Leuten in zuständigen Ämtern und Institutionen sowie betroffene Anwohner einbezogen wurden, drang nichts nach außen. Dadurch konnte verhindert werden, dass das Vorhaben schon vor seiner Planung völlig zerredet und zerrissen wurde. Öffentliche Gelder sind nicht nötig, DAU wird von einer Londoner Stiftung finanziert.

Auf der Pressekonferenz war zu erfahren, die Besucher könnten intramural, in einem Schutzraum ohne Zerstreuung, eine andere, für sie neue Welt erleben: In dem abgegrenzten Areal wird es zahlreiche künstlerische Aktivitäten, Performances, wissenschaftliche Aktionen, Diskussionsgruppen und Einzelgespräche geben – sowie Filme des bekannten russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, der auch Initiator von DAU ist. Ein komplexes digitales Programm (Device) steuert alle Besucher durch ihre eigene Parallelwelt und macht ihnen individuelle – aber letztlich frei wählbare – Angebote zum Besuch in der temporären Kunststadt. Sie zahlen keinen Eintritt, sondern können vorher ein Visum käuflich erwerben.

Dau ist der Spitzname des sowjetischen Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Lev Landau (1908 – 1968), der zeitweilig in einer streng isolierten, geheimen Laboratoriums-Siedlung in der UDSSR arbeitete… Weiterlesen