
Hanswerner Kruse im Gespräch mit Antonio Marra
Der italienische Maler Antonio Marra lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Offenbach. Ich treffe ihn beim Aufbau seiner Ausstellung „Die Wahrheit gibt es nicht“, die am Sonntag 27. September im Museum Modern Art Hünfeld eröffnet wurde.
Ohne lange Vorrede fordert er mich auf, um einen Tisch mit schwarz-weiß bemalter Oberfläche herumzugehen. Beim Weitergehen verwandeln sich die schwarzen Formen langsam in farbige Muster, die auf der gegenüberliegenden Seite schließlich kräftiger und leuchtender wirken, danach wieder zarter werden. Was der Titel „Die Wahrheit gibt es nicht“ meint, konnte ich beim Herumgehen unmittelbar erleben.
Ihre Ausstellung heißt „Die Wahrheit gibt es nicht“. Bezieht sich das nur auf Ihre Kunst?
Nein. Das ist meine Weltanschauung. Kunst kann man nicht so abtrennen: Da oben ist die Kunst, hier ist das Leben. Wenn ich das Bild von einer Seite anschaue, sehe ich Schwarz-Weiß. Und das ist wahr. Aber wenn ich mich versetze, sehe ich Farbe. Das ist auch wahr. Wer lügt jetzt – vorher oder jetzt? Das ist Teil des Lebens.
Wie viel von einem Werk existiert bereits in ihrem Kopf, bevor Sie anfangen zu malen?
Sehr viel. Manche Bilder sind monatelang in meinem Kopf. Die unterschiedlichen Ansichten sehe ich im Voraus. Das ist, was ich sehe. Deswegen male ich das. Aber ich fiebere darauf hin: Wie wird es aussehen, wenn beide Seiten zusammenkommen? Durch meine Erfahrung weiß ich das vielleicht zu 90 Prozent. Aber die Wahrheit kommt erst, wenn beide Seiten fertig sind. Diese Spannung, diese Vibration, diese Emotion gibt mir die Kraft weiterzumachen.
Und dann trägt ein Bild plötzlich den Titel „Mit Koks in der Unterhose erwischt“. Wie kommen Sie darauf?
Die meisten Leute suchen den Titel im Bild und fragen: „Wo ist das Koks?“ Aber der Titel hat mit der Darstellung des Bildes nichts zu tun. Er hat mit dem Bild zu tun. Während ich daran arbeite, erlebe ich etwas, etwas packt mich, ich begegne jemandem. Als dieses Bild entstand, war ich in Berlin. Dort wurde ein Taxifahrer erwischt, der Koks transportierte. Das gehörte in diesem Moment zu meiner Lebensrealität.

Sie tragen die Farbe zunächst dick „wie einen Teig“ auf und erzeugen darin Rillen, deren Boden und Seiten sie unterschiedlich bemalen. Beim Vorbeigehen verändert sich dadurch das Werk. Gibt es eine „Gebrauchsanweisung“ für den Betrachter?
Wenn sie ins Kino gehen, wollen sie etwas erleben. Sie kaufen ein Ticket, setzen sich in den Kinosessel – der Film kommt zu ihnen. Bei meinen Bildern ist das anders. Sie müssen kein Ticket bezahlen. Aber wenn sie etwas erleben wollen, müssen sie sich bewegen. Gehen sie von links über die Mitte nach rechts. Ich will, dass der Betrachter eine aktive Rolle hat. Denn nur wenn er sich bewegt, verändert sich das Bild. Das Bild steht immer da. Verändern tut sich der Betrachter.
Sie haben ursprünglich Geometer gelernt, einen italienischen Beruf zwischen Landvermessung und Architektur. Was davon steckt heute in ihrer Kunst?
Es geht mehr um das Denken. Denken braucht Training, dann öffnen sich neue Wege. Als Schüler war das für mich natürlich anders. Ich war lieber mit den Mädchen Kaffee trinken am Meer. Die Sonne scheint, schöne Mädchen – das war easy. Dann kam ein Lehrer mit Kant und der „Kritik der reinen Vernunft“. Ich habe nichts verstanden. Gar nichts. Aber etwas ist in mir geblieben. Auch die Vorstellung von Gegensätzen – später in meiner Arbeit Schwarz-Weiß und Farbe.
Vorstellungskraft ist für sie wichtig. Sie erwähnten den italienischen Dichter Giacomo Leopardi, der sie schon als Jugendlicher beschäftigte. Was hat das mit Ihren Bildern zu tun?
Leopardi konnte von seinem Fenster nur bis zu einem Hügel schauen. Der versperrte ihm den Blick dahinter. Er stellte sich vor: Was gibt es hinter diesem Hügel? Gerade weil er es nicht sehen konnte, musste er es sich vorstellen. Für mich ist Vorstellungskraft etwas anderes als Fantasie. Der Mensch ohne Vorstellungskraft entdeckt nichts.
Man kann von einem Standort nie das ganze Werk sehen.
Genau. Das beschäftigt mich schon lange. Als Kind habe ich oft in den Himmel geschaut. Irgendwann habe ich verstanden: Dort, wo mein Blick endet, geht es trotzdem weiter. So ist es auch mit meinen Bildern. Von einer Seite sehe ich nur, was mir dieser Standpunkt zeigt. Ich weiß, dass auf der anderen Seite etwas anderes ist. Ich sehe es nicht. Aber ich weiß es.
Mein Kopf weiß, dass mehr da ist, als meine Augen in diesem Augenblick erfassen können. Der Mensch kann nur einen Teil des Ganzen erfassen.
Service
https://www.museum-modern.art/d
Öffnungszeiten Do bis So 15 – 18 Uhr
Weitere Termine:
Familientag 11. Oktober 2026 (ab 15:00 Uhr)
Kunstfrühstück 25. Oktober 2026 (ab 10:00 Uhr
Finissage: 9. Januar 2027 (ab 15:00 Uhr)