„Was auf dem Spiel steht!“ Fotoausstellung von Katharina Eglau (Kunstherbst in Ost-Hessen 4)

 

Zuerst fallen in der Bilderschau die unglaublich schönen, glücklichen Kinder in diversen arabischen Regionen auf. Die Porträts ihrer Eltern und Verwandten sind eindrucksvoll, mal tragen die Frauen Kopftücher, mal offene Haaren. Muslime, Christen, Juden.

Fischer bei der Arbeit im Euphrat-Delta. Verputzer werkeln in schwindelnder Höhe an Lehmhochhäusern. Die Puppe eines mit Pfeilen gespickten Diktators (Hussein) wird verbrannt. Ein Jugendlicher liegt in einer Moschee auf dem Boden und fummelt entspannt am Smartphone herum. Eine junge Ägypterin macht Freudensprünge vor Pyramiden.

Man hat nicht den Eindruck, dass diese Menschen freiwillig auf überfüllte Flüchtlingsboote oder in europäische Notaufnahmelager gehen. Doch die seit Jahrtausenden im Delta in den Sümpfen lebenden Menschen wurden vertrieben, die kurdischen Jesiden werden vom IS ausgerottet, das steinalte jüdische Dorf im Jemen gibt es nicht mehr.

Auf vielen Reisen im nahen Osten hat die Fotografin nicht nur unterschiedliche Volksgruppen in ihren sozialen und religiösen Bindungen abgelichtet, sondern so auch die Vielfalt der arabischen Kultur festgehalten. „Das steht auf dem Spiel“, erklärt Eglaus Mann, der Nahost-Journalist Dr. Martin Gehlen, in seinem Vortrag zur Vernissage. Beide leben seit acht Jahren in Kairo und kennen sich bestens in der Region aus, hautnah haben sie den Fall der Diktaturen, den „arabischen Frühling“ und die Renaissance der Gewalt miterlebt.

„Wo ist Katharina schon wieder?“

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Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985)

Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985), die nach dem 1. Weltkrieg das „Neue Sehen“ stark beeinflusste.

Weiche entblößte Frauenkörper oder harte Maschinenteile, Clochards oder Can-Can-Tänzerinnen. Überraschende Vogelperspektiven oder verfremdende Details. Porträts mit viel Licht und Schatten oder bloß menschliche Hände. Die junge deutsche Fotografin schuf in wenigen Jahren ein vielfältiges und innovatives Oeuvre.

„Zottel“, wie sie genannt wurde (und wie sie auf frühen Bildern auch aussieht), hatte eine schwierige Jugend. Dann war sie als junge Revolutionärin an der Münchener Räterepublik beteiligt. In der Sowjetunion warf man sie als Abweichlerin ins Gefängnis, da verging ihr schnell der Kommunismus: Mitte der 1920er-Jahre widmete sie sich in Amsterdam und Paris wieder der Fotografie. Aber Krull blieb unangepasst und rebellisch, das beeinflusste ihren künstlerischen Blick… Weiterlesen

„Drei Männer rücken die Frauen ins Bild“ – Newton, Horvat und Brodziak im Berliner Museum für Fotografie

Das Berliner Museum für Fotografie beherbergt die Stiftung des 2003 gestorbenen Fotografen Helmut Newton. Wie schon oft präsentiert das Haus bisher ungezeigte Arbeiten Newtons mit Fotografien von Kollegen, diesmal mit dem jungen Szymon Brodziak (39) und dem wesentlich älteren Frank Horvat (87).

Man meint den Staub der Archive zu riechen, in denen eine attraktive junge Frau noch nicht verstaubt oder in den Aktenordnern verschwunden ist. Drei kleine, unscheinbare S/W-Fotografien führen in die geheimnisvolle Welt Brodziaks ein, die Frau gehört irgendwie nicht zum Ort, an dem sie abgelichtet wurde. Die wesentlich größeren S/W-Arbeiten in der Ausstellung widmen sich noch intensiver dieser Idee – eine Frau schwebt spektakulär in einer Baggerschaufel vor dem Himmel, andere verschwinden scheinbar in Landschaften oder Felsen, einer weht der Rock über den Kopf und sie wird zur Blume. Der polnische Mode- und Kunstfotograf macht das Alltägliche unwirklich, manchmal geradezu surrealistisch.

Die behutsamen und doch sinnlichen Frauenportraits Brodziaks hängen in der Nachbarschaft Newtons, eines Fotografen, dessen gesamtes Werk oft – zu unrecht – als sexistisch abgetan wurde. Natürlich fehlen nicht die erotisch aufgeladenen Bilder von Frauen, die sich nehmen was sie wollen: Die nackte Grace Jones schaut verächtlich, mit einem die Männer vereisenden Blick in die Kamera, während sie sich ein männliches Model krallt. Weiterlesen

Der Mut in Zeiten der Unterdrückung – Jafa Panahis Meisterwerk „Taxi Teheran“ kommt in die Kinos

Jafar Panahis Film „Taxi Teheran“ gewann bei der Berlinale 2015 den Hauptpreis. Das cineastische Meisterwerk zeigt auf eigenwillige Weise das Leben der Menschen in Teheran, der Heimatstadt des iranischen Regisseurs. Jetzt kommt der Film in die Kinos.

Ein schwer verletzter Mann wird zum Krankenhaus gefahren. In das Smartphone des Taxifahrers stammelt er sein Testament. Wird er überleben? Ein mieser Typ schwadroniert über die Todesstrafe für Diebe. Zwei alte Damen lassen die Droschke quer durch die Stadt rasen. Ihr Goldfisch soll zu einer bestimmten Zeit in der Quelle eines Flusses schwimmen. Sonst müssen die abergläubischen Frauen sterben. Der illegale DVD-Händler erkennt den Chauffeur: „Du bist doch Panahi, das hier sind ja Dreharbeiten…“

Tatsächlich ist es Jafar Panahi (55), der iranische, mit Hausarrest und Berufsverbot belegte Filmemacher, der mit einem Taxi durch Teheran fährt und Fahrgäste befördert. In dem engen, geschlossenen Raum filmen Minikameras mit festen Einstellungen die kleinen Dramen oder politischen Streitereien zwischen den Mitfahrern sowie die naseweise Reflexion der zehnjährigen Nichte des Regisseurs über das Filmemachen im Iran. Wieder einmal hat sich der Künstler mutig über das Berufsverbot hinweggesetzt, einen listigen Film gedreht, heimlich außer Landes geschafft – und dafür den Goldenen Bären der Berlinale 2015 erhalten.

Kurz vor den Berliner Filmfestspielen wurden in Paris Redakteure von „Charlie Hebdo“ ermordet, wir kommentierten einige Tage später die Preisverleihung: „In Zeiten, in denen Künstler für die Freiheit der Kunst sterben, darf auch die Kunst für die Freiheit der Künstler kämpfen.“ Weiterlesen

Sanddünen und Tellerlippen – SEBASTIÃO SALGADO erforscht entlegene Weltgegenden und ihre Bewohner

Sebastião Salgado zeigt Eisberge, Sanddünen und den tiefen Dschungel. Mit seinen Fotografien macht der 71-Jährige die fragile Schönheit der Erde auf einzigartige Weise bewusst. Unter dem Titel „Genesis“ präsentiert die Berliner Ausstellungshalle c/o derzeit 245 großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien des brasilianischen Ausnahmekünstlers.

Die Bilder zeigen mächtige skulpturale Eisberge, die wie finstere Schlösser wirken, oder seltsame Wimmelbilder mit Tausenden von Pinguinen, in archaisch anmutenden Eislandschaften. Ihre einzigartige Ästhetik zieht den Betrachter förmlich in die Ausstellung hinein. Staunend kann man unberührte Landschaften und unbekannte Tiere erleben, schließlich auch indigene Menschen mit eigenartigem Aussehen und sonderbaren Verhaltensweisen. Sebastião Salgados Fotografien erschließen weitgehend unbekannte und von der Zivilisation verschonte Flecken der Welt. Acht Jahre lang bereiste der durch seine Flüchtlingsbilder bekannt gewordene Sozialfotograf entlegene Gebiete in allen Erdteilen – oft mit Faltboot, Fesselballon oder zu Fuß.

Das Magnum-Mitglied fotografiert seit den 1970ern bis heute ausschließlich schwarzweiß. Die Arbeiten seines jüngsten, seit 2004 entwickelten Zyklus’ „Genesis“ sind überaus kontrastreich. Gerade die Sanddünen oder faszinierenden Bodenformationen wirken deshalb grafisch wie Holzschnitte oder Radierungen. Die von ihm abgelichteten Tiere, gelegentlich auch die Menschen, scheinen auf steinernen, eisigen oder floralen Hintergründen oft mit der Natur zu verschmelzen: Weiterlesen