Wenn Performance zur Brauchtumsschau wird

„Balkan Erotic Epic“ – in Berlin wurde Marina Abramovićs faszinierende Ausstellung aus dem vergangenen Sommer im Gropius Bau nun auf der Bühne fortgesetzt. Die Künstlerin selbst tritt nicht auf, sondern hat das Stück konzipiert und inszeniert. Aber statt des erwarteten Lebendigwerdens einiger Installationen und ihrer Erweiterung durch Tanz, Gesang und theatrale Aktionen zu einem performativen Gesamtkunstwerk erlebten wir etwas ganz anderes. Wir mussten einem dreistündigen balkanischen Heimatabend ohne Pause beiwohnen – mit einem penetrant unterhaltsamen Programm.

Zunächst konnten unsere Erwartungen von den sechs „Regenfrauen“ im Folklore-Look durchaus eingelöst werden. Ihr Video lief bereits in der Ausstellung und zeigte nun im Bühnenhintergrund großformatige Detailaufnahmen. Mit eigenartigem Singsang, wilden Tänzen und oft entblößten Unterkörpern forderten sie live die Regengötter heraus, um den Regen zu beenden. „Raaaah!“, schrien sie abwechselnd, streckten ihre nackten Becken vor oder machten sogar Kopfstände, um mit ihren Vulven die himmlischen Herrscher zu bedrohen. Immer wieder bildeten sie dynamisch-erotische Formationen, mal eine allein im Kreis, mal in Paaren oder alle zusammen.

Keine Zurschaustellung nackter Körper

Diese erotischen Szenen waren keine voyeuristische Zurschaustellung nackter Körper, sondern ein lustvoll-provokantes Spiel der Frauen mit ihrer eigenen Körperlichkeit. Zu spüren war hier – wie in Florentina Holzingers Arbeiten – ein rein weiblicher Kosmos. Doch diese fantastische Darbietung wurde durch den profanen Stopp des Regens und die nun aufscheinende Sonne beendet. Plötzlich reine Postkartenromantik, die der einzigen wirklich überzeugenden Performance dieses Abends ihre Wirkung nahm.

Das passierte auch bei der „Schwarzen Hochzeit“, in der eine rot gekleidete Frau symbolisch mit einem jung verstorbenen, unverheirateten Mann vermählt wurde – ein altes ostserbisches Ritual. Dazu tanzten einige Paare durchaus zeitgenössisch ihre vermeintliche Trauer heraus. Dann schluchzten und jammerten sie ununterbrochen, später wälzten sie sich weinend auf dem Boden. Schließlich wurde der nackte Leichnam angezogen und singend von allen mit großer Gebärde weggetragen. Diese Tanzbilder endeten ebenfalls in Rührseligkeit und gekünstelter Überhöhung.

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Keine kleinen Lüpertze

Heute stellen wir die Künstlergruppe „Die Spinne“ vor, die in der Kunststation die zweite Herbstausstellung unter dem Titel „Ansichtssache“ zeigt. Ihr Name leitet sich nicht von Spinnentieren ab, sondern von der „Alten Spinnerei“ im bayerischen Kolbermoor. An der dortigen privaten Akademie lehrt der bekannte Künstler Markus Lüpertz – in seiner Meisterklasse fanden sich die neun Kunstschaffenden zusammen. Alle brachten bereits künstlerische Erfahrungen mit oder übten vorher sogar andere hochqualifizierte Berufe aus.

Der „Meister“ versucht die Studierenden nicht stilistisch zu beeinflussen, sondern unterstützt sie, eigene Wege zu finden. Eine deutliche Nähe zu seinen Werken zeigen die fragmentierten menschlichen Figuren von Daniel Sommergruber. Die Gesichter sind verhuscht, die grellfarbene Kleidung mal ausgearbeitet, mal flüchtig hingetupft; die Füße in High Heels oder Sneakern dagegen riesig. Sie changieren zwischen Körper und abstrakter Komposition – eine Spannung, die auch für Lüpertz‘ Malerei wichtig ist.

Im Eingangsbereich begegnen sich alle neun mit jeweils drei quadratischen Bildern in der Größe von Langspielplatten. Bereits hier wird ihre Vielfalt deutlich; manche Malereien und andere Gestaltungen verweisen auf ihre größeren Arbeiten. Denn Lüpertz bildet ganz offensichtlich keine kleinen Lüpertze aus:

Bei den Berglandschaften von Kerstin Stechl sind die Motive noch gut erkennbar, kantige Farbflächen beginnen sich zu verselbständigen. Barbara Münstermann löst ihre dramatisch anmutenden Landschaften viel stärker auf. Erde, Himmel oder Horizont lassen sich vielleicht erahnen, in anderen Werken brausen wilde Farben durch- und übereinander.

Fast verschwunden ist das Gegenständliche ebenfalls bei Miriam Saric. Etwa in ihrem großen Bild über dem Schriftzug zur Ausstellung am Eingang schieben sich helle und dunkle Flächen ineinander, durchzogen von Linien und gestischen Spuren. Die dunklen „Kosmischen Reflexionen“ von Barbara Scholz-Evans lassen mit Lichtflecken und leuchtenden Eruptionen an unendliche Räume denken. In Claudia Seilers Arbeiten schließlich werden Farbe, Licht und Atmosphäre selbst zum Motiv.

Doch die Schau führt keineswegs immer weiter in die Abstraktion. Astrid Trost zeigt erzählerisch-realistische Arbeiten, etwa den „Mann auf der Bank“, umgeben von bildhaften Erinnerungen aus seinem Leben. Draga Kuzmanovic präsentiert eigenwillige Porträts, deren Gesichter durch ungewöhnliche Farben, Raster oder Übermalungen verfremdet werden.

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Wenn Sie etwas erleben wollen, müssen Sie sich bewegen“

Hanswerner Kruse im Gespräch mit Antonio Marra

Der italienische Maler Antonio Marra lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Offenbach. Ich treffe ihn beim Aufbau seiner Ausstellung „Die Wahrheit gibt es nicht“, die am Sonntag 27. September im Museum Modern Art Hünfeld eröffnet wurde.

Ohne lange Vorrede fordert er mich auf, um einen Tisch mit schwarz-weiß bemalter Oberfläche herumzugehen. Beim Weitergehen verwandeln sich die schwarzen Formen langsam in farbige Muster, die auf der gegenüberliegenden Seite schließlich kräftiger und leuchtender wirken, danach wieder zarter werden. Was der Titel „Die Wahrheit gibt es nicht“ meint, konnte ich beim Herumgehen unmittelbar erleben. 

Ihre Ausstellung heißt „Die Wahrheit gibt es nicht“. Bezieht sich das nur auf Ihre Kunst?

Nein. Das ist meine Weltanschauung. Kunst kann man nicht so abtrennen: Da oben ist die Kunst, hier ist das Leben. Wenn ich das Bild von einer Seite anschaue, sehe ich Schwarz-Weiß. Und das ist wahr. Aber wenn ich mich versetze, sehe ich Farbe. Das ist auch wahr. Wer lügt jetzt – vorher oder jetzt? Das ist Teil des Lebens. 

Wie viel von einem Werk existiert bereits in ihrem Kopf, bevor Sie anfangen zu malen?

Sehr viel. Manche Bilder sind monatelang in meinem Kopf. Die unterschiedlichen Ansichten sehe ich im Voraus. Das ist, was ich sehe. Deswegen male ich das. Aber ich fiebere darauf hin: Wie wird es aussehen, wenn beide Seiten zusammenkommen? Durch meine Erfahrung weiß ich das vielleicht zu 90 Prozent. Aber die Wahrheit kommt erst, wenn beide Seiten fertig sind. Diese Spannung, diese Vibration, diese Emotion gibt mir die Kraft weiterzumachen.

Und dann trägt ein Bild plötzlich den Titel „Mit Koks in der Unterhose erwischt“. Wie kommen Sie darauf?

Die meisten Leute suchen den Titel im Bild und fragen: „Wo ist das Koks?“ Aber der Titel hat mit der Darstellung des Bildes nichts zu tun. Er hat mit dem Bild zu tun. Während ich daran arbeite, erlebe ich etwas, etwas packt mich, ich begegne jemandem. Als dieses Bild entstand, war ich in Berlin. Dort wurde ein Taxifahrer erwischt, der Koks transportierte. Das gehörte in diesem Moment zu meiner Lebensrealität.

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Wo Bilder und Bronzeskulpturen sich begegnen


In diesem Jahr feiert die Galerie Liebau ihr dreißigjähriges Bestehen. Bereits im Frühjahr zeigte das Kunsthaus die Ausstellung „Schätze der Galerie“ mit Arbeiten aus den drei Jahrzehnten. Vor kurzem begann die „Jubiläumsausstellung“ mit vier hochrangigen Künstlern.

Betritt man die Galerieräume, wird man sofort von einem riesigen Bild des hyperrealistischen Malers Yongtak Choi im Zentrum angezogen. Nahezu lebensgroß sieht man den Oberkörper einer grellbunt bekleideten Frau im Wasser liegen. Sie schaut entspannt in die Welt. Man weiß nicht: Ist sie unter Wasser oder liegt sie am Ufer? Über ihr schwirrt ein Vogel, doch neben ihr schwimmt ein Fisch. Unwillkürlich wird man an J.E. Millais‘ „Ophelia“ erinnert, doch dieses Bild „About the wind“ mutet an wie ein surreales Gegenbild zum historischen Gemälde. Bei Millais versinkt die Frau – bei Choi kippt die Welt um sie herum.

Daneben eine Bronzeskulptur von Michael Jastram, entstanden im Wachsausschmelzverfahren. Auf einem schmalen Boot – merkwürdigerweise auf Rädern – sitzt ein Reiter auf einem Pferd und begegnet einem großen scheibenförmigen Objekt. „Encounter“ heißt dieses ebenfalls surreale Zusammentreffen. Fast überall treffen bronzene Skulpturen des Bildhauers auf malerische Werke. Viele seiner Figuren treiben einsam wirkend auf Wasserwegen, im Unterschied zu früheren Arbeiten mit Menschen auf Karren oder Wagen.

Schon am Eingang kommt man an einem seiner feingliedrigen Barken vorbei, darauf ein stehendes Mädchen mit einem schmalen Ruder. Die Bronzeskulptur scheint auf die eigentlich abstrakte blaue Komposition von Günter Liebau zu gleiten Foto oben). Durch die farbigen Linien erscheint das Bild wie ein Meer mit Wolken. Aber durch einen brutalen roten Streifen sind Gewässer und Himmel getrennt. Es ist beileibe keine Landschaft. Gleich danach treibt noch ein weiteres Boot mit einem einsamen Wesen auf eine scheinbare blau-grüne Landschaft zu. So beeinflusst die Zusammenstellung der Werke unsere Fantasien und Assoziationen. 

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Wenn Wunden Formen werden


Vor einiger Zeit wurden in der Kunststation Kleinsassen/Rhön drei große Herbstausstellungen sowie die Studioausstellung mit kürzerer Laufzeit eröffnet. Wir beginnen die Besprechungen mit den Arbeiten der Künstlerin Reinhild Gerum und dem Hinweis auf die Artothek im Studio.

In der Halle von Gerum fallen zunächst die gleichgroßen, fast einfarbigen Bilder „Standortbestimmung“ auf (Foto). In diesem Zyklus zeigt sie – wenn man so will – landschaftsartige Kompositionen. Aus dicken Schichten von Ölpastell auf rotem oder grünem Grund kratzte sie Furchen heraus und legte so die leicht andersfarbige Schicht darunter wieder frei. Die Werke haben dadurch etwas Verletztes, zugleich aber auch Strukturiertes. Auf einem Bild wirken die Einkerbungen wie eine Wunde. Möglicherweise transformieren sie persönliche Erfahrungen der Gestalterin, vielleicht verweisen sie aber auch auf unbestimmte Orte. Denn zugleich lassen Auskratzungen und Risse Horizonte, Ufer, Himmel und Erde entstehen. Dadurch wird die Anmutung als Landschaft verstärkt. Und aus einer grünen Arbeit scheint sogar helles Licht auf. 

Gerum macht keinen Hehl daraus, dass ihre Kunst durch individuell erlebtes Leid oder unmittelbare Betroffenheit von dramatischen Ereignissen wie dem Terroranschlag vom 11. September beeinflusst ist. „Geschichten des Lebens“ heißt ihre Kleinsassener Ausstellung, in der sie drei Werkgruppen präsentiert. Doch ihre Erzählungen sind kein Wundenlecken, ihre Werke kein therapeutisches Diagnosematerial. Denn sie hebt ihre Welt- und Lebenserfahrungen dialektisch auf. Ihre möglichen Wunden verschwinden nicht. Durch die Form werden sie in allgemeine Erfahrungen verwandelt – und zugleich bewahrt. Das kann uns berühren, auch wenn wir ihre Geschichten nicht kennen.

In der zweiten Gruppe „Zentriert“ hat Gerum unterschiedlich farbige, quadratische Bilder zu jeweils neunteiligen Gruppen zusammengestellt. Konzentrische, weich ineinander übergehende Quadrate lenken den Blick auf den Kern, wo sich die Farbe verdichtet. Mal scheint das Zentrum von innen zu leuchten, mal schafft es einen dunklen oder kühlen Gegenpol zu den umgebenden Farben. Während sich die „Standortbestimmungen“ durch die Horizontalen nach außen öffnen, strömt hier alles auf einen Mittelpunkt zu. Beim Betrachten stellt sich eigentümliche Ruhe und Sammlung ein.

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40 Jahre Performance-Gruppe „Prompte Rührung“



Herzliche Einladung zur Eröffnung der Ausstellung 40 JAHRE „PROMPTE RÜHRUNG“ (Projektraum) am 24. Mai 2026 um 14 Uhr

Hannah Wölfel & Hanswerner Kruse laden ein: Im Juni vor 40 Jahren bauten wir auf dem Frankfurter Römerberg ein komplettes Wohnzimmer auf. Zu den Klängen von Terry Rileys „In C“ schlammten wir es akribisch mit flüssigem Ton ein. Anschließend bestrichen wir einander damit. Durch diese öffentliche Aktion wollten wir auf den Sommermarkt des BBK Frankfurt aufmerksam machen. Als Keramiker wählten wir den Tonschlamm für unsere Begegnung. Wir wussten: Ton kann plastisch zum Gestalten sein, er kann aber auch hart werden und Risse bekommen. Das wollten wir in unserer romantischen Beziehung vermeiden.

Später begriffen wir: Dadurch erschlossen wir uns die Grundlagen von Performance Art, traten nicht mehr hinter unsere Arbeiten zurück, sondern wurden selbst zum Kunstwerk. Unsere Körper wurden dafür entscheidend, der Prozess wichtiger als das Ergebnis. Bald wiederholten oder variierten wir solche und andere Aktionen bei kulturellen Ereignissen. Neben besonderen Orten und ungewöhnlichen Gegenständen wurde in den Performances auch unsere eigene Beziehung zum Material – so transformierten wir das Private in etwas Allgemeines. Beispielsweise machten wir mit 200 Mausefallen sichtbar, in welche Fallen man geraten kann: tappen, einschnappen, locken.

Im Projektraum werden wir unsere vierzigjährige Geschichte der Performance Art noch einmal sinnlich nachvollziehbar machen – mit Gesprächen, Bildern, Videos und Performancespuren. Auch zeigen wir, welche Aktionen wir im Kunstverein realisiert haben: bei „Chaos“ oder „Fragile“, mit Videoprojektionen oder mit unseren Kunstschafen.

Kunstverein Fulda e. V. Habsburgergasse 2, 36037 Fulda
Öffnungszeiten: Do. bis So. 15-18 Uhr Ausstellungsdauer 24. Mai bis 19. Juli 2026


Kontakt
https://www.kunstverein-fulda.de

Nähe aus Distanz – Vielfalt mit Haltung

Kurz vor dem Jahresende begannen in der Kunststation die beiden umfangreichen Winterausstellungen. In einer präsentieren 21 Mitglieder der „Frankfurter Künstlergesellschaft“ ihre Arbeiten unter dem Titel „Nähe aus Distanz“.

Nach dem Eintritt begegnet man der überlebensgroßen weiblichen Skulptur „Hurdy Gurdy“. Übersetzt heißt der englische Titel „Drehleier“ – im übertragenen Sinn steht sie also für Bewegung und Dynamik. Das Reisigbündel in ihren Händen verweist auf Hurdy-Gurdy-Girls: arme junge Frauen, die im 19. Jahrhundert aus dem Hessischen in die USA auswanderten und dort hart arbeiten mussten. 

Diese Figur ist jedoch kein Opfer. Breitbeinig, standfest und selbstbewusst steht sie auf einem kleinen Rollwagen und suggeriert Kraft und Eigenständigkeit. Als Auftakt verweist sie auf ein Motiv, das sich in der Ausstellung mehrfach findet: selbstbestimmte, starke feminine Figuren. 


Eigenartige weibliche Holzwesen, eine heißt „Grazie“, zeigen sich nur leicht bekleidet oder nackt aufeinander stehend. Die teils bemalten Skulpturen aus Linden- oder Ahornholz sind ineinander verdreht und verschlungen, manche Körperteile sogar nach innen gewölbt. Als Installation irritiert diese Frauengruppe, doch durch ihre Gestaltung – als Konkav-Tiefenreliefs – wird immense Lebensfreude und Bewegung spürbar.

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„Heldin“ – was für ein Film!

Der Film „Heldin“ ist unglaublich! Viele Kolleginnen und Kollegen der Presse konnten sich vor seiner Weltpremiere auf der Berlinale kaum vorstellen, dass dieser Spielfilm in dokumentarischer Form, eine derartige Spannung beim Publikum erzeugen kann – und ohne Pathos und Wehklagen so berührt. 

Natürlich geht es um den „Pflegenotstand“, die Überlastung des Personals in den Kliniken und die Vielfalt der Bedürfnisse der zu Pflegenden. Jedoch der Hintergrund ist ein ganz normaler Stationsalltag, es wird keine durchgehende Geschichte erzählt. Wir erleben die stationären Abläufe allein aus der Perspektive der Pflegefachkraft Flora (Leonie Benesch), die mit großer Leidenschaft und Professionalität in der Chirurgie eines Schweizer Krankenhauses arbeitet. Sie ist in (fast) allen Szenen durchgehend präsent, aber immer authentisch und glaubwürdig. Es wird nicht über sie berichtet, wir arbeiten mit ihr. Dadurch wird der Film auch nicht larmoyant.

Bei Flora sitzt jeder Handgriff, sie hat selbst in stressigen Situationen immer ein offenes Ohr für ihre Patientinnen und Patienten. In Notfällen oder prekären Momenten handelt sie sofort, muss dann aber andere notwendige Aufgaben hintenanstellen. Dafür hat ihre Klientel selten Verständnis. Als die Pflegefachkraft im Film ihre Spätschicht antritt, fällt auf der voll belegten, unterbesetzten Station eine Kollegin aus. 

Trotz aller Hektik umsorgt Floria eine schwer kranke Mutter und einen alten Mann, der dringend auf seine Diagnose wartet, ebenso fürsorglich und routiniert wie den Privatpatienten mit all seinen schrulligen Extrawünschen. Auch den Angehörigen begegnet sie einfühlsam und kümmert sich um deren Probleme. Doch dann unterläuft ihr ein verhängnisvoller Fehler und die Schicht droht, völlig aus dem Ruder zu laufen. Ein nervenzerfetzender Wettlauf gegen die Zeit beginnt, auch wenn eine Ärztin sie tröstet: „Fehler passieren uns alle mal.“

Der Film ist mit zwei, drei besonderen Situationen dramatisch verdichtet, nicht jeden Tag geschehen einige „filmreife“ Ereignisse. Filmmusik, Kamera und Schnitt sorgen zusätzlich für die cineastische Spannung des Alltäglichen. Doch die Vielzahl unterschiedlicher Anforderungen, die Hektik und Überbelastung der Pflegenden sind auch die alltäglichen Merkmale der stationären Arbeit. Doch nicht alles ist schrecklich, immer wieder können wir einfühlsame Begegnungen zwischen der Klientel und den Pflegenden oder der Pflegenden untereinander miterleben.

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Nicht nur Eat Art… zum Tod von Daniel Spoerri

Der Künstler Daniel Spoerri starb mit 94 Jahren, die Medien bezeichneten ihn als Eat-Art-Künstler und lobten seine Fallenbilder, vergaßen jedoch, sowohl seine Geschichte als auch sein größtes Werk zu erwähnen.

Ganz früh war er bereits ein erfolgreicher Tänzer, später Regisseur von experimentellen Theater-Stücken und er war der erste, der Dramen von Ionesco und  Picasso in Deutschland inszenierte. Tätig war er auch in Darmstadt und propagierte dort die Konkrete Poesie.

Später ging er nach Paris, hatte Kontakte mit vielen Kuntschaffenden und gründete  mit Jean Tinguely und Yves Klein die Gruppe Nouveau Réalisme. Klar wurde er zunächst durch seine Fallenbilder und das Konzept Eat Art bekannt. Doch wesentlich bedeutsamer sind seine Skulpturen und sein Kunstgarten.

Mitten in der Toskana gründete der Schweizer in den frühen 1990er-Jahren auf 16 Hektar einen magischen Ort zwischen Zivilisation und Wildnis. Bereits das Haupthaus mit dem Restaurant und einigen Apartments empfängt einen mit der Inschrift „non solo EAT ARTs“. 

Stundenlang kann (und soll) man in der Landschaft von einem Kunstwerk zum nächsten wandern, sich zwischendurch aber auch an schattigen Plätzen ausruhen. Der Parcours beginnt bei Spoerris Brunnen und Skulpturen aus Fleischwölfen, dann trifft man auf eine gewaltige Gänseherde aus Beton oder kann eine Aussichtsplattform besteigen. Gemeinsam mit einer lebensgroßen Bronzeskulptur sieht man von dort oben den „Labyrinthischen Mauerweg“. 

Von jedem Artefakt aus sind sogleich neue in der Ferne zu erkennen und locken zum Besuch.


„Wichtig ist der Weg, der Parcours, den man abschreitet, die Düfte, die man einatmet, die Geräusche, die man hört, das Wasser, das einem immer wieder begegnet.“ 
(Spoerri

Von Anfang an ermunterte Spoerri befreundete Kunstschaffende – wie Eva Aeppli, Meret Oppenheim oder Erwin Wurm – zur Mitgestaltung. Sein Anwesen ist ein offenes Land-Art-Projekt (im weitesten Sinne), in dem die Natur weder umzäunt noch ausgebeutet wird.

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„Selig sind die Toten“ – Mozarts Requiem als Gesamtkunstwerk

Das ausverkaufte Kasseler Staatstheater präsentierte Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ im Rahmen des Themas Tod in dieser Spielzeit. Mit Ovationen im Stehen bejubelte das Premierenpublikum das mutige, experimentelle Gesamtkunstwerk „Selig sind die Toten“: Zur Musik des Staatsorchesters und Gesängen des Opernchores tanzt das Ensemble „Tanz_Kassel“. Dazu wird der unvollendeten Todesmesse des Komponisten – im Wechselspiel mit seinen klassischen Klängen – zeitgenössisches Sound-Design hinzugefügt. 

Der Vorhang hebt sich, die Bühne liegt im Dunklen. Vage erkennbar eine Menschenkette mit Grablichtern, die langsam nach vorne schreitet. Es ist der Chor, der bald das „Requiem“ anstimmt, um Ruhe und Licht für die Toten zu erbitten. Davor kaum sichtbar eine weiße Gestalt, die sich windet, reckt und streckt. Eine ruhige, meditative Atmosphäre entsteht.

Doch dann grelles Licht in einer kleinen weißen, über der großen schwebenden Bühne. Krasse Technoklänge erdröhnen. Die Gestalt taucht oben auf, nach und nach quellen weitere, nur spärlich bekleidete Menschen aus der Notausgangstür herein. Später farbiges Licht. Wilde Tänze. Viel Geschrei. Dann Stille, die Orchesterbühne fährt hoch. Der Chor erscheint auf der kleinen Bühne, intoniert die „Sequenzen“. Rhythmisch bewegen sich die Singenden, während die Tanzenden mühselig aus der Höhe heruntergleiten. Auf der Bühne ein Berg Kleider. Die Menschen ziehen sich an, begegnen sich ungestüm zu Mozarts dramatischer Musik. Angesichts des Todes zeigen sie Verzweiflung. Hoffnung. Entkommen. Sich fügen…

Die Company illustriert nicht die Texte der Messe, sondern setzt sie in ihre Bewegungssprache um. Oft frieren die Performenden in den Aktionen ein, schaffen berührende Szenenbilder. Alle Singenden treten ohne Notenblätter auf und werden häufig in die Choreografien eingebunden. Solistinnen und Solisten bewegen sich mitten im Ensemble und kreieren manchmal Pas de deux mit Tanzenden. 

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