Buchbesprechung

Den poetischen Titel „Gesang der Flusskrebse“ trägt das empfehlenswerte Buch, weil das einsame Mädchen Kya im Grenzgebiet von Zivilisation und wildem Marschland die Flusskrebse singen hören kann.

„Sie sank auf seine Matratze, sah den Rest des Tages die Wand hinabgleiten. Das Licht hielt auch nach Sonnenuntergang noch eine Weile an, wie es das immer tut…“ Nachdem Kyas Mutter für immer fortging, verschwinden bald auch ihre älteren Schwestern sowie ihr geliebter größerer Bruder. „Sie wollte ihn anflehen, sie nicht mit Pa allein zu lassen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.“

Nun lebt die Sechsjährige allein mit dem versoffenen, brutalen Vater – der häufig wochenlang weg ist – in einer abgelegenen, heruntergekommenen Hütte im sumpfigen Schwemmland. Die Menschen, die dort in Armut leben, werden als „Sumpfgesindel“ beschimpft und diskriminiert. Kya hält es nur einen Tag in der Schule aus und ist ansonsten einsam auf sich gestellt. Mit der Zeit lernt sie Muscheln und Fische gegen andere lebensnotwendige Dinge wie Maismehl oder Schiffsdiesel einzutauschen.

Die Jahre bis zum Erwachsenwerden verbringt sie in engem Kontakt mit der Landschaft, aus der sie Federn, Knochen oder anderes sammelt und sich mit den Möwen anfreundet. Noch vor ihrer Pubertät lernt sie auf romantische Weise den etwas älteren, ebenfalls sehr naturverbundenen Tate kennen, der sie Lesen und Schreiben lehrt: „Sie hatte noch keinen Menschen gekannt, der sich so gelassen bewegte, so gelassen redete. Sicher und entspannt. Schon in seiner Nähe zu sein und nicht mal richtig nah, hatte ihre Anspannung gelöst.“ Die beiden lieben sich, doch nach der Schule verschwindet Tate zum Biologie-Studium in einer fernen Stadt und meldet sich nicht mehr.

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Buchbesprechung

Wie aufgrund des Titels zu erwarten, beginnt Jonas Jonassons Roman zunächst in Afrika und erzählt weitschweifig die Familiengeschichte des Medizinmannes Ole Mbatian. Der litt zwar daran, dass er von seinen zwei Frauen jeweils nur vier Töchter bekam, ansonsten aber guter Dinge war: „Nichts deutete darauf hin, dass Ole Mbatian der Jüngere in nicht allzu ferner Zukunft in Stockholm, Europa und auf der ganzen Welt für einigen Wirbel sorgen würde.“ 

Knapp 8000 Kilometer nördlich fragte sich der schwedische Rassist Victor: „Was sollte man mit den ganzen Arabern? Und Iranern. Irakern. Jugoslawen?“ Aber in der populistischen Partei, die eine nationale Revolution vorbereitete, wollte er nicht ganz unten anfangen. So schleimte er sich bei einem erfolgreichen Galeristen ein, heuchelte „Begeisterung für die ganze abscheuliche moderne Kunst“ und seine kleine Tochter Jenny. Dadurch erarbeitete er sich das „Spitzen-Sprungbrett“ für gesellschaftlichen Einfluss. 

Doch kurz bevor Victor Jenny heiraten und die Kunsthandlung übernehmen wollte, bedrängte ihn eine seiner Prostituierten, die er häufig besuchte. Bereits todkrank konfrontierte sie ihn mit ihrem kleinen Kevin: „Er ist dein Sohn.“ „Sohn? Scheiße, der ist doch schwarz.“ „Wenn Du mich genau ansiehst, geht dir vielleicht auf, wie es dazu kommen konnte.“ 

Um einen Skandal zu vermeiden, erkannte er die  Vaterschaft an und verpflichtet sich, für den Jungen zu sorgen. Er vermied jeglichen Kontakt und finanzierte nur eine Wohnung und ausreichend Pizza. Bevor die Hochzeit mit Jenny anstand, wollte Victor den unerwünschten Sohn in Kenia entsorgen und ließ ihn dort nachts in der Savanne zurück.

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Geisteskranke Frauen? Über den einfühlsamen Roman „Die Tanzenden“

„Die Tanzenden“ – der Debütroman von Victoria Mas war in Frankreich ein viel gelobter Bestseller  und erschien vor einiger Zeit auch bei uns. Das Buch über „verrückte Frauen“ entführt seine Leser in die berühmte Pariser Irrenanstalt Salpêtrière im späten 19. Jahrhundert. Es lässt sie am Alltag der Eingesperrten und ihre freudige Vorbereitung für das alljährliche Karnevalsfest in der Anstalt teilnehmen.

Auf dieser karnevalistischen Lustbarkeit in der Salpêtrière drängelt und schubst sich die Pariser Hautevolee, um die „exotischen Tiere besser betrachten zu können.“ Die feinen Leute sind fasziniert von den exzentrischen weiblichen Pierrots, Musketieren und Kolumbinen, Reiterinnen und Zauberrinnen, Troubadouren und Matrosen, Bäuerinnen und Königinnen. Doch zugleich gruseln sie sich vor der Fremdartigkeit der tanzenden Wesen und lauern begierig auf das Schauspiel eines hysterischen Anfalls. 

Mit solch einer hysterischen Darbietung beginnt der Roman: der berühmte Nervenarzt Jean-Martin Charcot führt Medizinern, Schriftstellern, Journalisten und Studenten regelmäßig die junge Louise und andere Frauen vor. Unter seiner Hypnose werden ihre Anfälle künstlich erzeugt, „um deren Symptome genauer zu untersuchen.“ Doch die Besucher „haben weniger den Eindruck einer psychischen Störung beizuwohnen als einem verzweifelten erotischen Tanz. Die verrückten Frauen waren nicht mehr angsteinflößend, sie faszinierten.“ In den sogenannten Lehrveranstaltungen stahlen sie den Stars an den Boulevardtheatern die Show. Louise selbst erlebt die demütigenden Aufführungen vor gierigen Männeraugen als ihren „Moment des Ruhms und der Anerkennung“ und fühlt sich als Schauspielerin.

Seit drei Jahren lebt die Sechzehnjährige aus der Unterschicht in der Anstalt, nachdem sie gedemütigt, vergewaltigt und misshandelt wurde. Beaufsichtigt wird sie neben Hunderten anderer, angeblich geisteskranker Frauen von der strengen wissenschaftsgläubigen Oberaufseherin Geneviève. Seitdem die aus der Auvergne nach Paris kam, hütet sie ein Geheimnis, das sich im Laufe der Lektüre erschließt.

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Interview mit Nina Hoss

„Pelikanblut“ und „Schwesterlein“ – erst jetzt kommen zwei Filme mit Nina Hoss in die Kinos, die bereits vor der Corona-Pandemie anlaufen sollten. In „Pelikanblut“ spielt sie Wiebke, eine Mutter, die mit allen Mitteln um das Vertrauen ihres zweiten Adoptivkindes Raya kämpft. Der Streifen „Schwesterlein“ zeigt sie als Lisa im Ringen mit dem Tod des kranken Zwillingsbruders (siehe Filmbesprechungen). In beiden Filmen hat man das Gefühl, dass die Schauspielerin selbst an ihre Grenzen geht. Aber gar nicht durch dramatisches oder exzessives Spiel, sondern durch spürbare Einfühlung in die Figuren und die Authentizität ihrer Darstellung.

Beide von ihr gespielten Frauen kämpfen (scheinbar) mit fehlender instrumenteller Vernunft und akademischer Logik – ohne Rücksicht auf ihr mahnendes Umfeld – gegen ein unabänderliches Schicksal. Im Gespräch geht Nina Hoss tief in die Details, sagt aber viel Allgemeines über die von ihr dargestellten Frauen und ihre Arbeit.

Frage: 
Sind die beiden Figuren besessen oder sind sie voller Glaube, Liebe, Hoffnung?

(lacht) Ich kann die Kraft beider Frauen individuell erklären: Wiebke weiß in „Pelikanblut“ als „Horsemanship“-Frau,hier sagt man fälschlich Pferdeflüsterin, dass Tiere trotz schlechter Erfahrungen mit Menschen wieder Vertrauen gewinnen können: Ohne Druck und Gewalt. Was sie da verstanden hat, will sie auch mit ihrem neuen Adoptivkind verwirklichen. Sie ist ja eine unglaublich einfühlsame Frau, die Vertrauen herstellen kann. 

Den beiden Mädchen aus Bulgarien, nur da darf man sie als alleinerziehende berufstätige Frau adoptieren, will Wiebke auf ihrer „Ranch“ größtmögliche Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit gewähren. Jetzt funktioniert das aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Was heißt das, wenn ich auf Widersprüche, auf Hindernisse stoße? Wie schnell sage ich, ach, das lasse ich sein und gebe den anderen auf… 

Frage 
…das ist in Wiebkes Leben nicht vorgesehen?

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„Seitdem hänge ich an der (Radier-) Nadel…“

Am Wochenende begann in der Kunststation Kleinsassen (Rhön) die Studioausstellung von Andrea Silvennoinen. Die experimentierfreudige Künstlerin aus Fulda präsentiert zum Titel „Druckgraphik“ eine erstaunliche Anzahl unterschiedlicher Arbeiten.

Im Studio demonstriert Silvennoinen Gestaltungen von Druckplatten und den eigentlichen Druck mit der Presse. Interessierte leitet sie mit einfachen Mitteln – etwa Farbstempeln mit Korken oder Musterschneiden in Platten – zum Ausprobieren an. Nebenan zeichnet die Künstlerin INK in ihrer Ausstellung Dinge, die Kleinsassener gebracht haben. Eine Pianistin spielt Klaviermusik im Café, in dem viele Gäste untereinander oder mit anderen Kunstschaffenden bei Kaffee und Kuchen reden. So wird an diesem Sonntag die Kunststation wieder einmal zum Ort der Kommunikation und Begegnung – trotz strenger Einhaltung der Corona-Regeln.

Die Druckkünstlerin präsentiert in ihrer Schau zwei Werkgruppen: Zum einen Monotypien, reine Experimente mit unterschiedlichen Materialien, bei denen eher ungegenständliche Formen und Strukturen entstanden und die Fantasien der Leute anregen. Getrocknete, eingefärbte und abgedruckte finnische Birkenrinden erscheinen wie angedeutete Landschaften. Sie selbst interpretiert diese Bilder als „Igel auf Suche“ oder ein „Zwiegespräch“. Eingefärbt und abgedruckt wirken verknautschte Tücher und zerdrückte Papiere wie „Geheime Wünsche“ (Titel). Die Technik der Monotypie bietet ständig neue Überraschungen – sowohl für die Gestalterin als auch das Publikum.

Doch sie kann natürlich ihre Kreationen auch bewusst beeinflussen und erreicht dadurch einen Hauch von Realismus. Etwa druckt sie auf mehrfachen Monotypien den Fuldaer Dom mit Farbe auf. Auf Chinapapier wirkt das Motiv verschwommen wie ein Aquarell, aber das Seidenpapier zieht sich beim Drucken zusammen: „Es erschreckt sich“, spaßt die Künstlerin. Dadurch erscheint die Umgebung des Doms verkrumpelt.

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Kunst zwischen Streetart und Aktionismus

Die Galerie Kunst im Kutscherhaus zeigt die Ausstellung „Dyne & the Sauti Kuu“. Der Berliner Künstler Dyne präsentiert eigene Werke sowie Arbeiten, die er mit kenianischen Kindern schuf.

Auf farbkräftigen Bildern sieht man Gesichter im Profil, erkennt tanzende oder ineinander verschlungene Wesen. Die Motive changieren zwischen figürlicher Darstellung und Gegenstandslosigkeit, manche Gestalten lösen sich völlig in Formen und Farben auf. Diese Kompositionen des Künstlers Dyne, im Format 80 x 80 Zentimeter, kann man wohl im weitesten Sinn Art Brut zuordnen: oft wirken sie rau und bedrohlich, manchmal naiv und freundlich.

Man merkt, dass Michael Mieth (43), der sich jetzt Dyne nennt, seine Wurzeln in Streetart und Graffiti hat. Er erzählt, dass er mit einem Freund in Berlin einst illegal Wände und Züge besprühte. Doch eines Tages ermunterte ihn der Maler Vicente Moll, Vater seines Kumpels, „endlich mal richtig auf Leinwänden zu malen.“ Vincent wurde Mentor für den Künstler, der richtig stolz darauf ist, nicht studiert zu haben und Autodidakt zu sein. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet er als selbständiger Künstler und verkauft seine extrem unterschiedlichen Werke in Ausstellungen.

Auf einen bestimmten Stil will er sich nicht festlegen lassen: „Ich bin Multimedia-Künstler“, sagt er, denn seine Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei, Aktionskunst und Bildhauerei. Dyne fährt auch schon mal mit einem Trabi durch Farbe und dann über Leinwände, die er anschließend zerschneidet und weitergestaltet. Eines dieser älteren Werke ist auch im Kutscherhaus zu sehen.

Neben jedem seiner oben beschriebenen Arbeiten steht eine Weinflasche, deren Etikett dem jeweiligen Bild ähnelt. Sein Förderer Vicente schuf für einen sehr bekannten mallorquinischen Winzer Label für Weinflaschen und ermunterte Syne es ihm gleichzutun.

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Das hat Fassbinder nicht verdient…

Unter dem Titel „Enfant Terrible“ bringt der Filmemacher Oskar Roehler jetzt eine – angebliche – cineastische Verneigung vor dem großen Theater- und Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder (1945 – 1982) in die Kinos. 

Diese vermeintliche Hommage ist keine Biografie, kein Biopic, sondern reiht assoziativ schrille Szenen aus Fassbinders Leben aneinander: Münchener Antitheater, erste Filmerfolge, Festivals, Auszeichnungen. Vor allem aber widmet Roehler sich ausgiebig Fassbinders angeblich miesem Umgang mit den Leuten in seinem wilden „Clan“, der ihm als Familienersatz diente, und dem ausschweifenden schwulen Sex. Dazu kolportiert er, der Filmkünstler habe seine Liebhaber in den Tod getrieben oder Kinder gequält. Das wird meist bei schummrigem Licht in bunt bemalten theatralischen Kulissen erzählt. Roehlers eigenartiges Machwerk könnte durchaus ein alter, überzeichneter Streifen von Fassbinder selbst sein. 

Aber fassungslos sitzt man im Kino und denkt, dieses grölende oder sabbernde, andere beleidigende, manchmal an sich selbst zweifelnde und rauschgiftsüchtige Monster mit Schaum vor dem Mund (Oliver Masucci), soll der weltberühmte deutsche Regisseur gewesen sein? Der Mann war 37 als er starb und hatte bis dahin über 40 Spielfilme gedreht, 24 Theaterstücke inszeniert, dazu TV-Serien wie „Berlin: Alexanderplatz“ gemacht, in eigenen oder fremden Streifen mitgespielt, Drehbücher und weitere Stücke geschrieben. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hieß das programmatische Buch des Clanmitglieds Harry Baer über ihn. Für seine „Schlaflosigkeit“ erhielt Fassbinder zahlreiche Preise auf den Filmfestivals in Berlin und Cannes sowie sieben – die meisten bisher vergebenen – Deutsche Filmpreise.

Doch Roehler beschränkt sich in seinem missfälligen Bilderbogen meist auf die private exzentrische Seite des „Enfant Terrible.“ Fassbinders internationale Bedeutung für den „Neuen Deutschen Film“ in den 1970er- und frühen 80er-Jahren dabei auf der Strecke.

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Zum Film „Pelikanblut“

Nach einem alten Mythos hacken sich Pelikanweibchen die Brust auf, um mit dem Blut ihre toten Jungen ins Leben zurückzuholen. Diese frühchristliche Metapher des Filmtitels scheint auch das Handeln der alleinerziehenden Pflegemutter Wiebke (Nina Hoss) zu bestimmen.

Als sich ihr zweites neues Adoptivkind Raya (Katerina Lipovska) als garstiges Monster und „emotional totes Kind“ (so Regisseurin Katrin Gebbe) entpuppt, wird sie – im übertragenen Sinn – zum Pelikanweibchen. Sie schleppt die Fünfjährige den ganzen Tag lang im Wickeltuch herum, besorgt sich illegale, Muttermilch fördernde Medikamente, um das Kind zu säugen. So will sie an frühe Entwicklungsphasen anknüpfen, als Raya noch beziehungsfähig war. Denn das bulgarische Waisenkind ist schwer traumatisiert…

Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach:
Wiebke ist eine leicht amerikanisch angehauchte Pferdezüchterin, die für eine Reiterstaffel der Polizei junge Pferde dressiert. Mit ihrer neunjährigen Adoptivtochter Nicolina versteht sie sich großartig, bis das neue Adoptivkind ins Haus kommt. Für kurze Zeit passt Raya sich an und Nicolina freut sich über ihre Schwester. Doch nach und nach wird Raya nicht nur ihrer großen Schwester immer unheimlicher: Sie bunkert Essen, schmiert mit Kot, legt Feuer, quält oder sexualisiert andere Kinder bis die Eltern sie aus der Kita rausschmeißen: „Die ist krank! Die muss weg!“

Das stellt letztlich auch ein Kinderpsychologe fest. Wiebke muss erkennen, dass Liebe und konsequentes Handeln alleine keine Heilung bringen. Doch sie merkt auch, dass gestörte Kinder nicht wie Pferde dressiert werden können. Jedoch als sie das Kind in eine Spezialklinik bringen will, rennt es weg und schreit plötzlich „Mama!“

Wiebke bildet parallel zu dieser Geschichte Polizeipferde aus und zähmt für eine Polizistin (und mit ihr) einen wilden Hengst. Auf einer richtigen Demo dreht das Tier durch, verletzt Demonstranten, wirft seine Reiterin ab und wird erschossen. Das kann man mit dem wilden Kind nicht machen – doch als mit Raya gar nichts mehr geht, schlägt der sozialpädagogisch anmutende Psychothriller in ein anderes Genre um: Weiterlesen

„Persischstunden“

„Ach nee, nicht schon wieder Nazifilme“, war die Stimmung auf der letzten Berlinale, als es um den Film „Persischstunden“ ging, der außer Konkurrenz in der Reihe Special Gala gezeigt wurde. Doch der Streifen wurde aufgrund seiner skurrilen aber berührenden Geschichte begeistert gefeiert und kommt – verspätet durch Corona – erst jetzt in die Kinos.

 Dieser  sehenswerte Film changiert zwischen Grauen und Komik, erreicht aber nicht die kühne Gratwanderung zwischen diesen beiden Polen wie Roberto Benigni in seinem Film „Das Leben ist schön“ von 1997. Die Film-Geschichte (Inhalt siehe unten) beruht nicht ganz auf wahren Begebenheiten, sondern setzt sich – verdichtet – aus verschiedenen Erzählungen Überlebender zusammen. Meistens hält der Film glaubwürdig das Gleichgewicht zwischen Komik und Entsetzen – das Lachen bleibt einem oft im Hals stecken.

Doch die Erschießungen der jüdischen Menschen am Anfang, dann ein Transport mit gutgenährten nackten Toten ins Krematorium: 
Das geht gar nicht! 
Das Grauen der Nazi-Verbrechen ist filmisch nicht darstellbar, dieses Thema hat Claude Lanzmann intensiv beschäftigt und er hat alle Versuche in dieser Richtung kritisiert. Christian Petzold hat zu recht in „Phoenix“ seine Anfangsszene gestrichen, in der Nina Hoss schwer verletzt die Erschießungen überlebt. Dagegen ist die Alltagsbrutalität in „Persischstunden“ durch sadistische Nazis cineastisch vertretbar und macht immer wieder deutlich, wo wir uns befinden: Auf jeden Fall nicht in der Küche eines Luxusrestaurants…

Zum Inhalt:
Als Nazihorden die Juden eines Lagers ermorden, kann sich ein Mensch retten: Kurz zuvor hatte er ein Stück Brot gegen einen persischen Bildband getauscht, dieses Buch macht ihn als „Perser“ glaubwürdig für den SS-Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger). Der will unbedingt Farsi lernen, um nach dem Krieg in Teheran ein deutsches Restaurant aufzumachen.

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Zwischen jüdischem Neujahrsfest und Jom Kippur

Im Rahmen der Herbstausstellung der Kunststation präsentiert Abi Shek in seiner Schau „Geschöpfe und Zeichen“ auch blecherne Schilder mit eigenartigen Schriftzeichen.

Eine der großen Wandinstallationen ohne Titel, aus fünf matt schimmernden, verzinkten Blechplatten, soll hier näher beschrieben werden. Selbst wenn man nichts über ihre Bedeutung weiß, geht von der Installation eine starke, man kann sagen: sakrale Faszination aus. Aber wie bei jedem (großen) Kunstwerk wird dessen Wirkung gesteigert, wenn man mehr darüber erfährt: Die Anmutung ist dann noch stärker – oder wird möglicherweise erst geweckt.

Eigentlich sollte man sich Leonhard Cohens Song „Who By Fire“ vor dem Ausstellungsbesuch anhören oder sogar in der Schau auf einem Smartphone: Er ist gleichsam die musikalische Entsprechung zum Kunstwerk und erzeugt eine bewegende Synästhesie.

Das Werk des in Israel geborenen Künstlers bezieht sich nämlich auf ein dramatisches Gebet, das – in diesen Tagen – zum jüdischen Neujahrfest und dem zehn Tage später folgenden Versöhnungsfest Jom Kippur rezitiert wird. Diese Verse des „Unetaneh Tokef“ hat Shek in hebräischer Sprache in Platten gemeißelt, die jüdischen Hausaltären in Tempelformen ähneln. Der Musiker Cohen interpretiert in seinem Song sehr frei dieses alte Gebet. Darin fragt er, wie Menschen im kommenden Jahr sterben könnten:

„Wer durch Feuer /wer durch Wasser/ wer im Sonnenschein /wer in der in der dunklen Nacht / wer auf höchsten Befehl / wer durch kurzen Prozess / wer im schönen Monat Mai /wer durch langsamen Verfall / und wer, soll ich sagen, ruft sie?“

And who by fire / who by water / who in the sunshine / who in the night time / who by high ordeal / who by common trial / who in your merry merry month of may / who by very slow decay / and who, who shall I say is calling?

(Leonhard Cohen)

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