Kunst und Spiel in Kleinsassen

Zum 40. Geburtstag lädt die Kunststation Kleinsassen mit ihrer Ausstellung „KunstSpieleKunst“ das Publikum zum Mitmachen ein. Während das Spielen mit Kunstwerken gewöhnlich streng tabuisiert ist, wird es hier in den nächsten Monaten ausdrücklich erwünscht sein.

Bereits vor dem Kunsthaus empfängt die Besucherinnen und Besucher die Skulptur „Promenade der Elementarteile“, in der etwa eine gelbe eiserne Sonne oder ein blaues Eisenherz vom Wind bewegt werden. Sind die Böen aus der Rhön zu schwach um die Figuren zu drehen, kann das Publikum die Elemente selbst in Bewegung setzen.

Zunächst fallen beim folgenden Streifzug durch die Ausstellung natürlich als erstes solch spektakuläre Mitspielobjekte auf: Das Fahrrad, mit dem seine Benutzer eine riesige Maske wachsen lassen können oder eine mächtige Klangskulptur, die ständig von Leuten mit einer Vielzahl von Schlagwerkzeugen beklopft und erkundet wird. Zu einem sanften Klangteppich vom Band im Hintergrund entstehen so häufig ungeplante musikalische Performances.

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Das sensationellste Kunstwerk ist zweifellos der gigantische atmende Zylinderballon „transForm“ in der großen Halle: Mal hängt die silbrige Hülle halbschlaff von der Decke, dann bläst sie sich parallel zum Dachbalken wieder auf: Es wechseln Prallheit und Erschlaffung, Fülle und Leere, Kraft und Schwäche: „So werden auch emotionale Situationen allegorisiert“, sagt Künstler Ambech über seine Arbeit. Weiterlesen

Ein tanzbarer Alptraum – Hell-O-Matic im Fuldaer Kulturkeller

Zur einer öffentlichen Probe lud Hell-O-Matic in den dunklen Fuldaer Kulturkeller, während oben Mark Forster in der Abendsonne fröhlich den Uniplatz rockte. Es ist so, als käme man zum unterirdischen Konzert geradewegs in die Hölle:

Mit wilder Kriegsbemalung inszeniert die Fuldaer Gruppe Hell-O-Matic im künstlichen Dauernebel, farbigen Licht und dröhnenden Stakkatoklängen einen tanzbaren Albtraum. „Ladies and Gentlemen I give you famous creatures“, röhrt  Sänger Thomas van der Scheck (TvdS) und lässt in seinen grimmigen, durchweg englischen Texten Dämonen, Kannibalen oder Amokläufer erscheinen. Die Schau wirkt so, als zerrte die Band „das Schicksal der im Zivilisationprozess verdrängten und entstellten menschlichen Instinkte und Leidenschaften“ (wie es in Horkheimer/Adoprnos „Dialektik der Aufklärung“ heißt) ins Licht.

wpo-hellomatic-2120.jpgAuch wenn sich der Frontmann und die Sängerin SINtana einmal poppig aufbrezeln und den alten Song „Pop Muzik“ darbieten, ist das mitnichten Populärmusik: „Wir machen keine massenkompatible Feuerzeugmusik“, erklärt uns TvdS, „aber in jedem Konzert bringen wir ein, zwei Stücke, die uns früher stark beeinflussten.“

Die vor fünf Jahren von ihm kreierte Band ist erheblich professioneller, der Sound voluminöser geworden, nachdem alle Instrumentalisten wechselten. Im Zwiegesang oder musikalischem Gefecht mit TvdS bringt die neu dazu gekommene SINtana stark aggressiv-erotische Affekte ins Spiel.

Ja, das Spiel: die Musiker sind eigentlich freundliche Menschen. Wenn sie sich für den Auftritt lange schminken und verkleiden (lassen), macht das den theatralischen Charakter ihrer Darbietungen deutlich: Sie nehmen sich nicht so ernst wie andere Gruppen und zelebrieren das Böse augenzwinkernd. Jedoch verwandeln sie sich auch wirklich durch ihre Maskeraden, erkunden im Spiel zwischen Realität und Wahn eigene Abgründe. Weiterlesen

Der „unwägbare Rest“ – Streifzüge auf der 58. Biennale (Schluss)

Shakuntala Kulkarni hat schwer aussehende Drahtkörper gefertigt und sich, eingezwängt in die Rüstungen, an belebten Orten ihrer indischen Heimat präsentiert. „Of Bodies, Armour and Cages“ heißt die Serie (2010-2012).

Diese Aktionen seien ihr nicht leicht gefallen, meint sie, denn sie habe vorher noch nie Performances gemacht und sei bisher immer hinter ihre Werke zurückgetreten. Von diesen Auftritten, die von der (männlichen) Bevölkerung oft nicht begeistert aufgenommen wurden, zeigt sie im indischen Pavillon spannende Fotos sowie die genutzten Harnische. Diese zunächst so massiv wirkenden Hüllen sind aus leichtem Bambus und könnten weibliche Rollenzuschreibungen oder Schutz gegen männliche Übergriffe symbolisieren.

wpo-Biennale-3-2.jpgWir kommen in unserem letzten Text also noch einmal auf Arbeiten zurück, die auf der Biennale gezeigt werden und trotz ihrer „Privatheit“ politisch, vor allem aber eigenständige Kunstwerke sind.

Der österreichische Pavillon wird zum ersten Mal alleine von einer Frau gestaltet: Renate Bertlmann, schon früh bekannt als feministische Performerin, hat streng geometrisch auf 312 spitzen Floretten Rosen aus venezianischem Muranoglas drapiert. Ihre „Ästhetik des Riskanten“, so die Kuratorin, hält Kampf und Anmut, Verlockung und Abwehr in der Schwebe:

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Wenn das Private politisch ist, wie auch diese Werke deutlich machen, erlebt man keine Propaganda auf der Biennale. Viele Arbeiten sind nicht eindeutig, bewahren ihren „unwägbaren Rest“, von dem Adorno sprach. Denn könnte man ihre Bedeutung mit Worten ausdrücken, müsste man sie nicht performen, malen oder mit anderen künstlerischen Mitteln gestalten. Auch das Politische selbst ist zunächst erst einmal künstlerisches Material. Weiterlesen

Das Private und die Frauenkunst… Weitere Streifzüge auf der 58. Biennale (2)

Zunächst einmal etwas Sinnliches über den isländischen Pavillon: Abseits von Gardini und Arsenale sind wir in eine langgezogene farbenfrohe Kuschelhöhle eingetaucht und haben uns zu psychedelischer Musik einfach nur wohlgefühlt.

Aber „Wohlgefühl“ reicht vielen Kritikern der Biennale natürlich nicht bei ihrer Kontrolle der Kunst, die nun auch noch von einer Frau produziert wurde…

„Von wegen politisch…“, fragten wir im ersten Text über unsere Rundgänge auf der 58. Biennale in Venedig. Wir wunderten uns über das seltsame Kunstverständnis, das häufig zunächst nach der politischen Bedeutung, nicht aber der Ästhetik und künstlerischen Qualität der diskutierten Arbeiten fragte. Dagegen überrascht uns, dass das Politische an scheinbar privaten Werken kaum wahrgenommen wird: kl Biennale 2-4.jpg

Eine junge Japanerin, die bunt bemalte Beinprothesen trägt, sitzt zum Interview im Pressezentrum. In der Ausstellung „May You Live in Interesting Times“ ist sie, Mari Katayama, zweimal mit inszenierten Fotografien vertreten. Entweder ist sie selbst als Performerin oder als Teil ihrer Artefakte zu sehen: sie tritt nicht hinter die Werke zurück.Ganz in der Tradition der Performance und Body-Art zelebriert sie auf radikal künstlerische Weise die Ästhetik des Andersseins: Ihre Diversität ist nicht länger private „Behinderung“ sondern politische – aber nicht plakative – Aussage über den Zustand und die Möglichkeiten unserer normierten Gesellschaft!

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Von wegen politisch… Rundgänge auf der 58. Biennale (Teil 1)

Seit der Verleihung der Goldenen Löwen zur Eröffnung gilt die 58. Biennale als politisch. Wenn man sich dort eine Woche lang treiben lässt, erlebt man jedoch eher die Spannweite der zeitgenössischen Weltkunst: Man wird nicht politisch belehrt und hat auch nach sieben Tagen noch längst nicht alles gesehen.

Am Rand der Ausstellungshallen im Arsenale liegt auf einem Transporter ein aus dem Meer geborgenes Schiffswrack. Es fällt zum Beginn des Festivals kaum auf, denn in dem einstigen Militärgelände verrotten viele Boote, Kräne und andere Geräte. Angesichts riesiger Lecks im Rumpf spürt man jedoch ein Grauen – und fragt sich: „Ist das Kunst?“

Später wird bekannt, der Kahn sei ein Fundstück, das vom Schweizer Künstler Christoph Büchel zur Kunst erklärt wurde, ein gesunkenes Flüchtlingsschiff, in dem 2015 Hunderte von Menschen starben. Ein Jahr später engagierte sich der italienische Politiker Matteo Renzi für die Bergung des gesunkenen Schiffs, in dem sich noch Hunderte von Leichen befanden. Nun pöbelt die rechtskonservative Regierung Italiens gegen den angeblichen Missbrauch des Schiffes für politische Propaganda auf der Biennale.

Doch das Wrack ist zuallererst ein „Objet trouvé“, ein eigenständiges Kunstwerk, das für sich selbst spricht und keine Interpretationen benötigt, um Entsetzen und Nachdenklichkeit auszulösen. Man muss nichts über seine Geschichte wissen, um von diesem Objekt berührt zu werden. Der daneben stehende Kran suggeriert sogar noch vergebliche Hilfe, denn der Haken am Stahlseil erreicht nicht das Schiff.

Auch der Goldene Löwe für die Operninszenierung im Litauischen Pavillon muss für den Vorwurf des politischen Missbrauchs herhalten. Doch das Singspiel „Sun & Sea“ ist ein autonomes Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, szenischem Theater und Environment. In dem abgelegenen, schwer zu findenden Gebäude innerhalb der militärischen Sperrzone ist ein Sandstrand aufgeschüttet. Von der Empore, also lediglich von oben (!), kann man das Strandgeschehen miterleben:

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„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ – zur 58. Biennale in Venedig

Vor einer Woche begann im Westen Venedigs, abseits der Touristenströme, die 58. Biennale, eines der größten Festivals der zeitgenössischen Kunst. Diese fast unübersehbare Kunstschau besteht aus drei unabhängigen Teilen:

Die kuratierte Ausstellung mit eingeladenen Kunstschaffenden ist der eigentliche Kern der Biennale. Dazu kommen 90 Länder-Pavillons, die von den jeweiligen Nationen künstlerisch ausgestattet werden, sowie die “Collaterali“, verstreute Kunst in vielen Palästen Venedigs.

Im Arsenale, dem riesigen Industriekomplex des 19. Jahrhunderts mit krassen Spuren seiner Nutzung, beginnt die Biennale-Ausstellung mit einem großen Wandgemälde zweier zechender Figuren. Fotoserien zeigen ängstliche Outsider in Kalkutta oder schräge Frauenbilder aus den 1950er-Jahren. Bald folgen große verrätselte Rauminstallationen, durch die man hindurchgehen oder hineinkriechen kann. Dazwischen lustige oder makabre Videos. Klanginstallationen. Eindringliche Selfies einer beinamputierten Japanerin. In Glaskästen Traumwelten aus gestrickten und gehäkelten Teilen.

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“, lautet die Aufforderung des britischen Kurators Ralf Rugoff (62) an das Publikum. Diese Losung, „May You Live in Interesting Times“, ist kein starres Konzept, dem die Kunstwerke folgen. Sondern umgekehrt, sie selbst ermöglichen unterschiedliche Blicke, auch positive, auf den Zustand unserer Welt. Nicht die Wandtexte und abstrakten politischen Ideen, wie bei der letzten Documenta, quälen das Publikum. Stattdessen fordern es interessante künstlerische Arbeiten zur aktiven Teilnahme heraus.

Rugoff hat etwa 80 Kunstschaffende eingeladen, vor zwei Jahren waren es 120, doch dafür stellen alle zweifach aus:  Sie zeigen ihre unterschiedlichen Kunstwerke im Arsenale und in den Giardini (den Gärten) im „White Cube“, einem nur für die Kunstausstellung geschaffenen Gebäude. Der Kurator hat Wert darauf gelegt, dass die Künstler diverse Arbeiten kreieren. Diese Idee soll verdeutlichen, Kunst kann unterschiedliche, sich sogar widersprechende Fragen aufwerfen.

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„Aufbruch“ – Zeitgenössischer Tanz zu 100 Jahre Bauhaus und zur Weimarer Nationalversammlung

In diesen Wochen wird in Weimar ein doppelter Aufbruch gefeiert: Vor 100 Jahren erarbeitete im Theater der Stadt die Deutsche Nationalversammlung die erste Verfassung der jungen Republik. Gleichzeitig wurde das bis heute einflussreiche Bauhaus in Weimar gegründet. Zu den Feierlichkeiten gehörte auch der Tanzabend „Aufbruch“ im Nationaltheater.

Wieso entwickeln zwei freie Choreografinnen und ein Choreograf Tänze, um die politischen und kulturellen Geschehen vor einem Jahrhundert zu feiern? Zur angestrebten Synthese bildendender, darstellender und angewandter Kunst gehörten im Bauhaus auch zeitgenössische  Tanzdarbietungen. Im Nationaltheater wurde einst das legendäre Triadische Ballett, mit eigenwilligen starren Kunst-Kostümen, des Bauhaus-Lehrers Oskar Schlemmer uraufgeführt.

In der aktuellen Koproduktion des Nationaltheaters mit dem Stuttgarter Ballett, scheinen sich zwei Choreografien geradewegs auf Schlemmer zu beziehen. Im ersten Stück Katarzyna Kozielskas verkörpert eine Tänzerin die berühmte Tischleuchte Wilhelm Wagenfelds, auf die andere Tanzende anfangs mit ihren, im klassischen Ballett wurzelnden, Figuren reagieren. In den Bewegungen wird die Darstellerin durch die Lampe so bestimmt, wie einst die steifen Kostüme Schlemmers den Ausdruck der Akteure bestimmten. Auch lange Stoffbahnen, die gerne im Bauhaus gewebt wurden, behindern und verwickeln die Tanzenden, aus denen sie von anderen Akteuren wieder befreit werden.

Im nächsten Stück Edward Clugs verändern sich auf der strengen weißen Bühne die zackigen Bewegungsabläufe der Tänzerinnen und Tänzer zunächst nur minimalistisch – wie in der sie begleitenden Minimal Musik Steve Reichs die Klänge. Dann scheint es, als zwängten ihnen – unsichtbare sperrige Kostüme des Triadischen Balletts – eckige, fast roboterhafte Bewegungen auf. Jedoch geschehen auch kurze erzählende oder humorvolle Ausbrüche, der wie Schaufensterpuppen wirkenden Akteure. Weiterlesen