„Saudi Runaway“ und „Die Kandidatin“ – Frauen in Saudi-Arabien

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Doch die Aufnahmen waren alle echt und wurden von Muna selbst oder von nicht in ihr Projekt eingeweihten Verwandten aufgenommen: Mit geheimer Unterstützung einer saudischen Selbsthilfegruppe in Europa dokumentierte sie nicht nur ihre unterdrücktes Leben in dem muslimischen Land, sondern auch die Planung und Durchführung ihrer listigen Flucht in der Hochzeitsnacht. Ein für sie lebensgefährliches Unterfangen! Erst auf der Berlinale 2020 zeigte sich Muna zum ersten Mal mit der Regisseurin in der Öffentlichkeit bei der Vorstellung des Streifens, der hoffentlich bald in die Kinos kommt.

In die Kinos kommt in der nächsten Woche dagegen ein Spielfilm, der sich ebenfalls mit dem Thema der Unterdrückung saudischer Frauen beschäftigt: „Die perfekte Kandidatin“. Weiterlesen

Die Tourjahre der Beatles – kein platter Fan-Film, aber auch keine Analyse…

Von Hanswerner Kruse (dessen Eltern vor über 50 Jahren fragten, „Wovon sollen die Beatles denn leben, wenn sie alt sind?“)

Die Beatles gaben vor fünfzig Jahren ihr letztes Live-Konzert, nachdem sie in nur vier Jahren von unbekannten Liverpooler Musikern zu Weltstars wurden. Nun kommt ein Dokumentarfilm über die Beatband in die Kinos, der sich auf ihre Tourjahre von 1962 bis 1966 konzentriert. In der Zeit gaben sie über 800 Konzerte.

Es waren heute unvorstellbar spießige Zeiten in den frühen 1960er-Jahren. Die Beatles waren um die zwanzig und spielten täglich bis zu acht Stunden im Hamburger Star Club: „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“, hieß es damals. 1962 schaffte es ihre erste Single „Love me do“ in die Hitparaden, dann begann das, was man „Beatlemania“ nannte. Vier Jahre lang kreischten weltweit in immer größeren Konzertsälen (meist) die Mädchen so laut, dass die von den Beatles dargebotenen Songs nicht zu verstehen waren. Sie spielten auf klitzekleinen Anlagen, die heute wohl kein Musiklehrer mehr im Klassenzimmer akzeptieren würde. Monitore gab es nicht, Drummer Ringo erzählt, er habe häufig nach den Bewegungen der Gitarristen getrommelt.

Der Dokumentarfilm zeigt mit sehr viel neuen, aufwändig nachbearbeiteten Amateur- und TV-Aufnahmen die Tourneen der Band mit Backstage-Gesprächen und Interviews. Es fühlt sich im Kino an, als sei man selbst mit den vier Musikern unterwegs gewesen. Regisseur Ron Howard („The Da Vinci Code“) wollte diese „intime Atmosphäre“, vor allem aber wollte er deutlich machen „welchem unfassbaren Irrsinn diese Jungs ausgesetzt waren.“

Den genossen die Beatles kaum, wie ihre damaligen und späteren Aussagen immer wieder deutlich machten. Sie fühlten sich ausgebrannt und klagten, es ginge überhaupt nicht um ihre Musik. aktuell wurden Ringo Star und Paul Mc Cartney ausgiebig für diesen Film interviewt, auch einige Weggefährten kommen zu Wort. Jedoch die gesellschaftlichen Bedingungen des „Irrsinns“ und Gründe für die Entwicklung der neuen Jugendkultur bleiben im Film äußerst vage, obwohl Howard sie eigentlich deutlich machen wollte.

Aber sensationell und kaum bekannt ist die eindeutig anti-rassistische Haltung der Gruppe während ihrer zweiten USA-Tournee (1964), mitten im Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Inzwischen war der Andrang bei den Auftritten so groß, dass sie in riesigen Konzerthäusern oder Stadien spielen mussten. Die Gruppe weigerte sich… Weiterlesen