Kann Mia die Welt retten? Über den Film „Electric Girl“

Die aufgedrehte dreiundzwanzigjährige Studentin, Barfrau und Poetry Slammerin, will die Welt retten. Doch anders als wir früher oder Fridays for Future heute, will Mia (Victoria Schult) das ganz alleine machen: „Denn nur ich kann die feindlichen Mächte sehen!“, verkündet sie.

Theatralisch und hektisch düst sie durch den Alltag, scheint selten zu schlafen und versucht vergeblich Verbündete zu gewinnen. Doch nur ihr älterer, etwas verwahrloster Nachbar Kristof (Hans-Jochen Wagner) spielt eine Zeitlang mit.

Zufällig bekam Mia die Rolle als deutsche Synchronsprecherin in einem japanischen Animationsfilm, in dem Superheldin Kimiko alleine die Welt befreit. Während der Arbeit am Film identifiziert sie sich mehr und mehr mit der Heroine. Anfangs verschwimmen die Kinobilder zwischen den verschiedenen Welten, bis Mia schließlich selbst erlebt, wie sich auch in Hamburg die bösen Mächte mithilfe des elektrischen Stroms zu schaffen machen. Wie bekifft oder auf einem LSD-Trip versucht sie Freundinnen für ihren Abwehrkampf zu gewinnen: „Ich weiß, was ihr nicht wisst!“. Doch vergeblich, ihr Umfeld zweifelt eher an Mias seelischer und geistiger Gesundheit.

Mittlerweise sieht sie mit ihrer lila Perücke und dem gelben Mantel aus wie Kimiko. In diesem Aufzug taucht sie auch bei ihrer Familie auf, um den schwer kranken Vater zu besuchen und provoziert einen lebensgefährlichen Skandal. Einige Ereignisse scheinen aber ihrem möglichen Wahn zu widersprechen und überraschen auch uns Zuschauer: Mia hält wirklich einen Bus mit einer Kung-Fu-Bewegung an, springt von einem Hausdach und rettet einen Mann, der ohnmächtig vor die Hamburger U-Bahn zu gleiten droht.

Regisseurin Ziska Riemann (nein, nicht die Tochter von Katja Riemann) unterlegt häufig die Handlung mit bizarren Geräuschen und bedrohlicher Neuer Musik. Das schafft eine düstere Unterströmung, die sowohl die reale Bedrohung der Menschheit als auch den manischen Wahn Mias suggeriert. Der Film changiert zwischen diesen beiden Polen und der Schluss, der hier ausnahmsweise mal in einer Rezension angedeutet wird, bleibt offen. Ein wenig so wie in Andrei Tarkowskis „Opfer“: Am Ende des Films weiß man ja ebenfalls nicht, war der Protagonist verrückt oder hat er mit seiner Hingabe wirklich eine Katastrophe verhindert? Weiterlesen

„Der andere Liebhaber“

Im Psychothriller „Der andere Liebhaber“ fühlt sich eine junge Frau zwischen einem sanften Frauenversteher und einem zynischen Unhold hin- und hergerissen.

Seit Chloé denken kann, hat sie Bauchschmerzen ohne organische Ursachen, doch eines Tages beginnt sie endlich eine Psychotherapie. Beim ersten Treffen erzählt sie dem sensiblen Therapeuten Paul, sie fühle sich fürchterlich leer, weil ihr irgendetwas fehle. Bereits nach wenigen Sitzungen scheint Chloé (Marina Vacth) geheilt, weil Paul (Jérémie Renier) sie so gut versteht. Beide verlieben sich ineinander, brechen die therapeutische Beziehung ab und ziehen zusammen. Doch die heilsame Idylle wird bald von Misstrauen und Eifersucht zersetzt.

Chloé meint, ihren Geliebten in der Stadt gesehen zu haben, der bestreitet jedoch, dort gewesen zu sein. Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf Louis (ebenfalls Jérémie Renier), den von Paul verleugneten Zwillingsbruder, der auch Therapeut ist. Um die mysteriöse Familiengeschichte zu enträtseln, geht sie zu ihm in Behandlung. Der aggressive Chauvinist Louis ist völlig anders als sein sanfter Bruder, dennoch fühlt sich Chloé heftig erotisch von ihm angezogen. Als er sie in der dritten Sitzung anherrscht, „zieh dich aus!“, gibt sie sich ihm hin – und besucht ihn danach immer wieder.

Nun beginnt, zunächst noch unmerklich für alle Beteiligten der Ménage-à-trois, ein Albtraum, in dem die sowieso recht brüchige Realität und der mögliche Wahnsinn langsam verschmelzen. Auch wir Zuschauer werden in diesen Nachtmahr hineingezogen, in ständiger Spannung gehalten und von immer neuen Wendungen verblüfft: Welche dunklen Abgründe offenbart Paul? Ist Chloé eigentlich verrückt? Wird sie einen der Zwillinge umbringen? Aber welcher Zwilling ist wer?

Bereits der Beginn dieser Geschichte wird mit eindringlichen Nahaufnahmen und seltsamen Spiegelungen in unwirklichen düsteren Bildern erzählt… Weiterlesen

„Die Spur“ – der Berlinale-Film endlich im Kino

Fast ein Jahr nach seiner Uraufführung auf der Berlinale kommt der eigenwillige polnische Film „Die Spur“ nur in einige Kinos, obwohl er einen silbernen Bären gewann und auch für einen Oscar nominiert wurde.

„Du hast den Krieg nicht angefangen“, wird die ältere Janina Duszejko (Agnieszka Mandat ) von einem ihrer wenigen Freunde getröstet. Die unangepasste und von den Dorfbewohnern verachtete Frau, die viel in der Welt herumgekommen ist, lebt abseits des kleinen Dorfes, nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Mit ihrer anarchistischen aber barmherzigen Lebenshaltung passt die Vegetarierin nicht in die scheinbar heile Dorfgemeinschaft. Im Ort herrschen willkürlich die, in einer Jäger-Clique zusammengeschlossenen Honoratioren. Sie quälen Tiere, halten sich an keine Jagdregeln und behaupten mit Korruption und Erpressung ihre Macht. Unter der gediegenen Oberfläche gedeihen Glücksspiele und Prostitution.

Als Duszejko ihre geliebten Hunde begraben will, die wahrscheinlich von den Jägern ermordet wurden, schnauzt der Pfarrer sie an: „Tiere wie Menschen zu behandeln ist Blasphemie!“ Obwohl „Tiere keine Seele“ haben, wie der Priester jägerfreundlich von der Kanzel verkündet, schlagen sie eines Tages zurück: Nach und nach werden der Polizeipräsident, der Chef einer Fuchsfarm, der Bürgermeister und andere Jäger offenbar von Tieren getötet. Die Spuren an den Leichen verweisen darauf, dass sie von Käfer zerfressen oder von Rehen und anderen Tiere zerbissen wurden. Für Duszejko ist klar, dass sich die misshandelten Kreaturen an ihren Peinigern rächen, jedoch die meisten Dorfbewohner halten sie für verrückt.

Mit düsteren, gelegentlich auch sonnigen Bildern – wie inspiriert von der romantischen deutschen Malerei – erzählt die bekannte Filmemacherin Agnieszka ihre spannende Geschichte. Der gelegentlich sogar humorvolle Streifen lässt sich keinem Genre zuordnen und nimmt überraschende Wendungen. Bis zum märchenhaften Schluss ist „Die Spur“ mal Heimatfilm mal Krimi, aber auch Fantasyfilm oder Ökothriller. Die Regisseurin will sich bewusst nicht festlegen (lassen), dennoch verliert sich der Streifen nicht in Beliebigkeit, ist kein wahlloser Genre-Mix. Den Alfred-Bauer-Preis als Berlinale-Bär erhielt sie zu recht für „einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet“, so die Jury. Weiterlesen

Neues deutsches fantastisches Kino?

Zwischen Rotkäppchen und Froschkönig:  „Der Nachtmahr“ und „Wild“

Vor einiger Zeit kam der Film „Wild“ der Berliner Regisseurin Nicolette Krebitz in die Kinos, nun folgt „Der Nachtmahr“, ein ähnlich surrealer Streifen des Berliner Filmemachers Akiz. Sind die Filme „Neues Deutsches Fantastisches Kino“ aus der Hauptstadt?

In „Der Nachtmahr“ begegnet ein Teenager kurz vor ihrem 18. Geburtstag einem seltsamen Wesen. Zunächst hat eine Smartphone-App ihr Selfie in ein blindes Ungeheuer – eine Mischung zwischen ET und Embryo – verwandelt. Dann begegnet Antonia dieser Kreatur wirklich, also letztlich sich selbst oder vielleicht nur im Wahn? Die Eltern schicken das verängstigte Mädchen zu einem Psychiater, der sie zur Kommunikation mit dem Geschöpf ermuntert. Widerstrebend nimmt sie Kontakt auf, versorgt es mit Essen und lässt es – wie den Froschkönig – in ihrem Bett schlafen. Eltern und Freundinnen halten das Mädchen für wahnsinnig, doch irgendwann sehen auch sie dieses Tier und rufen panisch die Polizei. Nehmen die Außenstehenden wirklich ein Monster wahr oder ist das nur ein weiteres Hirngespinst Antonias? Am Ende des Films sitzt das Wesen am Steuer eines geklauten Autos und rast mit Antonia durch die Nacht. Ihre Erlebnisse sind weder eine Horrorgeschichte noch ein sanftes Märchen, aber am Ende bleibt offen, ist das nun Realität, Fantasie oder Wahn?

Ähnlich verwirrt verließ man bereits den Film „Wild“, denn der Titel meint ein wirklich wild gewordenes Rotkäppchen. Durch eindringliche Bilder und suggestive Klänge lässt er uns Zuschauer an der Obsession einer, mit ihrem Leben unzufriedenen jungen Frau teilnehmen. Roh und triebhaft verfällt die schüchterne Anias einem echten Wolf. Zunächst fängt sie das wilde Tier und hält es in ihrer Wohnung, die in wenigen Tagen verwüstet wird und – man glaubt es im Kino zu riechen – bestialisch stinkt. Das ungleiche Paar liebt einander und schließlich entfernt Anias sich aus der menschlichen Zivilisation: In einer bizarren Landschaft schlabbert sie mit dem Wolf Wasser aus einer Pfütze und frisst roh die von ihm gefangene Maus. Und wieder die Frage, ist das nun Wirklichkeit, Einbildung oder Irrsinn? Weiterlesen