„Pelikanblut“

Nach einem alten Mythos hacken sich Pelikanweibchen die Brust auf, um mit dem Blut ihre toten Jungen ins Leben zurückzuholen. Diese frühchristliche Metapher des Filmtitels scheint auch das Handeln der alleinerziehenden Pflegemutter Wiebke (Nina Hoss) zu bestimmen.

Als sich ihr zweites neues Adoptivkind Raya (Katerina Lipovska) als garstiges Monster und „emotional totes Kind“ (so Regisseurin Katrin Gebbe) entpuppt, wird sie – im übertragenen Sinn – zum Pelikanweibchen. Sie schleppt die Fünfjährige den ganzen Tag lang im Wickeltuch herum, besorgt sich illegale, Muttermilch fördernde Medikamente, um das Kind zu säugen. So will sie an frühe Entwicklungsphasen anknüpfen, als Raya noch beziehungsfähig war. Denn das bulgarische Waisenkind ist schwer traumatisiert…

Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach:
Wiebke ist eine leicht amerikanisch angehauchte Pferdezüchterin, die für eine Reiterstaffel der Polizei junge Pferde dressiert. Mit ihrer neunjährigen Adoptivtochter Nicolina versteht sie sich großartig, bis das neue Adoptivkind ins Haus kommt. Für kurze Zeit passt Raya sich an und Nicolina freut sich über ihre Schwester. Doch nach und nach wird Raya nicht nur ihrer großen Schwester immer unheimlicher: Sie bunkert Essen, schmiert mit Kot, legt Feuer, quält oder sexualisiert andere Kinder bis die Eltern sie aus der Kita rausschmeißen: „Die ist krank! Die muss weg!“

Das stellt letztlich auch ein Kinderpsychologe fest. Wiebke muss erkennen, dass Liebe und konsequentes Handeln alleine keine Heilung bringen. Doch sie merkt auch, dass gestörte Kinder nicht wie Pferde dressiert werden können. Jedoch als sie das Kind in eine Spezialklinik bringen will, rennt es weg und schreit plötzlich „Mama!“

Wiebke bildet parallel zu dieser Geschichte Polizeipferde aus und zähmt für eine Polizistin (und mit ihr) einen wilden Hengst. Auf einer richtigen Demo dreht das Tier durch, verletzt Demonstranten, wirft seine Reiterin ab und wird erschossen. Das kann man mit dem wilden Kind nicht machen – doch als mit Raya gar nichts mehr geht, schlägt der sozialpädagogisch anmutende Psychothriller in ein anderes Genre um:Fantasy mit Austreibung des Dämons und schwarzer Magie. Ob das wirklich hilft, bleibt am beklemmenden Schluss eigentlich offen.

„Pelikanblut“ zeigt keinen pädagogischen Ausweg, sondern eher die verzweifelte Besessenheit und den starken Glauben einer Frau, einer Adoptivmutter, die über alle Grenzen geht.  Auch hier agiert Nina Hoss wieder als umwerfende Schauspielerin, ganz großartig zusammen mit der bulgarischen Kinderschauspielerin Lipovska. Das Kind beherrscht einen unglaublichen Ausdruck von Trauer und Leid über Trotz und monsterhafte Züge. Der Streifen ist ein Spiel(!)film, in dem es weder um die Qualität pädagogischer Maßnahmen noch um die Wahrheit magischer Errettungen geht.

„Pelikanblut“ war genau vor einem Jahr der einzige deutsche Beitrag auf dem Filmfestival Venedig in der Reihe „Orizzonti“, die sich ästhetischen und expressiven Trends im internationalen Kino widmet. Durch Corona kommt er erst jetzt in die Kinos. Die Kritik tut sich schwer mit diesem großartigen Streifen, möglicherweise weil er feste Gewissheiten bedroht, keine Lösungen verspricht und das Genre nicht eindeutig ist.

„Pelikanblut“, Deutschland / Bulgarien 2020, 121 Minuten, FSK 16 Jahre, Filmstart bereits am 24.9.2020. Regie Katrin Gebbe, mit Nina Hoss, Katerina Lipvoska, Murathan Muslu u.a.

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Verleih DCM Film