Teresa Dietrich: Über künstlerische Erlebnisse in Nicht-Reisezeiten

Im letzten Herbst stellte die Fuldaer Künstlerin Teresa Dietrich in der Kunststation ihre neuen „Bodenverlegungen“ aus: Collagen auf Platten mit Fotoschnipseln wiedererkennbarer Zeichen von internationalen Straßen und Plätzen und poetisch mit feinen bedruckten oder bemalten Papieren weiter gestaltet. Diese spannungsvollen Kompositionen suggerierten Bewegung und Dynamik und waren weder Suchspiele noch Abbilder realer Orte: Man sollte die Collagen wie musikalische Klänge auf sich wirken lassen, diese Objekte gaben einem das Gefühl unterwegs zu sein. Ähnlich verhält es sich mit den neuen Arbeiten der Künstlerin während des Corona-Lockdowns.

Darüber schreibt sie:
„Immer ein Augenblick in einer Stadt, an einem Ort, an einer Stätte, eine 60stel Sekunde oder weniger im heißen Sonnenlicht: Augenblicke, ausgewählt aus den zahllosen Momenten und Beobachtungen von unvertraut und unverhofft Auffälligem. Aus Wahrnehmungen wurden Bilder, fotografierte Erinnerungen, aufbewahrt in meinem Archiv. Und dann wird das Alphabet, in Corona Zeiten, zu einem Impuls für ein Kunstprojekt. Die Fragen, wo bin ich überall gewesen und bin ich überall gewesen von A bis Z, dies kann ich nach Durchsicht meines Bildarchivs mit Ja beantworten.

Von Agrigent bis Zürich springe ich durch die Jahre, hin und her über Kontinente und Länder, bewege mich von Metropolen zu Städten und Stätten in Nicht-Reise-Zeiten. Es ist wunderbar, wieder in die Stimmungen, Erlebnisse, Entdeckungen, in die Geräusche und Gerüche einzutauchen. Ich entscheide mich für Kulturdenkmäler und scheinbare Nebensächlichkeiten, Museumsräume und Straßenräume, Unspektakuläres, aber in besonderem Licht, die vielfältigen Erscheinungsformen von Architektur und ihren Fragmenten. Weiterlesen

Kunststation Kleinsassen (Rhön) „Lust auf Kunst“

Mit der riesigen Ausstellung „Lust auf Kunst“ feiert die Kunststation in allen Sälen die Neueröffnung ihrer renovierten Artothek. Alle gezeigten Werke wurden seit den 1970er-Jahren den Kunstschaffenden abgekauft, die sich hier präsentierten, und können ausgeliehen oder gekauft werden.

Am Freitag sind bereits die meisten Bilder aufgehängt und alle Skulpturen arrangiert. Allerlei gerahmte Gemälde und Grafiken lehnen noch an der Wand, während Arbeiter in der Artothek herumwerkeln. Zufrieden geht Kuratorin Dr. Elisabeth Heil mit dem staunenden Besucher durch die Fülle der gezeigten Kunstwerke. Die Schau wirkt sehr stark in sich geschlossen, manche Bildgruppen und Skulpturen scheinen aufeinander bezogen, obwohl es doch oft so verwirrend unterschiedliche Arbeiten sind. Aber zunächst kann (und sollte) man erst einmal durch die Hallen gehen, ansehen was einem gefällt – und aussuchen, was man wohl gerne zuhause hätte…

Bei mehrmaligen Gängen durch die Ausstellung lässt sich deren Gestaltung erkennen: Manchmal sind es nur die Farben ungleicher Gemälde, die einen Zusammenhang herstellen, manchmal sind es gegensätzliche Werke, die sich gerade durch ihre Konfrontation „etwas zu sagen haben“, meint Dr. Heil. Es gibt für jeden Besucher etwas, von düsteren dramatischen Ölbildern bis zu leichten luftigen Blumenaquarellen, von strengen konkreten Kompositionen bis zu wilden figurativen Malereien. Im kleinen Raum werden „Rhönbilder“ gezeigt – von Kunstschaffenden die zeitweilig hier lebten oder als Stipendiaten zu Gast waren. Einen anderen Ort nennt die Kuratorin „Kapelle“, weil diverse Objekte mit religiösen Motiven versammelt sind.

 

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Fantasiegärten in der Toskana wieder geöffnet

Die italienische Toskana, der teils raue, teils anmutige Landstrich zwischen Florenz und Rom, ist eine uralte Kulturlandschaft und bietet zahlreiche Kunstschätze. Doch bereits seit vielen Jahrzehnten werden auch zeitgenössische Kulturschaffende davon angezogen. Bekannte Künstler, etwa Fernando Botero oder Sandro Chia, ließen sich hier nieder, quälten sich mit der ungewohnten Gartenarbeit – und schufen dennoch individuelle Kunstoasen. In diese – von der Landschaft abgetrennten – Gärten integrierten sie ihre künstlerischen Arbeiten.

Dennoch haben die Anlagen nichts mit klassisch-englischen oder Barockgärten zu tun, in denen es um die ordentliche Ausgrenzung der anarchischen Natur ging. Der etwas unscharfe Begriff Künstlergärten meint keine Museen oder Galerien im Freien. Alle Werke in den Fantasiegärten, wie man sie eher nennen sollte, verändern sich ständig durch das Licht, die Jahreszeiten und die Witterung. Sie sind von bezaubernder oder erschreckender Schönheit – aber selten allgemein zugänglich. Nach der Corona-Pause kann man wieder drei der wichtigsten öffentlichen Anwesen besuchen:

Daniel-Spoerri-Garten (Giardino di Daniel Spoerri)
Daniel Spoerri feierte vor kurzem seinen 90. Geburtstag, die Medien bezeichneten ihn als Eat-Art-Künstler und lobten seine Fallenbilder, „vergaßen“ jedoch sein größtes Werk zu erwähnen: Mitten in der Toskana gründete der Schweizer in den frühen 1990er-Jahren auf 16 Hektar einen magischen Ort zwischen Zivilisation und Wildnis. Bereits das Haupthaus, mit dem Restaurant und einigen Apartments, empfängt einen mit der Inschrift „non solo EAT ARTs“.

Stundenlang kann (und soll) man in der Landschaft von einem Kunstwerk zum nächsten wandern, sich zwischendurch aber auch an schattigen Plätzen ausruhen. Der Parcours beginnt bei Spoerris Brunnen und Skulpturen aus Fleischwölfen, dann trifft man auf eine gewaltige Gänseherde aus Beton (Foto) oder kann eine Aussichtsplattform besteigen. Weiterlesen

Christo – viel, viel mehr als ein Verpackungskünstler (2)

Im Berliner Palais Populaire begann die Ausstellung der von Christo & Jeanne-Claude realisierten „Projekte 1963 – 2020“. Die Schau gibt mit Skizzen und Collagen einen umfassenden Überblick zum Gesamtwerk des Künstlerduos.

Nach dem Reichstagsprojekt erklärten Christo & Jeanne-Claude, sie wollten zukünftig nichts mehr verhüllen. Das hielten sie zwar nicht durch, ohne die 2009 verstorbene Jeanne-Claude plante und verschob Christo in diesem Jahr die Verhüllung des L’Arc de Triomphe in Paris auf 2021. Aber die kümmerliche Reduzierung der beiden auf „Verpackungskünstler“ ist unsinnig, weil sie die von ihnen ausgewählten Objekte – seien es nun Bauwerke, Felsküsten oder Bäume – nicht verhüllten um sie unsichtbar zu machen, sondern um dadurch zeitweilige Riesen-Skulpturen zu erschaffen.

Zugleich verwirklichten die beiden auch andere beeindruckende Großprojekte durch Eingriffe in die Natur ohne sie zu verpacken. Etwa die Installation eines riesigen Vorhangs in einer amerikanischen Landschaft („Valley Curtain 1970/72“), die Umrandung einer Insel bei Florida („Surrounded Islands 1980/83“) oder das Projekt von über 4000 zeitgleich aufgestellten Schirmen in Japan und Kalifornien („The Umbrellas 1984/91“). Bei diesen Gestaltungen der Landschaften gingen Natur und Kunst immer eine vorübergehende Liaison ein:

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Valley Curtain 1970/72“ 

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Christo – viel, viel mehr als ein Verpackungskünstler (1)

Zum Tod des Künstlers Christo (1935 – 2020) Teil 1

New York / Frankfurt (Weltexpresso) – Beim Schreiben über das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, sowie mitten in der Recherche ihrer Projekte, erreichte mich die Nachricht vom plötzlichen Tod des Künstlers. Im Juni vor 25 Jahren hatten die beiden den Berliner Reichstag verpackt. Nach dem Ende des Corona-Lockdowns begann neulich im Berliner Palais Populaire die umfangreiche Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude. Projects 1963-2020“.

Die beiden wurden am gleichen Tag im gleichen Jahr geboren und trafen sich in den frühen 1960er-Jahren als Seelenverwandte in Paris. Christo flüchtete über Wien und Genf aus Bulgarien hierher, Jeanne-Claude lebte mit ihrer Familie zeitweilig in Nordafrika. Von Anfang an entwickelte das Duo sämtliche Projekte gemeinsam. Doch aus taktischen Gründen firmierte Christo als der Künstler und Jeanne-Claude als seine Organisatorin in der von Machos beherrschten Kunstwelt. Erst Jahrzehnte später nach dem internationalen Erfolg lüfteten sie das Geheimnis ihrer symbiotischen künstlerischen Tätigkeit. Jeanne-Claude starb bereits 2009, doch Christo machte immer wieder deutlich, dass auch die neuen Projekte – wie der im nächsten Jahr verhüllte „Arc de Triomphe“ in Paris oder das einzig dauerhafte, gigantische Werk „The Mastaba in Abu Dhabi“ – auf gemeinsamen Fantasien und Planungen beruht.

Das Künstlerpaar erweiterte den modernen Kunstbegriff beträchtlich und verschob die Grenzen der zeitgenössischen Kunst auf nie geahnte Weise: Ihre riesigen ästhetischen Landschaftsgestaltungen oder durch Verhüllung entstandenen Skulpturen faszinierten und verzauberten Millionen von Menschen. Teil dieser nicht-elitären Gesamtkunstwerke, die immer nur kurze Zeit existierten, waren die jahrelangen Vorplanungen, die öffentlichen Auseinandersetzungen um die Realisierung, das Durchhaltevermögen des Paares, die Einbindung des Publikums, das mediale Echo und die Finanzierung ohne öffentliche Mittel oder Aufträge. Weiterlesen

Gesamtkunstwerker oder Salatmacher?

Ein Besuch beim Berliner Künstler Volker März.
Kurz nach Eröffnung der Frühjahrsausstellung in der Kunststation begann der Lockdown, Jetzt ist sie wieder geöffnet, erneut kann man auch vielfältige Arbeiten von Volker März (62) erleben. Am 7. Juni liest er in der Station „Ich bin ein Stern und suche Liebe.“ Wir besuchten ihn in seinem Berliner Atelier.

„Das ist oft die pure Lust“, meint März über das Kneten seiner kleinen Tonfiguren, die zum Leben erwachen, wenn er sie nach dem Brennen bemalt. Dann sagt er einer auch schon mal: „Du bist aber ein Schöner!“ Er braucht viele dieser Gebilde, um sie in Gruppen auszustellen, mit ihnen Geschichten zu erzählen oder sie auf Reisen mitzunehmen. Manchmal illustrieren sie bereits aufgeschriebene Erzählungen, oft tauchen sie seltsam verfremdet – wie lebensgroß – in seinen Reisefotos oder Videoclips auf.

Aus dem Interview wird ein „wildes Gespräch“ mit zahlreichen Abschweifungen, in dem auch der Befrager befragt wird. Assoziativ grasen der Künstler und der Journalist die Welt ab! Jedoch ein Künstler will dieser Maler, Bildhauer, Schreiber, Reisender, Fotograf, Performer und Philosoph nicht sein. Auch kein Regisseur der Gesamtkunstwerke schafft: „Das klingt so nach Leni Riefenstahl.“ Auch über die wurde gestritten, darf man zwischen Kunstwerk und Mensch unterscheiden? Allen Ernstes will März als jemand gesehen werden, der einen guten Salat macht! Da kämen ja auch weitere gute Zutaten wie Öl, Nüsse, Käse und anderes hinein…

Er kann zuweilen selbst nicht fassen, was er schafft: Die Figuren beginnen in seinen Händen zu leben; von ihm arrangierte Installationen und Ausstellungen gelingen ohne große Pläne. Aber er betont, das habe nichts mit dem automatischen Tun der Surrealisten zu tun oder „von höheren Wesen“ erzeugte Inspirationen.

Was immer März ist – ein braver Salatmacher ist er jedenfalls nicht… Weiterlesen

Erneuerung der Artothek in der Kunststation Kleinsassen

Die „Corona-Pause“ nutzte die Kleinsassener Kunststation, um ihre in die Jahre gekommene Artothek zu erneuern und zeitgemäß zu organisieren. Bereits kurz vor der vorübergehenden Schließung bewilligte das Land Hessen dafür eine beträchtliche finanzielle Zuwendung.

Eine Zeitlang wurde das Café des Ausstellungshauses zu einem provisorischen Studio umfunktioniert, in dem Fotograf Dr. Arnulf Müller sämtliche Kunstwerke der Artothek ablichtet. Über 1300 Gemälde und allerlei Skulpturen waren zu fotografierten. Bei den Vorbereitungen wurden auch ältere Arbeiten von Johannes Grützke und Willi Sitte „ausgegraben“, erzählt Kuratorin Elisabeth Heil lächelnd, „sogar ein Dalí ist dabei.“ Aber es werden ebenfalls aktuelle Arbeiten verliehen, etwa kritische Fotokunst von Mojgan Razzaghi, der flatternde Holzvogel von Thomas Putze oder das riesige Schattenbild Susanne Bockelmanns.

Die Station versteht sich seit jeher als Förderin der Kunstschaffenden, die für ihre Expositionen kein Honorar bekommen. Stattdessen werden Artefakte angekauft, manchmal auch in Kommission genommen. „Die gezeigten Arbeiten sind meist verkäuflich, aber dieser kommerzielle Aspekt steht nicht im Vordergrund“, erklärt die Leiterin der Station Monika Ebertowski: „Wir sind den staatlichen Museen gleichgestellt, auch wenn wir keine Kunstwerke sammeln. Alle Objekte der Artothek sind von Künstlerinnen und Künstlern, die hier ausgestellt haben, sie spiegeln die Geschichte des Hauses.“ Bis zu drei Jahren kann man sie ausleihen, die jährlichen Kosten betragen 5% des Kaupreises, mindestens 36 Euro, für Kommissionsarbeiten 10%. Bei einem eventuellen späteren Kauf wird die Leihgebühr angerechnet, doch die Artefakte sind auch sofort käuflich. Größere Stücke sind manchmal zu teuer für den Erwerb durch die Station, dann wird mit den Kunstschaffenden über kleinere Werke verhandelt.

Die Fotoarbeiten sind Teil der Erneuerung der 1997 gegründeten Artothek, bisher konnte man lediglich eine unvollständige, bilderlose Übersicht der in Schieberegalen untergebrachten Bilder an der Kasse in einem PC sehen. In Zukunft kann das Publikum in einem PC auf einem Stehpult in den modernisierten Räumen sämtliche Arbeiten vorab betrachten. „Eine Präsentation im Internet stößt derweil noch auf riesige Schwierigkeiten“, erklärt Ebertowski, „denn wenn man ein Kunstwerk erworben hat, besitzt man noch lange nicht dessen Bildrechte.Weiterlesen

Frühjahrsausstellung Kunststation Kleinsassen (Rhön)

Am Wochenende eröffnete die Kunststation Kleinsassen ihre Frühjahrsausstellung . Die Musikerinnen des Trios „Acht Ohren“ kreierten dazu mit Saxophon, Cello und Percussion aus „globalen Fundstücken“ frühlingshafte Klänge.

Volker März entführt das Publikum in einen absonderlichen Irrgarten: „Die heilige Haut ab … und ein Affe hält die Welt an!“ Bereits am Eingang empfängt sein lebensgroßes Ebenbild mit einem auf der Brust liegenden Affen das Publikum. Danach wird man von einer Flut aus kräftig bemalten Tonfiguren, großen Bildern und Fotos, Holzskulpturen, Videos, Klangcollagen, Wandzeitungen und Installationen geradezu überwältigt.

Am besten betrachtet man zuerst die kleinen Wesen, die sich auf einem riesigen Brett im ersten Saal tummeln. „Was siehst Du?“, fragt der Künstler auf einem Flugblatt zu diesen „Rückenwärmern“. Jedoch muss man seinen Dialog – zunächst – gar nicht lesen, um das Arrangement zu verstehen, die aufgereihten „Kleinstmenschen“ sind ausdrucksstark genug.

Was man wissen muss, ist die Bedeutung der Affen: Viele Figuren haben affenartige Gesichter – aber das ist nicht als Herabwürdigung gemeint. März bezieht sich auf Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“, in der ein gefangener Affe aus lauter Verzweiflung zum Menschen wird.

Die uns ähnlichen Primaten haben, so der Künstler, (fast) die gleichen Gene wie wir. Doch sie sind die besseren Menschen, weil sie nicht durch die Zivilisation verdorben sind und sich ihre spielerische Unschuld bewahren. März ist ein  kritischer moderner Romantiker und nicht  „verrückt“, wie eine empörte Besucherin meinte. Er offenbart sich mit vielen komischen oder sarkastischen Arbeiten als humanistischer Philosoph. Mithilfe diverser künstlerischer Mittel spielt er mit der Realität und stellt Gewissheiten infrage.

Für den Besuch seiner Ausstellung braucht man Zeit. Viel Zeit! Der Gesamtkunstwerker ließ drei Sofas aufstellen, in denen man immer wieder Platz nehmen und gelassen Teil der Schau werden kann. Daneben liegen Bücher zum Lesen, in denen er skurrile Fantasiegeschichten seiner Figuren erzählt.

Der arme Maler Conrad Sevens hat es schwer, im Nachbarsaal mit seinen „Ersehnten Landschaften“ gegen dieses surreale Pandämonium anzukommen. Denkt man! Weiterlesen

„In The Cities“

Wenn man schnell durch die Ausstellung Detlef Waschkaus in der Kunststation Kleinsassen geht, denkt man, ah ja, Großstädte, Straßenszenen, Menschen… „In The Cities“ heißt bezeichnenderweise auch sein Beitrag zur Herbstschau des Kunsthauses.

Geht man näher an ein Bild heran und betrachtet es länger, etwa „New York“ (Foto), dann sieht man eine Collage mit unterschiedlichen Leuten und vielfältigen, aber kaum einordbaren Situationen in einer Metropole: Eine flüchtige Momentaufnahme aus New York. Selten sind in den ausgestellten Arbeiten des Künstlers die Menschen so sehr im Vordergrund. Doch die Dargestellten sind kaum (noch) individuell erkennbar, sie verschwinden durch die übrigen Bildelemente, welche die Hektik und Vielfältigkeit einer Großstadt suggerieren.

Das Werk ist deutlich gerastert, manche Ebenen liegen tiefer oder höher, das Bild ist also letztlich eine dreidimensionale, aber sehr flache Skulptur. Waschkaus „malerische Holzreliefs“, wie er seine Arbeiten selbst nennt, haben Schichtholzplatten aus Pappelholz zur Basis. Die oberen Schichten trägt er zum Teil mit Beiteln ab und trägt ständig – im Wechsel mit der Holzbearbeitung – Farbe auf. Waschkau versteht sich als Bildhauer und Maler zugleich, seine Gebilde sind ein Mix aus künstlerischen Techniken. Als Vorlage für diese Objekte nutzt er von ihm aufgenommene Fotografien.

Die Bedeutungen seiner Reliefs sind nicht eindeutig: Sie können einerseits kritisch auf die Durchgliederung und Normierung, die „Rasterung“, unserer Großstädte verweisen. Andererseits zwingen sie uns, gerade durch die Rastertechnik, unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, die ja Details immer wieder (begrifflich) zusammenfasst: Ah, ja, New York… Und doch: Waschkaus Halbreliefs sind mehr als ihre handwerklich-künstlerischen Raster, sie entführen uns in faszinierende dynamische Welten und behalten ihren unwägbaren Rest.

INFO:
Detlef Waschkau „In The Cities“ noch bis zum 24. November in der Kunststation Kleinsassen. In der Winterzeit nur Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet.
www.kunststation-kleinsassen.de

FOTO:
„New York“ © Nikolaus Netzer

Ausstellung „Von Fischen und anderen Gräten…“

Unter dem Titel „Von Fischen und anderen Gräten“ präsentiert die Fuldaer Künstlerin Martina Theisen neue Arbeiten: Ihre maritimen Bilder in der kommunalen Galerie der Stadt Gersfeld sind eine Gradwanderung zwischen angewandter und freier Kunst.

Auf dem Plakat zur Ausstellung zeigt ein Wal Yoga-Übungen. „Geldhaie“ saugen an ihren Zigarren. Ein säuerlich guckender Fisch, hinten schon ein wenig in Scheiben geschnitten, begrüßt uns als „Zitronenhai“. In einer Ölsardinendose schlafen kleine Fische. Aufrecht stehend in Matrosenanzügen salutieren in der „Doraden-Parade“ aufgekratzte Goldbrassen. Die Idee zu ihrer Schau entstand auf der von Meerestieren umgebenen Insel Spiekeroog, wo sich die Künstlerin gerne aufhält. Soll man ihr tatsächlich glauben, dass es diese Wesen alle in Wirklichkeit gibt, wie sie behauptet? Die diversen Grätenviecher sind jedenfalls nicht realistisch gezeichnet oder gemalt, fast immer wirken sie unwirklich, ja grotesk, wie Karikaturen oder Comics.

Alle abgebildeten Seekreaturen sind mehr oder weniger vermenschlicht und bleiben doch Meerestiere: Daraus entsteht die Komik, die in der ernsthaften Bildenden Kunst einst nicht so beliebt war. Theisen spielt auch mit ihren Titeln, einerseits weisen sie Wege zum Verständnis und provozieren lachende Erkenntnis, andererseits sind sie gelegentlich auch Wortspiele: „Der Wal trägt einen Schal mit Aal“, heißt ein Werk. Oder Schweine, also Meerschweine, nutzen einen fetten Delphin als Tauchboot: „We all live in a yellow submarine“, möchte man da fröhlich mit den Beatles singen.

Theisens Arbeiten sind durch Mischtechniken entstanden, sie malt und zeichnet mit Stiften, Kohlen und Kreiden auf farbiges Tonpapier. Die Künstlerin nennt sich Illustratorin, bereits als Kind hat sie ihre Puppen mit Filzstiften angemalt und dann mit ihnen Indianer gespielt. In Mainz studierte sie Kommunikations-Design, seit 2001 illustrierte sie bisher über 60 Kinder- und Erwachsenenbücher für renommierte Verlage. „Mein großes Körperbuch“ von Professor Dietrich Grönemeyer weist Ihre bekanntesten Illustrationen auf.

Bescheiden bezeichnet sie selbst ihre Bilder als angewandte Kunst, doch eigentlich sind die in Gersfeld gezeigten Arbeiten freie Kunstwerke und (bis jetzt) keine Illustrationen. Aber in ihnen schlummern nicht erzählte Geschichten, die zum Erzählen und Nachfragen provozieren: Ist der Aal auch erkältet? Was küsst den Delfin? Weiterlesen