Die Kunststation Kleinsassen im „Rausch der Geschwindigkeit“

„Im Rausch der Geschwindigkeit“ – in der Kunststation begann die Herbst-Schau mit mehreren Ausstellungen, die alle um das Auto kreisen.

„Ein aufheulendes Auto ist schöner als die Nike von Samothrake“, verkündeten vor einem Jahrhundert futuristische Künstler und riefen die Religion der Geschwindigkeit aus. Es dauerte dann noch etliche Jahrzehnte, bis Wolf Vostell in den 1960er-Jahren – als „subversive Entlarvung des Tanzes ums goldene Kalb“ – Cadillacs im öffentlichen Raum als Sarkophage einbetonierte.

Aufregend und überraschend sind die Fahrzeuge Stefan Rohrers. Der Titel seiner Schau „Fast and Furious“, also schnell und wütend, ist sein Arbeitsprogramm: Einerseits sehen die verformten Motorroller so aus, als habe sie ein wütender bärenstarker Besitzer langgezogen und in die Lüfte geschleudert. Doch man kann ihre eigenartige Form auch so sehen, als seien Lenkrad und Vorderreifen bereits schneller als das zurückgebliebene Fahrgestell: Vielleicht ein sarkastisches Statement zum Futurismus? Oder die schnellen Maschinen entwinden sich ihrem Besitzer, schwingen sich auf und beginnen ein fröhliches Eigenleben…

Der Künstler schnitt die Roller jeweils auseinander, verlängerte sie mit Blechen und schraubte sie neu zusammen. Nach der schrillen hochglänzenden Lackierung entstanden so autonome neue Fahrzeuge. Die ebenso auf diese Weise von Rohrer umgestalteten Autos passten leider nicht durch die Tür der großen Kleinsassener Halle.

Die umfangreiche Fotoschau „Drive Drove Driven“ mit Arbeiten diverser Kunstschaffender umfasst in etwa die anfangs skizzierte Spannweite von affirmativer Autowerbung bis zur letzten Ruhestätte für Kraftfahrzeuge. Man kann hier unmöglich alle Arbeiten der 23 Beteiligten beschreiben, sondern lediglich beispielhaft einige nennen: Etwa die schwebenden Edelkarossen Beni Bischoffs auf Fotografien und in einem Video mit sanfter elektronischer Musik. Oder die aufgetürmten Schrottautos von James Hendrickson, die als Ensemble wie die geheimnisvolle prähistorische Kultstätte Stonehenge wirkt. Berührend sind auch Christian Rothmanns melancholische Fotografien von irgendwo abgestellten und vergessenen Fahrzeugen.

In der Ausstellung „weg und hin“ scheinen die Collagearbeiten direkt aus der Zeit Vostells zu stammen, der ja auch die Decollage erfand. Weiterlesen

Gegen weichgespülte Gegenwartskunst… „DAU Freiheit“ in Berlin

Nachdem erste Informationen zum Kunstprojekt „DAU Freiheit“ durchsickerten, überschlug sich bereits die Kritik in der Hauptstadt: Bald soll mitten in der Nacht  in Berlin für einige Wochen eine echte Mauer errichtet werden, um ein Ghetto auf dem Prachtboulevard „Unter den Linden“ nach außen abzugrenzen.

Auf der eilig einberufenen, sehr gut besuchten Pressekonferenz machten die Vertreter der diversen beteiligten Institutionen gestern deutlich, es ginge nicht um Mauerkitsch, stalinistisch-totalitäre Erlebniswelten oder die Verhöhnung der Opfer. So die Vorwürfe, die Filmemacher Tom Tykwer, Dr. Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, Produzentin Susanne Marian und andere Beteiligte widerlegten. DAU sei vielmehr ein europaweites Projekt, das nacheinander die drei Errungenschaften der französischen Revolution künstlerisch in Szene setzen solle: „Freiheit“ in Berlin, „Brüderlichkeit“ in Paris und „Gleichheit“ in London. Gerade für die Berliner sei, angesichts der Mauer in ihrer Geschichte, Freiheit ein lange herbeigesehnter Zustand gewesen.

Seit zwei Jahren wird das Projekt vorbereitet und obwohl Hunderte von Leuten in zuständigen Ämtern und Institutionen sowie betroffene Anwohner einbezogen wurden, drang nichts nach außen. Dadurch konnte verhindert werden, dass das Vorhaben schon vor seiner Planung völlig zerredet und zerrissen wurde. Öffentliche Gelder sind nicht nötig, DAU wird von einer Londoner Stiftung finanziert.

Auf der Pressekonferenz war zu erfahren, die Besucher könnten intramural, in einem Schutzraum ohne Zerstreuung, eine andere, für sie neue Welt erleben: In dem abgegrenzten Areal wird es zahlreiche künstlerische Aktivitäten, Performances, wissenschaftliche Aktionen, Diskussionsgruppen und Einzelgespräche geben – sowie Filme des bekannten russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, der auch Initiator von DAU ist. Ein komplexes digitales Programm (Device) steuert alle Besucher durch ihre eigene Parallelwelt und macht ihnen individuelle – aber letztlich frei wählbare – Angebote zum Besuch in der temporären Kunststadt. Sie zahlen keinen Eintritt, sondern können vorher ein Visum käuflich erwerben.

Dau ist der Spitzname des sowjetischen Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Lev Landau (1908 – 1968), der zeitweilig in einer streng isolierten, geheimen Laboratoriums-Siedlung in der UDSSR arbeitete… Weiterlesen

Salonschau „reloaded“ von Roswitha Berger-Gentsch in der Kunststation Kleinsassen

Ergänzend zur aktuellen Ausstellung „Myths – Upcycled“ (wir berichteten) begann in der Kunststation Kleinsassen die Salon-Schau „reloaded“, in der ebenfalls die künstlerische Verwendung von wertlosen oder recycelten Materialien gezeigt wird.

„Ich leiste aktive Wiedergeburtshilfe“, sagt die Modedesignerin und Grafikerin Roswitha Berger-Gentsch, die sich mit ihren Arbeiten nun ganz der freien Kunst widmet. Aus Kartons mit geringer Lebensdauer großer Discounter fertigt sie durch Schnitte, eingewebte Strukturen und Mosaike sehr eigenartige Collagen. Noch überraschender sind ihre großen Vasen, Füllhörner und freien Artefakte aus teilweise farbiger Wellpappe. Monika Ebertowski, die Leiterin der Station, kannte die Werke bisher nur von Fotos und gestand in der Vernissage, „völlig verzaubert“ zu sein.

Die ursprüngliche Bedeutung des pappigen Materials ist gerade noch erkennbar und dennoch verwandelt oder „reloaded“ Berger-Gentsch es in neue Objekte. „Metamorphose“ heißen ihre Bildobjekte mit geometrischen Figuren oder Streublümchen, die sie aus den Kartons gewinnt. In einer langen, aneinandergefügten Reihe von Chriskindl-Glühwein-Pappen hat sie goldene Streifen eingewebt, die in der Mitte die Krippenszene erkennen lassen – die sich jedoch nach außen immer stärker verflüchtigt: So wie das Weihnachtsfest ja auch seine ursprüngliche Bedeutung verliert. Die Objekte der Künstlerin sind kritisch, aber dennoch steht deren ästhetische Anmutung im Vordergrund.

Im unterhaltsamen Salongespräch mit der Künstlerin bei der Eröffnung kreierte die Kuratorin Dr. Elisabeth Heil kleine Ratespiele, in denen besonders die anwesenden Kinder gut abschnitten: Das Emblem der Coca-Cola-Kartons ist überhaupt nicht mehr lesbar und nur zu erraten aufgrund der typischen Cola-Schrift und ihrer roten Farbe. Salami und Bierwurst in der Collage „Spitzenqualität“ sind kaum noch erkennbar und erreichen eine starke, eigene bildhafte Bedeutung.

Die dreidimensionalen Artefakte der Künstlerin sind als Gefäße nicht nutzbar, also keine kunsthandwerklichen Blumenvasen oder Bonbongefäße. Berger-Gentsch fertigt sie aus Pappringen, die auf komplizierte Art und Weise aus Wellkartons geschnitten und dann montiert werden. „Jeder Schnitt mit dem Cutter muss absolut sitzen“, erzählt sie, „dabei bin ich hochkonzentriert und kann kein Radio hören…“ Weiterlesen

„Altäre, Götzen und Dämonen“ – spannende Ausstellung im Fuldaer Kunstverein

Nach zwei bereits eindrucksvollen Ausstellungen in seinen neuen Räumen präsentiert der Kunstverein abermals interessante künstlerische Arbeiten. Zu sehen gibt es Hubert Baumanns Skulpturen aus bearbeiteten Fundstücken sowie Stephan Pfeiffers Collagen als Tafelbilder.

Während der Vernissage schreitet die Saxophonistin Ulrike Schimpf von Werk zu Werk und entlockt ihrem Instrument improvisierte Töne. Die schrillen, sanften oder aufschreckenden Klänge kommunizieren mit den Arbeiten der Bildenden Künstler und umschreiben sie musikalisch.

Eine schwarze eiserne Figur liegt auf einem roten Blech. Verzweifelt? Geschlagen? Darüber scheint eine blecherne Menschenfigur zu fliegen, zu tanzen, sich zu erheben. Doch der „Homo Erectus“, so der Titel des Objekts, ist in eine angedeutete Kugel eingesperrt – oder befreit er sich gerade daraus? Manche der von Baumann geschaffenen Skulpturen wirken zunächst sehr einfach und doch geben sie Rätsel auf.

Dagegen sind die hölzernen Schreine des Künstlers wesentlich komplexer, im „Tubinakelaltar“ oder „Ogonaltar“  vermischt er abendländisch-christliche mit afrikanisch-kultischen Elementen. Diese Altäre halten die religiöse und kulturelle Diversität in Spannung und versöhnen sie zugleich. Aber Baumann verbreitet keine Friedens- oder religiösen Botschaften, am Anfang seiner Arbeit steht immer die strenge ästhetische Gestaltung. Mit einem Plasmaschneider schneidet er meist zweidimensionale Figuren aus dünnen Blechen heraus, schweißt sie aneinander oder fügt sie mit anderen eisernen oder hölzernen Teilen zusammen.

Eine erotische Göttin hockt in einer eigenartigen Pose auf dem collagierten Bild „Fruchtbar“, auf einer anderen Arbeit öffnen sich asiatische Türen, auf denen ein mythologisches Wesen schwebt („Etwas verschwindet“). Ein zerrissenes T-Shirt hängt als Träger eines Collagenfotos frei im Raum. Pfeiffer fügt in seinen Gestaltungen gefundene Fotos und Illustrationen sowie eigene Malereien zusammen. Seine originalen oder reproduzierten Collagen bestehen aus bekannten, manchmal alltäglichen Motiven, doch sie sind zugleich geheimnisvoll. Beim Betrachten beider Werkgruppen der bayrischen Künstler, die zum ersten Mal gemeinsam ausstellen, gibt es keinen vordergründiger Aha-Effekt. Im Gegenteil, je länger man sich mit ihren Arbeiten beschäftigt, um so stärker provozieren sie eigene Assoziationen und Fantasien. Weiterlesen

César Manrique – nicht nur ein Inselkünstler (Teil 1)

Vor einem Vierteljahrhundert starb César Manrique, der als Künstler, Architekt, Umweltaktivist das Antlitz der kanarischen Insel Lanzarote gestaltete und dessen Einfluss immer noch allgegenwärtig ist.

Nicht erst seit Juli Zehs Lanzarote-Roman „Nullzeit“ sprechen Touristen von der „Mondlandschaft“ auf der Insel, an dessen düstere Anmutung man sich erst gewöhnen muss, aber in die man sich auch verlieben kann. Die scheinbar lebensfeindliche Umwelt Lanzarotes prägte den dort aufgewachsenen Manrique – und er prägte die Insel, die vor einigen Jahrhunderten aufgrund mächtiger Vulkanausbrüche und Erdbeben so unwirtlich wurde. Durch die künstlerisch-architektonischen Projekte des Künstlers lässt sich die friedvolle Verbindung von Natur, Tourismus und Kunst erleben – auch wenn sich oft Hunderte von Besuchern in seinen eigenartigen Sehenswürdigkeiten drängeln.

Zunächst fallen bei Fahrten durch die schwarz-rote Landschaft die strahlendweißen Dörfer auf. Die höchstens zweistöckigen Häuser ducken sich zwischen die Lavafelsen, es gibt zwischen ihnen und auf den Landstraßen keine Werbetafeln. Stattdessen sieht man große Windspiele, fröhliche Figuren aus Stahl oder abstrakte Skulpturen – mittlerweile nicht nur von Manrique. Er wollte die Insel für den Tourismus erschließen ohne das Charakteristische der „Mondlandschaft“ zu zerstören und die Kunst der Natur unterordnen. Das ist ihm gelungen und heute noch zu spüren.

ZITAT
„Ich wartete, wer als Erstes „wie auf dem Mond“ sagen würde. „Wie auf dem Mond“, sagte Jola. „Erhaben“, sagte Theo. „Wenn man Geröll mag“, sagte Jola. „Du hast keinen Sinn für die Ästhetik des Erhabenen“, erwiderte Theo…“ (Juli Zeh „Nullzeit“).

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Bazon Brock setzt Besucherschule in Wittenberg fort – Kunstausstellung bis zum 1. November 2017 verlängert

Im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg setzten sich bekannte zeitgenössische Künstler wie Ai Weiwei oder Markus Lüpertz mit dem Reformator auseinander. Dazu lädt der Ästhetik-Professor Bazon Brock in eine Besucherschule zur Ausstellung ein.

„Sie müssen ja dumm sein, wenn Sie nur hierher kommen um zu sehen, was Sie bereits kennen.“ Mit diesen Worten entlässt Brock (81) nach seiner eineinhalbstündigen hochinteressanten Vorlesung die Besucher in das düstere Gemäuer, das für einen gemeinsamen Rundgang viel zu eng ist. 66 Künstler haben eine Zelle gewählt und als Kunstwerk umgestaltet oder die Flure und den Hof für ihre Installationen genutzt. „Die meisten“, so Brock, „setzten sich auf vielfältige Weise mit dem Ausstellungs-Thema ‚Luther und die Avantgarde’ auseinander, nur wenige präsentieren das, was sie immer zeigen.“ Jonathan Meese etwa ruft mit einer Videobotschaft in seinem wild bemalten Kabuff wieder einmal „Die Diktatur der Kunst“ aus.

Ohne weitere Sinndeutungen sind manche Installationen berührend, die sich direkt auf den tristen Ort beziehen, der von 1906 noch bis 1965 in Betrieb war. Eine Künstlerin installierte auf dem blanken Boden eine große nackte Schaufensterpuppe, wittenberg-face-2-2.jpgdie ab und zu mechanisch ihren Hintern heben und anbieten muss. Weiterlesen

Ulrich Barnickels „Todsünden“ – Der Metallbildhauer stellt in Gotha aus

Europas wohl bekanntester Metallbildhauer Ulrich Barnickel (62) eröffnet am Freitag 2. Dezember in Gotha seine umfassende Werkschau mit Stahlplastiken und Objekten aus anderen Metallen. Zum ersten Mal präsentiert er dort seine neuen eisernen Modelle der sieben Todsünden.

Es war ziemlich mühselig, den Künstler in seinem Atelier an der Schlitz zu treffen. Soeben kommt er von einem Vortrag in Finnland zurück, am nächsten Tag will er seine Arbeiten nach Gotha bringen. Am wärmenden Holzfeuer aber lässt er sich Zeit, von seinem Projekt der Todsünden zu erzählen. Gerne schweift der Meister ab, zeigt Fotos vom Empfang beim Papst in Rom, erzählt über seine Luther-Skulptur in Hamburg oder erklärt den neuen, riesigen „Feuermann“ im Hof. „Ihr Journalisten seid ja dazu da, den roten Faden wieder zu knüpfen“, meint er lachend.

Also dann – in den letzten Jahren hat Barnickel sich nach dem „Weg der Hoffnung“ (2009) auf Point Alpha und den, noch nicht in großen Skulpturen realisierten „Zehn Geboten“, mit den Todsünden beschäftigt. „Völlerei, Neid oder auch die anderen Sünden versucht man ja zu vermeiden“, erklärt er, „aber ob das nun immer gelingt? Wir sind ja doch nur Menschen…“ Grundsätzlich arbeitet er jedoch nicht für die Kirche, sondern will zur Besinnung auf deren jahrhundertealten Werte beitragen, um diese wieder zu aktualisieren: „Wir müssen keine neuen Werte suchen!“ Kunst kann auch Politik beeinflussen, davon ist er überzeugt, und er will sich einbringen, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Für den Zyklus Todsünden hat er sieben kleine Plastiken als „Vor-Bilder“ – im Maßstab 1:10 – für die Realisierung in einer großen Figurengruppe geschaffen. Man kann bereits Bronzeabgüsse einzelner Kleinplastiken erwerben. Sie sind eigenständige Kunstwerke, keine Modelle im engeren Sinne, denn wenn der Künstler sie in zehnfacher Größe erschafft, verändern sich nicht nur viele Details durch die Metallbearbeitung sondern auch die Aura der Figuren, die dem Betrachter überlebensgroß entgegentreten.

Die Todsünden sollten erstmals in Fulda gezeigt werden. Das klappte nicht, weil eine geeignete Lokalität fehlte, nun werden sie im KulturForum in Gotha präsentiert. „Hasserfüllt und rasend / Schlägt der böse Zorn“ – stark stilisiert raufen zwei Figuren, eine scheint zum Schlag auszuholen. Ein anderes Paar ringt um einen goldenen Stern: „Immer länger wird der Arm im Neid / Nach den Sternen anderer greifen, umsonst.“ (Prof. Dr. Arlt). Diese neuen, eisernen Figuren sind wieder stark auf ihre Gesten reduziert, die angedeuteten Situationen weniger konkret als in den „Zehn Geboten“. Immer treffen zwei Figuren aufeinander, fast alle Sünden ereignen sich, wohl emblematisch, in der Zweiheit. Die Darstellungen wechseln zwischen Abstraktion und Erzählung, dem Betrachter bleibt Raum für Interpretationen.

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