Unterhaltsam und irritierend zugleich: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Der sehenswerte „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ kommt jetzt in die Kinos. Auf zwei Ebenen zeigt der Streifen sowohl den Streit um die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ als auch den von Brecht geplanten Kinofilm.

Beleidigte Schauspieler, zickige Diven, ein meuterndes Ensemble und furchtsame Produzenten. Doch unverdrossen bestimmte Bertolt Brecht 1928: „So wird es gemacht.“ Wider Erwarten wurde die „Dreigroschenoper“ eins der erfolgreichsten Stücke der Theatergeschichte. „Mackie Messer“ oder „Seeräuberjenny“, die Gesangseinlagen zu den Klängen des Komponisten Kurt Weill, erlangten Kultstatus. Bis zum Verbot durch die Nazis 1933, wurde die Bettleroper in 18 Sprachen übersetzt.

Der Tonfilm hatte seinen kommerziellen Durchbruch und nicht nur Brecht wollte einen Film aus seinem Bühnenwerk machen, sondern auch die deutsche Kulturindustrie. Allerdings hatten die Finanziers völlig andere Interessen als der Künstler. Der wollte sein Stück nicht abfilmen, sondern mit cineastischen Mitteln und wesentlich gesellschaftskritischer ins Kino bringen. Um seine Vorstellungen durchzusetzen, strebte Brecht als „soziologisches Experiment“ einen Gerichtsprozess an, den er verlor.

Diese authentische Geschichte liegt dem Streifen des Regisseurs und vorzüglichen Brechtkenners Joachim A. Lang zugrunde. Zugleich zeigt er auch den damals nie gedrehten „Dreigroschenfilm“ im Sinne Brechts als Film im Film: Laszive Tänze auf und unter einer Londoner Brücke, zu denen „erst kommt das Fressen, dann die Moral“ gesungen wird. Bald folgt Macheath (Tobias Moretti) auf der Straße dem „entzückenden Hintern“ Pollys (Hannah Herzsprung), den er – so wörtlich – heiraten will.

„Stopp! Stopp! Stopp!“, schreit es manchmal aus dem Off, dann fährt die Kamera zurück und man sieht Brecht (Lars Eidinger) mit den Geldgebern streiten. Die fordern die Erwartungen des Publikums zu befriedigen, der Streifen dürfe nicht vom Original abweichen. Außerdem könne „Pollys Hintern“ oder die „Zuhälterballade“ der Zensur missfallen. Doch Brecht verteidigt hartnäckig seine Ideen: „Warum keinem Hintern folgen, die Kunst folgt doch der Wirklichkeit!“

Trotz der häufigen Unterbrechungen zeigt der „Dreigroschenfilm“ mit sämtlichen Songs den von Brecht geplanten Streifen: Weiterlesen

Tiger vor dem Gorki-Theater – Eine makabre Kunstaktion zum Massensterben im Mittelmeer

Flüchtlinge wollen sich demnächst den, zeitweise beim Berliner Gorki-Theater untergebrachten Tigern zum Fraß vorwerfen lassen. Wer bisher Zweifel daran hatte, ob das Kunst ist oder eher eine politische Demonstration, kann nun in der Hauptstadt echtes Theater erleben: Ausgerechnet das Berliner Grünflächenamt entschied, das vom Zentrum für politische Schönheit initiierte Gesamtkunstwerk „Flüchtlinge fressen“ sei keine Kunst und müsse weg.

Dabei konnte man seit Josef Beuys kaum eine genialere Realisierung dessen Idee von Kunst als soziale Plastik mehr erleben. Die Berliner Künstler inszenieren – nicht zum ersten Mal – eine groteske provozierende Aktionen (was sind ein paar gefressene Flüchtlinge schon gegen das Massensterben im Mittelmeer?) und stehen zugleich persönlich für ihre Forderungen ein. Aber worum geht es nun eigentlich seit Mitte Juni?

Das Zentrum greift eine Kinderfrage auf, warum müssen die Flüchtlinge eigentlich ertrinken und kommen nicht mit dem Flugzeug? Eine gute Frage, denn ein Flug vom Nahen Osten nach Mitteleuropa ist preiswerter und allemal sicherer als die Kosten der Schlepperbanden. Doch eine EU-Richtlinie steht dem entgegen, die Fluggesellschaften werden bestraft, wenn sie Menschen ohne gültiges Visum nach Deutschland bringen.

Das Zentrum für politische Schönheit fordert nicht nur die sofortige Streichung des § 63.1 (die Linke hat das ebenfalls für den 24. Juni  im Bundestag beantragt), sondern sammelt auch Geld, um Ende Juni ein Flugzeug zu chartern. Das soll 100 syrische Flüchtlinge von Izmir nach Berlin bringen. Sollten die nicht in Deutschland angenommen werden, werfen sich freiwillige Flüchtlinge den Tigern zum Fraß vor.

Am Mittwoch, dem Tag nach dem Verbot war Unter den Linden alles wie immer in den letzten Tagen. Viele Touristen und Berliner warteten abends vor dem Raubtiergehege, sahen bei der Fütterung der vier Tiger (noch ohne Flüchtlingsfleisch) zu.

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Seit acht Jahren „Hamlet“ an der Berliner Schaubühne

Die Begeisterung der Schauspieler und des Publikums sind spürbar ungebrochen. Seit mehr als acht Jahren zeigt die Berliner Schaubühne Thomas Ostermeiers Version von Shakespeares Hamlet mit Lars Eidinger als irrsinnig werdendem Königsohn.

„Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage…“

…heißt es gleich zu Beginn. Hamlet (Lars Eidinger) hockt am Rand und filmt selbst seinen sprechenden Mund, der groß verzerrt auf einem Perlenschleier erscheint. So, das ist nun gesagt, jetzt müssen die Leute nicht mehr auf diese legendären Worte warten. Mehrfach noch werden sie im Laufe des Abends wiederholt – einmal sogar im Hitler-Idiom. Viele Leute kennen diese Worte des Zauderns, obwohl sie nie Shakespeares Hamlet gesehen haben, sie existieren längst unabhängig von ihm.

Dann gibt der Vorhang die Bühne frei, sie ist mit Torfmull ausgelegt, eine Trauergesellschaft steht herum, ein Arbeiter sprüht Regen in die Luft. Die folgende Beerdigung des ermordeten Königs macht deutlich, wovon das Stück handelt und wie es gespielt werden wird: In einem grotesken Slapstick, der wohl in die Theatergeschichte eingehen wird, quält sich der Bestatter den Sarg zu versenken, der immer wieder aus der Grube herausflutscht: Der Geist des toten Königs, der noch mehrmals auf der Bühne erscheint, gibt einfach keine Ruhe. Im Hintergrund kommt an einer Tafel die Trauergesellschaft zusammen. Claudius (Urs Jucker), der Bruder des Ermordeten und Onkel Hamlets, befummelt dessen Witwe (Jenny König) und lechzt nach der Krone. Die Mutter singt kreischend „L’amour“, Hamlet liegt auf dem Grab, frisst Torfmull und sein Onkel, der mutmaßliche Königsmörder, fleht ihn an, endlich mit der kindischen Trauer aufzuhören.

Später vom Geist seines Vaters bedrängt, schwört Hamlet den Mörder finden und töten zu wollen. Um die Rache zu verschleiern spielt er den Irrsinnigen, doch mehr und mehr vermischen sich der verstellte Wahnsinn und seine zunehmende, wirkliche geistige Umnachtung Regisseur Ostermeier folgt Szene für Szene der Vorlage, die neu übersetzt wurde. Weiterlesen

Als Theaterklamotte in der Berliner Schaubühne:

Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“

Die Bühne ist mit zahllosen, im Stil der 1960er-Jahre gekleideten Schaufensterpuppen und einem Schlagzeug vollgestopft. Drummer, Bassist und Gitarrist legen nach einiger Zeit mit infernalischer Rockmusik los. Bald gesellen sich drei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen zu ihnen. Sie beginnen als große Kinder mit einer ausschweifenden Erzählung, wie ihr gelber NSU „von den Bullen verfolgt“ wurde und sie nur mit großer Mühe entkommen konnten. So fängt auch Witzels Roman an.

Die genialen Schauspieler deklamieren seinen extrem eingedampften Text, spielen Szenen kurz an, wechseln blitzschnell die Rollen, sprechen mit Puppen, frieren selber ein. Parallel laufen auf einem Großbildschirm Nahaufnahmen ihrer Gesichter im Wechsel mit Doku-Clips aus den wilden Zeiten: Vietnam-Demonstrationen. Die Kommune 1 nackt an der Wand. Zwei Black Panther bei der Olympiade. Immer wieder dröhnt das Rock-Trio los, das sich passend „Die Nerven“ nennt. „…inmitten der Leere / hinter Raststätten versteckt / deine Stimme die wie Teer die Straßen bedeckt / ich gehe barfuß durch die Scherben ohne mich zu verletzen…“, schreit der Sänger ins Publikum. Die Mimen tanzen, springen sich an, versuchen akrobatische Figuren, zelebrieren Slapsticks. Ein Schauspieler rappt das Trinklied Willy Schneiders: „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“!“

Regisseur Armin Petras inszeniert eine schrille, bilderreiche Theatercollage, ebenso wenig stringent wie Witzels Buch. Mit seinem Team versucht er, das Lebensgefühl der damaligen Zeit über die Rampe zu bringen: Weiterlesen

„Die Freiheit nehme ich mir“ – im Gespräch mit Lars Eidinger

Eigentlich hat Lars Eidinger (38) als Klaus nur eine kleine Rolle als Regisseur in „Die Wolken von Sils Maria“. Doch er treibt Juliette Binoche (50) als Maria in die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.

Viele Menschen außerhalb Berlins kennen Eidinger nur als Tatort- und Filmschauspieler („Was bleibt“, „Alle Anderen“), in Berlin ist er jedoch seit 2000 das bejubelte enfant terrible der „Schaubühne“. William Shakespeares Hamlet spielt er mit Tourette-Syndrom, einer Störung, in der Tics die Kontrolle des Verstandes ausschalten und die Betroffenen zwanghaft boshafte Wahrheiten aussprechen (müssen).

In „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“, fragt er mich mitten im Stück: „Ey, schreibst Du alles mit? Lass Dir doch von der Souffleuse den Text geben.“ Einem Eingeschlafenen in der ersten Reihe will er, ganz ernsthaft, einen Kaffee holen. Seine Wechsel ins Private, auch in anderen Aufführungen, sind legendär – und überhaupt nicht peinlich, denn er integriert sie in das Stück.

Spielst Du jedes Mal anders? Weiterlesen