Das Spital als Bühne – Der neue Roman von Meyerhoff

Wenn jemand ein „gutes“ Buch lesen möchte, will er wohl kaum etwas über Schlaganfälle wissen. Zwar erzeugt dieses gesundheitliche Desaster dramatische Gefühle, aber sind die Stoff genug für gute Literatur? Ja, das zeigt uns der unvergleichliche Schauspieler und Literat Joachim Meyerhoff in seinem fünften Roman.

Wie es ist, „wenn man vom Spielfeld der Junggebliebenen geschubst wird.“ Bei dem Fünfzigjährigen in Wien wird ein erschreckender Schlaganfall  „zu einem Schlagerl, das a bisserl bamstig macht“, wie seine Ärztin wienert. Der in Norddeutschland aufgewachsene Autor freut sich, dass eine Katastrophe bereits dadurch milder wird, wenn die Worte andere sind. Die Symptome seines Schlagerls und die erste Hilfe beschreibt er zunächst assoziativ, schnell und atemlos (fast) ohne Punkt und Komma.

Doch nach der Ankunft im Spital wird es ruhiger. In der ersten Nacht legt er sich ungeachtet der Schläuche und Herzkabel vorsichtig auf die geschädigte taube Seite. Dadurch „stellte sich ein frappierendes Gefühl ein: Ich schien zu schweben. Zwischen der unversehrten Körperhälfte und der Matratze lag eine Pufferzone aus tauber Materie. Jetzt war meine gelöschte Körperhälfte zum Luftpolster geworden, durch das heiße Partikel strömten.“ 

Neun Tage lang bleibt der Autor im Spital und verwandelt mit seinem schrägen Blick das Innere des Krankenwagens, die morgendliche Intensivstation oder später den Speisesaal in Theaterbühnen. Hier tritt das kranke oder medizinische Personal auf und stellt groteske Geschichten dar – und der Autor bleibt nicht außen vor, sondern ist darin verwickelt. So nimmt Meyerhoff schreibend Distanz, gerade zu seinen eigenen Ängsten und Kränkungen in beklemmenden Situationen. Ohne larmoyant oder zynisch zu werden. 

Als er es nicht mehr im Bett aushält, will er aufstehen und „den Schlaganfall lächerlich“ machen: „Ich krallte mich am Handlauf fest, richtete mich auf, streckte die Brust raus und stellte die Füße in die erste Ballettposition, die ich noch von der Schauspielschule kannte. Ich ging ins Plié, das Nachthemd klaffte auf und ein kühler Hauch wehte mir über die Arschbacken. Ich bog einen zitternden Arm über den Kopf, stand da und erfreute mich an meiner Tanzeinlage. Von der Rampensau zum sterbenden Schwan war es nur ein Katzensprung.“

Seine oft spöttische oder selbstironische Sprache reiht keine Gags zu einer Posse aneinander, stattdessen nimmt er uns auf eine häufig atemberaubende Sprachreise mit. Die schlaflosen Nächte nutzt er, um sich selbst etwas zu erzählen: „Vielleicht könnte ich die Geschichten später aufschreiben. Um mich heil ins Tageslicht zu geleiten, brauchte es jetzt Bannsprüche und Beschwörungsformeln, Gebetsmühlen, Rosenkränze und Litaneien. Ein im geschädigten Hirn erdachtes Nachttagebuch sozusagen.“ Dieses später aufgeschriebene Nachttagebuch legt er uns nun mit dem Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ vor. 

In die Erzählung vom klinischen Alltag verwebt er eine neue Liebe, die Trennung von seiner Frau, und die Beziehung zu seinen Kindern, dabei erfahren wir auch von seinen Schuldgefühlen und Tränen. Und wir begleiten ihn nicht nur in das alltägliche Pandämonium des Spitals, sondern des Nachts auch in die Erinnerungen an seine eigenartigen Reisen nach Norwegen, Afrika oder Mallorca. 

Info
Joachim Meyerhoff, Hamster im hinteren Stromgebiet, Roman, Gebunden, 308 Seiten, 24 Euro

Hintergrund
Der am Wiener Burgschauspiel arbeitende Joachim Meyerhoff trug 2007 sehr erfolgreich Kindheitserinnerungen und biografische Episoden auf der Bühne vor und wurde damit zwei Jahre später zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Anschließend begann er seine Geschichten als Romane zwischen Dichtung und Wahrheit aufzuschreiben. Der Autor wuchs in einer liberalen Psychiatrie auf, die sein Vater leitete. Seine Erfahrungen mit den dort unterbrachten Menschen und ihren skurrilen Verhaltensweisen, prägten wohl seinen schrägen Blick auf die Welt (niedergeschrieben in „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“).