„Wie in der Steinzeit!“ – Filme über saudi-arabische Frauen

Zwei neue Filme setzen sich mit der unglaublichen Situation saudiarabischer Frauen auseinander: Auf der Berlinale im Frühjahr wurde der Film „Saudi Runaway“ vorgestellt, der noch keinen Verleih hat. Zur gleichen Zeit kam „Die perfekte Kandidatin“ in die Kinos, wurde aufgrund der Corona-Krise abgesetzt und ist jetzt erneut angelaufen.

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film „Saudi Runaway“ lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Weiterlesen

Der neue Film „Berlin. Alexanderplatz“

Auf der letzten Berlinale feierte das Publikum die dritte Verfilmung des Romans von Alfred Döblin „Berlin. Alexanderplatz“ (1929). Doch die kühne Idee des Regisseurs Burhan Qurbani, den Streifen in unsere Zeit zu verlegen, wurde mit keinem Bären belohnt. Das spannende, bildgewaltige Werk, das später den 2. Platz beim Deutschen Filmpreis 2020 gewann, kommt nach der Corona-Pause jetzt endlich in die Kinos.

Eine rot eingefärbte Welt steht Kopf. In der Tiefe des Meeres kämpft ein Mann um sein Leben. Seine Frau Ida klammert sich an ihn. Sie ertrinkt als er sie von sich stößt. Aus dem Off berichtet eine weibliche Stimme: „Halb lebendig, halb tot wurde Francis an Land gespült. Dort rief er: Gott, ich schwöre Dir, von nun an will ich gut sein!“

Als nächstes sieht man diesen Afrikaner Francis (Welket Bungué) selbstbewusst und cool im Flüchtlingsheim. Sein zukünftiger Kontrahent Reinhold (Albrecht Schuch) versucht Drogenhändler unter den Elenden zu rekrutieren: „Niemand hat es verdient so zu leben wie ihr!“ Francis schuftet lieber als Schwarzarbeiter auf dem Bau als ein Dealer zu werden, wird jedoch entlassen, als er einen schwerverwundeten Kollegen rettet. Erneut die Frau aus dem Off: „Er wollte anständig sein, aber man hat ihn nicht gelassen.“

Notgedrungen muss er sich nun an den irren Reinhold wenden, er tröstet die vom sexsüchtigen Chef schnell verstoßenen Frauen und macht bald Karriere bei der Drogenmafia. Gemeinsam lassen sich beide im Berliner Nachtleben treiben und nennen sich Freunde. Gegen seinen Willen wird Francis in einen Raubüberfall verwickelt. Als er sich dagegen wehrt, schubst Reinhold ihn aus dem Fluchtauto, dabei verliert Francis einen Arm. „Anständig wollte er sein, aber das Leben hat ihn nicht gelassen.“ Aus dem Off wieder die Stimme der – wie wir mittlerweile wissen – jungen Hure Mieze (Jella Haase), in die sich Francis verliebt hat. Sie ist schwanger von ihm, er will sie heiraten, doch stattdessen überschlagen sich nun die dramatischen Ereignisse…

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„Knives Out“ – radikal aufgefrischtes Agatha-Christie-Kino

„Knives Out – Mord ist Familiensache“ war auf dem Weg ein erfolgreicher Blockbuster mit zahlreichen Hollywood-Stars zu werden – doch dann kam das Corona-Virus, die Kinos wurden geschlossen. Ab sofort ist er als DVD usw. erhältlich.

Morgens nach seinem 85. Geburtstag wird der erfolgreiche Schriftsteller und Verleger Harlan Thrombey (Christopher Plummer) mit durchschnittener Kehle gefunden. Vieles deutet auf einen abstrusen Selbstmord hin, doch der berühmte und stets erfolgreiche Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) glaubt nicht an einen Suizid. Gemeinsam mit der Polizei versucht er ein Motiv für das Verbrechen zu finden und die Identität des Opfers zu erkunden. Das Publikum begleitet die Ermittler bei dieser „Familienaufstellung“ und stößt in der großen, angeblich harmonischen Sippe auf üble Probleme. Kaum sitzen die möglichen Verdächtigen einzeln im Verhör, gehen sie hasserfüllt mit – imaginären – Messern aufeinander los: Ein Verheirateter hat eine wilde erotische Affäre. Eine veruntreut das reichhaltige Collegegeld für die Tochter. Jemand soll den Verlag nicht mehr leiten dürfen. Ein anderer wurde enterbt. Aber alle Motive in diesem Sündenpfuhl reichen nicht für einen tückischen Mord oder die möglichen Beschuldigten haben ein Alibi. In der Mitte des Films glaubt man als Zuschauer die Lösung zu begreifen: vielleicht war es doch ein Selbstmord? – doch das bleibt wirklich bis zum Ende offen.

Von der Kritik wurde der Streifen als großartiger, klassischer „Whodunit“ gefeiert, dieser englische Begriff steht für Who done it?  (Wer hat es getan?): Drei bedeutsame Aspekte des Film machen ihn zu diesem Genre: Die Handlung spielt überwiegend im weiträumigen Anwesen, in dem der mögliche Mord verübt wurde. Die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar, trotz gegenteiliger Annahme der störrischen Familienmitglieder kann kein Fremder die Tat begangen haben: Mord ist Familiensache. Der Täter bzw. die Täterin wird nach zahlreichen Wandlungen und Umwegen am Ende vor allen Beteiligten überführt. Dabei spielen Messer noch einmal eine große Rolle. Weiterlesen

Woody Allen:A Rainy Day in New York

Woody Allens Film „A Rainy Day in New York“, der im letzten Herbst in die Kinos kam, erschien vor einiger Zeit auf DVD und als Download. Kürzlich wurde auch Allens Autobiografie unter dem Titel „Ganz nebenbei“ veröffentlicht.

Beinahe das ganze Leben lang wohnte er in seinem geliebten New York, etliche seiner Filme spielen in dieser Metropole, die er bewunderte und verklärte. In seinem 50. Film, fasst der Regisseur diese Liebe noch einmal in wunderbar ausgeleuchtete, elegische Bilder: Gatsby (Timothée Chalamet) reist vom Provinz-College, in das ihn seine leistungsorientierte Mutter verbannte, nach Manhattan zurück. Weil seine Freundin Ashleigh (Elle Fanning) dort einen berühmten Filmemacher für die College-Zeitung interviewen kann, will Gatsby ihr seine Heimatstadt zeigen.

Doch schnell wird die staunende Ashleigh vom Regisseur, seinem Drehbuchschreiber und später von einem schmierigen Star vereinnahmt. Die alten weißen Männer sind bezaubert von dem sehr blonden und – scheinbar – naiven Country Girl aus Arizona. Gatsby begegnet unterdessen ehemaligen Mitschülern, die gerade einen Film drehen. Dabei trifft er auf Chan (Selena Gomez), die kleine Schwester einer früheren Liebe, die ein New Yorker Biest geworden. Mit ihr liefert er sich bissige Dialoge wie in einer alten Screwball-Komödie. Da Ashleigh verschwunden bleibt, geht er mit einer Prostituierten zur Soiree seiner ungeliebten Mutter – und macht eine erstaunliche Entdeckung…

Gatsby ist ein altmodischer Junge, der lieber riskant aber erfolgreich Poker spielt und Songs von Cole Porter darbietet, als ordentlich zu studieren: Der Träumer könnte ein Enkel Woody Allens sein, der geht auch gerne im Regen spazieren und sehnt sich nach dem Manhattan der 1940er-Jahre. Regisseur Allen spielt mit Klischees, Ashleigh beispielsweise wirkt derartig persifliert als blondes Dummchen, dass sie dadurch die aufgeblasenen Filmgockel letztlich entlarvt.

„A Rainy Day in New York“ ist wie eine Screwball-Komödie aus den 1940er-Jahren und zugleich ein melancholischer Liebesfilm. Das verträumte Ende jedoch bringt uns, ganz ohne Nostalgie, in eine romantische Gegenwart zurück.

„A Rainy Day in New York“ USA 2016 (Drehzeit), 2019 (veröffentlicht). 95 Minuten
Regie: Woody Allen mit Timothée Chalamet, Selena Gomez, Elle Fanning u.a.

Zur Biografie
Kommentar Hexenjagd auf Woody Allen

„Saudi Runaway“ und „Die Kandidatin“ – Frauen in Saudi-Arabien

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Doch die Aufnahmen waren alle echt und wurden von Muna selbst oder von nicht in ihr Projekt eingeweihten Verwandten aufgenommen: Mit geheimer Unterstützung einer saudischen Selbsthilfegruppe in Europa dokumentierte sie nicht nur ihre unterdrücktes Leben in dem muslimischen Land, sondern auch die Planung und Durchführung ihrer listigen Flucht in der Hochzeitsnacht. Ein für sie lebensgefährliches Unterfangen! Erst auf der Berlinale 2020 zeigte sich Muna zum ersten Mal mit der Regisseurin in der Öffentlichkeit bei der Vorstellung des Streifens, der hoffentlich bald in die Kinos kommt.

In die Kinos kommt in der nächsten Woche dagegen ein Spielfilm, der sich ebenfalls mit dem Thema der Unterdrückung saudischer Frauen beschäftigt: „Die perfekte Kandidatin“. Weiterlesen

Zur Literaturverfilmung „Die Deutschstunde“

Ein halbes Jahr nach dem Kinostart kommen – wie zum Schutz der Kinos gesetzlich festgelegt – auch erst die DVD und der Download des Films „Deutschstunde“ in den Handel. Der Film orientiert sich am gleichnamigen Bestseller von Sigfried Lenz aus dem Jahr 1968.

Das langsam erzählte Filmdrama beginnt mit den Erinnerungen Siggis (Tom Gronau) im Jugendarrest, nachdem er sich – scheinbar – weigert, den Schulaufsatz „Die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. Zum Maßregeln wird er in eine Zelle gesperrt, dort schreibt er ein Heft nach dem anderen mit Erinnerungen an den Maler Max Nansen (Tobias Moretti) und seinen autoritären Vater Jens Jepsen (Ulrich Noethen) voll, der immer nur seine Pflicht erfüllte: In dem abgelegenen Landstrich am Meer setzt der Polizist ein Berufsverbot gegen den „entarteten Künstler“ durch, obwohl der ihm einst das Leben rettete. Siggi wird hin- und hergerissen, den Maler im Auftrag seines Vaters zu bespitzeln und ihn gleichzeitig zu schützen, denn er will von beiden geliebt werden.

Als Siggis Vater aus der Haft der englischen Besatzungstruppe entlassen wird, macht er genau da weiter, wo er am Ende der Naziherrschaft aufhören musste: Er verbrennt Gemälde seines früheren Malerfreundes Nansen. „Man muss seine Pflicht erfüllen, auch wenn sich die Zeiten ändern“, brüllt er und schlägt brutal seinen groß gewordenen Sohn Siggi nieder, der sich ihm in den Weg stellt. Der klaut daraufhin Gemälde Nansens um sie zu verstecken und landet im Heim.

Die spannenden Erzählungen Siggis werden im Film zu dramatischen Rückblenden. Im Unterschied zum Roman ist das cineastische Werk stark gekürzt und verdichtet, bewahrt aber dennoch den Geist der Vorlage. Während der Vater im Buch emotional zu schwanken scheint, setzt er sich im Film vehementer gegen die eigene Familie und den Künstler durch. Auch weitere Figuren, wie Siggis Schwester oder die Mutter, werden vom Regisseur Christian Schwochow anders gewichtet. Der verfilmte vor Jahren bereits Uwe Tellkamps „Der Turm“ und stellte – zur Freude des überzeugten Autors – bereits literarische Gestalten verändert dar.

Zum Kinostart bemängelten Kritiker, der Spielfilm sei unpolitisch und erkläre nicht den Faschismus. Auch der Maler, hinter dem sich angeblich Emil Nolde verberge, sei verklärt und nicht als Anhänger der Nazis angeprangert worden. Weiterlesen

Känguru-Chroniken kein Blödelfilm

Ein lebensgroßes Känguru namens Känguru klingelt einige Male an Marc-Uwes Wohnungstür, um alle Zutaten zum Backen eines Pfannkuchens auszuleihen und zieht schließlich ungefragt bei ihm ein. So wie der Kult gewordene Episodenroman „Die Känguru-Chroniken“, beginnt auch der Film, der am 5. März in den Kinos anläuft.

Die millionenfach verkauften Chroniken sind keine Blödelsammlung, sondern politisch-surreale Begebenheiten und Weltbetrachtungen, die vom Regisseur Dani Levy („Alles auf Zucker“) großartig cineastisch umgesetzt werden. Allerdings macht er aus dem Allerlei von Figuren, Orten und Ereignissen eine durchgehend groteske Geschichte. Allem Anschein nach spielt sie in der Wendezeit in Berlin-Kreuzberg. Aber bitte kein Gejammer – das Drehbuch entwickelte der  Regisseur gemeinsam mit dem Autor der Chroniken Marc-Uwe Kling.

Das noch von Eingeborenen bewohnte, aber auch multikulturelle und hausbesetzte Kreuzberg, wird vom rechtspopulistischen Immobilienhai Dwigs (Henry Hübchen mit Föhnfrisur) und seiner skrupellosen Frau Jeanette (Bettina Lamprecht mit reichlich Schwangerbauch) plattgemacht. Beide finanzieren eine Nazi-Partei, deren Prügelbande die letzten Bewohner eines Altbaus, darunter Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) und sein Beuteltier, drangsalieren. Dabei wird schon mal ein typisch Berliner Nacht-Einkaufsladen („Späti“) verwüstet oder aus Versehen Dwigs Porsche zu Schrott gehauen.

Das soziale Leben der Bewohner spielt sich meist in der Kneipe von Herta (Carmen-Maja Antoni) und einem türkischen „Späti“ ab. Wie selbstverständlich bewegt sich, ungezügelt und intellektuell zugleich, das Känguru zwischen ihnen. Mal spielt es das Haustier, mal einen findigen Rechtsanwalt, manchmal gibt es seinem Mitbewohner sogar Tipps, wie der die alleinerziehende Mari (Rosalie Thomass) becircen könnte. Nebenbei: Seine Eltern schenkten dem schüchternen Marc-Uwe zehn Psychoanalyse-Stunden, die er bei einem schrägen Wiener Psychiater absitzt. Aus machtgeiler Bosheit will Dwigs eines der letzten alten Häuser abreißen und darauf einen riesigen Turm bauen. Ohne allzu viel zu verraten kann man sagen, dass ihm das nicht gelingen wird, weil Mari fantastische digitale Kenntnisse besitzt.

Die filmische Umsetzung der Chroniken ist kein linksradikaler Politklamauk und schon gar keine, Burleske zum schenkelklopfenden Ablachen. Es ist eine liebevolle aber reichlich übertriebene Erzählung von denen da oben und den Menschen dort unten. Weiterlesen

Generation: Filme für Kids auf der Berlinale

Bereits vor über 40 Jahren gründete die Berlinale ihre Sektion „Generation“ mit Filmen für Schulkinder und Jugendliche. Solch eine Reihe gebe es weder in Venedig noch in Cannes, erklärte Mariette Rissenbeek, Co-Leiterin des Festivals, in einem taz-Interview. Dieser Bereich sei absolut wichtig, weil sie „junge Zuschauer anspricht und viele Filme mit viel Publikum bietet.“

„Yalda“, der iranische Spielfilm, ist sicher der heftigste dieser Sektion, der die Brüche zwischen gruseliger Tradition und moderner Medienwelt aufreißt: In einer Reality-TV-Show kämpft die junge, zum Tode verurteilte Maryam weinend um ihr Leben. Vor laufender Kamera muss sie das Publikum um Vergebung sowie Blutgeld für ihre Tat bitten.

Mit dem Übergang zum Erwachsenenalter in diversen Kulturen setzten sich etliche Coming-of-Age-Filme auseinander. In „Kokon“, dem gefeierten Eröffnungsfilm der Reihe, hat Nina ihre erste Menstruation und verliebt sich in eine Außenseiterin. Von ihrer Schwester Jule wird sie angeblafft: „Hör auf mit der Bitch zu chillen!“ Die Welt dieser Mädchenclique im Berliner Brennpunkt Kotti ist genauso exotisch, wie die von Amy im Pariser Barbès: In „Mignonnes“ wird die Elfjährige aus dem Senegal zwischen afrikanischer Tradition und modernem französischen Leben zerrissen: Die Mutter bereitet das Ehebett für die zweite Hochzeit des eigenen Mannes, während die Tochter die erste Regel bekommt und mit sexualisierten Tänzen in ihrer Clique um Anerkennung kämpft.

Weitere Filme für größere Kinder fragen, wie geht man mit einer Pubertierenden um, die eine riesige Maschine liebt? Wie verhält sich eine zur Waise gewordene Jugendliche in der kriminellen Stieffamilie? Kann ein Nomadenjunge in der mongolischen Steppe den Kampf seines gestorbenen Vaters fortführen? Die Youngsters in diesen spannenden Streifen mit (meist) offenen Lösungen sind auf der Suche. Sie leben im Übergang und ringen um eigene Identität und Anerkennung ihrer Peer Group. Oft auch humorvoll thematisieren die Filme Straffälligwerden oder andere Brüche gesellschaftlicher Normen. Cineastisch gehört „Generation“ mit zum Besten, was die Berlinale zu bieten hat und wird auch gerne von Erwachsenen besucht. Die Ränder zu anderen Bereichen wie „Panorama“ sind fließend.

Früher war die Sektion zunächst filmästhetisch, später pädagogisch überfrachtet, mittlerweile lehrt sie Kinder und Jugendliche beides: Filme zu sehen und im Kino zu genießen, sich aber auch mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie selbst oder Teens in anderen Kulturen haben.

Von der Berlinale werden Besuche ganzer Schulklassen pädagogisch unterstützt. Nach der Kontaktaufnahme können Lehrer in den Pressevorführungen Streifen vorab sehen, die ihnen individuell empfohlen werden. Ein Pädagoge war vom angebotenen „Mignonnes“ so begeistert, dass er mit seiner 7. Klasse kommen will und zur Reflexion ein gemeinsames Video plant. Diesen Film fand auch eine Lehrerin „cool“, die eine Schauspiel-AG leitet und sich dem Thema theatralisch annähern möchte: „Ich will vorher gar nicht so viel interpretieren“, meinte sie, „die Jugendlichen haben immer ganz eigene Sichtweisen auf Filme.“ Weiterlesen

Streiflichter zur Geschichte der Berlinale

Trotz mancher Krisen nahm die Berlinale eine schlüssige Entwicklung, die durch zwei Konstanten geprägt wurde: Sie ist ein Publikumsfestival und verwirklicht politische Ansprüche, die sich allerdings von den Vorstellungen ihrer Gründer und späterer Einflussnehmer lösten. Das Festival entwickelte immer die Kraft, sich selbst erhalten, wandeln und erneuern zu können.

Natürlich wurde 1951 die Erschaffung der Festspiele nicht aus cineastischen Gründen von den USA forciert. Im Kalten Krieg sollte das immer noch vom Krieg zerstörte West-Berlin ein politisches Schaufenster, gleichsam die Leinwand der freien Welt inmitten der DDR werden. Zuvor hatten fast ein Jahr lang sowjetische Truppen 1948/49 Westberlin belagert, die übrigen Alliierten versorgten die zwei Millionen Einwohner aus der Luft: „Apokalypse Now“. Wie ein Blockbuster im Kino.

Die Berlinale war also von Beginn an ein politisches Festival, das den Westberlinern auch Glamour und etwas Hollywood brachte: Von Gina Lollobrigida bis Meryl Streep, den Rolling Stones bis Ed Sheeran, Gary Cooper bis George Clooney kamen viele Weltstars auf den roten Teppich oder saßen in den Jurys.

Zum Ende der 1950er-Jahre verhalf das Festival französischen Filmemachern der „Nouvelle Vague“ um Claude Chabrol und François Truffaut, aber auch anderen europäischen Regisseuren zum Durchbruch. Ingmar Bergmann erhielt hier seinen einzigen bedeutenden Preis. Das „New Hollywood“ feierte in Berlin ebenso Erfolge wie der „Neue Deutsche Film“ Werner Herzogs oder Rainer Werner Fassbinders. Nach einer Krise wurde das „Forum“ vor 50 Jahren mit seinen experimentellen und kritischen Filmen in die Berlinale integriert.

In dem Jahrzehnt bevor Dieter Kosslick 2001 Festivalleiter wurde, waren die Besucherzahlen zurückgegangen, vielen Kritikern war das Programm zu seicht und zu amerikanisch geworden. Der neue Chef und sein Team führten weitere Sektionen ein und luden asiatische, afrikanische und südamerikanische Filmschaffende ein. Initiativen wie der schwule „Teddy Award“ oder Indigene Filme konnten assimiliert werden. „Ein über die Jahre mit Hollywood-Kitsch und Til-Schweiger-Komödien betäubtes Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus“, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG.

Zwei wichtige, sehr große komplementäre Bereiche wurden auch in Kosslicks Ära entwickelt: Der Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander, etwa im „World Cinema Fund“ oder die Begegnung von jungen und erfahrenen Kinoleuten in „Talents“. Zum anderen die Kontakte auf dem European Film Market mit zahlreichen Möglichkeiten zur kommerziellen Filmentwicklung und zum Vertrieb. Weiterlesen

Die neue Festival-Leitung und die 70. Berlinale

In wenigen Tagen werden die 70. Berliner Filmfestspiele beginnen, die Berlinale feiert ihr Jubiläum. Bereits vor einigen Wochen stellte die neue Leitung, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die Wettbewerbsbeiträge für die Gold- und Silberbären auf der traditionellen Pressekonferenz vor.

Doch die Stadt ist noch nicht im Bärenfieber, die Medien beschäftigen sich eher mit den neu geborenen Panda-Bären im Zoo. Es fehlen die Plakate, auf denen die Pelztiere durch die Nacht streifen, S-Bahn fahren oder Models Bärenköpfe absetzen. Stattdessen wirbt ein lebloses grafisches Sammelsurium für die Berlinale. Der kurz aufgebauschte „Skandal“ um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivalleiters Alfred Bauer ist kein Thema mehr: Das werde durch unabhängige Wissenschaftler untersucht, meinte Rissenbeek bereits auf der Pressekonferenz.

„Wir wollen nicht die Berlinale verändern sondern weiterführen, sie ist ein Geschenk, das wir bekommen haben“, erklärten der künstlerische Leiter Chatrian und die Geschäftsführerin Rissenbeek, „aber wir möchten neue Ideen aufgreifen.“ Dazu gehört die neue kompetitive Sektion „Encounter“, sowie die Auseinandersetzungen mit der Digitalisierung und dem Serienboom. Wer nach dem Abschied des langjährigen Festivalchefs Dieter Kosslick dramatische Veränderungen erhoffte oder befürchtete, wurde enttäuscht oder war erfreut: Statt 400 Filme wie bisher wurden zwar nur 340 für alle Sektionen ausgewählt. Doch dieser Straffung läge kein Konzept gegen die von Kritikern behauptete „Ausuferung“ vor, sagte uns Chatrian, demnächst könnten es wieder mehr werden.

Die neue Leitung erschien mit 21 – zum Teil langjährigen – verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Sparten. Damit wollten sie deutlich machen: „Wir sind ein Kollektiv!“ Zugleich symbolisierte der Auftritt die künstlerische Spannweite des Festivals von engagierten Kinder- und Jugendfilmen bis zu radikalen künstlerischen Experimenten. Denn der alljährliche Hype um den Bären-Wettbewerb ist ja nur die Spitze des Eisbergs Berlinale.

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Daneben laufen neue interessante Spiel- und Dokumentarfilme in der „Perspektive Deutsches Kino“, im „Panorama“, in Gala-Vorstellungen und für junge Leute in „Generation“. Alte Streifen bringt die „Retrospektive“, extrem anspruchsvolle avantgardistische Werke zeigt das „Forum“, das sein 50. Jubiläum feiert. Die Filme in der neuen Sektion „Encounter“ werden, so Chatrian, „mit ungeahnten Ideen, Visionen und Erzählweisen für Überraschungen sorgen.“  Quasi unterhalb der Preisbären gibt es in etlichen Sparten ebenfalls Jury- und Publikumspreise. Jedoch sehen sich die Verantwortlichen nicht als Richter, sondern als „Gastgeber und Brückenbauer.“ Weiterlesen