Im „Garten der irdischen Freuden“ in Berlin

In der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ verwandeln 22 internationale Künstlerinnen und Künstler den Berliner Gropius Bau in eine außergewöhnliche Gartenkolonie. Doch beim Rundgang durch die individuellen Parzellen im Museum erlebt man kein fürstliches Gartenfest, sondern diverse künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Motiv des Gartens, an dem Kunstschaffende seit Jahrhunderten arbeiten.

Bereits im großen Lichthof des Hauses bildet ein mit meterhohen Metallregalen abgetrennter Raum einen zivilisierten Garten: In die Fächer des Regals sind einst wilde Pflanzen ordentlich eingetopft, hier ist üppige Natur gezähmt und in Ordnung gebracht. Während der Eröffnungstage dringen aus dem Gewächshaus, in dem ein Musiker sitzt, laute dramatische Synthesizerklänge. Symbolisiert die verstörende Kakophonie unbändige Naturgewalten oder den raschen Klimawandel? Hört man die bedrohliche Unterströmung unter der dünnen Decke unserer Zivilisation? Mit solchen Fragen geht man auf den Parcours.

wpo_rashid_johnson_antoinesorgan.jpg

Ein Saal mit drei riesenhaften Plastiktulpen ist vollständig mit großen verschiedenfarbigen Punkten auf strahlendweißer Oberfläche bemalt, sogar Fenster und Decke. Man darf nur mit übergroßen Filzpantoffeln durch diese Skulptur schlurfen, die man zunächst witzig und unterhaltsam findet. Doch je länger man darin verweilt, umso mehr spürt man Beklemmung in dieser künstlichen Pop-Art-Welt.

Im Dunklen liegt man auf dicken weichen Stoffschlangen und schaut den an die Decke projizierten Film. Fast ohne visuelle Grenzen verschmelzen in einem Paradiesgarten zwei nackte Evas mit Blumen, Pflanzen und Wasser. Die traumartigen Bilder gleiten sanft ineinander, wechseln ständig zwischen Nahaufnahmen und Blicken durch Kaleidoskope. Weiterlesen

César Manrique – nicht nur ein Inselkünstler (Teil 1)

Vor einem Vierteljahrhundert starb César Manrique, der als Künstler, Architekt, Umweltaktivist das Antlitz der kanarischen Insel Lanzarote gestaltete und dessen Einfluss immer noch allgegenwärtig ist.

Nicht erst seit Juli Zehs Lanzarote-Roman „Nullzeit“ sprechen Touristen von der „Mondlandschaft“ auf der Insel, an dessen düstere Anmutung man sich erst gewöhnen muss, aber in die man sich auch verlieben kann. Die scheinbar lebensfeindliche Umwelt Lanzarotes prägte den dort aufgewachsenen Manrique – und er prägte die Insel, die vor einigen Jahrhunderten aufgrund mächtiger Vulkanausbrüche und Erdbeben so unwirtlich wurde. Durch die künstlerisch-architektonischen Projekte des Künstlers lässt sich die friedvolle Verbindung von Natur, Tourismus und Kunst erleben – auch wenn sich oft Hunderte von Besuchern in seinen eigenartigen Sehenswürdigkeiten drängeln.

Zunächst fallen bei Fahrten durch die schwarz-rote Landschaft die strahlendweißen Dörfer auf. Die höchstens zweistöckigen Häuser ducken sich zwischen die Lavafelsen, es gibt zwischen ihnen und auf den Landstraßen keine Werbetafeln. Stattdessen sieht man große Windspiele, fröhliche Figuren aus Stahl oder abstrakte Skulpturen – mittlerweile nicht nur von Manrique. Er wollte die Insel für den Tourismus erschließen ohne das Charakteristische der „Mondlandschaft“ zu zerstören und die Kunst der Natur unterordnen. Das ist ihm gelungen und heute noch zu spüren.

ZITAT
„Ich wartete, wer als Erstes „wie auf dem Mond“ sagen würde. „Wie auf dem Mond“, sagte Jola. „Erhaben“, sagte Theo. „Wenn man Geröll mag“, sagte Jola. „Du hast keinen Sinn für die Ästhetik des Erhabenen“, erwiderte Theo…“ (Juli Zeh „Nullzeit“).

Weiterlesen