Ein Münsterer Tatort im Zwischenreich: „Limbus“

So viel ist sicher: Dieser 37. Tatort aus Münster wird nicht nur die Fans von Börne und Thiel irritieren, sondern auch die Tatort-Gemeinde spalten. Statt der ewigen Frotzeleien zwischen den beiden Kontrahenten, erleben die Zuschauer eine irrsinnige Geschichte, in der es wenig zu lachen gibt.

Lange, dunkle unterirdische Gänge. Altmodische Paternoster. Knöcheltiefes Wasser in düsteren Büros. Nach einem schweren Autounfall findet sich Professor Börne  im Limbus wieder, in der Vorhölle zwischen Leben und Tod – während er zugleich im Krankenhaus im Sterben liegt. „Wir sind froh über jede Stunde, die wir ihn noch am Leben erhalten können“, sagt die Ärztin seinen Münsterer Kolleginnen und Kollegen. Noch am Vorabend hatten sie in einer Kneipe vom Professor Abschied genommen, weil der sich eine Zeitlang beurlauben ließ, um ein Buch über den Tod zu schreiben. 

So viel können wir hier von diesen surrealen Ereignissen bereits verraten, weil die makabre Mischung – von Tatort-Krimi und Börne als Wiedergänger im Zwischenreich – nach fünf Minuten des TV-Films klar sind.

Kommissar Thiel glaubt nicht an Börnes schweren Unfall mit 180 km/h auf der nächtlichen Landstraße: „Das ist nicht seine Art! Außerdem war er stocknüchtern, als er die Kneipe verließ.“ Während der Kommissar gegen den Willen der Staatsanwältin Klemm klassisch ermittelt, versucht der Professor verzweifelt als Untoter die Ermittlungen zu beeinflussen und seine Assistentin Frau Haller („Alberich“) zu kontaktieren. Jedoch zwischen der realen Welt und dem Limbus ist keine Kommunikation möglich, allenfalls kann Alberich ihren Ex-Chef vage spüren, wenn der seine Hand auf ihre Schulter legt. Erst als sie kurzzeitig selbst dem Tod nahe ist, kann der Wiedergänger mit ihr Kontakt aufnehmen und sie warnen.

In der Zwischenwelt trifft der Untote auch auf die Ermittlerin Nadeshda aus Münster, die vor einiger Zeit im Tatort „Das Team“ ermordet wurde. Sie befindet sich ebenfalls noch im Limbus, hat sich dort aber verlaufen. „Der sieht ja aus wie Thiel“, sagt sie über den Geschäftsführer (den man früher Teufel nannte), der Börnes nahenden Tod bearbeitet und ebenfalls von Axel Prahl gespielt wird.

Der bietet ihm Leberwurstbrote an, lässt ihn Formulare ausfüllen und versucht mehrfach seine Flucht zu verhindern: „Lassen sie los, Börne!“ Doch dem gelingt es ein paarmal in die Wirklichkeit zu entkommen, um sein Schicksal mitgestalten zu wollen: „Ich bin raus. Oh Gott, ich bin draußen…“

Der Professor ist entsetzt wenn er, unsichtbar für Alberich oder Thiel, von ihnen hört, wie arrogant, geizig, kritikunfähig oder gefühlslos er gewesen sei. Zugleich wird ihm die Liebe seiner kleinen Mitarbeiterin oder die Zuneigung des Kommissars deutlich.

„Limbus“ ist spannend wie ein normaler Krimi, aber schwindelig machend wie ein Fantasy- oder milder Horrorfilm. Inspiriert von anderen Spielfilmen – wie „Das Spiel ist aus“, „Himmel über Berlin“ oder dem Spreewald-Krimi „Zwischen Tod und Leben“ – erweitert er exzellent das Tatort-Genre. So wie andere  experimentelle TV-Produktionen auch,  wird er bestimmt wieder heftig kritisiert und diskutiert werden. 

Info:
„Tatort Limbus“
 mit Jan Josef Liefers (Karl-Friedrich Börne), Axel Prahl (Frank Thiel), Mechthild Großmann (Wilhelmine Klemm), Friederike Kempter (Nadeshda Krusenstern),„Alberich“ Haller (ChrisTine Urspruch)

Foto:
(c) WDR