In wenigen Tagen beginnt die 68. Berlinale – Überlegungen zum Beginn des Festivals

Vor einigen Tagen, auf der Pressekonferenz zur 68. Berlinale, erwähnte Festspielleiter Dieter Kosslick beiläufig, Ed Sheeran werde auch erwartet. „Wer?“, riefen einige Presseleute im Saal. „Die Älteren kennen ihn nicht, er ist der derzeit bekannteste Sänger der Welt“, verkündete Kosslick – nun doch etwas stolz.

Ansonsten sind wie immer Isabelle Huppert, Bill Murray, Tilda Swinton, Emma Watson oder andere internationale Stars Stammgäste der Festspiele. Über den fehlenden Glamour kann man sich also nicht beklagen, wie mehrere deutsche Medien, als neulich die Nachfolge des 2019 abdankenden Kosslick diskutiert wurde. Neben Cannes und Venedig gehört die Berlinale zu den drei größten und wichtigsten Film-Festivals der Welt. „Körper und Seele“, der mit dem Gold-Bären prämierte Streifen des letzten Jahres, wurde für den aktuellen Auslands-Oscar nominiert.

Ihre „Neuausrichtung“ und „Verschlankung“ nach der Ära Kosslick, die einige Filmschaffende in einem offenen Brief einforderten, wurde nicht ernsthaft erwogen. Die Kritiker hatten sicher vergessen, dass normale Menschen bei den „schlanken“ französischen und italienischen Festspielen keine Wettbewerbsfilme ansehen dürfen: Fachleute und Prominente sind dort unter sich. Im Gegensatz zu diesen elitären Events ist die Berlinale eine riesige und breit aufgestellte Publikums-Veranstaltung. Im letzten Jahr besuchten 350.000 – zahlende! – Fans den Berlinale-Palast am Potsdamer Platz und etliche in der Stadt verteilte Festival-Kinos.

Der Wettbewerb mit seinen zwei Dutzend Filmen, bei dem der goldene und viele silberne Bären zu gewinnen sind, ist nur die Spitze des Eisbergs, auf den sich die Medien meist konzentrieren. Es gibt in diesem Jahr 360 weitere Werke mit vielen Weltpremieren in den diversen Sektionen des Festivals: Kinder und Jugendfilme, experimentelle Streifen, Dokumentationen und Spielfilme (siehe Kasten) – diese Spannweite der Berlinale ist einzigartig in der Welt! Ein Drittel aller Werke sind übrigens einheimische Produktionen, Deutschland ist also sehr gut vertreten. Weiterlesen

Kommentar zum Ende der Berlinale 2017

„Wir brauchen Filme, die mutig sind“, meinten einige Filmschaffende, als sie ihre Bären annahmen. Osteuropäische Regisseurinnen sprachen von den „Komfortzonen“, aus denen man sich herauswagen und Neues probieren müsse. Manche, die nicht auf Preise abonniert sind, vergossen Freudentränen – und als Kritiker wollte man wohl mitweinen.

Die 67. Berlinale präsentierte in allen ihren Bereichen couragierte Streifen, um uns Zuschauern aber auch den Filmleuten Mut in düsteren Zeiten zu machen. Selbst wenn manche Werke einen ziemlich herunterzogen, so machten sie doch immer Auswege deutlich.

Nach dem Festival wird wohl, wie immer, genörgelt werden, es sei nicht glamourös gewesen oder viele Filme nur durchschnittlich. Doch das empfinden die über 300.000 Besucher des Publikumfestivals gewiss ganz anders. Im Gegensatz zu den elitären „Fachmessen“ in Venedig oder Cannes können sie sich in Berlin selbst eine Übersicht zum Gegenwartskino verschaffen.

Im „Großen Wettbewerb“ entschied die kompetente Jury sehr weise und wie von uns erwartet. Doch die Gold- und Silberbären brummen ja nur auf der Spitze des Berlinale-Eisbergs. Von unabhängigen Jurys gab es zahlreiche pekuniäre oder ideelle Preise zur Ermutigung in allen Sektionen. Allein deren Nennung würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen.

Letztes von der Berlinale (10)

Ein Stimmungsbild vom letzten Tag:
Ist Hugh Jackman tatsächlich barfuß über den roten Teppich gegangen? Wir wissen es nicht, denn während ich die Service-Leute dazu befragen will, kommt über ihre Walkie Talkies das Verbot, mit der Presse zu reden. Was in den Hirnen der Leitung von Leiharbeitsfirmen vor sich geht, wissen wir auch nicht…

Dagegen dürfen die von der Berlinale angestellten Service-Leute „natürlich mit mir sprechen“ (so der Presse­chef): Zunächst lag am Tag, als Jackman in der Pressekonferenz war, hinter dem Podium nur ein Schuhabsatz, im Promi-Ausgang eine ganze Schuhsohle, drüben im Berlinale-Palast sogar Strümpfe… aber ob die nun vom großen Star waren?

Eine Kollegin kommt zum Ticketstand für die Zeitungsleute und schmeißt empört ihr kostenloses Billet für „The Party“ auf den Tisch. Dazu kreischt sie, die Mitarbeiter hätten ihr gefälligst sagen müssen, dass die Karte für einen Film und nicht für die Abschlussparty der Berlinale sei.

Die „Badges“, also die umgehängten Foto-Plastikkarten mit der Akkreditierung zur Berlinale, sind ein Heiligtum. Bei jedem Festival versuchen Dutzende von filmgierigen Menschen mit alten oder gefälschten Badges in die Berlinale-Kinos zu kommen.

Eine Koreanerin wollte ihren Badge beim Rausgehen aus den Pressevorführungen unbedingt immer zeigen, berichtet ein Whistleblower der Service-Firma. Sie hatte Angst, sonst nicht herauszukommen.

Dann erzählt er die Geschichte eines holländischen Journalisten, der bei 19 Kinobesuchen wohl 90 Mal den Badge zeigen musste. Die Karte wird im Idealfall zwischen Daumen und Zeigefinger hochgehalten. In einem Alptraum sei der Kollege mit Fingerstarre aufgewacht.

Anke Engelke ist beim Service sehr beliebt: „Die kennt doch hier nun wirklich jeder!“ oder „Die ist immer sehr bezaubernd und lobt uns, das tut gut.“

Während ein Neuköllner Jungfilmstar sich immer „fürchterlich aufbläst, wenn er seine Karte zeigen soll“, präsentiert die Moderatorin der Eröffnungs- und Abschlussgala immer brav ihren Badge. „Dafür ist der doch da“, meint sie.

„Wir sollen nicht wie ein Schluck Wasser dastehen“, lautet die Anweisung der Berlinale. In den letzten Jahren gab es wohl immer wieder Pressefotos, auf denen sich alle mit glänzenden Augen um die Stars scharten, nur die Platzanweiser hingen hinten schlaff herum.

Zum Schluss verteile ich „Goldbären“ von Haribo an die Service-Leute, die sich über Dank und Resonanz immer sehr freuen: „Wir sind doch wie eine große Familie“, meint einer.

Foto: Hugh Hackman in der Pressekonferenz zu „Logan“ (c) Hw Kruse

Neues von der Berlinale (9)

Im Keller des Pressecenters hockt eine frierende junge Frau. Sie ist nicht das filmreife „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, sondern gibt Pfandbecher aus. Für 2 Euro kann man einen schicken weißen Behälter mit dem roten Bären leihen (und behalten). Das ist preiswerter, als die offiziellen Müslischalen oder andere Andenken an das Festival. Die Berlinale hat ihren ökologischen Anspruch: Kostenlose Kaffee wird den Journalisten nur in ihren eigenen Gefäßen gereicht und die Kapseln aus den Automaten werden wieder recycelt.

Schon immer will das Festival Verständigung und Toleranz fördern. Doch es reagiert nicht nur mit der Programmauswahl auf gesellschaftliche Situationen, sondern auch durch viele soziale Aktivitäten für Menschen mit geringem Einkommen oder Flüchtlinge. Auch die von mir befragten Service-Leute in allen Bereichen schätzen ihren Job.

Gestern, am letzten Tag des Wettbewerbs, wollte die Berlinale wohl noch mal so richtig zeigen, was sie drauf hat: Wir können auch Comic oder Action! Es gibt einen ganz exzellenten chinesischen Zeichentrickfilm („Have a Nice Day“). In sehr realistischen Farben und mit echten Geräuschen wird die Geschichte einer umkämpften Geldtasche gezeigt. Der Regisseur war lange Zeit Maler und dachte sich, „warum keinen Film malen?“

Außerdem läuft ein hektischer, blutiger Action Thriller: Von der Industrie ausgemusterte Mutanten, also künstliche Menschen, kämpfen um ihr Leben und das ihrer Kinder („Logan“). Neben mir heult eine russische Kollegin ganz fürchterlich.

Die ausländischen Kollegen diskutieren auf den Pressekonferenzen die Filme aus der Heimat – etwa Korea, Chile oder USA – oft kenntnisreich in ihren Muttersprachen. Das gibt dem Festival nicht nur die internationale Atmosphäre, sondern ermöglicht oft weitere neue Blicke auf die gerade gesehenen Streifen. So erfuhren wir in „Joaquim“, wie im modernen Brasilien immer noch die alten kolonialen Strukturen nachwirken.

Foto:
Mal ich selbst in der Pressekonferenz, fotografiert von Dong Jun Jerome Lee

Neues von der Berlinale (8)

In der Früh, auf dem Weg zum Berlinale-Palast, sitze ich müde in der S-Bahn, vertieft in meine Filmpläne. Irgendetwas rempelt mich an, ich sehe hoch – und schaue in die Sonne: Ein lichtblondes, vielleicht zweijähriges Mädchen strahlt mich mit blauen Augen an; mir geht das Herz auf. Später beim Aussteigen liegt ein blutender Obdachloser regungslos auf der Steintreppe, Helfer bemühen sich um ihn, steif klammert sich daneben ein Nichtsesshafter an Krücken. Ist der, möglicherweise tote Mann Opfer eines Überfalls oder betrunken die Stufen heruntergefallen?

Meine Berliner Wirklichkeit ist filmreif und widersprüchlich – so gegensätzlich, wie die Scheinwelt in den Festspielkinos: Ich sehe diesen wunderbar-poetischen Film aus Ungarn, über den ich hier schon berichtete: Die ätherische blonde Hauptdarstellerin wird darin oft zur Sonne. Oder ich gucke blutige Horrorkomödien wie den genialen spanischen Streifen „El Bar“. Er zeigt, wie acht Menschen einander in einer abgeschlossenen Kneipe ausgeliefert sind und sich gegenseitig psychisch, später auch physisch zerfleischen.

Dieser Streifen, wie ebenso neulich der blutige chinesisch-japanische Gangsterfilm „Mister Long“, machen deutlich, der Wettbewerb im Festival ist nicht mit Beziehungs- und Problemfilmen übersättigt. Sogar die schrille Fortsetzung des legendären cineastischen Werks „Trainspotting“ von 1996 (!) läuft – allerdings außer Konkurrenz – ebenfalls im Wettbewerb.

Ich habe hier gelegentlich ironisch über die Presseleute gelästert. Doch heute muss ich mal schreiben, dass das gemeinsame Anschauen von Filmen mit so vielen Kinofreunden sehr anregend ist. Viele kontroverse Diskussionen mit den Anderen vertiefen die Wahrnehmung und eröffnen oft weitere Gesichtspunkte oder neue Perspektiven der Streifen.

Durch den Vergleich der Wettbewerbsbeiträge, verändert sich sowieso im Nachhinein häufig die spontane Bewertung der verschiedenen Filme für mich…

Neues von der Berlinale (7)

Wieder einmal verlasse ich vorzeitig den Berlinale-Palast. „Colo“, die portugiesische Sozial-Tristesse zieht sich ewig hin (138 Minuten) – und ich bin unter Zeitdruck. Denn die täglichen drei Wettbewerbs-Filme und ihre Pressekonferenzen sind so dicht getaktet, dass ich ständig zu früh gehen muss. Zwischendurch schreibe ich dann dieses Tagebuch.

Ein Servicemann erzählt mir, dass er neulich im Monitor neben seinem Kaffeeautomaten eine tolle Pressekonferenz mit einer Regisseurin erlebt hätte. Am nächsten Morgen sei sie zum Kaffeetrinken gekommen und er fand es toll, dass er ihren Film loben konnte.

Manchmal sind diese Konferenzen einfach großartig, wie gestern mit dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki. Er sieht so muffig und schräg aus wie seine Filmfiguren, aber wenn er den Mund aufmacht, ist er warmherzig und doch ironisch. So wie seine Filme. Auf die Frage einer Kollegin, was er denn von der „Islamisierung Europas“ halte, knurrte er, man spräche ja auch nicht von der Islandisierung Europas, nur weil Island bei der letzten Fußball-EM so gut gewesen sei. Sein Schauspieler sang dann ein trauriges finnisches Lied. „So ist Finnland“, meinte der Regisseur.

Gerne branden bei diesen Konferenzen auch immer wieder Fragen nach der „Wahrheit“ im Film auf. Gestern bei der spannenden Doku über den Künstler Joseph Beuys wurde nicht gemeckert, weil der Regisseur ja Originaldokumente verwendet hatte. Aber deren Auswahl und, vor allem, deren Gestaltung ist ja auch sehr subjektiv: War Beuys wirklich „so“?

„Django“, der Eröffungsfilm, wurde heftig diskutiert, weil der Musiker „so“ ja nicht von den Nazis verfolgt worden und nie in der Schweiz gewesen sei. Doch es wurde eine Episode aus seinem Leben genutzt, der Streifen erhob nicht den Anspruch eines Dokumentarfilms. Ein Spielfilm, Filmkunst, darf frei den Geist einer Epoche verdeutlichen und Fragen aufwerfen, sie muss nicht die vermeintliche historische Wahrheit zeigen.

Foto: Aki Kaurismäki in der Pressekonferenz

Neues von der Berlinale (6)

„Das Wochenende der starken Frauen“, schrieb eine Berliner Zeitung. Ich denke, vielleicht wird es ja sogar ihr Festival. Man hat vergessen, dass im frühen Hollywood Frauen ja die erfolgreichen Filme machten, bis die Männer die cineastische Goldgrube entdeckten.

Im Wettbewerb haben mich zwei osteuropäische Streifen von Regisseurinnen sowie ihre Schauspielerinnen stark berührt: Sie sind meine Bärenfavoriten. Im ungarischen „Testről és lélekről“ wechseln zunächst sanfte Bilder von Hirschen im Wald mit Szenen aus dem Schlachthaus. Zwei dort Arbeitende haben, ohne es zu wissen, immerzu den gleichen Traum als Hirsch und Hirschkuh. Behutsam verlieben sich diese beiden, vom Leben verletzte Menschen ineinander. Was zunächst brutal, später auch esoterisch wirkt, wird mit unglaublichen Bildern erzählt.

Ich habe noch nie einen Film gesehen, in denen eine bereits gute Geschichte mit solch durchkomponierten Tableaus erzählt wird. Dieses Werk wird von den Kritikern sehr gelobt, doch seine außerordentliche Ästhetik kaum erwähnt. Der übersetzte Titel, „Seele und Körper“ provoziert ansonsten auch die Frage, ob Tiere eine Seele haben.

Heftig bestreitet das ein katholischer Pfarrer im polnischen Streifen „Pokot“ (Spur) und denunziert es als Blasphemie. Der Verfilmung liegen Worte William Blakes, zugrunde, hier in der düsteren Landschaft, die von ihm erdacht sein könnte, werden Tiere bestialisch gejagt. Möglicherweise schlagen diese Kreaturen zurück und töten allmählich alle brutalen Machos einer Jagdrunde. Aber tun sie das wirklich? Der Streifen ist kein Fantasy Film, sondern changiert zwischen Psychothriller, Ökofilm und Märchen.

Auf die etwas dusselige Frage eines Reporters, ob nun die gequälten Tiere Menschen töten sollten, meinte die Regisseurin recht grundsätzlich: Filme seien doch keine Propaganda, sondern Kunst, die Fragen aufwerfe. Die Tiere seien im übrigen auch eine „Metapher für die Schwächsten in der Gesellschaft.“

Foto aus „Testről és lélekről“ © Berlinale 2017