Die 71. Berlinale im Home Office (3)

Die Erwartungen an die cineastische Qualität auf der diesjährigen zweigeteilten Berlinale durften nicht allzu hoch sein: Aufgrund der Pandemie wurden wenig Kinofilme produziert, viele Streifen werden noch zurückgehalten. So gelangten in alle Sektionen des 71. Festivals auch etliche mittelmäßige Filme. 

Statt wie sonst 400 Streifen gab es nur ein Drittel, die ausschließlich online für Filmschaffende und Kunden des Europäischen Filmmarktes (EFM) sowie Presseleute zu sehen waren. Statt klugen Pressekonferenzen oder Schaulaufen auf dem rotem Teppich mit internationalen Stars, musste man in den Computer glotzen. Doch im Juni wird der zweite Festival-Teil in Berliner Kinos für das Publikum mit Preisverleihungen nachgeholt.

Eins muss man der Wettbewerbs-Jury bei ihrer nicht immer nachvollziehbaren Bärenauswahl lassen, ihr gelang ein Parforceritt durch die Fülle des zeitgenössischen Kinos. So wie das gekürzte Gesamtprogramm bildeten ebenfalls ihre Entscheidungen im Wettbewerb diese Vielfalt ab: Von extremen Experimenten über berührende Dokumentationen, endlosen Gesprächsmitschnitten bis zu bildgewaltigen Erzählungen.

Den goldenen Bären gab es für einen Film, der im Titel „Bad Luck Banging or Loony Porn“ sein Thema anklingen lässt: Er beginnt mit ausgiebigem Sex einer Lehrerin mit ihrem Ehemann, wie man ihn im normalen Kino noch nie sehen konnte. Später läuft die weibliche Darstellerin lange (angezogen) durch Bukarest zu einer Elternversammlung. Denn der Clip ihres sexuellen Abenteuers wurde durch Unbekannte ins Netz gestellt. Von den aufgebrachten Eltern wird ihr nach wirren bigotten Diskussionen unterstellt, sie sei als Pädagogin ungeeignet. Der Mittelteil des Werks besteht aus zahlreichen Clips zu Stichworten wie Faschismus, Selbstbefriedigung oder Freiheit, die assoziativ den Zustand der rumänischen Gesellschaft skizzieren. Ein wenig erinnert dieser überzeugende Montage-Film an westliche Experimente in den 1970er-Jahren.

Die wunderbare Dokumentation „Herr Bachmann und seine Schüler“ bekam einen Silberbären als „Preis der Jury“. Der ältere Lehrer Bachmann versucht in Stadtallendorf geflüchteten, heimatlos gewordenen Schülerinnen und Schülern einfühlsam, aber auch konsequent, ein Stück Heimat wiederzugeben. Ebenfalls einen Silberbären erhielt Maren Eggert für ihre darstellerische Leistung in dem weiteren deutschen Wettbewerbsbeitrag „Ich bin dein Mensch“. Darin spielt sie eine alleinstehende selbständige Frau, für die ein lebensechter Roboter gebaut wurde, der alle ihre Wünsche erahnen kann. Das ist kein Science Fiction, sondern ein spannender und humorvoller Streifen über Paarbeziehungen. Wie immer hätten Werke in anderen Sektionen allemal silberne Bären verdient gehabt. 

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Die 71. Berlinale im Home Office (2)

Fast zwei Jahrzehnte lang hat Dieter Kosslick (72) erfolgreich die Berliner Filmfestspiele geleitet und erweitert. Jetzt zur 71. Berlinale – die wegen Corona extrem verändert und gesplittet wird – erscheinen seine Memoiren „Immer auf dem Teppich bleiben.“

Bis zu 350.000 Leute besuchten bis zum Ende seiner Ära 2019 jährlich die Festspiele. Doch der charismatische Leiter machte die Berlinale nicht nur zum größten Publikumsfestival der Welt. Sondern er verband die distanzierte europäische Filmindustrie (EFM) mit der Berlinale, holte den deutschen Film zurück, knüpfte weltweite Kooperationen und förderte die Begegnungen des cineastischen Nachwuchses mit arrivierten Filmschaffenden. Aus diesen, von ihm neu entwickelten Bereichen entstand jetzt die erste Stufe der diesjährigen Corona-Berlinale, das Industry Event. Vor allem für zehntausende von Fachbesuchern und jungen Filmschaffenden war dieser Zweig des Festivals – unbeachtet von Öffentlichkeit und Medien – bisher Mittelpunkt der Festspiele.

Der Kinoliebhaber Kosslick wollte nicht nur eine bessere Welt auf der Leinwand sehen, sondern engagierte sich – auch innerhalb der Berlinale – für Frauenrechte und weibliche Gleichstellung, gegen Rassismus, für Flüchtlinge und nachhaltige ökologische Veränderungen. Das waren keine aufgesetzten Attitüden, sondern im ersten Teil seiner Erzählungen macht er deutlich, welche Themen ihn schon früh bewegten. Etwa in den späten 1970er-Jahren schrieb er in der linken „konkret“ über das Bienensterben oder Essen und Trinken ohne Gift und chemische Zusätze. 

Von den Genossen hieß es, das sei doch allenfalls ein Nebenwiderspruch: Ein Grund für ihn, den Journalismus aufzugeben und die Hamburger Filmförderung, später dann das neue Büro der Filmschaffenden zu managen. Den gut einhundert Gründern, die seinen Lieblingsstreifen wissen wollten, nannte er „Ben Hur“: „Es wäre kontraproduktiv gewesen, einen Film aus der Reihe der Anwesenden zu nennen“, schreibt er. Dieser gigantische Hollywood-Streifen hatte ihn als Elfjährigen zum lebenslangen Kinofan erweckt. 

Kosslick lernte deutsche und europäische Filmschaffende kennen, widmete sich der Filmförderung und der Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, was allerlei Leute überraschte. Schließlich wurde er zum Chef der nordrheinwestfälischen Filmproduktion berufen. Nach zehn Jahren in diesem Gremium machte er sich im Jahr 2001 – bestens informiert und vernetzt – auf zur Leitung der Berlinale, die er seit zwanzig Jahren regelmäßig besuchte. „Das schien kein begehrenswerter Job zu sein“, wusste er bereits, dennoch brauchte er lange um zu begreifen, dass „ehrverletzende Beleidigungen einer Handvoll Fachjournalist*innen mehr zur persönlichen Profilierung dienten und weniger die Filme betrafen.“

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Die 71. Berlinale im Home Office (1)

Es ist saukalt, die Berlinale beginnt mit einigen Wochen Verspätung, doch statt mit der Berliner S-Bahn zum Potsdamer Platz zu fahren, steige ich auf den großen Dachboden der Wohngemeinschaft und mache Feuer an. Später sitze ich dann alleine im „Dachbodenkino“ vor der mächtigen Leinwand und schaue online Filme.

Ich vermisse den großen Berlinale-Palast mit den Wettbewerbsfilmen und die kleinen Kinos mit den experimentellen Filmen. Mir fehlt das Stöhnen, Lachen, Meckern oder Klatschen der Kolleginnen und Kollegen. Ich hätte so gerne die Pressekonferenzen mit der Nähe zu den Filmleuten sowie die Gespräche zwischen den Aufführungen, die Hektik und die Müdigkeit, die Qual der Wahl zwischen den diversen Filmen… 

Dennoch kommen sogar auf meinem Dachboden Kinogefühle auf: an einen anderen Ort gehen, in der Dunkelheit sitzen, später ins Sonnenlicht treten. Ich entdecke einen großen Vorteil, ich kann zappen! Täglich werden online etwa 30 Filme aus allen Sektionen – wie Wettbewerb, Berlinale-Specials, Generation oder Perspektive Deutsches Kino – angeboten. Die kann man von 7 Uhr morgens bis 24 Uhr niemals alle sehen, aber es ist möglich in viele hineinzuklicken und nach einer Viertelstunde zu wissen: Oh, den möchte ich weitersehen oder ach nee, schon wieder ein gut gemeinter aber langweilig erzählter Flüchtlings-, Beziehungs-, erste-Liebe- oder Politfilm.

Mein erster Eindruck: Die besten Filme laufen in der Sektion Panorama und in Berlinale Specials: Tim Fehlmanns („Hell“) Endzeitdrama „Tide“, mit undeutlichen Bildern in Schlamm und Wasser. Anne Zohra Berracheds („24 Wochen“) „Die Welt wird eine andere sein“ ist eine melodramatische Liebesgeschichte zwischen einer weltoffenen Türkin und einem islamistischen Libanesen in Deutschland. Aber auch Maria Schraders Wettbewerbsfilm „Ich bin Dein Mensch“ ist durchaus großes Kino, in dem ein menschenechter Roboter speziell für eine Frau gebaut wurde. 

Doch der sogenannte Wettbewerb ist eigentlich ein Witz: Kümmerliche 14 Filme, die wir Presseleute vorab sehen dürfen (Daniel Brühls und Dominik Grafs Streifen sind nicht zur Online-Ansicht freigegeben) und die Restjury besteht nur noch aus vier ehemaligen Bärenpreisträgern*innen. Die Gold- und Silberbären sowie die anderen Preise werden am Freitag bekanntgegeben und erst im zweiten Teil der Berlinale im Juni vergeben. Dann soll durch die geöffneten Kinos wieder die Atmosphäre eines Publikumsfestivals entstehen.

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Zum Film „Schwesterlein“

Geht sie, tanzt er mit dem Tod!

Während uns die Kamera ins Krankenhaus bringt, hören wir das Brahmslied „Schwesterlein, Schwesterlein, Wann geh’n wir nach Haus?“ Immer eindringlicher singt der besorgte Bruder diese Frage an die Schwester. Doch die will weiter tanzen und nicht weg, „geh ich, tanzt er mit ihr!“ Im Film ist Lisa (Nina Hoss) das besorgte „Schwesterlein“, das sich selbst sinnbildlich zu Tode tanzt, während doch ihr Bruder Sven (Lars Eidinger) bald sterben muss: Geht sie, tanzt er mit dem Tod, deshalb kann sie ihn nicht loslassen!

Sie hat soeben in einer Schweizer Klinik Knochenmark für den, an Leukämie erkrankten Zwillingsbruder gespendet. Mit ihrer Familie lebt sie hier, reist jedoch mit dem totkranken Sven nach Berlin zurück, wo er der Star in der Schaubühne ist. Hier stürmt der Schauspieler ins Theater. Greift sich die Hamlet-Krone. Taumelt in die Proben für sein Shakespeare-Stück. Deklamiert „Bereit sein ist alles!“ Doch Regisseur David (Thomas Ostermeier) hat Zweifel an dieser Bereitschaft.

Lisa unterstützt das Verlangen des Bruders wieder auf die Bühne zu gehen: Ihr Mann tobt, „die Kinder sollen sein Sterben nicht erleben.“ Svens Mutter keift, „ich will mir nicht ansehen, wie er dahinsiecht“. Und der Regisseur setzt schließlich „Hamlet“ ab: „Ich wollte Sven nicht vor den Zuschauern abkratzen lassen!“ Doch Lisa hält das für „Quatsch! Der steht bald wieder auf der Bühne.“ Seit der Diagnose des Bruders hat sie, die erfolgreiche Theaterautorin, nichts mehr schreiben können. Doch angesichts des Todes erwacht ihre Kreativität, „sie rast im fröhlichen Braus“, wie es im Brahmslied heißt: Für Sven schreibt sie einen intensiven Monolog, den er auch sitzend sprechen könnte. 

„Schwesterlein“
Schweiz 2020, 101 Min. FSK ab 12 Jahre, Kinostart 29.10.2020
Regie Stéphanie Chuat/ Véronique Reymond mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus u.a.

„Wie in der Steinzeit!“ – Filme über saudi-arabische Frauen

Zwei neue Filme setzen sich mit der unglaublichen Situation saudiarabischer Frauen auseinander: Auf der Berlinale im Frühjahr wurde der Film „Saudi Runaway“ vorgestellt, der noch keinen Verleih hat. Zur gleichen Zeit kam „Die perfekte Kandidatin“ in die Kinos, wurde aufgrund der Corona-Krise abgesetzt und ist jetzt erneut angelaufen.

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film „Saudi Runaway“ lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Weiterlesen

„Saudi Runaway“ und „Die Kandidatin“ – Frauen in Saudi-Arabien

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Doch die Aufnahmen waren alle echt und wurden von Muna selbst oder von nicht in ihr Projekt eingeweihten Verwandten aufgenommen: Mit geheimer Unterstützung einer saudischen Selbsthilfegruppe in Europa dokumentierte sie nicht nur ihre unterdrücktes Leben in dem muslimischen Land, sondern auch die Planung und Durchführung ihrer listigen Flucht in der Hochzeitsnacht. Ein für sie lebensgefährliches Unterfangen! Erst auf der Berlinale 2020 zeigte sich Muna zum ersten Mal mit der Regisseurin in der Öffentlichkeit bei der Vorstellung des Streifens, der hoffentlich bald in die Kinos kommt.

In die Kinos kommt in der nächsten Woche dagegen ein Spielfilm, der sich ebenfalls mit dem Thema der Unterdrückung saudischer Frauen beschäftigt: „Die perfekte Kandidatin“. Weiterlesen

Generation: Filme für Kids auf der Berlinale

Bereits vor über 40 Jahren gründete die Berlinale ihre Sektion „Generation“ mit Filmen für Schulkinder und Jugendliche. Solch eine Reihe gebe es weder in Venedig noch in Cannes, erklärte Mariette Rissenbeek, Co-Leiterin des Festivals, in einem taz-Interview. Dieser Bereich sei absolut wichtig, weil sie „junge Zuschauer anspricht und viele Filme mit viel Publikum bietet.“

„Yalda“, der iranische Spielfilm, ist sicher der heftigste dieser Sektion, der die Brüche zwischen gruseliger Tradition und moderner Medienwelt aufreißt: In einer Reality-TV-Show kämpft die junge, zum Tode verurteilte Maryam weinend um ihr Leben. Vor laufender Kamera muss sie das Publikum um Vergebung sowie Blutgeld für ihre Tat bitten.

Mit dem Übergang zum Erwachsenenalter in diversen Kulturen setzten sich etliche Coming-of-Age-Filme auseinander. In „Kokon“, dem gefeierten Eröffnungsfilm der Reihe, hat Nina ihre erste Menstruation und verliebt sich in eine Außenseiterin. Von ihrer Schwester Jule wird sie angeblafft: „Hör auf mit der Bitch zu chillen!“ Die Welt dieser Mädchenclique im Berliner Brennpunkt Kotti ist genauso exotisch, wie die von Amy im Pariser Barbès: In „Mignonnes“ wird die Elfjährige aus dem Senegal zwischen afrikanischer Tradition und modernem französischen Leben zerrissen: Die Mutter bereitet das Ehebett für die zweite Hochzeit des eigenen Mannes, während die Tochter die erste Regel bekommt und mit sexualisierten Tänzen in ihrer Clique um Anerkennung kämpft.

Weitere Filme für größere Kinder fragen, wie geht man mit einer Pubertierenden um, die eine riesige Maschine liebt? Wie verhält sich eine zur Waise gewordene Jugendliche in der kriminellen Stieffamilie? Kann ein Nomadenjunge in der mongolischen Steppe den Kampf seines gestorbenen Vaters fortführen? Die Youngsters in diesen spannenden Streifen mit (meist) offenen Lösungen sind auf der Suche. Sie leben im Übergang und ringen um eigene Identität und Anerkennung ihrer Peer Group. Oft auch humorvoll thematisieren die Filme Straffälligwerden oder andere Brüche gesellschaftlicher Normen. Cineastisch gehört „Generation“ mit zum Besten, was die Berlinale zu bieten hat und wird auch gerne von Erwachsenen besucht. Die Ränder zu anderen Bereichen wie „Panorama“ sind fließend.

Früher war die Sektion zunächst filmästhetisch, später pädagogisch überfrachtet, mittlerweile lehrt sie Kinder und Jugendliche beides: Filme zu sehen und im Kino zu genießen, sich aber auch mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie selbst oder Teens in anderen Kulturen haben.

Von der Berlinale werden Besuche ganzer Schulklassen pädagogisch unterstützt. Nach der Kontaktaufnahme können Lehrer in den Pressevorführungen Streifen vorab sehen, die ihnen individuell empfohlen werden. Ein Pädagoge war vom angebotenen „Mignonnes“ so begeistert, dass er mit seiner 7. Klasse kommen will und zur Reflexion ein gemeinsames Video plant. Diesen Film fand auch eine Lehrerin „cool“, die eine Schauspiel-AG leitet und sich dem Thema theatralisch annähern möchte: „Ich will vorher gar nicht so viel interpretieren“, meinte sie, „die Jugendlichen haben immer ganz eigene Sichtweisen auf Filme.“ Weiterlesen

Streiflichter zur Geschichte der Berlinale

Trotz mancher Krisen nahm die Berlinale eine schlüssige Entwicklung, die durch zwei Konstanten geprägt wurde: Sie ist ein Publikumsfestival und verwirklicht politische Ansprüche, die sich allerdings von den Vorstellungen ihrer Gründer und späterer Einflussnehmer lösten. Das Festival entwickelte immer die Kraft, sich selbst erhalten, wandeln und erneuern zu können.

Natürlich wurde 1951 die Erschaffung der Festspiele nicht aus cineastischen Gründen von den USA forciert. Im Kalten Krieg sollte das immer noch vom Krieg zerstörte West-Berlin ein politisches Schaufenster, gleichsam die Leinwand der freien Welt inmitten der DDR werden. Zuvor hatten fast ein Jahr lang sowjetische Truppen 1948/49 Westberlin belagert, die übrigen Alliierten versorgten die zwei Millionen Einwohner aus der Luft: „Apokalypse Now“. Wie ein Blockbuster im Kino.

Die Berlinale war also von Beginn an ein politisches Festival, das den Westberlinern auch Glamour und etwas Hollywood brachte: Von Gina Lollobrigida bis Meryl Streep, den Rolling Stones bis Ed Sheeran, Gary Cooper bis George Clooney kamen viele Weltstars auf den roten Teppich oder saßen in den Jurys.

Zum Ende der 1950er-Jahre verhalf das Festival französischen Filmemachern der „Nouvelle Vague“ um Claude Chabrol und François Truffaut, aber auch anderen europäischen Regisseuren zum Durchbruch. Ingmar Bergmann erhielt hier seinen einzigen bedeutenden Preis. Das „New Hollywood“ feierte in Berlin ebenso Erfolge wie der „Neue Deutsche Film“ Werner Herzogs oder Rainer Werner Fassbinders. Nach einer Krise wurde das „Forum“ vor 50 Jahren mit seinen experimentellen und kritischen Filmen in die Berlinale integriert.

In dem Jahrzehnt bevor Dieter Kosslick 2001 Festivalleiter wurde, waren die Besucherzahlen zurückgegangen, vielen Kritikern war das Programm zu seicht und zu amerikanisch geworden. Der neue Chef und sein Team führten weitere Sektionen ein und luden asiatische, afrikanische und südamerikanische Filmschaffende ein. Initiativen wie der schwule „Teddy Award“ oder Indigene Filme konnten assimiliert werden. „Ein über die Jahre mit Hollywood-Kitsch und Til-Schweiger-Komödien betäubtes Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus“, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG.

Zwei wichtige, sehr große komplementäre Bereiche wurden auch in Kosslicks Ära entwickelt: Der Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander, etwa im „World Cinema Fund“ oder die Begegnung von jungen und erfahrenen Kinoleuten in „Talents“. Zum anderen die Kontakte auf dem European Film Market mit zahlreichen Möglichkeiten zur kommerziellen Filmentwicklung und zum Vertrieb. Weiterlesen

Die neue Festival-Leitung und die 70. Berlinale

In wenigen Tagen werden die 70. Berliner Filmfestspiele beginnen, die Berlinale feiert ihr Jubiläum. Bereits vor einigen Wochen stellte die neue Leitung, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die Wettbewerbsbeiträge für die Gold- und Silberbären auf der traditionellen Pressekonferenz vor.

Doch die Stadt ist noch nicht im Bärenfieber, die Medien beschäftigen sich eher mit den neu geborenen Panda-Bären im Zoo. Es fehlen die Plakate, auf denen die Pelztiere durch die Nacht streifen, S-Bahn fahren oder Models Bärenköpfe absetzen. Stattdessen wirbt ein lebloses grafisches Sammelsurium für die Berlinale. Der kurz aufgebauschte „Skandal“ um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivalleiters Alfred Bauer ist kein Thema mehr: Das werde durch unabhängige Wissenschaftler untersucht, meinte Rissenbeek bereits auf der Pressekonferenz.

„Wir wollen nicht die Berlinale verändern sondern weiterführen, sie ist ein Geschenk, das wir bekommen haben“, erklärten der künstlerische Leiter Chatrian und die Geschäftsführerin Rissenbeek, „aber wir möchten neue Ideen aufgreifen.“ Dazu gehört die neue kompetitive Sektion „Encounter“, sowie die Auseinandersetzungen mit der Digitalisierung und dem Serienboom. Wer nach dem Abschied des langjährigen Festivalchefs Dieter Kosslick dramatische Veränderungen erhoffte oder befürchtete, wurde enttäuscht oder war erfreut: Statt 400 Filme wie bisher wurden zwar nur 340 für alle Sektionen ausgewählt. Doch dieser Straffung läge kein Konzept gegen die von Kritikern behauptete „Ausuferung“ vor, sagte uns Chatrian, demnächst könnten es wieder mehr werden.

Die neue Leitung erschien mit 21 – zum Teil langjährigen – verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Sparten. Damit wollten sie deutlich machen: „Wir sind ein Kollektiv!“ Zugleich symbolisierte der Auftritt die künstlerische Spannweite des Festivals von engagierten Kinder- und Jugendfilmen bis zu radikalen künstlerischen Experimenten. Denn der alljährliche Hype um den Bären-Wettbewerb ist ja nur die Spitze des Eisbergs Berlinale.

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Daneben laufen neue interessante Spiel- und Dokumentarfilme in der „Perspektive Deutsches Kino“, im „Panorama“, in Gala-Vorstellungen und für junge Leute in „Generation“. Alte Streifen bringt die „Retrospektive“, extrem anspruchsvolle avantgardistische Werke zeigt das „Forum“, das sein 50. Jubiläum feiert. Die Filme in der neuen Sektion „Encounter“ werden, so Chatrian, „mit ungeahnten Ideen, Visionen und Erzählweisen für Überraschungen sorgen.“  Quasi unterhalb der Preisbären gibt es in etlichen Sparten ebenfalls Jury- und Publikumspreise. Jedoch sehen sich die Verantwortlichen nicht als Richter, sondern als „Gastgeber und Brückenbauer.“ Weiterlesen

In wenigen Tagen beginnt die 68. Berlinale – Überlegungen zum Beginn des Festivals

Vor einigen Tagen, auf der Pressekonferenz zur 68. Berlinale, erwähnte Festspielleiter Dieter Kosslick beiläufig, Ed Sheeran werde auch erwartet. „Wer?“, riefen einige Presseleute im Saal. „Die Älteren kennen ihn nicht, er ist der derzeit bekannteste Sänger der Welt“, verkündete Kosslick – nun doch etwas stolz.

Ansonsten sind wie immer Isabelle Huppert, Bill Murray, Tilda Swinton, Emma Watson oder andere internationale Stars Stammgäste der Festspiele. Über den fehlenden Glamour kann man sich also nicht beklagen, wie mehrere deutsche Medien, als neulich die Nachfolge des 2019 abdankenden Kosslick diskutiert wurde. Neben Cannes und Venedig gehört die Berlinale zu den drei größten und wichtigsten Film-Festivals der Welt. „Körper und Seele“, der mit dem Gold-Bären prämierte Streifen des letzten Jahres, wurde für den aktuellen Auslands-Oscar nominiert.

Ihre „Neuausrichtung“ und „Verschlankung“ nach der Ära Kosslick, die einige Filmschaffende in einem offenen Brief einforderten, wurde nicht ernsthaft erwogen. Die Kritiker hatten sicher vergessen, dass normale Menschen bei den „schlanken“ französischen und italienischen Festspielen keine Wettbewerbsfilme ansehen dürfen: Fachleute und Prominente sind dort unter sich. Im Gegensatz zu diesen elitären Events ist die Berlinale eine riesige und breit aufgestellte Publikums-Veranstaltung. Im letzten Jahr besuchten 350.000 – zahlende! – Fans den Berlinale-Palast am Potsdamer Platz und etliche in der Stadt verteilte Festival-Kinos.

Der Wettbewerb mit seinen zwei Dutzend Filmen, bei dem der goldene und viele silberne Bären zu gewinnen sind, ist nur die Spitze des Eisbergs, auf den sich die Medien meist konzentrieren. Es gibt in diesem Jahr 360 weitere Werke mit vielen Weltpremieren in den diversen Sektionen des Festivals: Kinder und Jugendfilme, experimentelle Streifen, Dokumentationen und Spielfilme (siehe Kasten) – diese Spannweite der Berlinale ist einzigartig in der Welt! Ein Drittel aller Werke sind übrigens einheimische Produktionen, Deutschland ist also sehr gut vertreten. Weiterlesen