Die 71. Berlinale im Home Office (2)

Fast zwei Jahrzehnte lang hat Dieter Kosslick (72) erfolgreich die Berliner Filmfestspiele geleitet und erweitert. Jetzt zur 71. Berlinale – die wegen Corona extrem verändert und gesplittet wird – erscheinen seine Memoiren „Immer auf dem Teppich bleiben.“

Bis zu 350.000 Leute besuchten bis zum Ende seiner Ära 2019 jährlich die Festspiele. Doch der charismatische Leiter machte die Berlinale nicht nur zum größten Publikumsfestival der Welt. Sondern er verband die distanzierte europäische Filmindustrie (EFM) mit der Berlinale, holte den deutschen Film zurück, knüpfte weltweite Kooperationen und förderte die Begegnungen des cineastischen Nachwuchses mit arrivierten Filmschaffenden. Aus diesen, von ihm neu entwickelten Bereichen entstand jetzt die erste Stufe der diesjährigen Corona-Berlinale, das Industry Event. Vor allem für zehntausende von Fachbesuchern und jungen Filmschaffenden war dieser Zweig des Festivals – unbeachtet von Öffentlichkeit und Medien – bisher Mittelpunkt der Festspiele.

Der Kinoliebhaber Kosslick wollte nicht nur eine bessere Welt auf der Leinwand sehen, sondern engagierte sich – auch innerhalb der Berlinale – für Frauenrechte und weibliche Gleichstellung, gegen Rassismus, für Flüchtlinge und nachhaltige ökologische Veränderungen. Das waren keine aufgesetzten Attitüden, sondern im ersten Teil seiner Erzählungen macht er deutlich, welche Themen ihn schon früh bewegten. Etwa in den späten 1970er-Jahren schrieb er in der linken „konkret“ über das Bienensterben oder Essen und Trinken ohne Gift und chemische Zusätze. 

Von den Genossen hieß es, das sei doch allenfalls ein Nebenwiderspruch: Ein Grund für ihn, den Journalismus aufzugeben und die Hamburger Filmförderung, später dann das neue Büro der Filmschaffenden zu managen. Den gut einhundert Gründern, die seinen Lieblingsstreifen wissen wollten, nannte er „Ben Hur“: „Es wäre kontraproduktiv gewesen, einen Film aus der Reihe der Anwesenden zu nennen“, schreibt er. Dieser gigantische Hollywood-Streifen hatte ihn als Elfjährigen zum lebenslangen Kinofan erweckt. 

Kosslick lernte deutsche und europäische Filmschaffende kennen, widmete sich der Filmförderung und der Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, was allerlei Leute überraschte. Schließlich wurde er zum Chef der nordrheinwestfälischen Filmproduktion berufen. Nach zehn Jahren in diesem Gremium machte er sich im Jahr 2001 – bestens informiert und vernetzt – auf zur Leitung der Berlinale, die er seit zwanzig Jahren regelmäßig besuchte. „Das schien kein begehrenswerter Job zu sein“, wusste er bereits, dennoch brauchte er lange um zu begreifen, dass „ehrverletzende Beleidigungen einer Handvoll Fachjournalist*innen mehr zur persönlichen Profilierung dienten und weniger die Filme betrafen.“

Im Mittelteil seines Buches breitet der Autor dann eine wundersame Mischung von Kolportagen und Fachwissen aus. kreuz und quer springt er durch seine Berliner Jahre, um „den Festivalalltag zu illustrieren, nicht um voyeuristisch zu sein.“ Dabei wirft er Streiflichter auf iranische und afrikanische Streifen, die auf den Festspielen nicht als exotische sondern als eigenständige Kunst präsentiert wurde. Kosslick schildert seine großartige Zusammenarbeit mit Anke Engelke, wie er listig Clint Eastwood oder die Rolling Stones auf den roten Teppich bekam, welche Rolle der Flughafen Tempelhof spielte oder wie er Tilda Swinton, Meryl Streep oder Juliette Binoche als Jurypräsidentinnen gewinnen konnte. Natürlich fehlt auch nicht, dass Außenminister Joschka Fischer die Einladung Fidel Castros zur Berlinale verhinderte.

Im letzten Teil geht er optimistisch mit der weiteren Entwicklung des Kinos um, dem ja der Tonfilm und später das Fernsehen nicht den Garaus machen konnte. So glaubt er, dass Streaming und Seriensucht nicht zum Tod des Kintopps führen. Netflix und andere Dienste kaufen Lichtspielhäuser und Verleihfirmen für zweite Standbeine auf, denn „Kino ist mehr als Film, Kino ist auch Architektur. Das Publikum verzichtet noch lange nicht auf die lieb gewonnenen Orte wie Konzertsäle, Museen und Kinos!“

Was den Autor am Ende seines Buches umtreibt ist „Green Filming“, darüber hat er viel nachgedacht: Er beschreibt Erfahrungen und Möglichkeiten nachhaltiger Filmproduktion und legt ein umfassendes Konzept vor: „Mit Greta ins Kino gehen!“

Dieter Kosslick:
Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos. Verlag Hoffmann & Campe. 336 Seiten. Pappband mit Schutzumschlag. 25 Euro 

Info:
Aufgrund der Corona-Pandemie finden die 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin in zwei Stufen statt. Die Filmauswahl wird zum größten Teil während des INDUSTRY EVENTS vom 1. bis 5. März 2021 für das Fachpublikum und akkreditierte Pressevertreter*innen online verfügbar sein. Die Gewinner der verschiedenen Wettbewerbe werden bekannt gegeben.

Vom 9. bis 20. Juni kann das Publikum dann beim SUMMER SPECIAL in zahlreichen Kinovorführungen einen Großteil der Filmauswahl aller Sektionen in Anwesenheit der Filmschaffenden erleben. Hier werden dann die Bären und andere Preise an die Gewinner vergeben.

Fotos:
Oben Dieter Kosslick (c) Hanswerner Kruse
Buchcover (c) Verlag Hoffmann & Campe