Neues von derBerlinale (4)

Die Kollegen drängeln, schubsen, drücken, um den Berlinale-Palast zu verlassen. Doch auf den Treppen bleiben viele plötzlich wie angewurzelt stehen, um E-Mails zu checken. Kein Rauskommen, das ist die Gelegenheit, meine Medizin gegen trockene Augen einzuträufeln. „Kannste auch keine Filme mehr sehen?“ Den Joke höre ich seit Jahren. Mittlerweile habe ich mich eingelebt, mein Zeitgefühl verändert sich. Streifen, die ich vor Tagen gesehen habe, sind weit weg.

Einen Film sehe ich neben einer Übersetzerin. Ich habe noch nie über die Stimmen nachgedacht, die aus den kleinen Übersetzungsgeräten säuseln. Die Frau schaut immer vorher die Filme und dolmetscht in den Pressekonferenzen die Diskussionen. Sie liebt Kino und natürlich ihren Festival-Job: „Das ist schon anders, als bei der Landwirtschaftsausstellung“, meint sie. Von ihr erfahre ich, dass sie auch Interviews betreut. Also hätte ich, selbst mit meinem schlechten Englisch, Regisseur Aki Kaurusmäki interviewen können…

Es ist schon ein großes Privileg, neben den vielen neuen Filmen die ich sehen kann, hier als „Tagespresse“ akkreditiert zu sein. Draußen stehen die Leute in der Kälte am Hinterausgang des Pressecenters oder am roten Teppich, um Blicke auf ihre Stars zu erhaschen. Mir sitzen sie, meist ungeschminkt und in einfachen Klamotten, einige Meter gegenüber und ich kann sie in den Konferenzen zu ihrer Arbeit befragen.

Tja, drei bis vier Filme am Tag, wie schafft man das? „Ich könnte das nicht“, meinen viele Freunde. Manchmal bin ich schon müde, aber ich wähle die Streifen gut aus, so dass die meisten meinen Geschmack treffen und mich begeistern. Im Kino schreibe ich dann mir wichtige Szenen oder Dialoge auf, notiere direkt, was mich ärgert oder fasziniert. Die Konferenzen vertiefen oft meine Eindrücke. Nach einem Kaffee habe ich dann Kopf und Seele halbwegs frei und kann mich auf die nächste Vorführung freuen. Wie jetzt auf den polnischen Wettbewerbsbeitrag „Spoor“.

Neues von der Berlinale (3)

„Schau für uns mit!“, schrieb ein Freund als Widmung in den Berlinale-Roman „10 Tage im Februar“, den er mir zum Abschied schenkte. Die Ich-Erzählerin und „echte“ Filmkritikerin Heike Melba-Fendel, wird für die Zeit der Festspiele von ihrem Mann verlassen. Sie stürzt sich in den Rummel und reflektiert zugleich ihre Beziehung zu ihm – den sie nur „der Mann“ nennt und am Ende verlässt. In ihren Erinnerungen verweben sich Geschichten und Filme der letzten Berlinalen, an die auch ich mich gut erinnere. Es war die Zeit, als Anke Engelke noch selbst in den Pressekonferenzen kluge Fragen stellte oder behauptete, Schlaf werde auf der Berlinale überschätzt.

Schon sehr spät sah auch ich gerade, „Es war einmal in Deutschland“ mit Moritz Bleibtreu. Er spielt in diesem wunderbar melancholischen und zugleich humorvollen Film einen Juden, der durch seine Schlitzohrigkeit, vielleicht aber auch durch Verrat das Lager überlebt hat.

Wie viele andere wird wohl auch dieser Streifen aus der Panorama-Sektion nicht in Osthessen laufen. Es kommen ja nicht einmal alle Wettbewerbsfilme in die deutschen Kinos. Zum Glück hat das ZDF diesen Film mitfinanziert, so dass er bei uns wenigstens im Fernsehen zu sehen sein wird. Sehr viele Kino-Filme werden neben der Länder- und Bundesfinanzierung mit fast 400 Millionen Euro im Jahr vom öffentlich-rechtlichen TV mitfinanziert und wenigstens irgendwann von ihnen ausgestrahlt.

Neulich las ich, die deutsche Filmwirtschaft habe nicht nur diese kulturelle, sondern auch große wirtschaftliche Bedeutung: In der Branche werden von 160.000 Beschäftigten jährlich fast 25 Milliarden Euro erwirtschaftet, die Hälfte vom Fernsehen.

Doch allein 260 deutsche Filme im letzten Jahr, wer soll die alle sehen, fünf Streifen pro Woche? Wir machen mit unserer Auswahl bei der Berlinale „quasi kulturelles Marketing“, meinte Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Quelle Zahlen:
Bundeswirtschaftsministerium nach FR 3.2.17

Foto: Abends bei Vollmond nach Hause kommen…

Aktuelles von der Berlinale (1)

Ein mächtig stinkender Obdachloser steigt in die S-Bahn und schlurft zeitlupenhaft zum anderen Ausgang. Beim nächsten Halt übergibt er sich in den Zug, steigt aus und hinterlässt uns frischen Gestank.

Eine kinoreife Szene bei meiner ersten Fahrt zum Pressezentrum am Potsdamer Platz, der einzige Ort, an dem Berlin wie eine Großstadt aussieht. Doch ich bin sicher, dieser „Kotzbrocken“ wird kein Sinnbild für die kommenden zehn Tage der Berlinale werden.

Auf den Plakaten der Festspiele scheinen sich zwar echte Bären in der Stadt herumzutreiben – die Welt ist aus den Fugen geraten: Unter den 399 Filmen des Festivals sind zahlreiche Streifen, welche die bittere oder mancherorts Übelkeit erregende Realität abbilden. Aber es gibt auch genügend humorvolle oder Mut machende und Zuversicht verbreitende Filme, betont Festivalleiter Dieter Kosslick. Aus Wolf Biermanns „Ermutigung“ zitiert er in der ersten Pressekonferenz gleichsam das Motto der Berlinale: „Du, lass Dich nicht verhärten, in dieser bitteren Zeit…“

Seit Sonntagnacht schlafen die „Filmverrückten“ vor den Kassenhäuschen in den geheizten Arkaden, um morgens ihre Wunschtickets zu bekommen. In der Früh lichten TV-Teams die Aufwachenden ab und befragen sie nach ihren Kartenwünschen. Viele von ihnen antworten bereits wie Medienprofis, denn die meisten machen das schon seit Jahren.

Auch tagsüber bilden sich lange Warteschlangen auf den roten Teppichen, während der „echte“ rote Teppich, draußen für die Promis, noch verlegt wird. „Film ab!“ wirbt eine lokale Zeitung und bietet Probeabos mit Gutscheinen für Festivalfilme. 320.000 zahlende Besucher hatten die Festspiele im letzten Jahr.

Berlinale heißt, sich ständig entscheiden zu müssen. Bereits am Donnerstag zum Start muss ich wählen: Gehe ich zur Pressekonferenz der Wettbewerbsjury oder schaue ich „Casting“, den ersten Film im Forum? Gehe ich zur Premiere der SM-Schmonzette „Fifty Shades of Grey“ (II) und erfahre endlich, wozu das viele Baumaterial in der Erotik nötig ist? Oder schaue ich, wie Kosslick unweit des Berlinale-Palasts Straßenstände mit gesundem Essen und fair gehandeltem Kaffee eröffnet?

Mal sehn!

„Fuocoammare“ / „Seefeuer“ – der Gewinnerfilm der Berlinale 2016

Der Gewinner der Berlinale ist mehr als ein Flüchtlingsfilm

„Das Herzstück der Berlinale“ und einen „notwendigen Film“, nannte Jury-Präsidentin Meryl Streep im Frühjahr „Fuocoammare“ („Seefeuer“), den Gewinnerfilm des Berliner Festivals. Zum ersten Mal wurde dort ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Der zwölfjährige Fischerssohn Samuele spielt am Meer, nach einem harten Schnitt rettet die Küstenwache im Wasser treibende Flüchtlinge: Zwei Welten, die fast nichts miteinander zu tun haben, auf der nur wenige Meilen von Afrika entfernten italienischen Insel Lampedusa. Ohne Kommentare fängt die Kamera den Alltag der Italiener ein. Dagegen setzt sie ohne weitere Vermittlung Bilder der Rettung und Unterbringung überlebender Flüchtlinge, den Abtransport von Leichensäcken. Samuels Mutter macht die Betten, kocht Essen, im Radio ist die Rede von 24 geborgenen Toten, sie murmelt: „Arme Teufel.“

Nur die Küstenwache ist in Kontakt mit den meist aus Schwarzafrika Geflüchteten sowie Insel-Arzt Pietro Bartolo, der die an Land kommenden Menschen untersucht. Aufgrund ihrer Unterkühlung sind sie in Gold-Folien gewickelt, was für eine Symbolik! Später untersucht der Doktor in einer Szene lange per Ultraschall eine hochschwangere Flüchtlingsfrau, die Zwillinge erwartet: „Arme und Beine sind verschlungen, so ein Chaos“, meint er fröhlich. In einer langen Einstellung zelebrieren Überlebende einen wilden afrikanischen Gottesdienst, die Menschen tanzen, ein nigerianischer Rapper beschwört die Leiden der wenigen Überlebenden: „…in der Wüste ging das Wasser aus / wir tranken unsere Pisse…“ Weiterlesen