Buchbesprechung

Den poetischen Titel „Gesang der Flusskrebse“ trägt das empfehlenswerte Buch, weil das einsame Mädchen Kya im Grenzgebiet von Zivilisation und wildem Marschland die Flusskrebse singen hören kann.

„Sie sank auf seine Matratze, sah den Rest des Tages die Wand hinabgleiten. Das Licht hielt auch nach Sonnenuntergang noch eine Weile an, wie es das immer tut…“ Nachdem Kyas Mutter für immer fortging, verschwinden bald auch ihre älteren Schwestern sowie ihr geliebter größerer Bruder. „Sie wollte ihn anflehen, sie nicht mit Pa allein zu lassen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.“

Nun lebt die Sechsjährige allein mit dem versoffenen, brutalen Vater – der häufig wochenlang weg ist – in einer abgelegenen, heruntergekommenen Hütte im sumpfigen Schwemmland. Die Menschen, die dort in Armut leben, werden als „Sumpfgesindel“ beschimpft und diskriminiert. Kya hält es nur einen Tag in der Schule aus und ist ansonsten einsam auf sich gestellt. Mit der Zeit lernt sie Muscheln und Fische gegen andere lebensnotwendige Dinge wie Maismehl oder Schiffsdiesel einzutauschen.

Die Jahre bis zum Erwachsenwerden verbringt sie in engem Kontakt mit der Landschaft, aus der sie Federn, Knochen oder anderes sammelt und sich mit den Möwen anfreundet. Noch vor ihrer Pubertät lernt sie auf romantische Weise den etwas älteren, ebenfalls sehr naturverbundenen Tate kennen, der sie Lesen und Schreiben lehrt: „Sie hatte noch keinen Menschen gekannt, der sich so gelassen bewegte, so gelassen redete. Sicher und entspannt. Schon in seiner Nähe zu sein und nicht mal richtig nah, hatte ihre Anspannung gelöst.“ Die beiden lieben sich, doch nach der Schule verschwindet Tate zum Biologie-Studium in einer fernen Stadt und meldet sich nicht mehr.

Jahre später lässt sie den zurückgekehrten Freund nicht an sich heran. Er unterstützt sie dennoch eine bekannte Autorin für Naturbücher zu werden, in dem sie ihre detaillierten Beobachtungen mit eigenen Zeichnungen und Aquarellen versieht. Währenddessen beginnt sie eine Affäre mit dem attraktiven aber verlogenen Frauenheld Chase, der eines Tages durch einen Unfall zu Tode kommt. Irgendwann wird Kya des Mordes an ihm verdächtigt: „Vielleicht war’s diese Frau, die draußen im Sumpf lebt. Die ist verrückt, gehört eigentlich in die Klapse. Ich sag’s dir, der wär so was zuzutrauen…“

Trotzdem ist das Buch kein Krimi, sondern ein empathischer Entwicklungsroman, der behutsam Kyas Geschichte erzählt. Ohne Larmoyanz berichtet er von ihrer Einsamkeit, die zu außergewöhnlicher Liebe zur Natur und intensiver Beobachtung biologischer Prozesse führt. Sie wird eine Wissenschaftlerin, die wie frühere Forscherinnen begeistert von ihrem Metier ist. Wir Lesenden erfahren wie weibliche Glühwürmchen die männlichen „hinter das Licht führen“ oder schwächere Männchen es trotzdem schaffen sich zu paaren. 

Sehr schnell wird den Erlebnissen der Heranwachsenden durch Zeitsprünge der Versuch zur Aufklärung des möglichen Verbrechens an Chase gegenübergestellt. Das macht das Buch doppelt spannend – einerseits weil es die aufregende Entwicklung des Mädchens beschreibt und uns andererseits mit der Suche nach dem Täter konfrontiert.

Das Buch ist nicht hochliterarisch geschrieben, die Sprache ist meist einfach wie bei – sagen wir – Charlotte Link oder Jojo Moyes. Doch die Geschichte ist interessant, fesselnd und manchmal auch humorvoll: So sind für Kya die anderen Dorfmädchen nur „„Großdünnblond, Pferdeschwanzsommersprossen, Kurzesschwarzeshaar, Nieohneperlen und Rundpausbacke“.

Delia Owens „Der Gesang der Flusskrebse“, fester Einband, 464 Seiten, Hanser-Verlag, 22 Euro

„Delia Owens, geboren in Georgia, lebt auf einer Ranch in Idaho. Über zwanzig Jahre erforschte die Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Als Kind verlebte Owens die Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina, wo auch ihr Romandebüt spielt.“
(Verlags-Info)

Fotos / Cover: Hanser Verlag

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