Buchbesprechung

Wie aufgrund des Titels zu erwarten, beginnt Jonas Jonassons Roman zunächst in Afrika und erzählt weitschweifig die Familiengeschichte des Medizinmannes Ole Mbatian. Der litt zwar daran, dass er von seinen zwei Frauen jeweils nur vier Töchter bekam, ansonsten aber guter Dinge war: „Nichts deutete darauf hin, dass Ole Mbatian der Jüngere in nicht allzu ferner Zukunft in Stockholm, Europa und auf der ganzen Welt für einigen Wirbel sorgen würde.“ 

Knapp 8000 Kilometer nördlich fragte sich der schwedische Rassist Victor: „Was sollte man mit den ganzen Arabern? Und Iranern. Irakern. Jugoslawen?“ Aber in der populistischen Partei, die eine nationale Revolution vorbereitete, wollte er nicht ganz unten anfangen. So schleimte er sich bei einem erfolgreichen Galeristen ein, heuchelte „Begeisterung für die ganze abscheuliche moderne Kunst“ und seine kleine Tochter Jenny. Dadurch erarbeitete er sich das „Spitzen-Sprungbrett“ für gesellschaftlichen Einfluss. 

Doch kurz bevor Victor Jenny heiraten und die Kunsthandlung übernehmen wollte, bedrängte ihn eine seiner Prostituierten, die er häufig besuchte. Bereits todkrank konfrontierte sie ihn mit ihrem kleinen Kevin: „Er ist dein Sohn.“ „Sohn? Scheiße, der ist doch schwarz.“ „Wenn Du mich genau ansiehst, geht dir vielleicht auf, wie es dazu kommen konnte.“ 

Um einen Skandal zu vermeiden, erkannte er die  Vaterschaft an und verpflichtet sich, für den Jungen zu sorgen. Er vermied jeglichen Kontakt und finanzierte nur eine Wohnung und ausreichend Pizza. Bevor die Hochzeit mit Jenny anstand, wollte Victor den unerwünschten Sohn in Kenia entsorgen und ließ ihn dort nachts in der Savanne zurück.

Doch statt wie gewünscht von Löwen gefressen zu werden, rettete Kevin sich auf einen Baum und fiel morgens Ole Mbatian vor die Füße. Der war überzeugt, dass ihm Gott nun endlich einen Sohn schickte und unterwies ihn in den nächsten Jahren in – für einen Massai wichtigen – Lebenstechniken. Doch als Kevin nach allen abenteuerlichen Prüfungen beschnitten werden sollte, ging er lieber nach Schweden zurück. Zur Finanzierung der Reise verkaufte er ein Gemälde des Vaters. Klar, dass Ole dem geliebten Sohn folgte…

Die Erzählung wird nun noch fantastischer, wenn Jonasson die diversen Handlungsstränge verknüpft, sowie afrikanische und europäische Lebensart aufeinander knallen lässt. In dieser fröhlich-sarkastischen Cultur-Clash-Komödie (wie man beim Film sagt) ist der Massai in Schweden überhaupt nicht verloren, sondern findet sich großartig zurecht. Ständig rechnet er die Kosten für irgendetwas in Kühe um oder liebt es auf Rolltreppen in falsche Richtungen zu gehen, um nirgendwo anzukommen. Doch dabei werden seine Erlebnisse nicht als Zivilisationskritik verherrlicht. Die verschiedenen Figuren werden von Jonasson zunächst etwas holzschnittartig skizziert, entwickeln jedoch im Laufe des Romans ihre Talente und neue Eigenschaften. 

Bei Jonasson weiß man seit „Der Hundertjährige…“ auf was man sich einlässt – oder muss es beim Lesen dieses Buches lernen: Die Geschichte ist durch immer neue Wendungen oder Abschweifungen durchgehend humorvoll und spannend. Die Sprache ist (natürlich) nicht literarisch verdichtet, sondern meist alltäglich, oft schnodderig, doch zugleich steckt sie voller Wortspiele, Überraschungen und bewusster Klischees. Wenige sprachliche Entgleisungen sind wohl der Übersetzung ins Deutsche geschuldet.

Der Autor will mit seiner Erzählung den erstarkenden Rechtspopulismus in Schweden (und anderswo) geißeln, den er genüsslich zerlegt. Gegen Adolf Hitler, den miesen Maler und Hasser der modernen Kunst, setzt er die heute vergessene jüdisch-deutsche Expressionistin Irma Stern. Sie lebte wirklich in Südafrika, in der fiktiven Geschichte ließ sie sich vom Medizinmann Ole dem Älteren heilen und malte ihm dafür einige Bilder. Die zeitgenössische Kunst als Bastion der Freiheit zieht sich ohne Pathos durch den Roman und macht ihn trotzdem nicht zum Sachbuch.

Jonas Jonasson: „Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte“, gebunden, 400 Seiten, Bertelsmann-Verlag, 22 Euro