„Der andere Liebhaber“

Im Psychothriller „Der andere Liebhaber“ fühlt sich eine junge Frau zwischen einem sanften Frauenversteher und einem zynischen Unhold hin- und hergerissen.

Seit Chloé denken kann, hat sie Bauchschmerzen ohne organische Ursachen, doch eines Tages beginnt sie endlich eine Psychotherapie. Beim ersten Treffen erzählt sie dem sensiblen Therapeuten Paul, sie fühle sich fürchterlich leer, weil ihr irgendetwas fehle. Bereits nach wenigen Sitzungen scheint Chloé (Marina Vacth) geheilt, weil Paul (Jérémie Renier) sie so gut versteht. Beide verlieben sich ineinander, brechen die therapeutische Beziehung ab und ziehen zusammen. Doch die heilsame Idylle wird bald von Misstrauen und Eifersucht zersetzt.

Chloé meint, ihren Geliebten in der Stadt gesehen zu haben, der bestreitet jedoch, dort gewesen zu sein. Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf Louis (ebenfalls Jérémie Renier), den von Paul verleugneten Zwillingsbruder, der auch Therapeut ist. Um die mysteriöse Familiengeschichte zu enträtseln, geht sie zu ihm in Behandlung. Der aggressive Chauvinist Louis ist völlig anders als sein sanfter Bruder, dennoch fühlt sich Chloé heftig erotisch von ihm angezogen. Als er sie in der dritten Sitzung anherrscht, „zieh dich aus!“, gibt sie sich ihm hin – und besucht ihn danach immer wieder.

Nun beginnt, zunächst noch unmerklich für alle Beteiligten der Ménage-à-trois, ein Albtraum, in dem die sowieso recht brüchige Realität und der mögliche Wahnsinn langsam verschmelzen. Auch wir Zuschauer werden in diesen Nachtmahr hineingezogen, in ständiger Spannung gehalten und von immer neuen Wendungen verblüfft: Welche dunklen Abgründe offenbart Paul? Ist Chloé eigentlich verrückt? Wird sie einen der Zwillinge umbringen? Aber welcher Zwilling ist wer?

Bereits der Beginn dieser Geschichte wird mit eindringlichen Nahaufnahmen und seltsamen Spiegelungen in unwirklichen düsteren Bildern erzählt…

Dadurch kommt man den drei Personen sehr nahe, mitunter kriecht die Kamera geradezu in ihre Köpfe hinein. Die äußere Wirklichkeit existiert meist nur noch in riesigen strahlendweißen Museumsräumen, in denen Chloé arbeitet. Die dort ausgestellte Kunst spiegelt ihre psychische Situation wieder: als sie sich hemmungslos ihrer Lust mit Louis hingibt, ist das Museum später voll mit fleischfarbenen Kunstobjekten.

Gelegentlich wird der Streifen sogar komisch, aber eine Beziehungskomödie macht Regisseur François Ozon aus der literarischen Vorlage nicht: In „Der Andere“, einer realistischen Erzählung der amerikanischen Autorin Joyce Carol Oates, geht es um die Beziehungen von Zwillingsbrüdern, welche die gleiche Frau lieben. Den Filmemacher interessiert dagegen die Psyche der Frau in der Liaison mit den unterschiedlichen Brüdern – sowie die fantastische Filmstruktur: Irgendwann weiß man nicht mehr, gibt es den unbändigen Bruder wirklich oder ist er als „anderer Liebhaber“ nur die Phantasmagorie für Chloés unausgelebte sexuelle Begierden? Bis zuletzt lässt Ozon diese Frage offen, hält die Story in der Schwebe und findet für den Psychothriller sogar eine (halbwegs) naturwissenschaftliche Lösung. Völlig aufgelöst wird die abstruse Geschichte allerdings nicht.

Jérémie Renier ist stark und überzeugend in seiner Doppelrolle, oft wirkt er wie zwei verschiedene Schauspieler. Zuerst hat er bei den Aufnahmen Paul, dann Louis dargestellt. Marina Vacth hat sich beim Dreh anfangs nach Louis gesehnt, weil Paul so langweilig war, ihn später jedoch vermisst. Die junge Akteurin agiert erstaunlich wandlungsfähig zwischen apartem Mädchen, depressiver Frau und wildem Luder. Mit diesen beiden Akteuren ist Ozon nach seinem preisgekrönten Vexierspiel „Frantz“ ein weiterer exzellenter und noch groteskerer Film gelungen.

„Der andere Liebhaber“, F/B 2017, 106 Minuten, FSK ab 16 Jahren
Regie François Ozon mit Marina Vacth, Jérémie Renier und anderen.
Filmstart 18. Januar 2018

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FOTOs © 2017 – MANDARIN PRODUCTION
Plakat (Ausschnitt) Chloé (Marina Vacth) zwischen dem Guten und dem Bösen
(jeweils Jérémie Renier)
Szenenfotos: Chloé Marina Vacth mit Jérémie Renier (als Louis)