„Eternal Prisoners“ – großartiges Tanztheater in Kassel

Das Kasseler Staatstheater zeigt mit dem Titel „Eternal Prisoner“ (Ewige Gefangene) zwei recht diverse Tanzstücke verschiedener Choreografen.

Eine Tänzerin ist als grelle Sängerin auf einer fahrbaren Rampe in heftiger Bewegung erstarrt. Zu ihrem Micky-Maus-Gekrächze, das sich später als Playback erweist, schieben seltsame Figuren mit starren Gesichtern, schlechten Perücken und sportlich-schrillen Klamotten die Rampe an den Bühnenrand. Eckig auf Händen und Füßen gehend, den Hintern in die Luft gestreckt, krabbeln sie hoch zur Sängerin. Plötzlich toben sie wie lebendig gewordenen Schaufensterpuppen mit rhythmisch-abstrusen Bewegungen auf der Minibühne herum. Die Tanzenden frieren ein, werden zeitlupenhaft lebendig, tanzen erneut, formieren sich zu szenischen Skulpturen: Köpfe nähern sich zum Küssen und zucken zurück. Manche schreien stumm. Einzelne zeigen hirnrissige Model-Posen. Ausdruckslos mimen stumme Körper wilde Playback-Gesänge. Eine zeigt Spitzentanz im Nebel auf Roller Blades.

Das kleine Ensemble dekliniert mal hysterisch und aufgedreht, mal behutsam und stoisch Künstliches durch – kreiert Rockstars, Roboter, Schaufensterpuppen, Androiden. Kurze dramatische Momente blitzen auf, in flüchtigen Szenen wird Schmerz, Gewalt, Zuneigung sichtbar, doch nichts ist echt und wirklich, alles ist Schein. Einzelne brechen aus, jubeln „ich existiere“ – werden aber von anderen gemaßregelt: „Du existierst NICHT!“

Ein alter Song Frank Zappas kommt einem in den Sinn: „Plastic people / Oh baby, now / You’re such a drag“ (Plastikleute, was seid ihr bekloppt). Doch Johannes Wieland, Choreograf und Direktor des Kasseler Tanztheaters, inszeniert kein Lamento über die schlechte künstliche Welt. Seine Choreografie ist spannend, unterhaltsam und meist komisch bis zur Groteske – und seine Botschaft ist einfach „ein choreografisches, politisches Statement zum Status quo der Welt. Nicht mehr und nicht weniger.“

Das zweite Stück, eine Arbeit des Gast-Choreografen Tom Weinbergers, ist das völlige Gegenteil. Auf der Bühne hängen einige große Glühbirnen, im Hintergrund steht ein Flügel, auf dem ein Spieler gelegentlich mal einen einzelnen Ton anschlägt. Die nun schlicht bekleideten Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich in der Stille mit extrem verlangsamten Bewegungen im leeren Bühnenraum, alle für sich, ohne Kontakt. Dann verschwinden sie, ein Paar taucht auf, mit unterschiedlichen Bewegungen erkunden die Körper den Raum. Annäherungen geschehen beiläufig und wenig dramatisch. Ein Paar geht, das nächste kommt…

Anders als im klassischen Ballett oder im zeitgenössischen Tanz erlebt man die Kontakte nicht als Pas de Deux mehr oder weniger bekannter Bewegungsfiguren: Stattdessen wird ein Tänzer zum buckligen Tier auf dem sich eine Tänzerin wie auf dem Sofa räkelt. Ein anderer wickelt sich eine Tänzerin um den Hals. Oberkörper verschmelzen, im Krebsgang bewegt sich ein Paar über die Bühne. Es sind atemberaubende Pas de Deux, die nichts mit bekannten Kontakt-Klischees des klassischen oder modernen Tanzes zu tun haben. Begegnung heißt hier für Momente körperlich und recht akrobatisch im Gleichgewicht, im Schwebezustand, in Spannung miteinander zu sein. Wie in einem Labor kann man die Bewegungsabläufe der Paare und ihre „Begegnungs-Skulpturen“ studieren.

Frenetischer Jubel des altersgemischten Publikums bei der Premiere, mit der die Kasseler einmal mehr beweisen, dass sie die innovativste Tanz-Compagnie in Hessen sind!

Weitere Aufführungen  2018 www.staatstheater-kassel.de

FOTOs © N. Klinger