„Hannas schlafenden Hunde“

Eine großartige Literaturverfilmung des Romans von Elisabeth Escher

Familie Berger im österreichischen Wels bewahrt ein düsteres Geheimnis. Zwanzig Jahre nach Kriegsende tarnen sich die Juden immer noch als Katholiken, die nichts von ihrer Vergangenheit preisgeben wollen. Der verfilmte Roman kommt jetzt in die Kinos.

„Bloß nicht auffallen“, lautet das Credo der hysterischen und traumatisierten Mutter (Franziska Weisz) in der beklemmenden Atmosphäre der Kleinstadt Wels. Die versuchte Vergewaltigung ihrer zwölfjährigen Tochter Hanna (Nike Seitz) durch einen ehemaligen Nazi-Blockwart versucht Frau Berger ebenso herunterzuspielen wie die brutalen Misshandlungen ihrer Schwester durch deren Ehemann. Immer wieder ahnen wir Zuschauer, sie will keine schlafenden Hunde wecken…

Tür an Tür wohnen die Überlebenden des Holocausts mit den einstigen Tätern im „noch schwer naziverseuchten Wels“, wie Regisseur Andreas Gruber den Ort bezeichnet, an dem er selbst aufwuchs. Die einstigen Nazis fühlen sich als Opfer, die nach dem Krieg zu Unrecht verfolgt wurden: Sie hätten ja nur ihre Pflicht getan und müssten nichts bereuen.

Hanna ist üblen Schmähungen in der Schule ausgesetzt, von einer Lehrerin wird sie sogar als „Judenbalg!“ beschimpft. Ständig spürt sie die Abgründe in ihrer Familie und will deren düsteres Geheimnis herausfinden. Doch darüber kann sie nur mit ihrer blinden Großmutter (Hannelore Elsner) sprechen. „Bin ich denn Jüdin?“ fragt sie eines Tages die Oma, die ihr erklärt: „Natürlich, aber das ist kein Grund, solch einen Zirkus zu veranstalten. Jeder soll sein was er ist!“

Wie die nach den schlafenden Hunden suchende Hanna erkennen auch wir Zuschauer die Wahrheit nur stückweise, dadurch ist der Film spannend wie ein Krimi. Gleich zu Beginn sieht man Hanna als Schatten hinter weißer Bettwäsche auf der Leine, das symbolisiert wohl die dunkle Seite der Familie. Weitere Zeichen verweisen auch auf ihre Vergangenheit – die Maulwürfe, die mit Motorrad-Abgasen getötet werden, der betrunkene Blockwart neben der Tafel „Gas Haupthahn“.

Gruber macht keine moralische Schmonzette aus diesem politischen Stoff, reduziert den Film aber auch nicht auf ein privates Familiendrama. Der Regisseur zeigt, das Private ist politisch und das Politische privat. Diese Gratwanderung gelingt ihm gut, vor allem durch die hervorragenden Schauspieler. Die junge Nike als Hanna ist in ihrer naiven aber konsequenten Suche nach der Wahrheit erstaunlich glaubwürdig, ebenso ihre traumatisierte Filmmutter Weisz. Die großartige Elsner als Blinde kommentiert – wie der Chor in der griechischen Tragödie – ironisch oder böse die Handlung: „Einen Güterzug erkenne ich doch blind.“ Schließlich fordert sie, „es ist an der Zeit, dass endlich alles auf den Tisch kommt.“

Manchmal verdreifacht die Kamera sie in einem Triptychon-Spiegel, sie weiß die Wahrheit, wird nichts vergeben und fragt ihre Tochter: „Willst Du ewig das Opfer sein?“ Das ist eines der Themen des Films – gibt es einen Ausweg aus der Opferrolle und den demütigen Erfahrungen der Vergangenheit? Mit Hilfe der Oma gelingt Hanna im Film die Befreiung – doch wird auch ihren Eltern die Emanzipation gelingen?

Elisabeth Escher, die Autorin der Buchvorlage, war eine Jugendfreundin des Regisseurs. Als er Jahrzehnte später ihren stark autobiografisch gefärbten Roman las, erfuhr er zum ersten Mal ihre Familiengeschichte, die er dann unbedingt verfilmen wollte.

„Hannas schlafenden Hunde“ Deutschland / Österreich 2016, 120 Minuten, FSK 12 Jahre

Regie Andreas Gruber, mit Hannelore Elsner, Franziska Weisz, Nike Seitz und anderen, Filmstart 9. Juni 2016

FOTO  Hanna (Nike Seitz) mit ihrer Großmutter Ruth (Hannelore Elster)   © Alpenrepublik