Das rekonstruierte Triadische Ballett von Oskar Schlemmer

Der Höhepunkt des Festivals Tanzplattform 2016 im Rhein-Main-Gebiet:

Das rekonstruierte Triadische Ballett des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer wurde am Wochenende zweimal im Darmstädter Schauspiel aufgeführt. Es war eine vom Publikum bejubelte Sensation und wohl der Höhepunkt des Festivals Tanzplattform 2016.

Wie ein Brummkreisel erscheint auf der leeren Bühne eine Tänzerin mit einem starren bunten Rock. Behutsam bewegt sich die Figurine zu schnarrenden, fiependen, kratzenden Tönen, beugt sich vor oder seitwärts, immer wieder friert sie ein und erschafft sich ständig so als neue lebende Skulptur. Dann folgen zaghafte Ballettschritte, die komisch aber zugleich fremdartig wirken. Eine freudlos wirkende Gestalt ohne Arme, mit künstlichem Kopf, seltsam aufgebollerten Hosen und langen orangefarbenen Trotteln am Hals taucht auf. Durch unbeholfene Bewegungen macht sie auf sich aufmerksam. Zu weiterhin schrägen Geräuschen kommen beide Wesen in Kontakt, versuchen synchrone Tanzschritte – und trennen sich.

Es folgen immer neue Figurinen, einzeln, zu zweit oder zu dritt schaffen sie lebende Bildwerke: Ein ausgestopfter Tänzer, ein clownhaftes Wesen, ein klappernder hölzerner Hampelmann, später auch düstere Figuren mit kriegerischen Allüren, eine Tänzerin umhüllt von Drahtgebinden, eine dicke Kugel mit Kopf und Beinen.

Die Kostüme, oder genauer, die mobilen aber starren Kunstwerke, bestimmen die Bewegungen der Tanzenden. Andererseits werden diese Kunsthüllen nur durch die kreativen Akteure lebendig. Die Choreografien sind keine Polonaisen der Figurinen, sondern zeigen Annäherungen und Begegnungen. Kurze Szenen erzählen manchmal von Eifersucht und anderen Dramen, meist blitzen jedoch heitere, bedrohliche oder tragische Episoden auf, die vom Publikum eigene Assoziationen fordern. Oft sind die Darbietungen so abstrakt, dass sie nur als rein visuelles Ereignis erfahren werden können.

Die Geschichte dieses Triadischen Balletts ist verworren und legendär. Vor gut 100 Jahren begann sich der Maler Oskar Schlemmer (1888 – 1943) mit Bewegungen im Raum und Bühnendekoration zu beschäftigten. Dazu arbeitete er mit zeitgenössischen Musikern wie Hindemith, am Bauhaus auch mit Tänzern zusammen. 1922 führte er zum ersten Mal sein Triadisches Ballett vollständig auf.

Mitte der 1970er-Jahre rekonstruierte der – auch einige Jahre in Darmstadt wirkende – Choreograf Gerhard Bohner (1936 – 1992) dieses Werk Schlemmers. Er ließ die Kostüme neu anfertigen, von Hans Joachim Hespos Musik komponieren und entwickelte eigene Choreografien. Diese Rekonstruktion wurde in 85 Aufführungen an 32 Orten gezeigt. 2014 inszenierten zwei der damaligen Tänzer das Werk an der Bayrische Staatsoper II, das jetzt – in seit langem ausverkauften Vorstellungen – aufgeführt wurde.

Schon zu Schlemmers oder Bohners Zeiten war es erstaunlich, dass die Dekonstruktion des klassischen Balletts durch Ballettelemente zu dessen Erneuerung führte. Auch in zeitgenössischen Arbeiten erlebt man ja gelegentlich Tanzende in Latexkostümen oder Alltagsklamotten mit Spitzentanz und klassischen Ballettfiguren zu Techno oder Hip Hop – das schafft spannende Kontraste.

Die Aufführungen zeigten, das Triadische Ballett ist ein sich dynamisch entwickelndes Gesamtkunstwerk aus Bildender Kunst, Choreografien, Licht und Neuer Musik. Es hat bis heute nichts von seiner atemberaubenden Schönheit verloren und es setzt mit seiner klaren ästhetischen Struktur auch ein deutliches Zeichen gegen die postmoderne Beliebigkeit etlicher in- und ausländischer Tanzproduktionen.

 

Trailer des Staatsballetts II www.youtube.com/watch?v=h5_YydG3zjk

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© Wilfried Hoesl Mousonturm „Die Tänzerin Nagisa Hatano als brummkreiselige Figurine beugt sich vor…“

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