Zum Schluss bleibt die einsame Frau unter dem Mond – die Contemporary Dance Company in Fulda

Die israelische „Kibbuz Contemporary Dance Company“ war mit ihrem Stück „If at all“ zu Gast im Schlosstheater Fulda und berührte das Publikum mit erstaunlichen und abwechslungsreichen Tanzbildern.

Die schwarze Bühne ist kahl. Nur an der Rückwand leuchtet ein Vollmond. Davor eine Tänzerin. Sie reckt und verbiegt sich, erkundet Bewegungen… bis plötzlich zu laut dröhnender Musik das ganze Ensemble in die meditative Übung hineinbricht und wieder verschwindet. Sieben Tänzer bleiben, knien am Bühnenrand und suggerieren mit synchronen Bewegungen ermüdende Arbeit und grimmigen Kampf. Dann liegen sie erschöpft nebeneinander, ein Tänzer erhebt sich, zelebriert ein Solo mit bizarren doch fließenden Bewegungen, legt sich wieder in die Reihe, während der nächste zu tanzen beginnt.

Häufig zeigt die Compagnie ihre ungeheure Kraft und Energie in mächtigen Ensembleszenen, aus denen sich Einzelne mit Solotänzen lösen. Ihre individuellen Bewegungen werden von der Gruppe aufgenommen oder variiert, die Tanzenden werden nicht vom Kollektiv verschlungen. Rami Be’er, der Leiter der achtzehnköpfigen Gruppe schweigt zur Bedeutung seiner Choreografien, wirft das Publikum auf sich selbst zurück: „Kunst kann nicht die Welt verändern. Doch Tanz kann Fragen stellen, und zwar Fragen, die mit unserer Realität zu tun haben“, sagte er in einem Interview.

Obwohl Be’er kein Tanztheater macht, sondern sich in der Tradition des nicht erzählenden New Dance bewegt, wird „die Realität“ in seinen Arbeiten überaus deutlich: Wie in einem milden Sommernachtstraum tanzen drei Frauen unter dem Mond, dann brechen zu aggressiver Musik Krieger in diese Idylle und scheinen eine mitgeschleppte Frau in der Luft zu zerreißen. Aber das wird nicht ausgiebig erzählt, nur vage angedeutet und kann auch anders erlebt werden: Be’er arbeitet nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Und immer wieder entführen die fluiden Tänze der ganzen Compagnie vor dem Mond das Publikum in ein sanftes Traumspiel.

Etwa zur Hälfte des Stückes eine düstere Massenszene: Sirenen, Schreie, Schüsse im Hintergrund, Einzelne fallen und erheben sich wieder, schließlich formieren sich die Tanzenden in plötzlicher Stille – und man hört endlich einmal das „Trapp, Trapp“ ihrer Schritte. Die laute, sich ständig verändernde Musik ist das Problem des Stückes – allzu stark treibt sie die Tanzenden voran und zwingt den Zuschauern Gefühle auf. Es ist, als würde der Choreograf der immensen Kraft seines Ensembles nicht recht trauen.

Im zweiten Teil des Abends ist Paarungszeit: Zu seltsamen musikalischen Klängen tanzen nacheinander Paare. Zunächst sieht das Publikum eher langweilige neoromantische Tanzschritte, klassische Hebefiguren, Pirouetten. Eine quäkige Stimme wiederholt unaufhörlich, „this ist the last lost chance.“ Doch dann werden im Pas de Deux die „letzten verlorenen Chancen“ komischer, bis das ganze Ensemble in gleichen karierten Röcken über die Bühne zu fliegen scheint. Und irgendwann bewegt sich wieder die einsame Frau vor dem Mond, der Vorhang schließt sich.

HINTERGRUND

In der „Kibbuz Contemporary Dance Company“ fließen Einflüsse des Modern Dance und traditioneller jüdischer Tänze zusammen. Nahe der libanesischen Grenze, also unter ständiger militärischer Bewachung, werden im Kibbuz mittlerweile 400 Tanzschüler unterrichtet, die teilweise Berufstänzer werden.

Derzeit gibt es einige israelische Tanzproduktionen in Hessen zu sehen. Vor kurzem gab die Compagnie L-E-V ein aufregendes Gastspiel im Darmstädter Theater. Der bekannte Choreograf Hofesh Shechter erarbeitete mit der kleinen Kasseler Tanzcompagnie das Tanzstück „Dog“ (letzte Aufführung am 12. April).

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