Kunst in der Waechtersbacher Keramikfabrik

Wieder einmal beleben Kunstschaffende der Region die Waechtersbacher Keramikfabrik. In der alten Werkskantine inszenieren sie mit diversen künstlerischen Mitteln die Ausstellung „Rituelle Herzen“.

Der Kunstraum weist kräftige Spuren seiner Nutzung auf, doch viele Kreative lieben die Herausforderung, gegen den Verfall zu arbeiten. So auch Britta Schäfer-Clarke (Birstein) und Matthias Kraus (Hasselroth), deren Werke dadurch quasi mit der Firmengeschichte korrespondieren. Beim Besuch ist die Schau noch nicht vollständig aufgebaut. Schäfer-Clarke befestigt gerade ein geschichtsträchtiges Mobile, das auf bewegte Frauen in der Waechtersbacher Historie verweist: sowohl auf die vielen Arbeiterinnen als auf die wenigen Gestalterinnen. Im Hintergrund hängen ihre riesigen Holzschnitte von Tänzerinnen und in großen schwebenden Schachteln tummeln sich kleine Ballerinen als anmutige Wachsfiguren oder plumpe Stoffgestalten. „Tanz im Karton“ nennt sie die Installation (anstatt „Ruhe im Karton“) , die auf das klassische Ballett verweist: Das fordert zwar reichlich Bewegung, presst die Tänzerinnen aber in ein enges Formkorsett.

Das Thema Bewegung führt die beiden Kunstschaffenden seit langem zusammen. Darum heißt der Untertitel ihrer Ausstellung auch „Tanz in der Fabrik“, obwohl dort nicht wirklich getanzt wird. Lediglich eine Videoprojektion der auch als Lehrerin tätigen Schäfer-Clarke zeigt experimentellen Tanz: Mit ihren Schülerinnen suchte sie nach Choreografien, um trotz Corona- Abstand über das digitale Kachelformat von Videokonferenzen als Ensemble weiter zu tanzen.

Kraus spielt grafisch mit Paaren von Hutfrauen auf Platten, die sich sanft hin- und her bewegen. Seine seriell dargestellten Männer in Tütü-Röckchen oder Balletteusen auf Schaukelpferden suggerieren dagegen nur Bewegung.

Eigenartige Geräusche hört man aus kleinen Lautsprechern, die er mit Tanzstrümpfen aufhängte. Seine klobigen schwarzen Skulpturen bekommen umgekehrt auf den Kopf gestellt eine erstaunliche Leichtigkeit. 

„Das sind unsere Solotänze zum Thema“, deutet Schäfer-Clarke scherzhaft die jeweiligen Arbeiten, „unser Pas de Deux sind die gemeinsamen Bilder.“ Die lehnen an der Wand und müssen noch gehängt werden: Die Künstlerin hielt mit farbigen Kreiden Tänzerinnen fest, der Künstler schuf ihnen mit Tusche und Buchstaben eine Bühne.

„Schirmfrau“ der Ausstellung ist eine grün glasierte Tänzerin auf einer kleinen Keramikplatte von 1920, die im Eingangsbereich gemeinsam mit anderen „bewegten“ Objekten der Waechtersbacher Fabrik den Zusammenhang herstellt. Deutlich wird in dieser großartigen Ausstellung aber nicht nur die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe des Betriebs.

Denn der aktuelle Ausstellungsort, die einstige Kantine, soll nach dem Wunsch des „Vereins Industriekultur Steingut“ in Zukunft sowohl ein realer als auch ein symbolischer „Kulturraum“ ohne Mauern werden. Kunsthistoriker Pascal Heß vom Vorstand des Vereins berichtet, das Projekt widme sich nicht nur der einst in der Fabrik hergestellten Keramik. Sondern es wolle auch die Sozial-, Design- und Kulturgeschichte dokumentieren und sie für die Gegenwart beleben. Die einst so bedeutsame Fabrik verkörpere bedeutsame Industriekultur mit großer überregionaler Bedeutung und könne ein kulturelles Zentrum des Main-Kinzig-Kreises werden. Die politische Unterstützung des Projekts sei groß, auch durch die Besitzer des Fabrikgeländes. Doch nun ginge es darum Förderer und Sponsoren zu finden, so Hess. Weitere Informationen über das Projekt: www.industriekultur-steingut.org

Ausstellung:
„Rituelle Herzen – Tanz in der Fabrik“, Brachttal, Fabrikstraße 12:

Jeweils an den Wochenenden 12./13. Sept. 14 -18 Uhr. 18. Sept. 16-18 Uhr. 19./20. Sept. 14 -18 Uhr. 25. Sept. 16-18 Uhr. 26./27. Sept. 14-18 Uhr. Die beiden Kunstschaffenden sind anwesend.