Die Fashion-Week nach Frankfurt?

In Hessen ist das Freudengeheul groß: Gnadenlos hat die Frankfurter Messe der kriselnden Berliner Fashion Week den Garaus gemacht. Nun sollen deren Filetstücke wohl den eiskalten Banken- und Finanzplatz kreativ aufhübschen.

Sämtliche (!) Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof wurden von der Event-Messe Bread & Butter bespielt. Im riesigen Mercedes-Zelt am Brandenburger Tor führten edle Magermodels internationale Mode vor. Aber auch in zahlreichen Clubs, Designerläden und an wechselnden bizarren Orten – wie dem alten Kraftwerk oder in aufgegebenen Postbahnhöfen – präsentierte man auf Catwalks ausgefallene Klamotten und feierte Partys. Dazu mischten sich erste Initiativen mit nachhaltig produzierter Kleidung aus Hanf, Fischleder oder PET-Flaschen. Die zweimal im Jahr inszenierte Fashion Week in Berlin war – anders als in den Metropolen Mailand oder New York – kein homogenes Projekt sondern ein unüberschaubares Konglomerat aus neuer Mode und Lifestyle.

Die Krise der traditionellen Bekleidungsindustrie und ihren Textilmessen führte zum Beginn der 2000er-Jahre zu neuen Entwicklungen: Levi’s war die erste Marke, die sich von exklusiven Fachmessen für Einkäufer und Fachpublikum zurückzog. Michael Michalsky, heute ein Berliner Topdesigner, experimentierte mit unterhaltsamen Events in einer alten Panzerhalle: um das Turnzeug von adidas bei gutem Essen und lärmender DJ-Musik als cool zu positionieren. „Ich möchte viele Menschen erreichen und glücklich machen, weil ich finde, dass Mode und Spaß an der Mode etwas Positives sind“, meinte er.

Einige Jahre lang war die Bread & Butter die weltweit wichtigste Modemesse mit hohem Erlebnischarakter im Bereich urbaner Casual- und Streetware. In gigantischen Inszenierungen wurden Nietenhosen als neue Religion („Denim Religion“) gefeiert, riesige Ausstellungs-Landschaften in den Fliegerhallen und auf dem Rollfeld aufgebaut. Die Millionen wurden nur so herausgehauen – doch irgendwann war Schluss mit der Gigantomanie, viele Aussteller zogen sich zurück und die Bread & Butter musste Insolvenz anmelden. Gleichzeitig reduzierte Mercedes sein Engagement beträchtlich mit einem neuen, wesentlich bescheideneren Veranstaltungskonzept.

Ab 2011 engagierte sich die Frankfurter Messe bei den ersten Öko-Initiativen im Greenshowroom im luxuriösen Adlon-Hotel und in der Ethical Fashion Show im E-Werk, wirkte aber lange eher im Hintergrund der sich rasant entwickelnden Bewegung. Aber die Verantwortlichen der Messe glaubten, dass hier Neues entstand. „Uns gibt es seit über 700 Jahren“, meinte damals ein Sprecher zum Autor, „wenn wir uns für etwas engagieren, dann hat das auch eine Zukunft.“

Neben den, auch von Politikerinnen und Prominenten sehr gut besuchten Catwalks, wurden zahlreiche Begleitveranstaltungen mit Vorträgen und Diskussionen sowie eigene Foren für Influencerinnen entwickelt. Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit stellte hier das neue staatliche Gütesiegel, den „Grünen Knopf“ vor.

neonyt-0884Bei der letzten Fashion Week im Januar 2020 – übrigens wieder in drei Hallen auf dem Tempelhofer Flughafen –  präsentierten über 220 Aussteller nachhaltige Mode mit einer riesigen Bandbreite. Bereits 2019 erfolgte offiziell die vollständige Übernahme durch die Frankfurter Messe unter dem neuen gemeinsamen Namen NEONYT: „Damit liegt der Fokus etwas mehr auf Mode, ohne das Thema Nachhaltigkeit zu verlieren“, hieß es aus Frankfurt.

Einige kümmerliche Messen wie die „Panorama“ oder die Mercedes-Schau werden in der Hauptstadt zurückbleiben, doch das krasse Berliner Lebensgefühl und die kreative Gründungsmentalität lassen sich bestimmt nicht nach Frankfurt transferieren. Die Main-Stadt hat keine kreative Szene, keine so inspirierende und aufregende Orte wie Berlin: Die Frankfurter Messehallen sind einfach langweilig und indiskutabel. Allerdings sind auch die traditionellen Textilfirmen in den letzten Jahren stark unter Druck geraten, nachhaltig zu produzieren. Vielleicht bietet ja der Weg nach Frankfurt die Möglichkeit, Öko-Mode noch stärker durchzusetzen.

Foto (c) Hanswerner Kruse