„Exodus“ eine zwiespältige Choreografie von Sasha Waltz

Seit 25 Jahren erweitert Sasha Waltz mit ihrer Compagnie die Grenzen des Tanztheaters. Bevor die europaweit gefeierte Choreografin im nächsten Jahr die Ko-Leitung des Berliner Staatsballetts übernehmen wird, hat sie mit „Exodus“ einen wohl letzten Grenzgang unternommen.

In den zwei abgedunkelten Sälen des Radialwerks sind einzelne Tänzerinnen und Tänzer wie Wachspuppen in von oben beleuchtete  (Plexi-)Glaskästen eingepfercht. Das Publikum drängt gegen die riesigen Glasscheiben, die es noch vom Saal trennen. Man schwitzt heftig in der beklemmenden Atmosphäre, kriegt wenig Luft, ist trotz des Gedränges isoliert – und ahnt, wie den Eingeschlossenen zumute sein mag. Nach einiger Zeit darf man zwischen den gläsernen Behältern umhergehen, aus denen die Figuren irgendwann befreit werden. Im zweiten, völlig vernebelten Saal ziehen derweil einige Tänzer mit Seilen immer wieder Tänzerinnen in die Höhe.

Die befreiten Akteure treiben dann in traumartiger Atmosphäre absonderliche oder kommunikative Dinge: Einige bemalen den Boden mit Kreide, ein Tanzpaar spielt mit dem Skelett eines Kindes, ein Mann schleppt eine Frau in einem riesigen Rucksack umher. Mitunter vereinigen sich manche zu „richtigen“ Tänzen oder flirten mit Zuschauern, andere lassen sich an Fremden abgleiten oder schreiben und verteilen Zettel mit individuellen Aufforderungen. Man muss sich ständig selbst bewegen, um wenigstens einen Bruchteil der skurrilen Ereignisse erleben zu können. Eine Tänzerin folgt den Kreidespuren, lässt sich von Zuschauern hochheben, ja tragen, um nicht den Boden zu berühren. Mit der Zeit bilden kleine Gruppen Skulpturen in die sie willige Zuschauer mit einbeziehen und durch die andere sich hindurchwinden. Das Ensemble kreiert mit Teilen des Publikums lebende Bilder von Flucht, Entkommen oder Widerstand.

Die Besucher mussten vorher alle Taschen abgeben, dadurch ist nun kaum zu unterscheiden, wer zur Compagnie gehört. Die Tanzenden setzen sich wirklich mutig aus und riskieren viel, trauen und muten aber auch dem Publikum etwas zu! Durch Geräusche oder seltsame Klänge und präzise Lichtspiele entsteht ein gemeinsamer intermediärer Raum, ein Reich zwischen Traum und Realität, das neue Erfahrungen ermöglicht. Aus der Auflösung der trennenden Bühne, den Grenzüberschreitungen der Tanzenden, entsteht kein peinliches Mitmachtheater oder diffuses Happening. Die Aktionen in der ersten Stunde des Abends sind durchchoreografiert und dennoch offen…Aber dann werden die Zuschauer an den Rand gedrängt, endlos bewegt sich auf der wieder rekonstruierten „Bühne“ das Ensemble meist synchron, mal in der Stille, mal zu unterschiedlicher Musik bis zur realen Erschöpfung. Gelegentlich wird das Tanzen durch bizarre Aktionen mit großen Spiegelscheiben, dicken Seilen oder einem riesigen Glaskasten unterbrochen. Doch was man schon im ersten Teil insgeheim befürchtete, geschieht irgendwann: Willige Zuschauende dürfen zu Technomusik mittanzen. Für lange Zeit entsteht echte Berliner Club-Atmosphäre, die zur Stadt gehört wie Curry-Wurst oder Hundehaufen.

Als Tänzer die Party People vertreiben, sich selbst mit dicken Seilen fesseln und Tänzerinnen sie aus dem Saal ziehen, entstehen endlich wieder dichte intensive Momente. Das wäre ein überzeugender Schluss – doch „Exodus“ ist noch lange nicht vorbei: Der Rest dieser Aufführung dehnt sich durch wenig interessante Tänze und Szenen endlos bis zum Überdruss.

Im nächsten Jahr wird Sasha Waltz das Berliner Staatsballett übernehmen, um es zu erneuern und eigene Stücke zu entwickeln. Ihre Compagnie wird unter neuer Leitung das erarbeitete Repertoire von gut 20 Tanzstücken bewahren. „Exodus“ ist also vermutlich die letzte Arbeit der Choreografin mit diesem Ensemble, doch sie ist kein adäquater Höhepunkt ihrer großartigen 25-jährigen Karriere.

Auszug Programmheft
„Mit den Fragen: »Wovor möchtest du fliehen? Was ist für dich Utopia?« nahmen Sasha Waltz und die Tänzer*innen den Einstieg in dieses Projekt. Ausgehend von persönlichen Fluchtimpulsen und Sehnsüchten wurde ein Bewegungsprozess entrollt, in dem die Einzelnen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenfließen. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Krisen und einer Zeit globalen Umbruchs beschreibt ihr kollektiver Körper die Suche nach einem Ausweg….“

INFO
„Exodus“ entstand in Koproduktion mit der Ruhrtriennale. Die Berliner Vorstellungen sind vorbei, die Wiederaufführungen in Bochum vom 15. bis 20. September im Rahmen der Triennale sind ausverkauft.

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FOTOs © Carolin Saage