Neues deutsches fantastisches Kino?

Zwischen Rotkäppchen und Froschkönig:  „Der Nachtmahr“ und „Wild“

Vor einiger Zeit kam der Film „Wild“ der Berliner Regisseurin Nicolette Krebitz in die Kinos, nun folgt „Der Nachtmahr“, ein ähnlich surrealer Streifen des Berliner Filmemachers Akiz. Sind die Filme „Neues Deutsches Fantastisches Kino“ aus der Hauptstadt?

In „Der Nachtmahr“ begegnet ein Teenager kurz vor ihrem 18. Geburtstag einem seltsamen Wesen. Zunächst hat eine Smartphone-App ihr Selfie in ein blindes Ungeheuer – eine Mischung zwischen ET und Embryo – verwandelt. Dann begegnet Antonia dieser Kreatur wirklich, also letztlich sich selbst oder vielleicht nur im Wahn? Die Eltern schicken das verängstigte Mädchen zu einem Psychiater, der sie zur Kommunikation mit dem Geschöpf ermuntert. Widerstrebend nimmt sie Kontakt auf, versorgt es mit Essen und lässt es – wie den Froschkönig – in ihrem Bett schlafen. Eltern und Freundinnen halten das Mädchen für wahnsinnig, doch irgendwann sehen auch sie dieses Tier und rufen panisch die Polizei. Nehmen die Außenstehenden wirklich ein Monster wahr oder ist das nur ein weiteres Hirngespinst Antonias? Am Ende des Films sitzt das Wesen am Steuer eines geklauten Autos und rast mit Antonia durch die Nacht. Ihre Erlebnisse sind weder eine Horrorgeschichte noch ein sanftes Märchen, aber am Ende bleibt offen, ist das nun Realität, Fantasie oder Wahn?

Ähnlich verwirrt verließ man bereits den Film „Wild“, denn der Titel meint ein wirklich wild gewordenes Rotkäppchen. Durch eindringliche Bilder und suggestive Klänge lässt er uns Zuschauer an der Obsession einer, mit ihrem Leben unzufriedenen jungen Frau teilnehmen. Roh und triebhaft verfällt die schüchterne Anias einem echten Wolf. Zunächst fängt sie das wilde Tier und hält es in ihrer Wohnung, die in wenigen Tagen verwüstet wird und – man glaubt es im Kino zu riechen – bestialisch stinkt. Das ungleiche Paar liebt einander und schließlich entfernt Anias sich aus der menschlichen Zivilisation: In einer bizarren Landschaft schlabbert sie mit dem Wolf Wasser aus einer Pfütze und frisst roh die von ihm gefangene Maus. Und wieder die Frage, ist das nun Wirklichkeit, Einbildung oder Irrsinn?

Krebitz und Akiz wollten, unabhängig voneinander, keine Horrorfilme machen und stellten ihre Streifen auf ausländischen Festivals – in Toronto bzw. Locarno – vor, wo sie begeistert aufgenommen wurden. Denn in Deutschland finden hier produzierte Fantasy- oder Horror-Streifen keine Anerkennung, meist sind sie auch nur dröge Imitate ausländischer Produktionen. Akiz freute sich, dass sein Film mit den expressionistischen Stummfilmen der deutschen Regisseure Fritz Lang („Dr. Mabuse“) und F. W. Murnau („Nosferatu“) aus den 1920er-Jahren verglichen wurde.

Deren Merkmale waren, wenige Jahre nach dem Grauen des ersten Weltkriegs, das Erkunden menschlicher Abgründe in düsterer Atmosphäre und alptraumartige Schreckensvisionen. Im Gegensatz zum expressionistischen Kino enden die beiden Berliner Filme jedoch (scheinbar?) optimistisch. Beide entwickeln Strukturen typisch deutscher Märchen: Es geschehen unglaublich absonderliche Dinge, die den Protagonistinnen (bald) keine Angst mehr machen. Sie ähneln den Grimm’schen Erzählungen und legen den wilden Kern, etwa vom „Froschkönig“ oder „Rotkäppchen“ bloß. Auch wenn diese Filme nur in wenigen Kinos laufen, könnten sie der Beginn eines neuen fantastischen Kinos werden, das in expressionistischer Tradition deutsche Märchen spannend und eigenwillig interpretiert.

„Der Nachtmahr“ D 2015, 88 Minuten, ohne Altersangabe
Regie Akiz, mit Carolyn Genzkow und anderen. Filmstart 26. Mai 2016

„Wild“, D 2016, 97 Minuten, ab 16 Jahren
Regie Nicolette Krebitz, mit Lilith Stangenberg und anderen. Bereits angelaufen (14. April 2016)

 

FOTO Kein traditionelles Rotkäppchen – Ania und der Wolf… © NFP-Verleih