Wenn ruhige Figuren und feine Zeichnungen einander begegnen“

Drei neue Frühjahrsausstellungen sind soeben in der Kunststation eröffnet worden, dazu die kleine Studioschau. Eine der großen Präsentationen trägt den Titel „Erfüllte Stille“ und vereint Skulpturen von Annette Meincke-Nagy mit Zeichnungen von Christiane Schlosser.

Gleich zu Beginn begegnen uns übergroße Köpfe der Bildhauerin auf hohen Sockeln, später auch lebensgroße Frauenbüsten. Alle Gesichter wirken entspannt, mal in sich gekehrt, mal herausfordernd – aber immer ohne dramatischen Ausdruck. Auch viele in der Ausstellung verteilte, vollständig modellierte Figuren sitzen meist recht zurückhaltend auf Sockeln zusammen und ruhen in sich. Sie sind leicht verkleinert modelliert, Körper und Antlitze vermitteln dieselbe Haltung. Manche sind leicht einander zugewandt, andere wirken völlig versunken und scheinen sich selbst zu genügen. Alle halten inne und sind still…

Diese Geschöpfe sind keine Porträts wirklicher Personen, individuelle Züge sind bewusst reduziert, auch wenn Meincke-Nagy Vorbilder aus Kunstgeschichte oder ihrer eigenen Fantasie aufgreift. Aufträge übernimmt sie nicht. Ihre Plastiken verkörpern letztlich Menschen mit archetypischem Ausdruck.

Die Skulpturen wachsen auf einem Drahtgerüst. Langsam werden sie Schicht für Schicht aus einer Papier- und Leimmasse modelliert, der Quarzsand und Pigmente beigemischt sind. So entstehen die leicht körnigen Oberflächen und die zurückhaltend gefassten Farben. Oft weiß die Künstlerin noch gar nicht, was bei ihrer Gestaltung herauskommt. Viele Figuren verselbstständigen sich, treten ihr gewissermaßen gegenüber. In ihrer Wohnung und im Atelier tauchen sie später sogar als „Mitbewohner“ auf, wie sie erzählt.

Ein deutlicher Gegensatz zu ihren dreidimensionalen Wesen sind die feinen Zeichnungen auf ungerahmten Blättern an den Wänden. Von weitem sind diese Grafiken von Christiane Schlosser kaum zu erkennen. Sie zwingen – oder erlauben – uns ganz nah an sie heranzutreten. Dann erfasst man fein getuschte Schlangenlinien oder zarte Reihen aus Punkten, Strichen und Häkchen in enger Folge – die gelegentlich gewandelt oder unterbrochen werden. Wir können sie Zeile für Zeile lesen, von links oben nach rechts unten, und nachspüren, wo die Künstlerin Entscheidungen für Variationen treffen wollte. Überraschenderweise drängten sich viele Leute in der Vernissage lange vor den Blättern und folgten aufmerksam den feinen Notationen.

Für Besucher haben diese Bilder etwas Meditatives. Die Künstlerin selbst sieht das nicht so, sie empfindet ihre Arbeit als hochkonzentriert und anstrengend, muss deshalb oft innehalten. Ihre Arrangements stellen nichts dar, sind serielle und doch irgendwie poetische Gebilde, jeweils in ihrem ganz eigenen Rhythmus, der aber ständig variiert wird. Irgendwann hat man dann das Gefühl, die Werke seien Partituren, man könnte sie auch singen, in musikalische Klänge verwandeln oder sogar tanzen. 

Am Ende des Rundgangs spürt man, wie stark die stillen Bilder mit den ruhigen Menschenfiguren korrespondieren. Beide Künstlerinnen haben zuvor noch nie gemeinsam ausgestellt – zusammengeführt wurden sie erst durch die Kunststation.


Service:
Frühjahrsausstellungen bis 31. Mai 2026
Öffnungszeiten der Kunststation: Di. bis So. und an Feiertagen 13-18 Uhr

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