„Anne Frank“ – der neue Film

„Ich brauche keine Drogen, keinen Alkohol, ich brauche einfach nur das Spielen!“ Ein Gespräch mit Lea van Acken über ihre Rolle als Anne Frank

Lea ist eine sehr charmante aber bescheidene siebzehnjährige Gymnasiastin, die durch Theater-Workshops und Statistenrollen Lust auf die Filmarbeit bekam. Für sie überraschend erhielt sie die Hauptrolle im Film „Kreuzweg“, der 2015 auf der Berlinale mit dem Silberbär prämiert wurde und spielte, das erwähnt sie so nebenbei, in der TV-Serie „Homeland“ mit. Für die Rolle der Anne Frank wurde sie von Regisseur Hans Steinbichler angefragt. Bis dahin hatte sie deren Tagebuch noch nicht gelesen, sich dann jedoch intensiv damit für das Casting und die Filmarbeit beschäftigt. Zur Vorbereitung der Rolle schrieb sie Briefe an Anne, in denen sie von sich und ihrem Alltag berichtete. Anfangs fand sie Anne respekteinflößend, doch dann wurde die „eine Art Freundin“ und Lea freute sich einfach nur noch auf den Dreh.

Hwk:   War Anne ein ganz normales Mädchen?

Lea:     Ja, sie war zwar ihrem Alter weit voraus, hatte ein großes Schreibtalent, war viel selbstreflektierender als andere in dem Alter. Doch sie hatte die gleichen Probleme, wie andere Dreizehn- oder Vierzehnjährige auch. Ihren Wunsch nach Leben, den kennen wir ja alle. Sie war ein besonderes, aber auch ein sehr normales Mädchen. Wir wollten sie vom Sockel herunterholen und mit ihren Ecken und Kanten zeigen.

Hwk:   Kann sie dennoch ein Vorbild für die Kids von heute sein?

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Michael Moore „Where to Invade Next“

Ein krasses Reisetagebuch – ein Filmemacher zieht raubend und plündernd durch Europa

Die Krieger im Pentagon stöhnen, seit dem 2. Weltkrieg hätten sie keinen Krieg mehr siegreich beendet, nicht in Korea, nicht in Vietnam, nicht im Irak… Die Truppen bräuchten mal Pause, meint der zu Hilfe gerufene Oscar-Preisträger Michael Moore, sie sollten ihn mal machen lassen. Also zieht der Einzelkämpfer mit der amerikanischen Flagge in der Hand auf der MS Reagan nach Europa, um hier das Beste zu rauben.

Zunächst kommt er nach Italien, „wo die Menschen immer so aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt.“ Als sich herausstellt, dass die Menschen dort auf gut acht Wochen Urlaub im Jahr kommen, wundert ihn das zu Opernmusik und Bilder von arbeitenden Menschen gar nicht mehr. „Ich bin als Ein-Mann-Armee hier einmarschiert und werde diese Idee mitnehmen“, erklärt Moore.

In Frankreich besucht er eine 3-Sterne-Küche, die sich als Schulkantine entpuppt. Das dreiteilige Menü dort wird amerikanischem Fast Food gegenübergestellt. „Iihhhh!“, rufen die französischen Kindern, „Die armen Kids!“, stöhnt der französische Koch. Moore klaut das französische Essen und zieht weiter nach Finnland, in dem die Menschen seltsame Sportarten wie Handyweitwerfen oder Frauentragen praktizieren. Er kann es kaum glauben, dass es nur 20 Schulstunden pro Woche und niemals Hausaufgaben gibt, obwohl die Finnen doch weltweit die besten Schüler hervorbringen. Weiterlesen →

„Das Salz der Erde“ und der Katalog „Genesis“ – Material zu SEBASTIÃO SALGADO

Porträt eines hoffenden Künstlers: Wim Wenders Doku „Das Salz der Erde“

„Salgado macht Bilder von Menschen, denn die sind das Salz der Erde“, erklärt Wenders den Titel seines Films. Die erstaunlich spannende und berührende Dokumentation wurde für den Oscar nominiert und liegt jetzt auch als DVD (NFP) vor.

„Ich wollte herausfinden, warum dieser Fotograf seit vielen Jahren so einen starken Eindruck auf mich macht“, sagt Wim Wenders über seine Dokumentation „Das Salz der Erde“. Der 1944 in São Paulo geborene und aufgewachsene Salgado hatte eine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler vor sich, aber seit seinem 26. Lebensjahr widmete er sich ausschließlich der Fotografie. Zunächst reiste er durch die USA, später häufig durch Südamerika, und fotografierte ausgebeutete, am Rand der Gesellschaft lebende Menschen. „Das Leben, das er gesehen hatte, veränderte ihn, seine Fotografien bekamen eine andere Bedeutung“, berichtet Wenders.

Salgado dokumentierte mit seiner eigenartigen schwarz-weißen Fototechnik jahrzehntelang das Leid hungernder, vertriebener oder sterbender Menschen in Mali, Ruanda und anderen Ländern… Weiterlesen →

Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne in Ost-Hessen

„Dawei! Dawei! Die Russen kommen“, hieß es am Wochenende im Bergrestaurant in Hutten-Heiligenborn. Die vierköpfige Combo „Apparatschik“ ließ es am Heiligenborn mächtig krachen und trieb fast alle Besucher auf die Tanzfläche.

Die Berliner VolXmusiker, wie sich selbst nennen, kamen recht verwegen daher. Einige trugen militärische Kleidung, guckten grimmig und brachten allerlei seltsame Instrumente mit: Eine riesige Kontrabass-Balalaika, ein Knopfakkordeon, andere hier unbekannte Zupfinstrumente. Damit boten sie einerseits Klänge dar, die wohl ihre Wurzeln in der „großrussischen“ Folklore haben. Andererseits schufen sie mit klassischem Schlagzeug und dem wuchtigen Bass einen gnadenlos in die Beine fahrenden Grundrhythmus, den man getrost dem Genre „Bass ’n Drums“ zuordnen darf.

Dazu sangen die Musikanten kehlige Lieder in Russisch, Ukrainisch oder anderen bei uns selten zu hörenden Sprachen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit der fühlen sie sich kulturell – heftig augenzwinkernd – verbunden: „Taiga Tunes & Soviet Grooves“ verkündete, etwas unübersetzbar, ihr Plakat im Hintergrund. Bei den Darbietungen gab es auch Ska- und Reggae-Anklänge sowie einige Balladen, etwa den französischen Chanson „Natalie“ oder das herzerweichende „Kamuschka“.

Seit bereits einem Vierteljahrhundert gibt es diese Gruppe schon, die sich in Berlin zusammenfand, normalerweise musiziert sie in größeren Hallen. Doch der Auftritt in der Clubatmosphäre des Bergrestaurant schien dem Quartett mächtig Spaß zu machen – Matrosov, Mischa, Pasha und Udarnik witzelten herum, trieben sich gegenseitig zum schnelleren Spiel an, rockten gegen den Rhythmus oder improvisierten hohe, schrille Töne auf ihren seltsamen Zupfinstrumenten.

Anfangs waren die sehr vielen Zuhörer noch etwas verhalten, aber ohne große Animation durch die „Apparatschiks“ begannen sie zu klatschen, mitzusingen (!) und vor allem zu tanzen. Freundlicherweise hatten die Veranstalter die Tanzfläche freigeräumt, so dass die Band sich als „Dance Party Committee“ (Plakat), frei übersetzt als Parteiausschuss zum Tanzen, entfalten konnte. „Demnächst wird die Gruppe noch einmal wiederkommen“, freute sich die heftig mittanzende Veranstalterin Gisela Petsch.

FOTO Hanswerner Kruse: Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne

Infos und Musikbeispiele: http://www.apparatschik.com

Märchenhaftes Tanztheater in Hessen – sind getanzte Märchen alter Plunder?

Momentan werden bekannte alte Märchen in den Hessischen Staatstheatern getanzt: In Kassel wurde „Aurora“ nach „Dornröschen“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky uraufgeführt, in Darmstadt hatte Sergej Prokofjews „Aschenputtel“ Premiere. Wie gehen zeitgenössische Choreografen mit verstaubten Ballettvorlagen des 19. Jahrhunderts um?

In seiner letzten Kasseler Choreografie ließ Johannes Wieland von seinem Ensemble den Bühnenboden aufreißen, wohl damit die Tanzenden dem auf den Brettern gezeigten Irrsinn entkommen konnten. Nun entkleidet er radikal „Dornröschen“ um den Ballast des Märchens und konzentriert sich auf die pubertierende 16-jährige Aurora (Morgenröte), wie Dornröschen bei Tschaikowsky heißt. Die einhundert Jahre im Märchenschlaf werden als ihre ohnmächtige Verzweiflung und ihr Ringen um Identität interpretiert:

Aurora ist einsam, sie rebelliert, sie leidet, sie widersetzt sich ihren Zurichtungen als Frau. Die Tanzenden vervielfachen unterschiedliche Auroras, zerren sie tanzend an den Haaren, zwingen sie in weibliche Posen. Das Ensemble nutzt alle Varianten des zeitgenössischen Tanzes, dazu Akrobatik, Alltagsgesten, lebende Bilder. Es gibt keine klassischen Ballettfiguren, nicht einmal als ironisches Zitat. Das Stück erzählt keinesfalls Dornröschens Geschichte sondern bietet den Zuschauern offene, interpretierbare Assoziationen an. Zur Erklärung legt es allenfalls Spuren: „Ich bin immer noch 16 Jahre und sterbe“, schreit eine Aurora ins Publikum. Weiterlesen →

Zum Schluss bleibt die einsame Frau unter dem Mond – die Contemporary Dance Company in Fulda

Die israelische „Kibbuz Contemporary Dance Company“ war mit ihrem Stück „If at all“ zu Gast im Schlosstheater Fulda und berührte das Publikum mit erstaunlichen und abwechslungsreichen Tanzbildern.

Die schwarze Bühne ist kahl. Nur an der Rückwand leuchtet ein Vollmond. Davor eine Tänzerin. Sie reckt und verbiegt sich, erkundet Bewegungen… bis plötzlich zu laut dröhnender Musik das ganze Ensemble in die meditative Übung hineinbricht und wieder verschwindet. Sieben Tänzer bleiben, knien am Bühnenrand und suggerieren mit synchronen Bewegungen ermüdende Arbeit und grimmigen Kampf. Dann liegen sie erschöpft nebeneinander, ein Tänzer erhebt sich, zelebriert ein Solo mit bizarren doch fließenden Bewegungen, legt sich wieder in die Reihe, während der nächste zu tanzen beginnt.

Häufig zeigt die Compagnie ihre ungeheure Kraft und Energie in mächtigen Ensembleszenen, aus denen sich Einzelne mit Solotänzen lösen. Ihre individuellen Bewegungen werden von der Gruppe aufgenommen oder variiert, die Tanzenden werden nicht vom Kollektiv verschlungen. Rami Be’er, der Leiter der achtzehnköpfigen Gruppe schweigt zur Bedeutung seiner Choreografien, wirft das Publikum auf sich selbst zurück: „Kunst kann nicht die Welt verändern. Doch Tanz kann Fragen stellen, und zwar Fragen, die mit unserer Realität zu tun haben“, sagte er in einem Interview. Weiterlesen →

„Traumfrauen“ – ein Film von Anika Decker mit Iris Berben, Elyas M’Barek…

„Traumfrauen“ ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Anika Decker („Keinohrhasen“, „Rubbel die Katz“). Der Film ist eine nette Komödie, die aber mit bekannten Schauspielern großartig besetzt ist.

Margaux (Iris Berben) wird nach 35-jähriger Ehe von ihrem Mann verlassen. „Er ist von mir gegangen“, erzählt sie verschämt, denn nun lebt er mit seiner wesentlich jüngeren Physiotherapeutin zusammen. Ihre Freundin Gundula (Margarita Broich) ist empört: „Die jungen Dinger machen Sachen im Bett, da verfallen denen doch unsere Männer! Wir hatten ja nur Hauswirtschaftslehre in der Schule“

Margaux Töchter haben ebenfalls Liebeskummer, denn die jungen Männer sind auch nicht so toll. Der Freund von Leni (Hannah Herzsprung) hat plötzlich ein Kind mit einer anderen Frau. Ihre unsichere Schwester Hannah (Karoline Herfurth) quält sich mit den Machos in einer renommierten Anwaltskanzlei herum. Ein Kollege möchte lieber das neue Kugellager an seinem Fahrrad ausprobieren, als Sex mit ihr zu haben… Weiterlesen →

„Risiken…“ Berlinale Blog (3) 7. Februar 2015

„Sie sind ‚ne faule Sau! Sie riskieren nichts!“, beschimpft Michael Keaton als „Birdman“ im gleichnamigen Film die Kritikerin der New York Times. Eigentlich wollte ich mit diesem Zitat eine Schelte der ewig herumnörgelnden Kollegen beginnen.

Aber nach der großartigen Leistung Nicole Kidmans in dem gestern von mir gesehenen Film „Queen oft the Desert“ schreibe ich doch lieber etwas über das Risiko des Filmemachens. In den ersten beiden Beiträgen des Wettbewerbs gehen Juliette Binoche („Nobody wants the night“) und Kidman das große Risiko ein, jeweils den Film alleine zu tragen. Sie sind in fast jeder Szene präsent und verändern sich dramatisch in ihren Rollen. Sie verkörpern starke, eigensinnige Frauen des gehobenen Bürgertums, die zum Beginn des 20. Jahrhunderts unbeirrt das Risiko wagten, in Eis- oder Sandwüsten zu gehen. Beide Frauen haben wirklich gelebt, jedoch sind die Filme keine Dokumentationen. „Es geht eher darum, die Persönlichkeit zu erkennen und zu zeigen“, meinte Regisseur Werner Herzog gestern auf der Pressekonferenz und Kidman fügte hinzu: „Wir wollten vor allem eine glaubwürdige Geschichte erzählen.“

Ein wirklich großes Risiko geht der im Iran wegen „Propaganda gegen das System“ mit Berufsverbot belegte Filmemacher Jafar Panahi ein. Bereits im letzten Jahr zeigte er trotz des Verbots der iranischen Regierung auf der Berlinale den Film „Pardé“, der nach seinen Anweisungen von einem Ko-Regisseur gedreht wurde. Im jetzigen Wettbewerbsfilm „Taxi“ chauffiert er selbst Bekannte und Fremde durch Teheran, diskutiert, scherzt oder streitet mit ihnen vor der im Auto eingebauten Kamera. Das ist nicht nur ein enormes politisches sondern auch ein cineastisches Risiko, aber dieser Film ist erstaunlich spannend und interessant.

Foto (Handy):
Die Pressevorführung war extrem voll, ich konnte lediglich dieses Handy-Foto aus der hintersten Reihe machen…

Mukashi, mukashi… Japanische Märchen und der Einfluss der Brüder Grimm

Zum Buch “Geschichten aus Tono” des Steinauer Grimm-Hauses (1)

Gerade ist das Begleitbuch zur Herbstausstellung „Kizen Sasaki – der japanische Grimm“ im Steinauer Grimm-Hauses erschien. Es enthält die erste deutsche Übersetzung der frühesten Sammlung japanischer Volkserzählungen, das „Tono Monogatari“ (Geschichten aus Tono).

Diese, im Buch reich illustrierten Texte wurden in der Gegend um die Stadt Tono im Norden Japans gesammelt und 1910 veröffentlicht. Museumsleiter Burkhard Kling hat sie erstmalig vom Englischen ins Deutsche übersetzt und kommentiert. „Über 100 Bücher haben die Japaner gerade bestellt“, erzählt Kling strahlend und meint, „zur Ausstellung war die Herausgabe des Buches noch nicht gesichert. Ohne die Unterstützung des Hessischen Ministers für Wissenschaft und Kunst wäre sie gar nicht möglich gewesen.“ Weiterlesen →

Kunstspaziergang durch Istanbul

Istanbul bietet nicht nur orientalisches Flair in der Hagia Sophia, den Gärten der Sultane oder im Großen Basar, sondern auch eine interessante, moderne Kunstszene.

Auf der Istiklai Caddesi, der mondänen Einkaufsstraße, drängeln sich täglich unzählige Menschen. Bereits hier lockt der Raum für Kunst ARTER derzeit mit provozierenden Kunstwerken aus Süd-Ost-Asien: Unechte erotische Geldscheine, klassische chinesische Bodenvasen mit aufgemalten Kanonen, Blechkronen aus recycelten Dosen oder Fantasieuniformen mit absonderlichen Orden. Auf fünf Etagen inszeniert die private Stiftung Koç seit 2010 wechselnde Ausstellungen.

Auch das Museum Istanbul Modern wird hauptsächlich von einem Mäzen unterstützt. Hinter einer Moschee liegt die ehemalige Lagerhalle mit 8.000 qm Ausstellungsfläche direkt am Bosporus. Seit 2004 wird in der oberen Etage mit „Geçmiş ve Gelecek“ (Vergangenheit und Zukunft) eine dauerhafte, spektakuläre Mischung türkischer und internationaler Kunst präsentiert. Weiterlesen →