„Grüße aus Fukushima“ von Doris Dörrie

Filmbesprechung und Kurzinterview mit der Regisseurin

Kann der erste Spielfilm aus Fukushima, dem Ort der japanischen Atomkatastrophe von 2011, auch andere Leute als Öko-Aktivisten und AKW-Gegner ins Kino locken? Ja, er kann, das neue Werk von Doris Dörrie (60) ist ein sehr poetischer und sogar humorvoller Film geworden: Jetzt kommt „Grüße aus Fukushima“ auf die Leinwand.

Marie (Rosalie Thomass) kommt nach Japan, um als Clown zusammen mit einheimischen Clowns Überlebende der Katastrophe in Notunterkünften am Rande der Sperrzone zum Lachen zu bringen. Aber die junge Frau fühlt sich fremd in dem unbekannten Land. „Ich bin ein verwöhntes deutsches Mädchen“, muss sie feststellen – und will heimlich verschwinden. Doch Satomi (Kaori Momoi), eine Überlebende der Katastrophe, bittet die Deutsche, sie in die Sperrzone zu fahren. Dort will die Frau ihr zerstörtes Haus wieder aufbauen. Nur widerstrebend lässt sich die Geisha von Marie helfen. Gerne schurigelt die Al- te das Mädchen, etwa wenn sie ihr zeigt, wie man in Japan zu sitzen hat, damit die Schamgegend versteckt ist. „Sie sind elegant“, sagt Marie zu Satomi. „Du bist ein Elefant und viel zu groß für mein Haus“, antwortet die Japanerin… Weiterlesen

Das rekonstruierte Triadische Ballett von Oskar Schlemmer

Der Höhepunkt des Festivals Tanzplattform 2016 im Rhein-Main-Gebiet:

Das rekonstruierte Triadische Ballett des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer wurde am Wochenende zweimal im Darmstädter Schauspiel aufgeführt. Es war eine vom Publikum bejubelte Sensation und wohl der Höhepunkt des Festivals Tanzplattform 2016.

Wie ein Brummkreisel erscheint auf der leeren Bühne eine Tänzerin mit einem starren bunten Rock. Behutsam bewegt sich die Figurine zu schnarrenden, fiependen, kratzenden Tönen, beugt sich vor oder seitwärts, immer wieder friert sie ein und erschafft sich ständig so als neue lebende Skulptur. Dann folgen zaghafte Ballettschritte, die komisch aber zugleich fremdartig wirken. Eine freudlos wirkende Gestalt ohne Arme, mit künstlichem Kopf, seltsam aufgebollerten Hosen und langen orangefarbenen Trotteln am Hals taucht auf. Durch unbeholfene Bewegungen macht sie auf sich aufmerksam. Zu weiterhin schrägen Geräuschen kommen beide Wesen in Kontakt, versuchen synchrone Tanzschritte – und trennen sich.

Es folgen immer neue Figurinen, einzeln, zu zweit oder zu dritt schaffen sie lebende Bildwerke: Ein ausgestopfter Tänzer, ein clownhaftes Wesen, ein klappernder hölzerner Hampelmann, später auch düstere Figuren mit kriegerischen Allüren, eine Tänzerin umhüllt von Drahtgebinden, eine dicke Kugel mit Kopf und Beinen. Weiterlesen

Die Hitze hinter dem Türsteher – Start der Tanzplattform 2016

Vor kurzem hat Bundespräsident Joachim Gauck unser Tanzjahr 2016 ausgerufen, das jetzt mit einem Festival zeitgenössischer Choreografien im Rhein-Main-Gebiet beginnt. Die Festspiele Tanzplattform starteten mit „Not Punk, Pololo“ im Frankfurter Schauspiel.

Wie bitte?“, ruft eine kleine, weiße Tänzerin unermüdlich zu ihren ruckartigen Bewegungen ins Mikro. Wie bitte, dieser Freistil soll Tanzkunst sein? Lange Zeit fragt man sich, was das unbekümmerte akrobatische, oft erotische Gehopse – das an US-amerikanische Ghettotänze oder westafrikanische religiöse Zeremonien erinnert – eigentlich soll.

Die zu Beginn auf die Bühne geschlurften Musiker entpuppen sich als hervorragende Instrumentalisten, die von Hip Hop, Techno und Rock bis zu afrikanischer Musik alle Stile beherrschen. Zu ihnen gesellen sich neun dünne oder üppige, lange oder kleine, schwarze, braune oder weiße Tänzerinnen und Tänzer, die sich gegenseitig wilde Bewegungen vorführen, sie auch zusammen erkunden, in einen Dialog treten. Dazu rappen sie über ihr Leben, einer erinnert mit seinen hitzigen Gesängen an den jungen James Brown.

Mal fühlt man sich, als wäre man an den Türstehern internationaler Clubs vorbeigeschlichen, mal meint man, den ersten spaßigen Improvisationen einer Compagnie beizuwohnen. Lange ist man aber auch ratlos, verwirrt, verärgert. Wie bitte? Mit diesem seltsamen Treiben soll ein Tanzjahr beginnen? Doch dann kippt der Abend… Weiterlesen

Nachruf auf die Künstlerin Dorle Obländer

Ende Februar starb die Malerin und Bildhauerin Dorle Obländer mit 68 Jahren. Sie war eine weit über den Bergwinkel hinaus bekannte Künstlerin.

Von Hanswerner Kruse

„Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt. / Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes / grausames Etwas, das ein Schönverbundnes / noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.“ (Rilke)

Wie haben wir in den letzten Monaten gefühlt, was Abschied heißt – Dorles Familie, Freundinnen und Freunde, Künstlerkollegen, Verehrer ihrer Kunst. Nach dem Ausbruch der unheilbaren Krankheit im Herbst letzten Jahres trafen wir uns im Supermarkt. In der Schlange an der Kasse sprach die Künstlerin von sich als „Die Todgeweihte“. Ihre Worte hatten etwas erschreckend Ironisches aber zugleich auch atemberaubend Offenes: Sie, die Todgeweihte, ging mit ihrem Abschied offen um.

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„Anne Frank“ – der neue Film

„Ich brauche keine Drogen, keinen Alkohol, ich brauche einfach nur das Spielen!“ Ein Gespräch mit Lea van Acken über ihre Rolle als Anne Frank

Lea ist eine sehr charmante aber bescheidene siebzehnjährige Gymnasiastin, die durch Theater-Workshops und Statistenrollen Lust auf die Filmarbeit bekam. Für sie überraschend erhielt sie die Hauptrolle im Film „Kreuzweg“, der 2015 auf der Berlinale mit dem Silberbär prämiert wurde und spielte, das erwähnt sie so nebenbei, in der TV-Serie „Homeland“ mit. Für die Rolle der Anne Frank wurde sie von Regisseur Hans Steinbichler angefragt. Bis dahin hatte sie deren Tagebuch noch nicht gelesen, sich dann jedoch intensiv damit für das Casting und die Filmarbeit beschäftigt. Zur Vorbereitung der Rolle schrieb sie Briefe an Anne, in denen sie von sich und ihrem Alltag berichtete. Anfangs fand sie Anne respekteinflößend, doch dann wurde die „eine Art Freundin“ und Lea freute sich einfach nur noch auf den Dreh.

Hwk:   War Anne ein ganz normales Mädchen?

Lea:     Ja, sie war zwar ihrem Alter weit voraus, hatte ein großes Schreibtalent, war viel selbstreflektierender als andere in dem Alter. Doch sie hatte die gleichen Probleme, wie andere Dreizehn- oder Vierzehnjährige auch. Ihren Wunsch nach Leben, den kennen wir ja alle. Sie war ein besonderes, aber auch ein sehr normales Mädchen. Wir wollten sie vom Sockel herunterholen und mit ihren Ecken und Kanten zeigen.

Hwk:   Kann sie dennoch ein Vorbild für die Kids von heute sein?

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Michael Moore „Where to Invade Next“

Ein krasses Reisetagebuch – ein Filmemacher zieht raubend und plündernd durch Europa

Die Krieger im Pentagon stöhnen, seit dem 2. Weltkrieg hätten sie keinen Krieg mehr siegreich beendet, nicht in Korea, nicht in Vietnam, nicht im Irak… Die Truppen bräuchten mal Pause, meint der zu Hilfe gerufene Oscar-Preisträger Michael Moore, sie sollten ihn mal machen lassen. Also zieht der Einzelkämpfer mit der amerikanischen Flagge in der Hand auf der MS Reagan nach Europa, um hier das Beste zu rauben.

Zunächst kommt er nach Italien, „wo die Menschen immer so aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt.“ Als sich herausstellt, dass die Menschen dort auf gut acht Wochen Urlaub im Jahr kommen, wundert ihn das zu Opernmusik und Bilder von arbeitenden Menschen gar nicht mehr. „Ich bin als Ein-Mann-Armee hier einmarschiert und werde diese Idee mitnehmen“, erklärt Moore.

In Frankreich besucht er eine 3-Sterne-Küche, die sich als Schulkantine entpuppt. Das dreiteilige Menü dort wird amerikanischem Fast Food gegenübergestellt. „Iihhhh!“, rufen die französischen Kindern, „Die armen Kids!“, stöhnt der französische Koch. Moore klaut das französische Essen und zieht weiter nach Finnland, in dem die Menschen seltsame Sportarten wie Handyweitwerfen oder Frauentragen praktizieren. Er kann es kaum glauben, dass es nur 20 Schulstunden pro Woche und niemals Hausaufgaben gibt, obwohl die Finnen doch weltweit die besten Schüler hervorbringen. Weiterlesen

„Das Salz der Erde“ und der Katalog „Genesis“ – Material zu SEBASTIÃO SALGADO

Porträt eines hoffenden Künstlers: Wim Wenders Doku „Das Salz der Erde“

„Salgado macht Bilder von Menschen, denn die sind das Salz der Erde“, erklärt Wenders den Titel seines Films. Die erstaunlich spannende und berührende Dokumentation wurde für den Oscar nominiert und liegt jetzt auch als DVD (NFP) vor.

„Ich wollte herausfinden, warum dieser Fotograf seit vielen Jahren so einen starken Eindruck auf mich macht“, sagt Wim Wenders über seine Dokumentation „Das Salz der Erde“. Der 1944 in São Paulo geborene und aufgewachsene Salgado hatte eine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler vor sich, aber seit seinem 26. Lebensjahr widmete er sich ausschließlich der Fotografie. Zunächst reiste er durch die USA, später häufig durch Südamerika, und fotografierte ausgebeutete, am Rand der Gesellschaft lebende Menschen. „Das Leben, das er gesehen hatte, veränderte ihn, seine Fotografien bekamen eine andere Bedeutung“, berichtet Wenders.

Salgado dokumentierte mit seiner eigenartigen schwarz-weißen Fototechnik jahrzehntelang das Leid hungernder, vertriebener oder sterbender Menschen in Mali, Ruanda und anderen Ländern… Weiterlesen

Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne in Ost-Hessen

„Dawei! Dawei! Die Russen kommen“, hieß es am Wochenende im Bergrestaurant in Hutten-Heiligenborn. Die vierköpfige Combo „Apparatschik“ ließ es am Heiligenborn mächtig krachen und trieb fast alle Besucher auf die Tanzfläche.

Die Berliner VolXmusiker, wie sich selbst nennen, kamen recht verwegen daher. Einige trugen militärische Kleidung, guckten grimmig und brachten allerlei seltsame Instrumente mit: Eine riesige Kontrabass-Balalaika, ein Knopfakkordeon, andere hier unbekannte Zupfinstrumente. Damit boten sie einerseits Klänge dar, die wohl ihre Wurzeln in der „großrussischen“ Folklore haben. Andererseits schufen sie mit klassischem Schlagzeug und dem wuchtigen Bass einen gnadenlos in die Beine fahrenden Grundrhythmus, den man getrost dem Genre „Bass ’n Drums“ zuordnen darf.

Dazu sangen die Musikanten kehlige Lieder in Russisch, Ukrainisch oder anderen bei uns selten zu hörenden Sprachen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit der fühlen sie sich kulturell – heftig augenzwinkernd – verbunden: „Taiga Tunes & Soviet Grooves“ verkündete, etwas unübersetzbar, ihr Plakat im Hintergrund. Bei den Darbietungen gab es auch Ska- und Reggae-Anklänge sowie einige Balladen, etwa den französischen Chanson „Natalie“ oder das herzerweichende „Kamuschka“.

Seit bereits einem Vierteljahrhundert gibt es diese Gruppe schon, die sich in Berlin zusammenfand, normalerweise musiziert sie in größeren Hallen. Doch der Auftritt in der Clubatmosphäre des Bergrestaurant schien dem Quartett mächtig Spaß zu machen – Matrosov, Mischa, Pasha und Udarnik witzelten herum, trieben sich gegenseitig zum schnelleren Spiel an, rockten gegen den Rhythmus oder improvisierten hohe, schrille Töne auf ihren seltsamen Zupfinstrumenten.

Anfangs waren die sehr vielen Zuhörer noch etwas verhalten, aber ohne große Animation durch die „Apparatschiks“ begannen sie zu klatschen, mitzusingen (!) und vor allem zu tanzen. Freundlicherweise hatten die Veranstalter die Tanzfläche freigeräumt, so dass die Band sich als „Dance Party Committee“ (Plakat), frei übersetzt als Parteiausschuss zum Tanzen, entfalten konnte. „Demnächst wird die Gruppe noch einmal wiederkommen“, freute sich die heftig mittanzende Veranstalterin Gisela Petsch.

FOTO Hanswerner Kruse: Die „Apparatschik“ auf der Bergbühne

Infos und Musikbeispiele: http://www.apparatschik.com

Märchenhaftes Tanztheater in Hessen – sind getanzte Märchen alter Plunder?

Momentan werden bekannte alte Märchen in den Hessischen Staatstheatern getanzt: In Kassel wurde „Aurora“ nach „Dornröschen“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky uraufgeführt, in Darmstadt hatte Sergej Prokofjews „Aschenputtel“ Premiere. Wie gehen zeitgenössische Choreografen mit verstaubten Ballettvorlagen des 19. Jahrhunderts um?

In seiner letzten Kasseler Choreografie ließ Johannes Wieland von seinem Ensemble den Bühnenboden aufreißen, wohl damit die Tanzenden dem auf den Brettern gezeigten Irrsinn entkommen konnten. Nun entkleidet er radikal „Dornröschen“ um den Ballast des Märchens und konzentriert sich auf die pubertierende 16-jährige Aurora (Morgenröte), wie Dornröschen bei Tschaikowsky heißt. Die einhundert Jahre im Märchenschlaf werden als ihre ohnmächtige Verzweiflung und ihr Ringen um Identität interpretiert:

Aurora ist einsam, sie rebelliert, sie leidet, sie widersetzt sich ihren Zurichtungen als Frau. Die Tanzenden vervielfachen unterschiedliche Auroras, zerren sie tanzend an den Haaren, zwingen sie in weibliche Posen. Das Ensemble nutzt alle Varianten des zeitgenössischen Tanzes, dazu Akrobatik, Alltagsgesten, lebende Bilder. Es gibt keine klassischen Ballettfiguren, nicht einmal als ironisches Zitat. Das Stück erzählt keinesfalls Dornröschens Geschichte sondern bietet den Zuschauern offene, interpretierbare Assoziationen an. Zur Erklärung legt es allenfalls Spuren: „Ich bin immer noch 16 Jahre und sterbe“, schreit eine Aurora ins Publikum. Weiterlesen

Zum Schluss bleibt die einsame Frau unter dem Mond – die Contemporary Dance Company in Fulda

Die israelische „Kibbuz Contemporary Dance Company“ war mit ihrem Stück „If at all“ zu Gast im Schlosstheater Fulda und berührte das Publikum mit erstaunlichen und abwechslungsreichen Tanzbildern.

Die schwarze Bühne ist kahl. Nur an der Rückwand leuchtet ein Vollmond. Davor eine Tänzerin. Sie reckt und verbiegt sich, erkundet Bewegungen… bis plötzlich zu laut dröhnender Musik das ganze Ensemble in die meditative Übung hineinbricht und wieder verschwindet. Sieben Tänzer bleiben, knien am Bühnenrand und suggerieren mit synchronen Bewegungen ermüdende Arbeit und grimmigen Kampf. Dann liegen sie erschöpft nebeneinander, ein Tänzer erhebt sich, zelebriert ein Solo mit bizarren doch fließenden Bewegungen, legt sich wieder in die Reihe, während der nächste zu tanzen beginnt.

Häufig zeigt die Compagnie ihre ungeheure Kraft und Energie in mächtigen Ensembleszenen, aus denen sich Einzelne mit Solotänzen lösen. Ihre individuellen Bewegungen werden von der Gruppe aufgenommen oder variiert, die Tanzenden werden nicht vom Kollektiv verschlungen. Rami Be’er, der Leiter der achtzehnköpfigen Gruppe schweigt zur Bedeutung seiner Choreografien, wirft das Publikum auf sich selbst zurück: „Kunst kann nicht die Welt verändern. Doch Tanz kann Fragen stellen, und zwar Fragen, die mit unserer Realität zu tun haben“, sagte er in einem Interview. Weiterlesen