Es geht los! Berlinale Blog (1) 5. Februar 2015

Ab heute schreibe ich täglich ein paar subjektive Eindrücke von der 65. Berlinale, den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

Meine Frau behauptet, vor lauter Freude auf die Berlinale hätte ich schon ganz quadratische Leinwand-Augen. Kaum in Berlin angekommen, höre ich dazu noch Stimmen: „Hallo hier ist Matthias Schweighöfer, Ihre nächste Station ist Alexanderplatz!“ Die weiteren Haltestellen der Bahn U2 werden von Katja Riemann und Jan Josef Liefers angesagt… ein netter Beitrag der Verkehrsbetriebe zu den Filmfestspielen!

An allen vier Tagen vor dem Festivalbeginn stehen lange Warteschlangen an den Tickethäuschen am Potsdamer Platz. Etliche Filmfans übernachten hier, um Karten für ihre Wunschfilme zu bekommen.

Neben den bekannten Devotionalien wie T-Shirts oder Brotdosen gibt es jetzt auch Strampelanzüge mit dem Berlinale-Bären für Babys in verschiedenen Größen. Ich hole mir als erstes das dicke Programmheft, „In 11 Tagen um die Welt“, freut sich darin Festivalleiter Dieter Kosslik. Aus über 400 Filmen muss ich mir nun meine 30 Wunschfilme aussuchen.

Freundlicherweise haben die Nordkoreaner ihre Drohung zurückgenommen, das Festival gnadenlos zu bestrafen. Der von ihnen beanstandete Film „The Interview“, in dem ein Mord an ihrem geliebten Führer Kim Jong Un geplant wird, läuft gar nicht auf der Berlinale. Dafür laufen sprachlastige südkoreanische Beziehungs- und Genderfilme mit englischen Untertiteln. Eine Herausforderung, der ich mich wohl eher nicht stellen werde. Weiterlesen

„Hieronymus B.“ – ein neues Gesamtkunstwerk der Choreografin Nanine Linning

Erneut schuf die Choreografin Nanine Linning mit ihrer Tanzcompagnie und weiteren Künstlern durch „Hieronymus B.“ ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Im dritten Jahr ihres Engagements in Heidelberg brachte sie ihre Interpretation der bizarren Fantasiewelten des Hieronymus Bosch mit Tanz, Licht, Video, Bildender Kunst und Musik auf die Bühne.

Geflüster, seltsame Musik, Videobilder mit Tanzenden als garstige Mischwesen, die bald auf der Bühne erscheinen: Ein grüner Flügelfrosch bedrängt gierig ein verängstigtes Mädchen, das dann, selbst neu-gierig geworden, auf ihm davonreitet. Ein Vogelmensch mit umgekehrtem Trichter als Hut verrenkt sich voll erotischer Lust. Ein Teil des Publikums im Saal kann erleben, wie die Tanzcompagnie einige Details der opulenten Wimmelbilder des Malers lebendig macht. Die übrigen Besucher begegnen derweil hinter der Bühne hautnah diesen Mischwesen – einem Mädchen, das sich akrobatisch aus einem Ohr windet, dem Liebespaar, das von einem Sensenmann in Fischgestalt getrennt wird. Dann wechseln die Zuschauer die grotesken Szenerien. Weiterlesen

„3 Türken und ein Baby“ – ein post-migrantischer Film ohne Türken

„3 Türken und ein Baby“, der neue Film des Regisseurs Sinan Akkuş, erzählt vor der Kulisse Frankfurts die Geschichte von drei deutsch-türkischen Brüdern, die nicht erwachsen werden wollen. Nach seiner Erfolgskomödie „Evet – ich will“ machte der türkischstämmige Filmemacher Sinan Akkuş eine Pause, weil er Vater einer Tochter wurde. Auf die Frage seiner Produzenten, welches Thema ihn denn interessieren könnte, antwortete er: „Na ja, so was wie drei Türken und ein Baby.“ Und tatsächlich: Aus dieser Idee entstand der gleichnamige Film.

Es geht um die drei Yildiz- Brüder. Sie leben in der Wohnung ihrer gestorbenen Eltern und schlagen sich mühsam mit dem geerbten Brautmode- laden „Istanbul“ durch. Der dicke Sami (Kida Ramadan) findet keine Frau, flippt bei jeder Kleinigkeit aus und macht einen Anti-Gewaltkurs. Mesut (Eko Fresh) spielt in einer Hillbilly-Kapelle in der Frankfurter B-Ebene und versucht ein guter Muslim zu werden. Und Celal (Kostja Ullmann) begegnet zu- fällig seiner alten Liebe Anna (Jytte-Merle Böhmsen), die jetzt ein Kind hat und nichts mehr von ihm wissen will. Weiterlesen

Ein Buch, das Hoffnung macht: „Du bist da…“ erzählt die berührende Geschichte eines ungewöhnlichen Kindes

Emma-Lou ist fast drei Jahre alt, ein fröhliches Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen – und sie hat das Down-Syndrom.

Eigentlich ist „Du bist da…“ eine einfache, wunderbar illustrierte Geschichte, die ganz kurz sehr dramatisch wird. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran und erzählt, was für ein Kind sich die Eltern gewünscht haben: „Meine Mama hat sich gewünscht, dass ich die ozeanblauen Augen meines Vaters bekomme, die sie so sehr liebt…“

„Aber als ich dann zur Welt kam, haben meine Mama und mein Papa geweint. Und das, obwohl ich alles habe, was sie sich wünschten.“ Doch Emma Lou, wie sie jetzt heißt, hat auch noch das Down-Syndrom. Kurz werden die Illustrationen ganz düster, denn die Eltern waren wahrscheinlich traurig, „weil sie Angst hatten“. Dann folgt das wohl ergreifendste Bild des Buches: Weiterlesen

Mukashi, mukashi… Japanische Märchen und der Einfluss der Brüder Grimm

Zum Buch “Geschichten aus Tono” des Steinauer Grimm-Hauses (1)

Gerade ist das Begleitbuch zur Herbstausstellung „Kizen Sasaki – der japanische Grimm“ im Steinauer Grimm-Hauses erschien. Es enthält die erste deutsche Übersetzung der frühesten Sammlung japanischer Volkserzählungen, das „Tono Monogatari“ (Geschichten aus Tono).

Diese, im Buch reich illustrierten Texte wurden in der Gegend um die Stadt Tono im Norden Japans gesammelt und 1910 veröffentlicht. Museumsleiter Burkhard Kling hat sie erstmalig vom Englischen ins Deutsche übersetzt und kommentiert. „Über 100 Bücher haben die Japaner gerade bestellt“, erzählt Kling strahlend und meint, „zur Ausstellung war die Herausgabe des Buches noch nicht gesichert. Ohne die Unterstützung des Hessischen Ministers für Wissenschaft und Kunst wäre sie gar nicht möglich gewesen.“ Weiterlesen

Gute Geister, böse Kappas…

Fremdartige Wesen in alten japanischen Überlieferungen – Gewalt, Sex und Träume
Zum Buch „Geschichten aus Tono“ des Steinauer Grimm-Hauses (2)

Viele „Geschichten aus Tono“ sind thematisch, vor allem aber in der Art des Erzählens den Grimms Märchen sehr ähnlich. Allerdings wird auch von Erlebnissen mit äußerst fremdartigen Wesen berichtet.

„Böse alte Affen sind wie Menschen. Sie haben Sehnsucht nach Weibchen und entführen Frauen in den Dörfern. Sie bedecken ihr Fell mit Kiefernharz und streuen Sand darauf…“ Im alten Japan wurden nicht nur Affen den Menschen gefährlich, sondern wie in unseren heimischen Märchen auch Wölfe, Bären oder Hirsche.

Lebende begegnen längst Verstorbenen: „Als sich das Mädchen zu ihm wandte, merkte er, dass es die Tochter seines Herrn war, die vor zwei oder drei Jahren gestorben war.“ Oder Fukuji traf seine tote Ehefrau, die zu ihm sagte: „Ich bin nun mit diesem Mann verheiratet… Er merkte gar nicht, dass eine Tote zu ihm sprach.“

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Ein Film zum Träumen: „Café Olympique“

Auf dem Französischen Filmfestival in Berlin stellte Robert Guédiguian seinen Film „Café Olympique“ vor, der jetzt in die Kinos kommt. Der Regisseur ist bekannt für seine engagierten politischen Filme („Der Schnee am Kilimandscharo“), doch das neue Werk sollte einfach nur leicht und spielerisch sein.

Langsam gleitet die Kamera zu dramatischer Opernmusik über grell weiße, wie mit Schnee oder Mehl bedeckte, hypermoderne Häuser und winzige Menschen. Je näher die Kamera an die Siedlung heranfährt, desto „wirklicher“ werden die Bilder, irgendwann landet sie im realistischen Antlitz, in den riesigen braunen Augen Arianes (Ariane Ascaride). Die rührt Teig, schlägt Sahne, bereit ihre Geburtstagsfeier vor.

Doch dann kommen Absagen, von ihrem Mann, den Kindern und Verwandten – deshalb haut Ariane enttäuscht und wütend einfach mit dem Auto ab. Nach einem harten Schnitt steht sie im Stau in den Docks von Marseille, laut dreht sie Rai-Musik auf, nach und nach kommen die Menschen aus den Autos und tanzen (Bild).

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Liebe zu dritt und Streit in den Bergen – Neues Kino aus Frankreich

In Berlin ging soeben das Französische Filmfest 2014 zu Ende, auf dem es alljährlich viele deutsche Premieren französischer Filme gibt. Die Côte d’Azur lässt grüßen, einige der vorgestellten Werke wurden im Sommer auf dem Festival de Cannes prämiert.

Viele Stars unseres filmverrückten Nachbarlandes sind in den Filmen dabei, in denen es gerne um die Liebe zu dritt geht: Isabelle Huppert als Kuhhirtin aus der Normandie mit ihrer Sehnsucht nach einem Mann in Paris („La Ritournelle“) oder Charlotte Gainsbourg, die leidenschaftlich einen drögen Steuerbeamten liebt („3 Cœurs“), ihre Mutter spielt Catherine Deneuve. Einer der interessantesten Filme des Festivals, „Die Wolken von Sils Maria“, wurde auch in Cannes ausgezeichnet und kommt jetzt in die deutschen Kinos.

Juliette Binoche gibt die alternde Schauspielerin Maria Enders, die von dem bekannten Theaterregisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) gedrängt wird, noch einmal in einem Stück mitzuspielen, in dem sie einst debütierte und dadurch weltberühmt wurde. Weiterlesen

„Die Freiheit nehme ich mir“ – im Gespräch mit Lars Eidinger

Eigentlich hat Lars Eidinger (38) als Klaus nur eine kleine Rolle als Regisseur in „Die Wolken von Sils Maria“. Doch er treibt Juliette Binoche (50) als Maria in die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.

Viele Menschen außerhalb Berlins kennen Eidinger nur als Tatort- und Filmschauspieler („Was bleibt“, „Alle Anderen“), in Berlin ist er jedoch seit 2000 das bejubelte enfant terrible der „Schaubühne“. William Shakespeares Hamlet spielt er mit Tourette-Syndrom, einer Störung, in der Tics die Kontrolle des Verstandes ausschalten und die Betroffenen zwanghaft boshafte Wahrheiten aussprechen (müssen).

In „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“, fragt er mich mitten im Stück: „Ey, schreibst Du alles mit? Lass Dir doch von der Souffleuse den Text geben.“ Einem Eingeschlafenen in der ersten Reihe will er, ganz ernsthaft, einen Kaffee holen. Seine Wechsel ins Private, auch in anderen Aufführungen, sind legendär – und überhaupt nicht peinlich, denn er integriert sie in das Stück.

Spielst Du jedes Mal anders? Weiterlesen

Kunstspaziergang durch Istanbul

Istanbul bietet nicht nur orientalisches Flair in der Hagia Sophia, den Gärten der Sultane oder im Großen Basar, sondern auch eine interessante, moderne Kunstszene.

Auf der Istiklai Caddesi, der mondänen Einkaufsstraße, drängeln sich täglich unzählige Menschen. Bereits hier lockt der Raum für Kunst ARTER derzeit mit provozierenden Kunstwerken aus Süd-Ost-Asien: Unechte erotische Geldscheine, klassische chinesische Bodenvasen mit aufgemalten Kanonen, Blechkronen aus recycelten Dosen oder Fantasieuniformen mit absonderlichen Orden. Auf fünf Etagen inszeniert die private Stiftung Koç seit 2010 wechselnde Ausstellungen.

Auch das Museum Istanbul Modern wird hauptsächlich von einem Mäzen unterstützt. Hinter einer Moschee liegt die ehemalige Lagerhalle mit 8.000 qm Ausstellungsfläche direkt am Bosporus. Seit 2004 wird in der oberen Etage mit „Geçmiş ve Gelecek“ (Vergangenheit und Zukunft) eine dauerhafte, spektakuläre Mischung türkischer und internationaler Kunst präsentiert. Weiterlesen