Ein mitreißendes Traumspiel – „Der Sturm“ nach Shakespeare

Es war zwar kalt im Freilichttheater in Bad Soden-Salmünster (Osthessen), doch die Compagnie Feel-X präsentierte mit „Der Sturm“ von William Shakespeare ein heißes, großartiges Bühnenstück:

Während des Schauspiels wird es langsam dunkel im Kurpark, mehr und mehr schaffen farbige Lampen diverse Stimmungen auf der Bühne statt aufwändige Kulissen. Als Vorspiel erleben die Zuschauer den siegreichen Kampf des Schiffbrüchigen Prospero gegen die Hexe Sycorax, die einst die abgelegene Insel beherrschte. Der Sieger raubt ihre Zauberkräfte und lebt dort einsam mit seiner heranwachsenden Tochter. Zu Diensten sind ihm Caliban, der bösartige und missgestaltete Sohn der Hexe, sowie Luftgeist Ariel und viele andere Flatterwesen.

Das Stück beginnt zwölf Jahre später mit einem mächtigen, von Prospero (Thomas Hummel) entfachten Sturm, der den Schiffsuntergang alter Feinde herbeiführt und sie ebenfalls als Gestrandete auf die Insel verschlägt. In dem dann folgenden Traumspiel zeigt die Compagnie eine romantische Liebesgeschichte, dramatische Machtkämpfe zwischen Prospero und seinen alten Widersachern, zauberhafte Geisterspiele und derbe Possen – eben einen echten Shakespeare. Man muss die Geschichte Prosperos, des einstigen, durch seinen Bruder verdrängten Herzogs von Mailand nicht kennen. Denn als der Sturm alles auf der Insel durcheinander wirbelt, wird in den folgenden Querelen mit Tochter Miranda (Carina Zeller), Luftgeist Ariel (Michaela Feldmann) oder „Inselungeheuer“ Caliban (Sarah Wiedergrün) die Vorgeschichte deutlich. Weiterlesen →

„Die Maisinsel“ – ein großartiger, bildgewaltiger Film

Die Menschen in dem Land Abchasien am Fluss unterhalb des Kaukasus reden nicht viel. Erst als nach 20 Filmminuten schwer bewaffnete, dumpf dreinblickende Soldaten an ihrer kleinen Insel vorbei schippern, fragt die Enkelin Asida (Mariam Buturishvili) ihren Opa Abga (Ilyas Salman): „Wer sind diese Männer?“. Nach einer Filmstunde reden sie zwei weitere Sätze über die Schule, in die das Mädchen morgens mit dem Boot fährt.

Die beiden versuchen in mühseliger Arbeit eine „schwimmende Insel“ fruchtbar zu machen, die sich im Frühjahr mitten im Strom aus angeschwemmter Erde gebildet hat. Der Fluss ist freies Gebiet, die Ufer werden von aggressiven Militärs aus Russland oder Georgien bewacht.

Der alte Mann pflanzt mit Hilfe des Mädchens Mais an und kämpft mit ihr gegen die Naturgewalten, denn die beiden wollen mit dem Verkaufserlös den Winter überleben. Eines Tages flüchtet sich ein angeschossener Soldat auf die Insel, der alte Mann liefert ihn nicht an die Verfolger aus. Das Mädchen ist sehr an diesem jungen Mann interessiert – einmal während des ganzen Films lacht sie, als sie ihm unvermittelt einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet…

Mit sehr ruhigen Bildern und extrem langen Einstellungen erzählt der georgische Regisseur George Ovashvili diese kleine melancholische Geschichte, die ausschließlich auf der winzigen Insel spielt.

Von den persönlichen Hintergründen der Akteure oder den politischen Verhältnissen erfahren wir Zuschauer nichts. Der Filmemacher vertraut ganz auf die gewaltigen Bilder, mehr als ein Dutzend Sätze werden nicht gesprochen. Wir erleben lediglich die beiden Menschen mit ihrer differenzierten Körpersprache in den wechselnden Jahreszeiten auf ihrem Eiland…

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Ein irrer Film und besser als sein Titel „Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“

„Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ ist kein sozialpädagogisches Rührstück, sondern ein schriller, herausfordernder Spielfilm über ein junges, geistig behindertes Mädchen, das hemmungslos seine Lust ausleben will. Der herausragende Film mit dem seltsamen Titel kommt jetzt in die Kinos.

Dora (Victoria Schulz) hat blaue Flecken, nachdem sie lange den schönen Peter (Lars Eidinger) verfolgte und der sie dann – naja, das ist die Sicht ihrer Eltern – vergewaltigte. Dem schönen Mädchen mit der geistigen Behinderung gefällt der ruppige Sex sehr gut, während ihre Eltern außer sich sind. Die alarmierte Polizei unternimmt nichts, denn Dora ist mündig und hat keine gesetzliche Betreuung.

Ihre stark sedierenden Medikamente hat die Mutter (Jenny Schily) am 18. Geburtstag abgesetzt: Verwischte Nahaufnahmen, verschwommene Hintergründe in wackelig gefilmten Bildern lassen uns Zuschauer die jahrelange Dämpfung von Doras Wahrnehmung erahnen. Doch nun wird das ganze Leben eine aufregende Entdeckungsreise für das aus ihrem Dornröschenschlaf geweckte Mädchen. In der Badewanne spielt sie unter den Augen der Mutter an sich herum, von ihrem Vater will sie Zungenküsse, sie begrabscht den Mann einer Freundin und fordert: „Ich will auch ein Paar sein!“ Aber Dora spürt auch ihre Behinderung, „Ich bin kein Mongo!“, kreischt sie die Eltern an, „ich will nicht anders sein.“ Immer wieder trifft sie Peter zum hemmungslosen Sex, ihre Eltern verzweifeln und spüren offensichtlich die eigene Verklemmtheit. Weiterlesen →

Märchenhaftes Tanztheater in Hessen – sind getanzte Märchen alter Plunder?

Momentan werden bekannte alte Märchen in den Hessischen Staatstheatern getanzt: In Kassel wurde „Aurora“ nach „Dornröschen“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky uraufgeführt, in Darmstadt hatte Sergej Prokofjews „Aschenputtel“ Premiere. Wie gehen zeitgenössische Choreografen mit verstaubten Ballettvorlagen des 19. Jahrhunderts um?

In seiner letzten Kasseler Choreografie ließ Johannes Wieland von seinem Ensemble den Bühnenboden aufreißen, wohl damit die Tanzenden dem auf den Brettern gezeigten Irrsinn entkommen konnten. Nun entkleidet er radikal „Dornröschen“ um den Ballast des Märchens und konzentriert sich auf die pubertierende 16-jährige Aurora (Morgenröte), wie Dornröschen bei Tschaikowsky heißt. Die einhundert Jahre im Märchenschlaf werden als ihre ohnmächtige Verzweiflung und ihr Ringen um Identität interpretiert:

Aurora ist einsam, sie rebelliert, sie leidet, sie widersetzt sich ihren Zurichtungen als Frau. Die Tanzenden vervielfachen unterschiedliche Auroras, zerren sie tanzend an den Haaren, zwingen sie in weibliche Posen. Das Ensemble nutzt alle Varianten des zeitgenössischen Tanzes, dazu Akrobatik, Alltagsgesten, lebende Bilder. Es gibt keine klassischen Ballettfiguren, nicht einmal als ironisches Zitat. Das Stück erzählt keinesfalls Dornröschens Geschichte sondern bietet den Zuschauern offene, interpretierbare Assoziationen an. Zur Erklärung legt es allenfalls Spuren: „Ich bin immer noch 16 Jahre und sterbe“, schreit eine Aurora ins Publikum. Weiterlesen →

Ein iranischer Vampirfilm?

 „A Girl Walks Home Alone At Night“ wird als erster iranischer Vampirfilm angepriesen und kommt jetzt in die Kinos. Das großartige Werk ist jedoch eher ein surrealistisches Traum- und Liebesspiel als „eine Symphonie des Grauens.“

Ein namenloses Mädchen rollt im flatternden Tschador auf ihrem Skateboard durch die nächtlichen Straßen einer düsteren Stadt. Diese melancholische Vampirin trifft auf Arash, der reglos eine Laterne wie den Mond anglotzt. Verkleidet als Graf Dracula hat er sich – ausnahmsweise völlig mit Drogen zugedröhnt – nach einem Kostümfest verirrt. Irgendwann nimmt er die frierende Unbekannte in seine Arme und meint: „Ich bin ein Vampir, aber Du musst keine Angst vor mir haben…“ Die Situation wirkt so grotesk, weil wir Zuschauer wissen, dass die Fremde bereits einigen Menschen das Blut ausgesaugt hat. Auf ihrem Skateboard schiebt sie Arash zu sich nach Hause, denn der kann nicht mehr laufen. Dort hören sie gemeinsam eine Rockballade, tanzen dazu endlos lange in Zeitlupe…

Der in schwarz-weiß gedrehte Film ist nicht wirklich ein Vampirfilm, seine eigentlich schlichte Geschichte schnell erzählt: Arash (Arash Marandi) muss seinen geliebten Ford Thunderbird dem Dealer Saeed (Dominic Rains) überlassen, weil sein drogensüchtiger Vater bei ihm hoch verschuldet ist… Weiterlesen →

„Elser“ – nicht nur ein spannender Politthriller, sondern zugleich auch berührender Liebes- und Heimatfilm

In diesen Tagen kommt der sehenswerte Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ über den Hitler-Attentäter Georg Elser in die Kinos. Um es gleich vorwegzunehmen, dieser Spielfilm ist berührender Liebesfilm, hervorragender Heimatfilm und engagierter Politthriller zugleich.

Hätte Hitler im November 1939 nicht 13 Minuten früher als geplant den Münchner Bürgerbräukeller verlassen, wären er und fast die gesamte NS-Führung getötet worden. Die Zeitgeschichte wäre anders verlaufen, Millionen Menschen nicht im II. Weltkrieg umgekommen. Die Historiker haben sich mächtig an dem nur seinem Gewissen verpflichteten Einzeltäter Elser abgearbeitet. Es war ja eine ungeheure Provokation, dass einem allein handelnden Attentäter – in einer Zeit, wo angeblich niemand etwas wusste und keiner etwas tun konnte – ein beinahe erfolgreicher Tyrannenmord gelang. Die kommunistischen, christlichen und bürgerlichen Widerstandskämpfer denunzierten ihn jahrzehntelang als Werkzeug Hitlers. Zu Unrecht, wie Forschungen seit den späten 1960er-Jahren belegen.

Der Film erzählt auf zwei Ebenen – er beginnt mit der Verhaftung Elsers (Christian Friedel), Rückblenden nach Verhören verdeutlichen mit sinnenfrohen Bildern sein Leben im Heimatdorf auf der Schwäbischen Alp: Erste Liebe. Schwimmen im See. Musizieren auf der Kirchweih. Doch immer wieder kehrt der Film ins düstere Gefängnis zurück, zeigt die rüden Vernehmungen und später die halbwegs „milde“ Behandlung des Staatsfeindes.

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Was machen alte Tänzerinnen und Tänzer wenn der Vorhang fällt? Eine Tanzgala in Kassel

„Der Vorhang fiel / aber die Vorstellung war noch nicht zu Ende“, heißt es in einem Aphorismus des Lyrikers Thorwald Proll. Was machen eigentlich Tänzerinnen und Tänzer, die mit 30, spätestens 35 Jahren nach gängiger Auffassung alt und verbraucht sind, wenn der Vorhang fällt?

Die Choreografin Pina Bausch behielt in der gut vierzigjährigen Geschichte ihres Wuppertaler Tanztheaters nicht nur ihre alten Tänzer oder Tänzerinnen im Ensemble. Für Neueinstudierungen früher Stücke versuchte sie immer ehemalige Mitglieder ihrer Compagnie zu gewinnen. Mit Laientänzern, „Damen und Herren über 65“ – so der Titel des Stücks – re-inszenierte sie ihren legendären „Kontakthof“. Das bekannte Nederland Dans Theater hat auch ein Ensemble mit Tanzenden über 40 Jahre. Neulich präsentierte in Berlin die sechzigjährige Riki van Falken ein beeindruckendes einstündiges Solo.

Die Tanzästhetik hat sich verändert – Schnelligkeit, Ausdauer und Kraft sind im Zeitgenössischen Tanz nicht mehr das einzige Ausdrucksmittel. Wenn es um Expression geht, können alte Körper sogar eine intensivere Sprache sprechen als die Leiber der jungen Hüpfer.

Dennoch dominieren „Barbie“ und „Ken“ immer noch mit ihrer, vom klassischen Ballett geprägten jugendlichen Schönheit die Bühnen. Weiterlesen →

Drei Solo-Tanzstücke von Jan Fabre im Frankfurter Mousonturm

Der Mousonturm präsentiert im Rahmen seiner aktuellen Tanz- und Theaterreihe „Tod und Auferstehung“ auch drei Solostücke Jan Fabres. Zwei Arbeiten des Bildenden Künstlers und Choreografen waren bereits zu sehen, das letzte Stück wird heute und morgen Abend gezeigt.

In „Preparatio Mortis“ (Vorbereitung zum Tod) sitzt das Publikum lange im Dunklen. Schrille Orgeltöne wechseln mit brausenden tiefen Akkorden. Eine moderne Toccata für eine Trauergemeinde. Nach und nach wird ein mit Chrysanthemen bedeckter Schrein im fahlen Bühnenlicht sichtbar. Stille. Lange bewegt sich der Blumenberg raupenhaft, bis aus ihm allmählich eine Hand, ein Arm, blonde Haare auftauchen. Erneut dissonante Orgelklänge. Mit eigenartigen Bewegungen befreit sich eine Frau in schwarzer Unterwäsche aus den Blumen, löst sich akrobatisch vom gläsernen Sarkophag.

Zeitlupenhaft bewegt sie sich auf der völlig mit Blumen bedeckten Bühne, ist hin- und hergerissen zwischen Erstarrung und zitternden Bewegungen. Sie klammert sich an Pflanzen, wälzt sich wie rasend darin, wirft sie fröhlich in die Luft, zerdrückt sie zornig. Immer wieder sackt sie zusammen, ringt stöhnend nach Luft. Plötzlich Stille und lange Dunkelheit.

Im schwachen Licht bewegt sich die jetzt nackte Frau unendlich achtsam in dem gläsernen Sarg zwischen großen lebenden Schmetterlingen. Mit weißer Farbe beschmiert sie das Glas mit obszönen naiven Malereien. Manchmal schaut sie ins Publikum. Winkt. Sucht vergeblich Kontakt, während das Licht langsam erlischt. Weiterlesen →

Zum Schluss bleibt die einsame Frau unter dem Mond – die Contemporary Dance Company in Fulda

Die israelische „Kibbuz Contemporary Dance Company“ war mit ihrem Stück „If at all“ zu Gast im Schlosstheater Fulda und berührte das Publikum mit erstaunlichen und abwechslungsreichen Tanzbildern.

Die schwarze Bühne ist kahl. Nur an der Rückwand leuchtet ein Vollmond. Davor eine Tänzerin. Sie reckt und verbiegt sich, erkundet Bewegungen… bis plötzlich zu laut dröhnender Musik das ganze Ensemble in die meditative Übung hineinbricht und wieder verschwindet. Sieben Tänzer bleiben, knien am Bühnenrand und suggerieren mit synchronen Bewegungen ermüdende Arbeit und grimmigen Kampf. Dann liegen sie erschöpft nebeneinander, ein Tänzer erhebt sich, zelebriert ein Solo mit bizarren doch fließenden Bewegungen, legt sich wieder in die Reihe, während der nächste zu tanzen beginnt.

Häufig zeigt die Compagnie ihre ungeheure Kraft und Energie in mächtigen Ensembleszenen, aus denen sich Einzelne mit Solotänzen lösen. Ihre individuellen Bewegungen werden von der Gruppe aufgenommen oder variiert, die Tanzenden werden nicht vom Kollektiv verschlungen. Rami Be’er, der Leiter der achtzehnköpfigen Gruppe schweigt zur Bedeutung seiner Choreografien, wirft das Publikum auf sich selbst zurück: „Kunst kann nicht die Welt verändern. Doch Tanz kann Fragen stellen, und zwar Fragen, die mit unserer Realität zu tun haben“, sagte er in einem Interview. Weiterlesen →

„Die letzten Gigolos“ – Der Hauptdarsteller stellt seinen Film in Schlüchtern vor…

Zum Schluss räumt Regisseur Stephan Bergmann den Stehtisch im Kuki-Kino im Exil zur Seite. Nun hat der in Schlüchtern lebende Peter Nemela – „Der letzte Gigolo“ – genügend Platz, um mit einer Zuschauerin noch einen Walzer zu tanzen (Foto). Gemeinsam hatten die beiden ihren Film vorgestellt, der seit sechs Wochen in den Kinos läuft.

„Die letzten Gigolos“ ist ein warmherziger Dokumentarfilm, der professionelle Kavaliere bei ihrer Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ begleitet. Das Tanzen mit älteren alleinstehenden Damen, die gerne solche Schiffsreisen unternehmen, ist Nemelas Job. Auch Flirts, das Rosenverteilen oder die Begleitung kleinerer Ausflugsgruppen gehört zu seinen Aufgaben. 30 Reisen unternahm er mit dem Traumschiff, seitdem er nach seiner Berentung mit 72 Jahren noch einmal eine sinnvolle und tolle Rolle als „Gentleman Host“ fand.

Bergmann drehte seinen Debütfilm, in dem sehr viel getanzt wird, bei laufendem Betrieb auf dem Schiff… Weiterlesen →