Zum Schluss bleibt die einsame Frau unter dem Mond – die Contemporary Dance Company in Fulda

Die israelische „Kibbuz Contemporary Dance Company“ war mit ihrem Stück „If at all“ zu Gast im Schlosstheater Fulda und berührte das Publikum mit erstaunlichen und abwechslungsreichen Tanzbildern.

Die schwarze Bühne ist kahl. Nur an der Rückwand leuchtet ein Vollmond. Davor eine Tänzerin. Sie reckt und verbiegt sich, erkundet Bewegungen… bis plötzlich zu laut dröhnender Musik das ganze Ensemble in die meditative Übung hineinbricht und wieder verschwindet. Sieben Tänzer bleiben, knien am Bühnenrand und suggerieren mit synchronen Bewegungen ermüdende Arbeit und grimmigen Kampf. Dann liegen sie erschöpft nebeneinander, ein Tänzer erhebt sich, zelebriert ein Solo mit bizarren doch fließenden Bewegungen, legt sich wieder in die Reihe, während der nächste zu tanzen beginnt.

Häufig zeigt die Compagnie ihre ungeheure Kraft und Energie in mächtigen Ensembleszenen, aus denen sich Einzelne mit Solotänzen lösen. Ihre individuellen Bewegungen werden von der Gruppe aufgenommen oder variiert, die Tanzenden werden nicht vom Kollektiv verschlungen. Rami Be’er, der Leiter der achtzehnköpfigen Gruppe schweigt zur Bedeutung seiner Choreografien, wirft das Publikum auf sich selbst zurück: „Kunst kann nicht die Welt verändern. Doch Tanz kann Fragen stellen, und zwar Fragen, die mit unserer Realität zu tun haben“, sagte er in einem Interview. Weiterlesen

„Die letzten Gigolos“ – Der Hauptdarsteller stellt seinen Film in Schlüchtern vor…

Zum Schluss räumt Regisseur Stephan Bergmann den Stehtisch im Kuki-Kino im Exil zur Seite. Nun hat der in Schlüchtern lebende Peter Nemela – „Der letzte Gigolo“ – genügend Platz, um mit einer Zuschauerin noch einen Walzer zu tanzen (Foto). Gemeinsam hatten die beiden ihren Film vorgestellt, der seit sechs Wochen in den Kinos läuft.

„Die letzten Gigolos“ ist ein warmherziger Dokumentarfilm, der professionelle Kavaliere bei ihrer Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ begleitet. Das Tanzen mit älteren alleinstehenden Damen, die gerne solche Schiffsreisen unternehmen, ist Nemelas Job. Auch Flirts, das Rosenverteilen oder die Begleitung kleinerer Ausflugsgruppen gehört zu seinen Aufgaben. 30 Reisen unternahm er mit dem Traumschiff, seitdem er nach seiner Berentung mit 72 Jahren noch einmal eine sinnvolle und tolle Rolle als „Gentleman Host“ fand.

Bergmann drehte seinen Debütfilm, in dem sehr viel getanzt wird, bei laufendem Betrieb auf dem Schiff… Weiterlesen

„Mit Polizeischutz habe ich noch nie gearbeitet“ – Urban Priol zur Werkschau von Greser & Lenz in Hanau

In Hanau wurde am Samstag die Werkschau „Das ist doch wohl ein Witz“ der Aschaffenburger Karikaturisten Greser & Lenz eröffnet und ihnen der Emil-Grimm-Preis verliehen.

Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten in kugelsicheren Westen haben das Schloss Philippsruhe umstellt, die nahe gelegenen Parkplätze sind gesperrt. Kabarettist Urban Priol, der die Laudatio für seine Freunde Greser & Lenz hält, freut sich im weißen Saal des Schlosses: „Unter Polizeischutz habe ich noch nie gespielt. Und dann die Lamborghinis schon als Fluchtfahrzeuge vor der Tür… wow!“

Im besten Hessisch schweift er immer wieder ab, erinnert an die gemeinsame Studienzeiten im Würzburg der 80er Jahre oder lobt die weltoffene Metropole Hanau: „Wo sonst in dieser Republik gibt es Bahnsteige von 106 bis 108?“ Der aufgekratzte Komiker wirkt in seinem roten, großkarierten Hemd wie der Spießer auf dem Aufstellungsplakat, der alles verbieten will und den er dem Publikum häufig mit Volkes Stimme vorzeigt: „…Greser un’ Lenz des sin’ doch de’ doppelte Schmierfink’n…“

Bissiges sagt er zu den „Sympathisanten der linken Karikaturisten in Paris, bei denen selbst die NPD nicht zurückstehen möchte.“ Weiterlesen

„Wir haben unsere Zeichentische nach Mekka ausgerichtet…“ Die Karikaturisten Greser & Lenz in Hanau

Im Schloss Philippsruhe begann am Samstag wie geplant die Werkschau der Karikaturisten Greser & Lenz. Für kurze Zeit war die Durchführung dieser Ausstellung gefährdet, denn das Hanauer Kulturamt hatte Bedenken, weil eine Mohammed-Karikatur (siehe Bild) gezeigt wird.

Doch eine peinliche Provinzposse wurde abgewendet, Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sprach schnell ein Machtwort und fand Sponsoren für die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen. Nach Körperkontrollen der Security beginnt nun der Eintritt in die Ausstellung durch einen Nebeneingang des Schlosses, in dessen Nähe Polizei stationiert ist. Man fühlt sich wie in einem Cartoon der beiden Zeichner, die einmal meinten: „Jeder Krieg hat seine Opfer, das Gleiche gilt für einen guten Witz!“

Greser & Lenz sind keine Islamophobiker oder Gotteslästerer, die religionskritischen Blätter sind nur ein winziger Teil ihres Oeuvres. Aber von ihren Arbeiten fühlt sich immer irgendjemand betroffen: „Man sollte ALLES verbieten“, grummelt deshalb wohl ein verknautschter Spießer auf dem Ausstellungs-Plakat. Die Zeichenkünstler sind Provokateure im ursprünglichen Sinn des Wortes, sie wollen etwas „hervorrufen“… Weiterlesen

„Cinderella“ – Kitsch und doch voller Zauber

65 Jahre nach ihrem Zeichentrickfilm „Cinderella“ schuf die Traumfabrik Walt Disney eine neue Fassung dieses Aschenputtel-Motivs. Der Realfilm mit echten Akteuren und digitalen Effekten kommt jetzt in die Kinos.

Vater, Mutter und deren Kind, das noch nicht Cinderella ist, leben glücklich in einer bunten, fröhlichen Welt. Doch eines Tages wird diese Idylle durch den plötzlichen Tod der Mutter zerstört. Ihrer Tochter Ella (Lily James) gibt sie noch die Lebensweisheit mit, immer couragiert und dennoch gütig zu handeln.

Nach einiger Zeit heiratet der Vater die Witwe Lady Tremaine (Cate Blanchett) mit zwei entsetzlich dummen, affektierten Töchtern. Eifersüchtig überwacht die immer garstiger werdende Stiefmutter die vertraute Beziehung ihres Mannes mit Ella. Auf einer Geschäftsreise stirbt der Vater in der Fremde, die Familie verarmt. Nun muss die Vollwaise alle Hausarbeiten verrichten und ihre Sippe bedienen, weil kein Geld für Personal da ist. Sie schläft in der warmen Asche vor dem Ofen und wird zur „schmutzigen Ella“ – zu Cinderella. Weiterlesen

„Als wir träumten“ – Andreas Dresens ebenso harte wie einfühlsame Bestseller-Verfilmung

Regisseur Andreas Dresen präsentierte seinen neuen Film „Als wir träumten“ vor kurzem auf der Berlinale. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Clemens Meyer wurde auf dem Festival kontrovers diskutiert. Jetzt kommt jetzt er in die Kinos.

Der Film beginnt in der finsteren Ruine eines abgebrannten Kinos: „Mark!“, ruft jemand in die Dunkelheit, „Mark?“. Dani (Merlin Rose), der Besucher aus der Vergangenheit, und der drogensüchtige Mark (Joel Basmann) reden über alte Zeiten im Leipziger Osten: Bei den Wehrübungen der Jungen Pioniere hofften sie, an die Brüste der größeren Mädchen dotzen zu können. In der Wendezeit erfreuten sie sich noch an Mikrowellen und Softpornos aus dem Westen. Streiflichtartig skizziert der Film mit diesen Rückblenden jene frühen Jahre, nach denen die Jugendlichen dann ihre wilden Träume leben wollen:

„Wir sind die Größten!“, brüllen sie angesoffen aus geklauten West-Autos. Sie gründen einen illegalen Techno Club in einer alten Fabrik, das „Eastside“, mit dem sie richtig Geld verdienen. Die Mädchen, die sie gerne hätten, kriegen sie dennoch nicht, nackt sieht Andi sein geliebtes „Sternchen“ (Ruby O.Fee) nur in der Striptease-Bar… Weiterlesen

„Traumfrauen“ – ein Film von Anika Decker mit Iris Berben, Elyas M’Barek…

„Traumfrauen“ ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Anika Decker („Keinohrhasen“, „Rubbel die Katz“). Der Film ist eine nette Komödie, die aber mit bekannten Schauspielern großartig besetzt ist.

Margaux (Iris Berben) wird nach 35-jähriger Ehe von ihrem Mann verlassen. „Er ist von mir gegangen“, erzählt sie verschämt, denn nun lebt er mit seiner wesentlich jüngeren Physiotherapeutin zusammen. Ihre Freundin Gundula (Margarita Broich) ist empört: „Die jungen Dinger machen Sachen im Bett, da verfallen denen doch unsere Männer! Wir hatten ja nur Hauswirtschaftslehre in der Schule“

Margaux Töchter haben ebenfalls Liebeskummer, denn die jungen Männer sind auch nicht so toll. Der Freund von Leni (Hannah Herzsprung) hat plötzlich ein Kind mit einer anderen Frau. Ihre unsichere Schwester Hannah (Karoline Herfurth) quält sich mit den Machos in einer renommierten Anwaltskanzlei herum. Ein Kollege möchte lieber das neue Kugellager an seinem Fahrrad ausprobieren, als Sex mit ihr zu haben… Weiterlesen

„Traumfrauen“ Im Gespräch mit Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung und Palina Rojinski

In Berlin sprach ich mit den Darstellerinnen Hannah Herzsprung, die gerne einmal eine Ballett-Tänzerin im Film spielen möchte und Palina Rojinski, die irritiert war, dass ihre Filmrolle in „Traumfrauen“ als so männlich erlebt wurde. Beide erzählten, dass die Dreharbeiten mit der Filmemacherin Anika Decker unglaublich viel Spaß gemacht hätten und sehr harmonisch gewesen seien. „Das war ein „Aphroditentempel“, meint Rojinski. Bei ihrem Regiedebüt hätte Decker auch allen Akteurinnen genügend Raum für Improvisationen gelassen, so festgelegt seien die Dialoge gar nicht gewesen. Der Titel „Traumfrauen“ sei natürlich augenzwinkernd gemeint gewesen. Decker hatte Elyas M’Barek die Rolle auf den Leib geschrieben, doch der fühlte sich nicht als Hahn im Korb. Bescheiden meinte er, es seien doch auch andere Männer am Set gewesen. Wir stellten ihm drei weitere Fragen:

Wie war der Dreh mit so vielen Frauen?

„Es war natürlich sehr wichtig, dass eine Frau diesen Film gemacht hat, weil ja viele Dinge angesprochen und gezeigt werden, die man als Mann gar nicht so weiß… Weiterlesen

Zum Ende der 65. Berlinale (Kommentar)

Die Filmfestspiele in Cannes sind glamouröser, die in Venedig ambitionierter? Na und? Mit über 320.000 privaten Besuchern ist die Berlinale das größte Zuschauerfestival der Welt, mehr als 20 Millionen Euro fließen dadurch in ihre Kasse. Von wegen fehlende Programmatik oder unzureichend kuratiert: In einem Dutzend Sektionen liefen 441 Filme – vom Märchentraum für die ganze Familie bis zum experimentellen Geflimmer, vom Politthriller bis zum Genderporno. Und vor allem jede Menge einfach nur gut erzählte, sehenswerte Filme.

Dazu fanden bei den Festspielen Minderheiten, Unterdrückte und Ausgegrenzte aus aller Welt ein cineastisches Forum. „Durch den Film sind wir mit den Problemen dieser Welt verlinkt“, meinte Festivalleiter Dieter Kosslick. Völlig zu Recht bekam deshalb der im Iran mit Berufsverbot belegte und politisch verfolgte Filmemacher Jafar Panahi den Goldenen Bären für seinen subversiven Wettbewerbsbeitrag „Taxi“. Eigentlich gilt ja für die Beurteilung eines Films, dass eine geniale Idee noch kein gutes Werk ausmacht.

Doch in Zeiten, in denen Künstler für die Freiheit der Kunst sterben, darf auch die Kunst für die Freiheit der Künstler kämpfen. Panahis listiges Meisterwerk ist kein Jammerfilm, sondern zeigt – oft sehr humorvoll – Menschen im iranischen Alltag unter der Mullah-Diktatur. Weiterlesen

„SZENEN AUS DER FILMSTADT“ Berlinale-Blog (9) 14. Februar

Morgens am Promi-Eingang 20, 30 angekettete Leitern, die auf ihre Fotografen warten.
„Was ist heute für ein Wochentag?“, frage ich herum
Ein blindes Paar erkundet mit weißen Stöcken den ehemaligen Mauerverlauf. „Das sieht (!) alles interessant aus“, meint der Mann zur Frau.
Im Starbucks gibt es während der Festspiele nur Pappbecher.
Im Männerklo pinkelt ein Mann stehend mit einem ganzen Apfel im Mund.
Ich hasse ich es, wenn Zuschauer im Kino während des Abspanns ihre Popcorn-Eimer fallen lassen und rausrennen. Auf dem Festival muss ich sofort abhauen, kann den Film nicht nachklingen lassen, um noch in die Pressekonferenz zu kommen.
In der Pressekonferenz fotografiert der Schauspieler Johann von Bülow die Phalanx der Fotografen.
„Was ist heute für ein Wochentag?“, frage ich herum.
Du musst den Deckel abmachen“, sagt Jürgen Vogel, als ich ihn fotografieren will. Lars Eidinger,
den ich neulich für diese Zeitung interviewte, winkt mir vom Podium aus zu.
Die Ehrenfotografin der Berlinale schlurft in die Presskonferenz, zieht ihre abgeschabte Tasche wie einen Hund hinter sich her. Sie ist winzig klein mit gelb gefärbten Haaren, immer in Lederklamotten und wird bestimmt bald 90.
Ich schimpfe, weil Spanier im Schreibzimmer lautstark Party machen. „So deutsch!“, meckern sie zurück… Weiterlesen