Neues von der Berlinale (7)

Wieder einmal verlasse ich vorzeitig den Berlinale-Palast. „Colo“, die portugiesische Sozial-Tristesse zieht sich ewig hin (138 Minuten) – und ich bin unter Zeitdruck. Denn die täglichen drei Wettbewerbs-Filme und ihre Pressekonferenzen sind so dicht getaktet, dass ich ständig zu früh gehen muss. Zwischendurch schreibe ich dann dieses Tagebuch.

Ein Servicemann erzählt mir, dass er neulich im Monitor neben seinem Kaffeeautomaten eine tolle Pressekonferenz mit einer Regisseurin erlebt hätte. Am nächsten Morgen sei sie zum Kaffeetrinken gekommen und er fand es toll, dass er ihren Film loben konnte.

Manchmal sind diese Konferenzen einfach großartig, wie gestern mit dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki. Er sieht so muffig und schräg aus wie seine Filmfiguren, aber wenn er den Mund aufmacht, ist er warmherzig und doch ironisch. So wie seine Filme. Auf die Frage einer Kollegin, was er denn von der „Islamisierung Europas“ halte, knurrte er, man spräche ja auch nicht von der Islandisierung Europas, nur weil Island bei der letzten Fußball-EM so gut gewesen sei. Sein Schauspieler sang dann ein trauriges finnisches Lied. „So ist Finnland“, meinte der Regisseur.

Gerne branden bei diesen Konferenzen auch immer wieder Fragen nach der „Wahrheit“ im Film auf. Gestern bei der spannenden Doku über den Künstler Joseph Beuys wurde nicht gemeckert, weil der Regisseur ja Originaldokumente verwendet hatte. Aber deren Auswahl und, vor allem, deren Gestaltung ist ja auch sehr subjektiv: War Beuys wirklich „so“?

„Django“, der Eröffungsfilm, wurde heftig diskutiert, weil der Musiker „so“ ja nicht von den Nazis verfolgt worden und nie in der Schweiz gewesen sei. Doch es wurde eine Episode aus seinem Leben genutzt, der Streifen erhob nicht den Anspruch eines Dokumentarfilms. Ein Spielfilm, Filmkunst, darf frei den Geist einer Epoche verdeutlichen und Fragen aufwerfen, sie muss nicht die vermeintliche historische Wahrheit zeigen.

Foto: Aki Kaurismäki in der Pressekonferenz

Neues von der Berlinale (6)

„Das Wochenende der starken Frauen“, schrieb eine Berliner Zeitung. Ich denke, vielleicht wird es ja sogar ihr Festival. Man hat vergessen, dass im frühen Hollywood Frauen ja die erfolgreichen Filme machten, bis die Männer die cineastische Goldgrube entdeckten.

Im Wettbewerb haben mich zwei osteuropäische Streifen von Regisseurinnen sowie ihre Schauspielerinnen stark berührt: Sie sind meine Bärenfavoriten. Im ungarischen „Testről és lélekről“ wechseln zunächst sanfte Bilder von Hirschen im Wald mit Szenen aus dem Schlachthaus. Zwei dort Arbeitende haben, ohne es zu wissen, immerzu den gleichen Traum als Hirsch und Hirschkuh. Behutsam verlieben sich diese beiden, vom Leben verletzte Menschen ineinander. Was zunächst brutal, später auch esoterisch wirkt, wird mit unglaublichen Bildern erzählt.

Ich habe noch nie einen Film gesehen, in denen eine bereits gute Geschichte mit solch durchkomponierten Tableaus erzählt wird. Dieses Werk wird von den Kritikern sehr gelobt, doch seine außerordentliche Ästhetik kaum erwähnt. Der übersetzte Titel, „Seele und Körper“ provoziert ansonsten auch die Frage, ob Tiere eine Seele haben.

Heftig bestreitet das ein katholischer Pfarrer im polnischen Streifen „Pokot“ (Spur) und denunziert es als Blasphemie. Der Verfilmung liegen Worte William Blakes, zugrunde, hier in der düsteren Landschaft, die von ihm erdacht sein könnte, werden Tiere bestialisch gejagt. Möglicherweise schlagen diese Kreaturen zurück und töten allmählich alle brutalen Machos einer Jagdrunde. Aber tun sie das wirklich? Der Streifen ist kein Fantasy Film, sondern changiert zwischen Psychothriller, Ökofilm und Märchen.

Auf die etwas dusselige Frage eines Reporters, ob nun die gequälten Tiere Menschen töten sollten, meinte die Regisseurin recht grundsätzlich: Filme seien doch keine Propaganda, sondern Kunst, die Fragen aufwerfe. Die Tiere seien im übrigen auch eine „Metapher für die Schwächsten in der Gesellschaft.“

Foto aus „Testről és lélekről“ © Berlinale 2017

Neues von der Berlinale (5)

Als die Berlinale begann, strahlten alle Servicekräfte. Ich kam mir vor wie in Thailand, dem Land des Lächelns, wo ich bis dahin den Winter verbrachte. Dort in der Ferne bekam ich zum Jahresbeginn ständig Einladungen aus Berlin, um vorab fast alle Festivalfilme aus verschiedenen Sektionen zu sehen. Nur für die Wettbewerbsfilme gab es keine Voraufführungen. Das Festival konnte für akkreditierte Journalisten also bereits im Januar beginnen.

Nun muss ich ständig jonglieren, sehe ich Streifen im Wettbewerb oder anderen Bereichen, weil sich alle Anfangszeiten dauernd überschneiden. Gestern wollte ich „Una Mujer Fantastica“, das Drama eines transsexuellen Menschen aus dem Wettbewerb“, für einen Thailand-Film im „Forum“ schwänzen. Doch die Doku zeigte nur eine endlose Fahrt mit der siamesischen Eisenbahn – zum meditativen Klack-Klack der Räder flimmerten Bilderströme von Landschaften und Menschen auf der Leinwand. Bald hatte ich keine Ruhe mehr und ging doch noch in den Wettbewerb.

Auch aus dem didaktischen Schmachtfetzen „Viceroy’s House“ bin ich abends vorzeitig ausgestiegen. Es war die Weltpremiere eines Films über die Selbständigkeit Indiens, verknüpft mit einer Liebesgeschichte. Das aber habe ich bereits sinnlicher und aufregender gesehen (etwa in „Mitternachtskinder“).

Zwar bin ich aus dem letztjährigen – später vielfach preisgekrönten – Berlinale-Streifen „Victoria“ vorzeitig abgehauen. Das war ein Fehler, wie ich später bekennen musste. Doch in „Tiger Girl“, zum Beginn dieser Festspiele, erlebte ich zwei Stunden lang hingestammelte Dialoge und Prügeleien zwischen Mädchen. Danach beschloss ich, meine Kräfte zu schonen und weiterhin früher aus nervenden Filmen zu gehen.

Immerhin habe ich bis jetzt viel gesehen, das mich begeistert hat. Darüber schreibe ich morgen.

Neues von derBerlinale (4)

Die Kollegen drängeln, schubsen, drücken, um den Berlinale-Palast zu verlassen. Doch auf den Treppen bleiben viele plötzlich wie angewurzelt stehen, um E-Mails zu checken. Kein Rauskommen, das ist die Gelegenheit, meine Medizin gegen trockene Augen einzuträufeln. „Kannste auch keine Filme mehr sehen?“ Den Joke höre ich seit Jahren. Mittlerweile habe ich mich eingelebt, mein Zeitgefühl verändert sich. Streifen, die ich vor Tagen gesehen habe, sind weit weg.

Einen Film sehe ich neben einer Übersetzerin. Ich habe noch nie über die Stimmen nachgedacht, die aus den kleinen Übersetzungsgeräten säuseln. Die Frau schaut immer vorher die Filme und dolmetscht in den Pressekonferenzen die Diskussionen. Sie liebt Kino und natürlich ihren Festival-Job: „Das ist schon anders, als bei der Landwirtschaftsausstellung“, meint sie. Von ihr erfahre ich, dass sie auch Interviews betreut. Also hätte ich, selbst mit meinem schlechten Englisch, Regisseur Aki Kaurusmäki interviewen können…

Es ist schon ein großes Privileg, neben den vielen neuen Filmen die ich sehen kann, hier als „Tagespresse“ akkreditiert zu sein. Draußen stehen die Leute in der Kälte am Hinterausgang des Pressecenters oder am roten Teppich, um Blicke auf ihre Stars zu erhaschen. Mir sitzen sie, meist ungeschminkt und in einfachen Klamotten, einige Meter gegenüber und ich kann sie in den Konferenzen zu ihrer Arbeit befragen.

Tja, drei bis vier Filme am Tag, wie schafft man das? „Ich könnte das nicht“, meinen viele Freunde. Manchmal bin ich schon müde, aber ich wähle die Streifen gut aus, so dass die meisten meinen Geschmack treffen und mich begeistern. Im Kino schreibe ich dann mir wichtige Szenen oder Dialoge auf, notiere direkt, was mich ärgert oder fasziniert. Die Konferenzen vertiefen oft meine Eindrücke. Nach einem Kaffee habe ich dann Kopf und Seele halbwegs frei und kann mich auf die nächste Vorführung freuen. Wie jetzt auf den polnischen Wettbewerbsbeitrag „Spoor“.

Neues von der Berlinale (3)

„Schau für uns mit!“, schrieb ein Freund als Widmung in den Berlinale-Roman „10 Tage im Februar“, den er mir zum Abschied schenkte. Die Ich-Erzählerin und „echte“ Filmkritikerin Heike Melba-Fendel, wird für die Zeit der Festspiele von ihrem Mann verlassen. Sie stürzt sich in den Rummel und reflektiert zugleich ihre Beziehung zu ihm – den sie nur „der Mann“ nennt und am Ende verlässt. In ihren Erinnerungen verweben sich Geschichten und Filme der letzten Berlinalen, an die auch ich mich gut erinnere. Es war die Zeit, als Anke Engelke noch selbst in den Pressekonferenzen kluge Fragen stellte oder behauptete, Schlaf werde auf der Berlinale überschätzt.

Schon sehr spät sah auch ich gerade, „Es war einmal in Deutschland“ mit Moritz Bleibtreu. Er spielt in diesem wunderbar melancholischen und zugleich humorvollen Film einen Juden, der durch seine Schlitzohrigkeit, vielleicht aber auch durch Verrat das Lager überlebt hat.

Wie viele andere wird wohl auch dieser Streifen aus der Panorama-Sektion nicht in Osthessen laufen. Es kommen ja nicht einmal alle Wettbewerbsfilme in die deutschen Kinos. Zum Glück hat das ZDF diesen Film mitfinanziert, so dass er bei uns wenigstens im Fernsehen zu sehen sein wird. Sehr viele Kino-Filme werden neben der Länder- und Bundesfinanzierung mit fast 400 Millionen Euro im Jahr vom öffentlich-rechtlichen TV mitfinanziert und wenigstens irgendwann von ihnen ausgestrahlt.

Neulich las ich, die deutsche Filmwirtschaft habe nicht nur diese kulturelle, sondern auch große wirtschaftliche Bedeutung: In der Branche werden von 160.000 Beschäftigten jährlich fast 25 Milliarden Euro erwirtschaftet, die Hälfte vom Fernsehen.

Doch allein 260 deutsche Filme im letzten Jahr, wer soll die alle sehen, fünf Streifen pro Woche? Wir machen mit unserer Auswahl bei der Berlinale „quasi kulturelles Marketing“, meinte Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Quelle Zahlen:
Bundeswirtschaftsministerium nach FR 3.2.17

Foto: Abends bei Vollmond nach Hause kommen…

Neues von der Berlinale (2)

„Ich kann es nicht ertragen, angefasst zu werden“, röchelt der schöne junge Mann. „Prügel mich!“, gurrt die attraktive junge Frau. Im Zoo-Palast schaue ich das Dramolett „50 Shades of Gray (2)“. Es zeigt durchaus spannende Kinobilder von reichen Menschen mit tiefen Abgründen, die sie in angenehm temperierten Sado-Maso-Praktiken ausleben.

Auf einer großen Leinwand in der Akademie der Künste wackelt acht Minuten lang der Kopf des jungen Mädchens „Izadora“ am Bildrand. Sie läuft wohl auf Rollschuhen, schiebt vielleicht einen Wagen mit der Kamera – und träumt. Doch ihre Fantasien sieht man nicht. Ein weiteres Dutzend Video-Installationen befragt hier in der Sektion „Extended Forum“ Bilder hinter den Bildern, will den Prozess des Sehens verdeutlichen.

Mit ihren gut 15 Sektionen ist die Spannweite der Berlinale, wie immer in den letzten Jahren, unglaublich. Einerseits also die durchaus dramatisch inszenierte, jedoch oberflächliche Scheinwelt des Illusionskinos. Andererseits das „Forum Extended“, dessen hochintellektuelle Ambitionen oft schwer nachzuvollziehen sind und (mich) wenig bewegen. Aber das kann kein Kriterium für Film-Kunst sein.

Die unterschiedlichen Erfahrungen haben mich gebeutelt, doch ich weiß, „meine“ Berlinale wird irgendwo zwischen diesen, zuerst erlebten Polen liegen.

Programmatisch und beispielhaft für das Festival ist „Django“, der Eröffnungsfilm. Die kurze Zeitspanne im Leben des Musikers Reinhardt, ist ganz großes Kino. Der Streifen zeigt in Eifersucht, Verrat und Erpressung verstrickte Menschen, aber auch deren Mut, ihre Solidarität und Liebe. „Django“ lehrt uns, dass es unmöglich ist, als Künstler nur Kunst zu machen und sich aus allem rauszuhalten. Der Streifen ist dennoch eine Ode an die Freiheit der Kunst, vor allem aber ein Requiem für die von den Nazis ermordeten Zigeuner.

Ach ja, wunderbare Augenblicke im Kino: Django spielt auf einer Bühne, man sieht die Köpfe seines Publikums – und ich sehe vor mir die Köpfe der Kolleginnen und Kollegen. Wir verschmelzen mit dem Film…

Auf der Jury-Pressekonferenz machte der isländische Juror Olafur Eliasoson diese Momente als Maßstab für seine Beurteilung eines Films noch grundsätzlicher deutlich: „Ich will mich selbst im Film wiederfinden und mir sagen, das kenne ich, aber konnte es bisher nicht formulieren. Es ist so, als ob man sich selbst erkennt: Ich bin ein Teil der Welt und gehöre dazu!“

Foto: Jury-Pressekonferenz

Aktuelles von der Berlinale (1)

Ein mächtig stinkender Obdachloser steigt in die S-Bahn und schlurft zeitlupenhaft zum anderen Ausgang. Beim nächsten Halt übergibt er sich in den Zug, steigt aus und hinterlässt uns frischen Gestank.

Eine kinoreife Szene bei meiner ersten Fahrt zum Pressezentrum am Potsdamer Platz, der einzige Ort, an dem Berlin wie eine Großstadt aussieht. Doch ich bin sicher, dieser „Kotzbrocken“ wird kein Sinnbild für die kommenden zehn Tage der Berlinale werden.

Auf den Plakaten der Festspiele scheinen sich zwar echte Bären in der Stadt herumzutreiben – die Welt ist aus den Fugen geraten: Unter den 399 Filmen des Festivals sind zahlreiche Streifen, welche die bittere oder mancherorts Übelkeit erregende Realität abbilden. Aber es gibt auch genügend humorvolle oder Mut machende und Zuversicht verbreitende Filme, betont Festivalleiter Dieter Kosslick. Aus Wolf Biermanns „Ermutigung“ zitiert er in der ersten Pressekonferenz gleichsam das Motto der Berlinale: „Du, lass Dich nicht verhärten, in dieser bitteren Zeit…“

Seit Sonntagnacht schlafen die „Filmverrückten“ vor den Kassenhäuschen in den geheizten Arkaden, um morgens ihre Wunschtickets zu bekommen. In der Früh lichten TV-Teams die Aufwachenden ab und befragen sie nach ihren Kartenwünschen. Viele von ihnen antworten bereits wie Medienprofis, denn die meisten machen das schon seit Jahren.

Auch tagsüber bilden sich lange Warteschlangen auf den roten Teppichen, während der „echte“ rote Teppich, draußen für die Promis, noch verlegt wird. „Film ab!“ wirbt eine lokale Zeitung und bietet Probeabos mit Gutscheinen für Festivalfilme. 320.000 zahlende Besucher hatten die Festspiele im letzten Jahr.

Berlinale heißt, sich ständig entscheiden zu müssen. Bereits am Donnerstag zum Start muss ich wählen: Gehe ich zur Pressekonferenz der Wettbewerbsjury oder schaue ich „Casting“, den ersten Film im Forum? Gehe ich zur Premiere der SM-Schmonzette „Fifty Shades of Grey“ (II) und erfahre endlich, wozu das viele Baumaterial in der Erotik nötig ist? Oder schaue ich, wie Kosslick unweit des Berlinale-Palasts Straßenstände mit gesundem Essen und fair gehandeltem Kaffee eröffnet?

Mal sehn!

„Marie Curie“ – ein weiterer Film über kämpferische Frauen um 1900 in Paris

„Willst Du?“, stöhnt der Mann. „Ja!“, haucht sie – doch statt im Bett übereinander herzufallen springen beide auf und stürmen des Nachts in ihr kaltes, zugiges Labor, um wissenschaftlich zu arbeiten. Doch ganz so eine Nonne der Wissenschaft ist Marie Curie schließlich nicht, wie sich im Laufe des Films herausstellt.

Aber erzählen wir der Reihe nach: Ende des 19. Jahrhunderts musste die naturwissenschaftlich hochbegabte Polin Marie Curie (Karolina Gruszka) nach Paris gehen, weil sie nur dort studieren kann. Der Film beginnt, wie sie und ihr Mann Pierre Curie (Charles Berling) den Nobelpreis bekommen, den lediglich er entgegen nehmen darf. Die Auszeichnung erhalten die beiden für die leidenschaftliche Weiterentwicklung ihrer Radium-Krebstherapie. Als Pierre überraschend bei einem Unfall ums Leben kommt, widmet sich Marie alleine der Forschung. Um Pierres Lehrauftrag an der Sorbonne zu übernehmen oder gar in die Académie des sciences aufgenommen zu werden, stößt sie auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten in der, von allenfalls durchschnittlich begabten Männern dominierten Wissenschaft.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter) setzt Marie ihre Forschungsarbeiten fort, versucht gleichzeitig aber auch bei Kindern und Studenten Forscherlust zu wecken. Aus der Arbeit mit Langevin entwickelt sich eine lange, leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem verheirateten Kollegen. Während bekannt wird, dass sie als erste Frau den Nobelpreis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten wird, geht Langevins verlassene Frau an die Öffentlichkeit. Die Pariser Gazetten geißeln die Witwe als Hure und Ehebrecherin, obwohl Langevin für seine zahllosen außerehelichen Affären bekannt ist. Das Nobel-Komitee legt Marie nahe, auf den Preis zu verzichten…

Wir hatten vor einiger Zeit  über die Filme „Paula“ und „Die Tänzerin“ berichtet (zum Link), Paula Modersohn-Becker und Luis Fuller mussten ebenfalls um die Jahrhundertwende nach Paris gehen, um als Künstlerinnen anerkannt zu werden. Dabei hatten sie es schon schwer genug – aber eine weibliche Wissenschaftlerin galt selbst im fortschrittlichen Paris als perverses, abartiges Ungeheuer. Übrigens endet der Streifen „Marie Curie“ interessanterweise mit der Rekonstruktion des Tanzes „Radium Dance“ Luis Fullers. Die Tänzerin und die Curies kannten sich und waren geschmeichelt, dass ihnen ein Tanz gewidmet wurde.

Marie wird als moderne Frau ohne Plüsch und in zeitloser Kleidung gezeigt, das historische Umfeld spielt keine große Rolle im Film. „Das soll zur Identifikation herausfordern“, meint Regisseurin Marie Noelle. Doch ist dieser Film als Zeitbild einerseits so authentisch wie „Paula“ oder „Die Tänzerin“, andererseits aber sehr viel näher an der biografischen Realität der Protagonistin. Dennoch ist er kein Biopic, weil er sich, trotz einiger Rückblenden, auf die Zeit zwischen den beiden Nobelpreisen konzentriert. Weiterlesen

Ulrich Barnickels „Todsünden“ – Der Metallbildhauer stellt in Gotha aus

Europas wohl bekanntester Metallbildhauer Ulrich Barnickel (62) eröffnet am Freitag 2. Dezember in Gotha seine umfassende Werkschau mit Stahlplastiken und Objekten aus anderen Metallen. Zum ersten Mal präsentiert er dort seine neuen eisernen Modelle der sieben Todsünden.

Es war ziemlich mühselig, den Künstler in seinem Atelier an der Schlitz zu treffen. Soeben kommt er von einem Vortrag in Finnland zurück, am nächsten Tag will er seine Arbeiten nach Gotha bringen. Am wärmenden Holzfeuer aber lässt er sich Zeit, von seinem Projekt der Todsünden zu erzählen. Gerne schweift der Meister ab, zeigt Fotos vom Empfang beim Papst in Rom, erzählt über seine Luther-Skulptur in Hamburg oder erklärt den neuen, riesigen „Feuermann“ im Hof. „Ihr Journalisten seid ja dazu da, den roten Faden wieder zu knüpfen“, meint er lachend.

Also dann – in den letzten Jahren hat Barnickel sich nach dem „Weg der Hoffnung“ (2009) auf Point Alpha und den, noch nicht in großen Skulpturen realisierten „Zehn Geboten“, mit den Todsünden beschäftigt. „Völlerei, Neid oder auch die anderen Sünden versucht man ja zu vermeiden“, erklärt er, „aber ob das nun immer gelingt? Wir sind ja doch nur Menschen…“ Grundsätzlich arbeitet er jedoch nicht für die Kirche, sondern will zur Besinnung auf deren jahrhundertealten Werte beitragen, um diese wieder zu aktualisieren: „Wir müssen keine neuen Werte suchen!“ Kunst kann auch Politik beeinflussen, davon ist er überzeugt, und er will sich einbringen, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Für den Zyklus Todsünden hat er sieben kleine Plastiken als „Vor-Bilder“ – im Maßstab 1:10 – für die Realisierung in einer großen Figurengruppe geschaffen. Man kann bereits Bronzeabgüsse einzelner Kleinplastiken erwerben. Sie sind eigenständige Kunstwerke, keine Modelle im engeren Sinne, denn wenn der Künstler sie in zehnfacher Größe erschafft, verändern sich nicht nur viele Details durch die Metallbearbeitung sondern auch die Aura der Figuren, die dem Betrachter überlebensgroß entgegentreten.

Die Todsünden sollten erstmals in Fulda gezeigt werden. Das klappte nicht, weil eine geeignete Lokalität fehlte, nun werden sie im KulturForum in Gotha präsentiert. „Hasserfüllt und rasend / Schlägt der böse Zorn“ – stark stilisiert raufen zwei Figuren, eine scheint zum Schlag auszuholen. Ein anderes Paar ringt um einen goldenen Stern: „Immer länger wird der Arm im Neid / Nach den Sternen anderer greifen, umsonst.“ (Prof. Dr. Arlt). Diese neuen, eisernen Figuren sind wieder stark auf ihre Gesten reduziert, die angedeuteten Situationen weniger konkret als in den „Zehn Geboten“. Immer treffen zwei Figuren aufeinander, fast alle Sünden ereignen sich, wohl emblematisch, in der Zweiheit. Die Darstellungen wechseln zwischen Abstraktion und Erzählung, dem Betrachter bleibt Raum für Interpretationen.

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„Ich, Daniel Blake“ – der Gewinnerfilm von Cannes jetzt in einigen Kinos

Beim letzten Filmfestival in Cannes gewann Ken Loach die „Goldene Palme“ für den Film „Ich, Daniel Blake“. Nun startet der Film in Deutschland in ausgewählten Kinos. Das preisgekrönte Werk ist ein sehr traditionell erzählter Film des achtzigjährigen Meisterregisseurs. Doch warum erhielt gerade er den Hauptpreis auf dem wohl wichtigsten Filmfestival der Welt?

Die Story des Films ist schnell erzählt: Der ältere Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) bekam nach dem Tod seiner Frau einen Herzinfarkt und versucht nun, bis zu seiner Genesung, Sozialhilfe zu bekommen. Doch er ist zu gesund für die staatliche Unterstützung, aber noch zu krank, um zu arbeiten. Wie in einer modernisierten Erzählung von Franz Kafka, wird Blake von der gnadenlosen britischen Sozialbürokratie und ihren Mitarbeitern zerrieben. So muss er viele Bewerbungen schreiben, obwohl klar ist, dass er die Jobs (noch) nicht annehmen kann. Bei seiner Odyssee durch die Ämter freundet er sich mit der jungen alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) an, die ebenfalls Opfer des undurchsichtigen Verwaltungsapparats wird. Blake hilft ihr bei Reparaturen im Haus und wird für die zwei kleinen Kinder ein guter Opa. Mit viel schwarzem Humor halten die beiden gedemütigten Menschen ihre Unbilden aus, aber irgendwann reicht deren Kraft nicht mehr. Katie prostituiert sich, Blake rebelliert ungestüm gegen das ihm zugefügte Unrecht.

Loach und sein Team haben intensive Recherchen unter arbeitslosen und von der Fürsorge abhängigen Menschen in Groß-Britannien durchgeführt. Sie waren entsetzt über die systematische Erniedrigung arbeitswilliger Underdogs in undurchschaubaren bürokratische Strukturen:

„Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht“, sagt Loach.

Während die meisten Briten glauben, 30% der Sozialhilfeempfänger seien Betrüger, sind es in Wirklichkeit nur 0,7%. In den zwei Filmfiguren sind viele Geschichten der befragten Menschen aufgehoben und verdichtet. Wie diesen Personen durch Willkür und Ungerechtigkeit ihre Würde genommen wird, ist mittelständischen Bürgern kaum bekannt.

Vor kurzem erhielt die Journalistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In einem ihrer Bücher machte sie darauf aufmerksam, dass nicht nur Folteropfer oder Flüchtlinge durch die ihnen zugefügte Brutalität sprachlos werden, sondern auch die Leidtragenden struktureller Gewalt:

„Verzweiflung und Schmerz legen sich wie eine Schale um die betroffene Person und schließen sie ein.“

„Ich Daniel Blake“ ist also nicht einfach nur ein Politfilm, sondern ein Werk, in dem entwürdigte Menschen – durch die Filmfiguren – Gehör finden und dadurch ihre Würde zurück erhalten. Weiterlesen