Der Traum des Künstlers Both-Asmus über Bäume zu laufen…

Der in der Region Fulda aufgewachsene, nun in Berlin lebende Künstler Christoph Both-Asmus (32) versucht, Kunst und Ökologie zu verknüpfen.

Ein Mann liegt am Strand. Sein ganzer Körper ist dick mit Sand bedeckt. Der schützt ihn vor den glühenden Kohlen auf seinem Bauch. Darauf sind frische Blumen gesteckt. Im Hintergrund Felsen, Meer und Wolken. Both-Asmus zeigt dem Besucher kleine Fotos seiner Performance „Requiem“, von der er soeben aus Portugal zurückgekehrt ist. Nur mit dem Filmteam und anderen professionellen Helfern hat er die einstündige, präzise geplante Aktion realisiert, in der er Teil des Kunstwerks wurde. „Das war eine unglaublich starke Erfahrung“, erzählt der Performer, „ich war quasi ‚gesandwiched’, unter mir habe ich die Kälte des Atlantiks gespürt, über mir die Hitze des Feuers.“

Monate später, beim zweiten Besuch, zeigt er den Film mit diesem Ritual, das selbst auf dem Notebook eine stark meditative Wirkung hat. Durch die Hitze fallen Blütenblätter herab, nur durch sie und die fast unmerkliche Dämmerung wird vergehende Zeit deutlich. Ständig wird der Blick des Betrachters von dem bewegten Ozean angezogen. Statt im Hintergrund zu rauschen spürt man die ungeheure Kraft und Energie des Meeres. Die schnell durch die Kohlenglut herabfallenden Blumen verweisen poetisch auf die von Menschen geschaffenen Folgen der Erderwärmung.

Dann packt Both-Asmus die großen Bilder der Aktion aus, die heute geliefert wurden. „Proofs“ (Drucke) nennt er die auf verschiedenen Papieren abgezogenen Fotos. Weiterlesen

Bilder Francis Bacons in Heidelberg als „armes“ Tanztheater

In einem Kammerspiel mit nur sieben Tanzenden inszeniert die Choreografin Nanine Linning ihre berührende Auseinandersetzung mit Francis Bacon (1909 – 1992), der in seinen Malereien meist kraftvolle aber zugleich deformierte Menschen zeigte.

In dem kleinen Saal des Heidelberger Zwingers schwebt eine an den Füßen aufgehängter Tänzerin direkt vor den Köpfen der Zuschauer. Eine weitere baumelt im hinteren Teil der winzigen Bühne. Tänzer liegen zusammengekrümmt am Boden. Zu schrillen elektronischen Klängen bilden sich Paare, die einander mit wilden Bewegungen anziehen und wegstoßen, sich verklammern und winden, quälen und doch immer wieder zu lieben versuchen. Bis zur Erschöpfung tobt und rast ein junger Tänzer, rollt keuchend vor die Füße der Zuschauer. Eine nass geschwitzte Tänzerin greift zwei Akteure an und wird von ihnen ins Publikum geschleppt.

Alle Performer geben physisch und psychisch in diesen Kampftänzen alles, machen sich verwundbar und nackt. Das Stück ist kein Tanztheater, an dem man sich distanziert erfreut, sondern ein intensives Abenteuer. Linnings Compagnie führt kein Drama auf, sondern zieht das Publikum in ihren engen Raum hinein und lässt es die dort entstehenden Triptychons oder Einzelbilder Bacons erleben.

Bisher hat erstaunlicherweise kaum ein Choreograf oder Regisseur die Bilder des Malers auf die Bühne gebracht. Der schuf, ungeachtet aller künstlerischen Strömungen in der Mitte und zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, figurative Bilder mit meist mächtigen düsteren Gestalten. Weiterlesen

„Amazing Shadows“ – Brillantes Menschen-Schattenspiel mit vielen Facetten

Am Ende des Menschen-Schattenspiels „Amazing Shadows“ in der Fuldaer Orangerie feierte das Publikum das achtköpfige Ensemble mit stehenden Ovationen, während die Tänzerinnen und Tänzer abermals mehrere kurze Höhepunkte aus ihren vorherigen Darbietungen zeigten:

Als schwarze Silhouetten tanzten sie noch einmal, leicht klassisch, hinter der Projektionswand, formierten sich zu einem riesigen Tier, verharrten kurz, lösten sich auf und bewegten sich weiter. Mit unglaublicher Leichtigkeit, großer Präzision und atemraubender Akrobatik schuf die Compagnie zwischen den Tänzen Felslandschaften oder vielarmige Figuren, amorphe Ungeheuer oder Wälder aus Körperteilen.

Auf der Bühne agierten die Akteure vor einer Projektionslampe und waren durch die riesige Leinwand vom Publikum getrennt. Mit ihren Aktionen in der Tiefe des Bühnenraums veränderten sie ihre Größe, je näher sie vor die Bildwand kamen, desto kleiner wurden sie. Links und rechts am Bühnenrand (eigentlich an der Lichtquelle) schnappten riesige Köpfe im Profil mit gierigen Mündern bedrohlich nach kleinen Ballerinen (dicht vor der Leinwand).

Das Ensemble präsentierte kein durchgehend dramatisches Stück, sondern performte eine Revue unterschiedlicher Minidramen und lebender Bilder. Zunächst zeigte es noch Kamelreiten zwischen Pyramiden in Ägypten oder Kung-Fu-Kämpfe in China, dann sogar den Fall der Berliner Mauer… Weiterlesen

Der Film „Tiger Girl“ – eine grottenschlechte Zumutung

 

„Über Kunst reden kann jeder. Aber DU machst Selfies mit Mona und Lisa.“ In Abwandlung dieser aktuellen, ziemlich dusseligen Werbung für ein Deodorant, könnte man zum Film „Tiger Girl“ spöttisch sagen: „Alle reden über Achselschweiß, aber WIR drehen Filme mit Tiger und Vanilla.“

Regisseur Jacob Lass („Love Steaks“) hat seinen neuen Film „Tiger Girl“ auf der Berlinale, man muss es schon so sagen, rausgehauen. Die dürftige Handlung ist schnell erzählt: Maggie (Maria Dragus) möchte gerne Polizistin werden, doch als das nicht klappt, macht sie eine Ausbildung in einer Sicherheitsfirma. Warum sie so gerne andere schützen will bleibt offen. Irgendwann rettet das Mädchen Tiger Girl (Ella Rumpf) sie vor einer aggressiven Meute junger Männer, verhindert aber ebenfalls den Beischlaf mit einem Polizisten, den Maggie seit ihrer nicht bestandenen Polizeiprüfung kennt.

Fortan tun sich die beiden Frauen zusammen und wohnen abwechselnd in einem alten Bus oder auf dem Dachboden eines großen Mietshauses. Maggie wird jetzt vom Tiger Girl „Vanilla the Killer“ genannt und versucht noch eine Zeitlang ein Security Girl zu werden. Was das Tiger Girl antreibt erfahren wir nicht. Freiheitsdurst? Abenteuerlust? Schlechte Kindheit? Gemeinsam beklauen, demütigen oder verprügeln die beiden andere Menschen, gerne auch hübsche Jungs. Aus solchen Bosheiten und Gewalttaten besteht der größte Teil des Films. Es wird zwar nicht deutlich, was die beiden Furien eigentlich antreibt, aber in der Uraufführung auf der Berlinale grölten Freunde und Fans der Film-Gang aus Berlin-Neukölln lautstark vor Begeisterung. Weiterlesen

„Es war einmal in Deutschland“ – ein bewegender und zugleich humorvoller Film

„Es war einmal in Deutschland“, heißt der hier besprochene Film und er beginnt nicht nur wie ein Märchen, sondern ist letztlich eine märchenhafte Geschichte. Also:

Es war einmal in Frankfurt eine Mischpoke überlebender Juden, die alle schnell Kies machen wollten, um in die USA auszuwandern. David Beermann (Moritz Bleibtreu), schlitzohriger Sohn ermordeter jüdischer Warenhausbesitzer, verkündet: „Hitler ist tot, aber wir leben noch!“ Weil er weiß, dass die Deutschen vor allem Wäsche brauchen, stellt eine obskure Händlertruppe zusammen, um dieses Bedürfnis zu bedienen.

Da bewirbt sich ein Schauspieler mit einer Herzattacke bei Beermann als Verkäufer. „Ich kann aber auch Hirnschlag“, meint er, „um Mitleid oder Hilfe zu provozieren, wenn’s nötig ist.“ Auch die anderen Verkäufer sind allesamt schräge Vögel. Die Bande wickelt die Schicksen im Rhein-Main-Gebiet mit hinreißender Chuzpe um den Finger und macht großartigen Reibach.

Gleichzeitig bekommt Beermann jedoch mächtig Zoff mit der US-Besatzungsarmee, verschweigt den Schlamassel aber seinen Kollegen. Ihn bedrängt die intelligente und attraktive Offizierin Sara Simon (Antje Traue), die ihn gnadenlos als Nazi-Kollaborateur überführen will. Ständig wird Beermann von der rechtzeitig aus Deutschland emigrierten Jüdin zu Verhören einbestellt und tischt ihr nach und nach eine unglaubliche Geschichte auf. Die wird in Rückblenden parallel zu den Erfolgen der Wäschehändler erzählt:

Beermann überlebte das KZ als Schlemihl, weil er gute Witze erzählen kann. Bei SS-Feiern gab er erfolgreich den Witzbold, „denn die SS hatte ja nicht so viel zu lachen.“ Weiterlesen

Die Malerin & Bildhauerin Dorle Obländer im Steinauer Grimm-Haus

Vor gut einem Jahr starb Dorle Obländer (1947 – 2016), die weit über Osthessen hinaus bekannte Künstlerin. Nun widmet ihr das Grimm-Haus in Steinau eine kleine Retrospektive, zu deren Eröffnung sehr viele Besucher kamen.

Eigentlich plante Museumsleiter Burkhard Kling schon lange, alle Grimm’schen Märchenbilder der Malerin und Bildhauerin auszustellen. Denn daran arbeitete die Künstlerin bis zu ihrer schweren Krankheit, deshalb blieb die nun präsentierte Märchenserie unvollendet. Zusätzlich werden jedoch allerlei weitere Malereien und Skulpturen Obländers gezeigt.

Bereits beim Eintritt in die Ausstellung wird erkennbar, eigentlich sind fast alle ihre Werke surreale oder traumhafte Märchen. Gleich rechts hängen Bilder, die Männer zeigen, die von Frauen wie Kleinkinder getröstet werden oder auf deren Köpfen Schleimschnecken krabbeln. Gegenüber, neben der Treppe zur weiteren Ausstellung, ist ein Ensemble installiert, dass geradezu programmatisch für die malerische und bildhauerische Arbeit der Malerin ist:

Auf einem Gemälde sind „Gerlinde und Sofia“ zu sehen, zwei hochmütige, kaum die Besucher anblickende Weiber. Wie selbstverständlich verschließen sie mit einem Messer oder einem Dolch ihre Handtaschen. Vor dem Bild hockt links ein Engel, rechts ein Teufel. Die beiden Betonskulpturen scheinen fröhlich darauf zu lauern, was wohl gleich passieren wird… Weiterlesen

Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Tanztheater im Hessischen Staatsballett

Ganz im Geiste Shakespeares präsentiert das Hessische Staatsballett mit „Ein Sommernachtstraum“ choreografisch herausforderndes und dennoch unterhaltsames Tanztheater.

Bei den Menschen dürfen Verliebte sich nicht lieben, ein Mädchen soll zwangsverheiratet werden. In der Parallelwelt der Elfen streitet König Oberon mit seiner Frau Titania. Puck, des Herrschers Hofnarr, soll Titania maßregeln und richtet gewaltiges Chaos an. Am Tag nach der rauschhaften Nacht, „in der man den Busch für einen Bären hielt“, sind alle Beteiligten irgendwie verwandelt.

Tim Plegge, Ballettdirektor des fusionierten Balletts Darmstadt/Wiesbaden, hat Shakespeares Erzählung in die Gegenwart verlegt. Die Liebenden sind Teenies, die in ihren Tänzen den ganzen Übermut aber auch die Unsicherheit ihrer Generation zeigen. Da küsst der Junge seine angespannten Muskeln, zeigt stolz seinen Waschbrettbauch, das Mädchen windet sich um seine Beine, an denen er sie cool herabgleiten lässt. Dann fällt er vor seiner Angebeteten auf die Knie. Den durchaus derben Humor des Dichters hat Plegge behutsam auf das Ballett übertragen, ohne ins Läppische abzugleiten… Weiterlesen

Ulrich Barnickels Modelle der „Sieben Todsünden“ nun auch in Fulda…

In der Bibliothek des Fuldaer Priesterseminars präsentiert Bildhauer Ulrich Barnickel bis zum Ende der Fastenzeit seine Figurengruppe „Die sieben Todsünden“, die er Ende 2016 in Gotha erstmalig zeigte (siehe hier). Zur gut besuchten Vernissage brachte Komponist Franz Vorraber seine eigens für diese Skulpturen komponierten Klänge zu Gehör.

Nachdem der Tonkünstler zunächst Robert Schumanns romantische „Fantasie“ auf dem Flügel vortrug, ging er mit seinem „Klang der Todsünden“ entschieden zu Sache. Denn Barnickels kleine Sündenskulpturen sind ja nun keineswegs niedliche Modelle für größere Arbeiten. Der „Stolz“ etwa ist eine grobe Figur, die mit ihrem Körperausdruck die eigene Wichtigkeit überdehnt und rücklinks hinzufallen scheint. Vorrabers Paraphrasierung des Stolzes begann zwar mit wohlklingender, feierlicher Marschmusik, die dann jedoch kratziger, aufgeblasener und immer schriller bis zum Umfallen wurde.

In Barnickels „Wollust“ ringen zwei stark stilisierte Figuren miteinander, der Mann ergreift eine Frau von hinten, die wohl nur ungern ihren prächtigen Hintern von ihm losreißt… Weiterlesen

„Die Frau im Mond“ – ein Film, poetisch wie sein Titel

In der französischen Provence war es, in den 1950er Jahren, für Frauen bestimmt kein Zuckerschlecken, sexuelle Begierde zu spüren und von der großen Liebe zu träumen. Auch die verliebte junge Träumerin Gabrielle (Marion Coillard) bekommt die Verachtung ihres Dorfes zu spüren, als sie vom Dorflehrer öffentlich brüsk zurückgewiesen wird.

Aber hat er sie denn nicht durch das Ausleihen von Liebesromanen geradezu ermuntert sich ihm zu nähern und hinzugeben? Gabrielles wütende Mutter droht, sie lasse die Tochter in die Irrenanstalt einweisen, wenn sie nicht den baskischen Flüchtling José (Alex Brendemühl) heiraten würde: „Du bist nicht verrückt, aber Du lebst in Deiner eigenen Welt!“

Die Mutter verspricht dem, zunächst zögernden Basken Geld und Unterstützung bei seiner Verwirklichung beruflicher Pläne. Widerstrebend willigt schließlich auch Gabrielle in den Handel ein, nicht ohne José klar zu machen, dass sie niemals mit ihm Sex haben werde. Doch als der Mann wieder einmal zu den Huren gehen will, macht seine Frau sich erotisch zurecht, fordert ihn auf, Geld auf den Küchentisch zu legen und gibt sich ihm hin.

Aufgrund ihrer Dauerschmerzen in der Niere, geht Gabrielle widerwillig in ein Sanatorium in der Schweiz. Dort fällt sie durch ihr exzentrisches Auftreten auf, verliebt sich aber unsterblich in den depressiven und totkranken Offizier André (Louis Garrel), der im Indochina-Krieg verwundet wurde. Kann sie mit dem geheimnisvollen Opiumesser endlich die so lang ersehnte heiße Liebe ausleben und ihre Begierde stillen? „Dein Körper ist in mich eingedrungen, ich bin ein Teil von ihm“, schreibt sie später. Weiterlesen

Kommentar zum Ende der Berlinale 2017

„Wir brauchen Filme, die mutig sind“, meinten einige Filmschaffende, als sie ihre Bären annahmen. Osteuropäische Regisseurinnen sprachen von den „Komfortzonen“, aus denen man sich herauswagen und Neues probieren müsse. Manche, die nicht auf Preise abonniert sind, vergossen Freudentränen – und als Kritiker wollte man wohl mitweinen.

Die 67. Berlinale präsentierte in allen ihren Bereichen couragierte Streifen, um uns Zuschauern aber auch den Filmleuten Mut in düsteren Zeiten zu machen. Selbst wenn manche Werke einen ziemlich herunterzogen, so machten sie doch immer Auswege deutlich.

Nach dem Festival wird wohl, wie immer, genörgelt werden, es sei nicht glamourös gewesen oder viele Filme nur durchschnittlich. Doch das empfinden die über 300.000 Besucher des Publikumfestivals gewiss ganz anders. Im Gegensatz zu den elitären „Fachmessen“ in Venedig oder Cannes können sie sich in Berlin selbst eine Übersicht zum Gegenwartskino verschaffen.

Im „Großen Wettbewerb“ entschied die kompetente Jury sehr weise und wie von uns erwartet. Doch die Gold- und Silberbären brummen ja nur auf der Spitze des Berlinale-Eisbergs. Von unabhängigen Jurys gab es zahlreiche pekuniäre oder ideelle Preise zur Ermutigung in allen Sektionen. Allein deren Nennung würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen.