„Echnaton“ – Nanine Linnings Tanztheater in Heidelberg

Eine Region wird tanzbegeistert…

Mit der Inszenierung der Oper „Echnaton“ von Philipp Glass schuf die Choreografin Nanine Linning zum Ende ihrer zweiten Spielzeit in Heidelberg ein großartiges Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, Bewegung, Licht und Video, das jetzt im Herbst erneut wieder aufgenommen wird.

Die Abendsonne scheint heiß in die Altstadt Heidelbergs, durch riesige Fenster des Theateranbaus kann man der Tanz Compagnie beim Aufwärmen zusehen. Wenig später bewegt sich die Tanztruppe, aber auch der Chor, als dunkle Figuren auf der grell-weiß beleuchteten Bühne. Im Rhythmus der repetitiven, sich minimal verändernden Tonfolgen, kommen und gehen die Gestalten durch schmale Luken im Bühnenboden. Schon während der Ouvertüre (musikalische Leitung Dietger Holm) wird die Minimal Musik von Glass durch das Tanz- und Opernensemble sichtbar gemacht: Regisseurin Linning illustriert nicht die, eigentlich wenig bildhafte Oper, sondern verwandelt zunächst Töne, später auch die Gesänge in lebende Bilder, in denen auch der Chor immer in Bewegung ist. Weiterlesen

„Quatsch“ ein genialer Film für Kinder und Erwachsene

Keith Richard hat recht – in seinem neuen Buch fordert er, dass Großeltern mit ihren Kindern „Unsinn“ machen sollen. Das dachte sich auch der Regisseur Veit Helmer, der gemeinsam mit seinem vierjährigen Sohn die Idee zum Film „Quatsch“ entwickelte. Der Film kommt Anfang November in die Kinos, vorab gibt es eine Buchversion: „Denn Eltern gehen lieber mit ihren Kindern ins Kino, wenn sie das Buch schon kennen und wissen, was auf sie zukommt“, sagte uns Helmer im Gespräch.

„Quatsch“ ist ein lustiges Kinderbuch für die ganze Familie. Im Geiste der „kleinen Strolche“ stellen sechs Kinder aus Bollersdorf ziemlich viel Unsinn an. Am meisten war Theo, der sechsjährige Enkel des Rezensenten, davon begeistert, wie die Kids ihre Eltern zu Bett bringen. Von diesem, für ihn unglaublichen Ereignis erzählte er noch tagelang. Weiterlesen

„Phoenix“ – der neue Film von Christian Petzold

Eine Frau auf der Suche nach sich selbst

Nach seinem DDR-Drama „Barbara“ aus dem Jahr 2013 hat Regisseur Christian Petzold wieder einen bewegenden Film mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld gedreht: „Phoenix“ ist ein Film über die deutsche Nachkriegszeit – und großes Kino.

Die Jüdin Nelly (Nina Hoss) hat das KZ Auschwitz schwer verletzt überlebt. Nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands kehrt sie in ihre Heimatstadt Berlin zurück, lange bleibt ihr Gesicht hinter dicken Kopfverbänden verborgen. „Wie wollen Sie aussehen?“, fragt der plastische Chirurg. „So wie früher“, antwortet ihre dumpfe Stimme unter den Verbänden. „Das wird schwer möglich sein“, meint der Arzt, „aber draußen laufen noch so viele Nazis herum, die gerne ein neues Gesicht hätten.“ Als Nelly später ihr fremdes Antlitz im Spiegel sieht, ist sie entsetzt: „Mich gibt es ja gar nicht mehr.“ Weiterlesen

Nina Hoss und Christian Petzold zum Film „Phoenix“

„Wenn Nina kam, verstummten alle Gespräche“ – Darstellerin Hoss und Regisseur Petzold zu den schwierigen Dreharbeiten

Für Nina Hoss war es eine große Verantwortung, eine Holocaust-Überlebende zu spielen. Und Regisseur Christian Petzold bewunderte, wie seine Hauptdarstellerin beim Drehen schwierige Situationen gemeistert hat, wie die beiden im Gespräch mit mir erzählen.

Liebe, Verrat, Schuld, Identität: „Phoenix“ behandelt die großen Themen des Kinos. „Ja, da trifft eine Figur, die Nelly, auf das Berlin in der Nachkriegszeit, auf das Deutschland, das nichts von ihr wissen will“, meint Nina Hoss. „Es ist ein ganz kleiner Kosmos in diesem großen Ganzen, der wie in einer Druckkammer untersucht wird. Diese für sich allein komplizierte Geschichte in so ein Setting zu setzen, das ist besonders und darin liegt auch einer der Unterschiede zu manch anderen Filmen über die Nachkriegszeit.“ Weiterlesen

Der Literatur-Comedian Tim Boltz in Fulda

Lachen – bis die Stühle krachen

Tim Boltz alias Zeno Diegelmann ist ein Krimischreiber und Literatur-Comedian. Mit seiner Lesung „Rüden haben kurze Beine“ entpuppte er sich im Fuldaer Kulturkeller auch als genialer Schauspieler. Es ist der Höhepunkt der ersten Erzählung, das Publikum kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus: Gerade hat Robert auf dem Tanzboden Jana kennengelernt, Pirouetten gedreht und schmerzhaft einen Spagat versucht. „I will survive“ (Ich werde überleben) paraphrasiert leise die Pianistin Corinna Fuhrmann die Geschichte. Dieser Abend soll die „Nacht der Nächte“ werden, freut sich Robert bereits, doch sein Deo versagt beim Tanzen. Verzweifelt reibt er sich nach Waldmoos riechende Urinsteine aus der Herrentoilette unter die Achseln. Da bricht der Stuhl eines lachenden Besuchers in der ersten Reihe zusammen. Weiterlesen

„Schoßgebete“ – eine richtig miese Literaturverfilmung

Die Verfilmung der „Schoßgebete“ von Charlotte Roche ist, anders als die ihres ersten Buches „Feuchtgebiete“, nicht besonders sehenswert. Zu sehr schleppt sich die Handlung dahin, vom Geist der Romanvorlage ist wenig zu spüren.

Bei Autoren, denen auf Anhieb ein Erfolgsroman gelingt, ist das zweite Buch oft mit hohen Erwartungen überfrachtet. Das Problem hatte Charlotte Roche nach ihrem ersten Bestseller „Feuchtgebiete“ überhaupt nicht. Die neue Geschichte ist gleichsam im fortgeschrittenen Geist der ersten geschrieben: „Schoßgebete“ ist reifer geworden, so wie die neue Heldin selbst. War Helen noch jung, naiv und voller schräger Einfälle, so ist Elisabeth „spießig, ängstlich und analfixiert“, dabei aber auch nicht schlecht mit ihren gedanklichen Eskapaden: Ihre Therapeutin lüftet vor jeder Sitzung, „damit es nicht nach Patient riecht.“ Oder es macht Elisabeth „wirklich aggressiv“, dass ihr Ex-Freund weiß, „wie ich nackt aussehe. Ich würde gerne seine Erinnerung löschen.“ Weiterlesen