Ein Buch, das Hoffnung macht: „Du bist da…“ erzählt die berührende Geschichte eines ungewöhnlichen Kindes

Emma-Lou ist fast drei Jahre alt, ein fröhliches Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen – und sie hat das Down-Syndrom.

Eigentlich ist „Du bist da…“ eine einfache, wunderbar illustrierte Geschichte, die ganz kurz sehr dramatisch wird. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran und erzählt, was für ein Kind sich die Eltern gewünscht haben: „Meine Mama hat sich gewünscht, dass ich die ozeanblauen Augen meines Vaters bekomme, die sie so sehr liebt…“

„Aber als ich dann zur Welt kam, haben meine Mama und mein Papa geweint. Und das, obwohl ich alles habe, was sie sich wünschten.“ Doch Emma Lou, wie sie jetzt heißt, hat auch noch das Down-Syndrom. Kurz werden die Illustrationen ganz düster, denn die Eltern waren wahrscheinlich traurig, „weil sie Angst hatten“. Dann folgt das wohl ergreifendste Bild des Buches: Weiterlesen

Mukashi, mukashi… Japanische Märchen und der Einfluss der Brüder Grimm

Zum Buch “Geschichten aus Tono” des Steinauer Grimm-Hauses (1)

Gerade ist das Begleitbuch zur Herbstausstellung „Kizen Sasaki – der japanische Grimm“ im Steinauer Grimm-Hauses erschien. Es enthält die erste deutsche Übersetzung der frühesten Sammlung japanischer Volkserzählungen, das „Tono Monogatari“ (Geschichten aus Tono).

Diese, im Buch reich illustrierten Texte wurden in der Gegend um die Stadt Tono im Norden Japans gesammelt und 1910 veröffentlicht. Museumsleiter Burkhard Kling hat sie erstmalig vom Englischen ins Deutsche übersetzt und kommentiert. „Über 100 Bücher haben die Japaner gerade bestellt“, erzählt Kling strahlend und meint, „zur Ausstellung war die Herausgabe des Buches noch nicht gesichert. Ohne die Unterstützung des Hessischen Ministers für Wissenschaft und Kunst wäre sie gar nicht möglich gewesen.“ Weiterlesen

Gute Geister, böse Kappas…

Fremdartige Wesen in alten japanischen Überlieferungen – Gewalt, Sex und Träume
Zum Buch „Geschichten aus Tono“ des Steinauer Grimm-Hauses (2)

Viele „Geschichten aus Tono“ sind thematisch, vor allem aber in der Art des Erzählens den Grimms Märchen sehr ähnlich. Allerdings wird auch von Erlebnissen mit äußerst fremdartigen Wesen berichtet.

„Böse alte Affen sind wie Menschen. Sie haben Sehnsucht nach Weibchen und entführen Frauen in den Dörfern. Sie bedecken ihr Fell mit Kiefernharz und streuen Sand darauf…“ Im alten Japan wurden nicht nur Affen den Menschen gefährlich, sondern wie in unseren heimischen Märchen auch Wölfe, Bären oder Hirsche.

Lebende begegnen längst Verstorbenen: „Als sich das Mädchen zu ihm wandte, merkte er, dass es die Tochter seines Herrn war, die vor zwei oder drei Jahren gestorben war.“ Oder Fukuji traf seine tote Ehefrau, die zu ihm sagte: „Ich bin nun mit diesem Mann verheiratet… Er merkte gar nicht, dass eine Tote zu ihm sprach.“

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Ein Film zum Träumen: „Café Olympique“

Auf dem Französischen Filmfestival in Berlin stellte Robert Guédiguian seinen Film „Café Olympique“ vor, der jetzt in die Kinos kommt. Der Regisseur ist bekannt für seine engagierten politischen Filme („Der Schnee am Kilimandscharo“), doch das neue Werk sollte einfach nur leicht und spielerisch sein.

Langsam gleitet die Kamera zu dramatischer Opernmusik über grell weiße, wie mit Schnee oder Mehl bedeckte, hypermoderne Häuser und winzige Menschen. Je näher die Kamera an die Siedlung heranfährt, desto „wirklicher“ werden die Bilder, irgendwann landet sie im realistischen Antlitz, in den riesigen braunen Augen Arianes (Ariane Ascaride). Die rührt Teig, schlägt Sahne, bereit ihre Geburtstagsfeier vor.

Doch dann kommen Absagen, von ihrem Mann, den Kindern und Verwandten – deshalb haut Ariane enttäuscht und wütend einfach mit dem Auto ab. Nach einem harten Schnitt steht sie im Stau in den Docks von Marseille, laut dreht sie Rai-Musik auf, nach und nach kommen die Menschen aus den Autos und tanzen (Bild).

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Liebe zu dritt und Streit in den Bergen – Neues Kino aus Frankreich

In Berlin ging soeben das Französische Filmfest 2014 zu Ende, auf dem es alljährlich viele deutsche Premieren französischer Filme gibt. Die Côte d’Azur lässt grüßen, einige der vorgestellten Werke wurden im Sommer auf dem Festival de Cannes prämiert.

Viele Stars unseres filmverrückten Nachbarlandes sind in den Filmen dabei, in denen es gerne um die Liebe zu dritt geht: Isabelle Huppert als Kuhhirtin aus der Normandie mit ihrer Sehnsucht nach einem Mann in Paris („La Ritournelle“) oder Charlotte Gainsbourg, die leidenschaftlich einen drögen Steuerbeamten liebt („3 Cœurs“), ihre Mutter spielt Catherine Deneuve. Einer der interessantesten Filme des Festivals, „Die Wolken von Sils Maria“, wurde auch in Cannes ausgezeichnet und kommt jetzt in die deutschen Kinos.

Juliette Binoche gibt die alternde Schauspielerin Maria Enders, die von dem bekannten Theaterregisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) gedrängt wird, noch einmal in einem Stück mitzuspielen, in dem sie einst debütierte und dadurch weltberühmt wurde. Weiterlesen

„Die Freiheit nehme ich mir“ – im Gespräch mit Lars Eidinger

Eigentlich hat Lars Eidinger (38) als Klaus nur eine kleine Rolle als Regisseur in „Die Wolken von Sils Maria“. Doch er treibt Juliette Binoche (50) als Maria in die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.

Viele Menschen außerhalb Berlins kennen Eidinger nur als Tatort- und Filmschauspieler („Was bleibt“, „Alle Anderen“), in Berlin ist er jedoch seit 2000 das bejubelte enfant terrible der „Schaubühne“. William Shakespeares Hamlet spielt er mit Tourette-Syndrom, einer Störung, in der Tics die Kontrolle des Verstandes ausschalten und die Betroffenen zwanghaft boshafte Wahrheiten aussprechen (müssen).

In „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“, fragt er mich mitten im Stück: „Ey, schreibst Du alles mit? Lass Dir doch von der Souffleuse den Text geben.“ Einem Eingeschlafenen in der ersten Reihe will er, ganz ernsthaft, einen Kaffee holen. Seine Wechsel ins Private, auch in anderen Aufführungen, sind legendär – und überhaupt nicht peinlich, denn er integriert sie in das Stück.

Spielst Du jedes Mal anders? Weiterlesen

Kunstspaziergang durch Istanbul

Istanbul bietet nicht nur orientalisches Flair in der Hagia Sophia, den Gärten der Sultane oder im Großen Basar, sondern auch eine interessante, moderne Kunstszene.

Auf der Istiklai Caddesi, der mondänen Einkaufsstraße, drängeln sich täglich unzählige Menschen. Bereits hier lockt der Raum für Kunst ARTER derzeit mit provozierenden Kunstwerken aus Süd-Ost-Asien: Unechte erotische Geldscheine, klassische chinesische Bodenvasen mit aufgemalten Kanonen, Blechkronen aus recycelten Dosen oder Fantasieuniformen mit absonderlichen Orden. Auf fünf Etagen inszeniert die private Stiftung Koç seit 2010 wechselnde Ausstellungen.

Auch das Museum Istanbul Modern wird hauptsächlich von einem Mäzen unterstützt. Hinter einer Moschee liegt die ehemalige Lagerhalle mit 8.000 qm Ausstellungsfläche direkt am Bosporus. Seit 2004 wird in der oberen Etage mit „Geçmiş ve Gelecek“ (Vergangenheit und Zukunft) eine dauerhafte, spektakuläre Mischung türkischer und internationaler Kunst präsentiert. Weiterlesen

„Der Koch“ – eine sinnliche und spannende Literaturverfilmung

Martin Suters überaus erfolgreicher Roman „Der Koch“ von 2010 wurde verfilmt und kommt jetzt in die Kinos. „Wonach schmeckt das denn?“, fragt die von der Mahlzeit hingerissene Andrea. „Nach meiner Heimat“, antwortet der tamilische Koch Maravan. Doch um es gleich vorwegzunehmen – das neue Werk des Regisseurs Rolf Huettner („Vincent will Meer“) ist kein Film über das Kochen.

Er beginnt mit einem Vorspiel im Kampf um die Unabhängigkeit der Tamilen in Sri Lanka, bei dem Maravans Eltern sterben. Dann versetzt ein harter Schnitt die Zuschauer Jahrzehnte später nach Zürich, wo Asylbewerber Maravan (Hamza Jeetooa) in einem edlen Restaurant als mies behandelte Küchenhilfe schuftet. Nach dem Tod der Eltern wuchs er bei der Oma auf, die ihn in die Kunst der ayurvedischen Küche einweihte. Deshalb gerät er mit dem arroganten Chefkoch in Konflikt, der die Speisen oft verhunzt. Die attraktive Serviererin Andrea (Jessica Schwarz) unterstützt ihn in einem Streit, Maravan lädt sie daraufhin zu einem Curry bei sich ein. Weiterlesen

Die Hessische Tanzszene im „Aufwind“

Mit Spannung erwarteten Tanzfreunde „Aufwind“, die erste Inszenierung des Hessischen Staatsballetts nach der Fusion der Darmstädter und Wiesbadener Tanzbühnen.

Staatsballett – das klingt nach Beamtentänzen am Schwanensee, doch der dreiteilige Abend zeigt ein breites Spektrum modernen Tanzes.Die Trilogie beginnt mit der konventionellen Choreografie „Vom Anfang“ des neuen Ballettchefs Tim Plegge. Ein Teil der dunklen Bühne besteht aus einer schrägen Plattform, auf der zu romantischer Musik einzelne Tänzerinnen und Tänzer balancieren, herunterrutschen, sich berühren und wieder lösen. Dem Besucher schwant fürchterliches, erinnert diese Tanzerei doch an die zähen Arbeiten Mei Hong Lins, der letzten Choreografin. Doch die allzu gefällig Tanzenden werden von den Tönen György Kurtágs aufgestört und zu bizarren Bewegungen getrieben. Bei wechselndem Licht entstehen Bilder „Vom Anfang“, von gestrandeten, gescheiterten aber immer neu beginnenden Menschen. Weiterlesen

„Im Labyrinth des Schweigens“ – eine Mischung von Polit- und Psychothriller

Der spannende Film über den Frankfurter Auschwitzprozess

Kino soll nicht langweilen, ernste Themen müssen auch unterhalten, fordert Regisseur Giulio Ricciarelli. Konsequent macht sein Film „Im Labyrinth des Schweigens“ aus der mühseligen Vorbereitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Ende der 50er-Jahre, spannendes Kino.

„Ihr wart doch alle Nazis!“ Betrunken wankt Johann Radmann durch das nächtliche Frankfurt und pöbelt Bürger an. „Näh doch Hakenkreuze an Deine Kleider!“, beschimpft er seine Freundin, eine Mode-Designerin. In Alpträumen quält ihn KZ-Arzt Mengele mit Operationen ohne Betäubung. Der junge Staatsanwalt wollte ein Held werden, aber die monströsen, bis dahin verschwiegenen Nazi-Verbrechen überfordern ihn. Filmemacher Ricciarelli erzählt seine fiktive Geschichte, auf der Grundlage realer Ereignisse und Personen: Weiterlesen